Auf der Suche nach der Krise

Hunderte von Kilometern sind wir nun gefahren, um den Betroffenen einer Kältewelle im Südwesten Nepals warme Kleidung und Decken zu bringen. Als
wir rund 50 Kilometer vor unserem eigentlichen Ziel, dem Örtchen Bolbazar, übernachten, hatte es gefühlt etwa drei Grad. Für uns eine ganz normale
Temperatur für die Jahreszeit.
Zu meinem Erstaunen erfahre ich, dass es auch für hiesige Verhältnisse nicht ungewöhnlich kalt ist. Ich verstehe nicht. Unser Hilfsprogramm soll doch den Opfern einer Krise zugute kommen?
Aber wenn doch eigentlich alles ganz normal ist, kann es ja keine Krise geben. Oder?

Ich lerne: es handelt sich nicht um eine akute sondern um eine strukturelle Krise. JEDEN Winter werden viele Menschen hier mit dem gleichen Problem
konfrontiert: Temperaturen, die nicht mit ihren Lebensumständen kompatibel sind. Ihre Kleidung ist zu dünn. Ihre Unterkünfte zu windig. Und so dringt die Kälte in die Menschen ein, die Schwächsten sterben.

Am Vormittag empfangen uns der Bürgermeister und ein Verantwortlicher für die soeben nach den Wahlen eingeleitete Dezentralisierung (bei uns wäre er
wahrscheinlich beim Landratsamt angestellt :-)) und jede Menge weiterer wichtiger Menschen, deren Funktionen ich nicht kenne. Nach dem Austausch von Höflich- und Freundlichkeiten machen wir uns mit zwei Autos auf, um in Randgebiete des Ortes zu fahren, in denen Mushar und Domi, zwei Kasten, deren Mitglieder zu den Unberührbaren gehören, leben. Sie leben in einer
Ansammlung kleiner niedriger Lehmhäuser, die mit Stroh bedeckt sind. Innen gibt es eine Feuerstelle und ein paar Matten, auf denen geschlafen wird.
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Die Menschen schauen uns mit großen Augen an, als wir mit unserem Tross anrücken. Und alle ihre Handys zücken. Meine Begleiter haben eine hohe Affinität zu Selfies, Facebook und Co.

In großem PowHow wird nach dem Mittagessen beraten.
powhowDie Diskussion um die Modalitäten der Spendenübergabe zieht sich. Erstmal müssen alle  wesentlichen Personen wie Bürgermeister, Ortsvorsteher, Stammeschef und ähnliche anwesend sein. Dann darf auch der Polizeichef nicht fehlen. Nach einer guten Stunde kommt Bewegung in die Angelegenheit. Wir fahren los.

DeckenverteilenVor Ort werden wir auf einen großen sandigen Platz gelotst. Bald sind wir umringt von neugierigen Erwachsenen und Kindern. Die (Polizei -) beamten
schaffen es rasch, eine kleine „Bannmeile“ um uns und unser Auto einzurichten. Dann werden die Familiennamen ausgerufen und einer nach dem anderen, insgesamt sind es wohl 60 Familien, erhält eine Decke.
Danach kommen die Kinder dran und bekommen warme Hosen oder Pullis. Danach
verläuft es etwas chaotisch. Wir bringen noch Kleider und Schaumgummimatten zu einer anderen Stelle. Dort übernimmt die Polizei die Verteilung. Und sang- und klanglos fahren wir ab. „Let’s go!“

Aufgaben des Tages:
Nicht zu bewerten,
– dass die Regierung weiß, dass viele Menschen jeden Winter in große Not geraten, aber noch weit von einer Lösung des Problems entfernt ist
– dass viele Kinder in einer privaten Ziegelfabrik arbeiten, obwohl auch in Nepal Kinderarbeit verboten ist und es Schulpflicht gibt
– dass in Janakpur, der Stadt, in der wir übernachten, der gnze Ort Tag und Nacht mit Gebetsmusik beschallt wird.

 

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