Über Çatalhöyük ans Meer

Was für ein herrlicher Platz zum Aufwachen. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Drei Grad zeigt das Thermometer. Als wir losfahren, hält Achim noch einmal zum Fotografieren an. Ein PKW biegt ein, stoppt und ein freudestrahlendes Paar überreicht Achim eine Tüte mit einem Sesamkringel und einem freundlichen „Afiyet olsun!“, „Lassen Sie sich’s schmecken“! Genau diese Erlebnisse, die wir schon so oft hatten, machen für uns die Türkei aus.

Unweit von uns liegt Çatalhöyük, das als eine der ältesten Siedlungen der Welt gilt. 1958 von Archäologen entdeckt wirft die Ansiedlung ein Licht auf die Menschheitsgeschichte.

Die Architektur des Hügels, der auf eine etwa 9400-jährige Geschichte zurückblickt, ist faszinierend. Wenn eine Familie ein Haus verließ, wurde es mit Erde aufgefüllt und ein neues darüber errichtet. Durch den kontinuierlichen Bau neuer Häuser entstand der Hügel, der heute 21 Meter hoch ist.

Die Häuser sind in die Erde gebaut und über eine Leiter durch eine Öffnung im Dach zugänglich.  Jedes Haus besteht aus einem Raum und einem Abstellraum. In den Räumen befinden sich rechteckige Feuerstellen. Die Wände sind verputzt, und nachdem der Putz weiß gestrichen wurde, wurden Malereien in Gelb-, Rot- und Schwarztönen angebracht.

Eines der wichtigsten Fundstücke aus Çatalhöyük ist ein Hochrelief, das belegt , dass die religiösen Vorstellungen jener Zeit um eine mächtige Göttin rankten, die hier verehrt wurde.

 Mit den modernen Methoden, die heutigen Archäologinnen und Archäologen zur Verfügung stehen, wurde es dann zur Gewissheit: Die Gesellschaft in Çatalhöyük vor 9000 Jahren drehte sich um Frauen. Internationale Forschungsteams sprechen mittlerweile von einer „female-centered society“, einem Matriarchat.

Achim wird von einem Mann, der sich als Journalist vorstellt, angesprochen und nach seinen Eindrücken über die Ausgrabungsstätte gefragt. Auf Englisch antwortet er, wie gut es ihm schon vor 20 Jahren gefallen hat, als wir mit den Motorrädern da waren und hier noch gegraben wurde. Aber auch jetzt mit der Ausstellung im neuen Museumsgebäude sei er sehr begeistert.

Zum Mittagessen gehen wir zu einem Lahmacunbäcker in der nächsten Ortschaft, türkische Pizza also, die ist immer lecker.

Dann fahren wir weiter Richtung Süden. Unseren Freunden ist es im Hochland zu kalt und zu nass und sie wünschen sich eine Schleife übers Mittelmeer, wo die Sonne scheint und es 20 Grad hat. Dafür müssen wir aber erst einmal das Taurusgebirge queren.

Zunächst ist die Straße sehr gut, die Landschaft wunderschön, der Mokka bei der Kaffeepause in Tașkent lecker.

Bei 1925 Metern ist die höchste Stelle erreicht. Nun geht’s langsam, langsam hinunter, auch mal wieder ein bisschen bergauf, die Straße lässt sich mal sehr gut fahren, dann wieder wird sie schmal, kurvig und steil. Ringsum sind schneebedeckte Berge. Mal werden die Tunnel repariert oder sind noch in Arbeit und wir müssen über eine Piste über den Berg.

Schließlich wird es dunkel und wir sind froh, als wir gegen halb Neun endlich am Meer sind.

Vom Tuz Gölü zur Karawanserei und zwei Kraterseen

Bis vor wenigen Jahren hat ein großer Teil der türkischen Rosaflamingos am Tuz Gölü, dem Salzsee, genistet.  Im Sommer 2021 ging diese Population jedoch wegen Wassermangels ein. Eine Dürre und zu starke Nutzung des Wassers für die Landwirtschaft über Jahrzehnte hinweg haben das Ökosystem zerstört. Zuvor war der See bereits in den Jahren 2008 und 2016 vorübergehend ausgetrocknet.

Als wir gestern Abend am See entlang fuhren, dachten wir, dass nach einem regenreichen Frühjahr jetzt wieder viel Wasser im See sei. Heute Morgen jedoch entdecken wir manche Bereiche, die auch jetzt trocken gefallen sind.

Scheinbar wird der See nicht touristisch genutzt, denn es gibt keine Möglichkeit, direkt ans Wasser zu kommen und auch keine Aussichtspunkte. Wir gesellen uns also zu den LKW, wenn hin und wieder ein Parkplatz auftaucht, um zu schauen und ein paar Fotos zu machen.

Der Salzsee hat keinen Abfluss und wird durch  Niederschläge und Grundwasser gespeist. In den trockeneren Sommermonaten entsteht dann eine kristalline Salzschicht, die kommerziell verwertet wird. 70 % des konsumierten Salzes der Türkei stammen von hier.

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Südlich des Sees liegt die kleine Stadt Sultanhanı mit ihrer berühmten Karawanserei. Das beeindruckendste ist ihr reich verziertes Eingangstor.

Sie wurde im 13. Jahrhundert erbaut und wuchs aufgrund der zentralen Lage an der historischen Seidenstraße schnell zur größten Karawanserei in Kleinasien.

Man gelangt in einen rechteckigen Hof, in dessen Mitte eine kleine Moschee steht. Dem Eingangsportal gegenüber schließen an den Hofplatz die Stallungen an, deren Grundfläche nochmals etwa der Hofgröße entspricht.

32 Säulen tragen das Dachgewölbe der Stallungen, die den Raum in mehrere Schiffe gliedern. Hier lagerten die Tragtiere und in der kalten Jahreszeit auch deren Begleiter. Während der wärmeren Monate schliefen die Menschen auf dem Dach, das sie über Treppen an der Hofmauer erreichen konnten.

Als wir das letzte Mal vor etwa 20 Jahren hier waren, durften wir auch noch hochklettern. Heute ist es leider verboten.

Wir statten noch kurz unserem Campingplatz von früher einen Besuch ab. Er wird heute vom Junior geführt wird, der damals als Siebenjähriger stolz auf meinem Motorrad für die Kamera posiert hat. Sein Vater, der uns abends köstlich bekocht hat, ist leider nicht da. Wir versprechen aber, das Foto zu schicken.

Über eine karge Hochebene fahren wir weiter nach Süden. In Karapınar soll es zwei schöne Kraterseen geben. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem der weltgrößten Solarparks und dem größten der Türkei vorbei.

Die Anlage kurz vor Karapınar verfügt über eine installierte Leistung von 1.350 MWp und erstreckt sich über eine Fläche von 2000 Hektar. Sie umfasst etwa 3,5 Millionen Solarpaneele mit einer Gesamtfläche von etwa 20 Millionen Quadratmetern, was der Größe von 2600 Fußballfeldern entspricht. Das Projekt erzeugt fast drei  Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr. Damit werden zwei Millionen Menschen mit Energie versorgt.

Bald erreichen wir den See Meke, einen vulkanischen Kratersee bestehend aus zwei ineinander verschachtelten Seen. Er ist ein eingetragenes Naturdenkmal des Landes.

Auch dieser See führt kaum mehr Wasser. Auch wenn es heute kalt ist – wir befinden uns in einer der heißesten Gegenden der Türkei. Hinzu kommt auch hier die überdimensionierte unkontrollierte Wasserentnahme für die Landwirtschaft.

Auf der anderen Straßenseite gibt es einen weiteren Kratersee. Wir machen auch dorthin noch einen kurzen Abstecher. Es wird windig, beginnt zu regnen und ist sehr ungemütlich.

Zum Schlafen fahren wir zurück an den anderen See. Da ist zwar das Wetter nicht besser aber die Aussicht schöner.

Zum Salzsee

Der Regen, den ich heute Morgen höre, ist leider echt. Es ist deutlich kühler als gestern und nass. April in den Bergen.

Wir unternehmen zunächst einen weiteren Versuch, dem etwas komplizierten Mautsystem Folge zu leisten. Man muss sich eine „HGS-Karte“ besorgen, sie mit türkischen Lira aufladen und hinter die Windschutzscheibe legen. Per Kameras, die auf den Mautstrecken installiert sind, wird man erfasst und die anfallenden Beträge werden automatisch abgebucht. Das Problem ist, an so eine Karte zu kommen. Digital geht nicht, da man tatsächlich ein Stück Papier braucht. Mautstellen gibt es nicht, in Raststätten oder Tankstellen wird sie nicht verkauft, manche Einheimische, die wir gefragt haben, kennen sie gar nicht. Schließlich heißt es, sie sei in der Post zu haben. Zwei Postämter, in denen wir gestern waren, hatten sie allerdings nicht. Heute nun also der xte Versuch. Und ja, es klappt! Wir haben das Ding endlich. Halleluja!

Noch Tanken und in den Supermarkt, Wasser auffüllen, dann verlassen wir Beypazarı und steuern den rund 200 Kilometer süd-östlich gelegenen Tuz-Gölü (türkisch für Salz-See) an.

Um den Großraum Ankara zu vermeiden, verlassen wir die Schnellstraße und fahren auf einer schmalen Landstraße weiter. Es sind noch 200 Kilometer bis zum Tagesziel und wir sind auf den Weg gespannt.

Bald schon entdecke ich ein Sternchen in unserer Landkarte, verlässlicher Hinweis auf eine Sehenswürdigkeit. „Gordion“ steht hier. Wikipedia klärt uns auf: „Gordion war die Hauptstadt des Phrygerreichs. Sie wurde 1895 von den Gebrüdern Gustav und Alfred Körte wiederentdeck und seit 1950 systematisch unter der Leitung von Archäologen der University of Pennsylvania ausgegraben. 2023 erklärte die UNESCO Gordion zum Weltkulturerbe.“ Da wollen wir nicht einfach dran vorbeifahren.

Für drei Euro pro Person dürfen wir ins Museum und die Töpferwaren, den Schmuck, einen Stein mit pgrygischen Schriftzeichen und ein Halbrelief der Göttin Kybele betrachten. Im 8. und 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung  lebten die wohl vom Balkan eingewanderten Phryger hier und führten ein Reich von großer Bedeutung. Legendär sind zwei Könige mit den Namen Gordios und Midas.

In der Gegend um Gordion wurden Reste von Grabhügel mit Holzgrabkammern gefunden, die teils sehr reich ausgestattet waren. Der bedeutendste  gilt als Midas-Grab. In ihm wurden sterbliche Reste eines 60- bis 70-jährigen Mannes gefunden. Es könnte sich tatsächlich um das Grab des bekanntesten Phrygers handeln. 

Ein etwa 70 Meter Gang führt in den Hügel hinein. Ob die Mauersteine rechts und links wirklich alt sind?

Die Holzbalken der Grabkammer am Ende des Ganges sind jedenfalls laut Infotafel original und über 2700 Jahre alt. Sie ist damit, so lesen wir, das älteste Holzhaus der Welt.

Der andere berühmte König, Gordios, ist übrigens der mit dem gordischen Knoten. Der Legende nach hatte er einen unentwirrbaren Knoten an einem seiner Streitwagen angebracht. Ein Orakel prophezeite, dass derjenige, der den Knoten löst, Herrscher über Asien wird. Alexander der Große löste das Problem nicht durch Entwirren, sondern indem er den Knoten mit seinem Schwert durchschlug.

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Es sind nun noch zwei Stunden Fahrt durchs weite anarolische Hochland und am frühen Abend erreichen wir schließlich den Tuz Gölü, nach dem Van-See ganz im Osten des Landes der zweitgrößte See in der Türkei. Mit 33 % Salzanteil ist er einer der salzhaltigsten Seen der Welt. 

Leider finden wir die Zufahrt zu einem idyllischen Plätzchen direkt am Wasser nicht. Die Piste ist voller Schlaglöcher und es wird dunkel. Deshalb steuern wir einen Parkplatz im nächsten Ort an und machen die Schotten dicht. Morgen werden wir die Gegend erkunden.

In den bunten Bergen

Wenn ich die Augen zu mache, klingt es als würde es stark regnen. Wenn ich sie öffne, sehe ich Hunderte von Kormoranen im Pulk über den See schwimmen und mit ihren Flügeln aufs Wasser patschen. So verwirbeln sie das Wasser und kommen besser an ihre Beute. Frühstückszeit.

Die Berge gegenüber präsentieren sich in zartem Rot-grün. Wir können uns nicht satt sehen. Klickklickklick macht Achims Kamera.

Ein großer Schwarm Störche kreist in einiger Entfernung über den Bergen. Hinter uns, wo gestern Abend die Wölfe waren, machen wir mit dem Fernglas drei Geier aus, die bräsig auf einem Felsvorsprung hocken.

Im See gesellen sich Reiher, Gänse, Haubentaucher und Blesshühner zu den Kormoranen. Nach zwei Stunden in frischer Morgenkälte (5 Grad) koche ich Kaffee und mache Frühstück, das wir im Freien zu uns nehmen. Wir wollen hier draußen nichts verpassen.

Erst gegen Mittag fahren wir ein Stück weiter, auf Schotterpiste im Halbrund auf die andere Seite des Sees, wo wir die Busse abstellen und einen kleinen Spaziergang machen. Immer mit Blick auf die bunten Berge.

Das Städtchen Beypazarı nur 30 Kilometer weiter östlich mit seinen 50 000 EinwohnerInnen bietet trotz einiger verheerender Brände in den vergangenen 150 Jahren das Bild einer osmanischen Stadt mit vielen Häusern im osmanischen Stil. Sie haben in der Regel drei Stockwerke. Davon ist das Erdgeschoss mit Steinen gemauert, die oft vorkragenden Obergeschosse bestehen aus Fachwerk.

Wir besuchen die örtliche Moschee und kaufen Brot, Obst und Gemüse in der Bazarstraße ein. Karotten gibt es für 60 Cent das Kilo – in Beypazarî und Umgebung werden mehr als die Hälfte aller Möhren in der Türkei angebaut. Ansonsten ist die Türkei längst nicht mehr so preisgünstig wie früher. Im Supermarkt zahlt man in etwa dasselbe wie bei uns, Cafés und Restaurants in Istanbul sind teils eher teurer. Wir werden sehen, wie es auf dem Land ist.

Als wir auf dem Heimweg durch eine kleine Gasse laufen, heißen uns mehrere ältere Bewohnerinnen und Bewohner mit einem freundlichen „Hoș geldiniz!“ willkommen.

Ab in die Berge

So schön es auch in Istanbul gestern war, heute zieht es uns in die Natur. 300 Kilometer südöstlich liegt das Vogelschutzgebiet Nallıhan inmitten von bunten Bergen. So schöne Bilder haben wir daheim auf Youtube in einem Video gesehen. Das wollen wir heute  selbst erleben.

Das erste Stück nehmen wir die Autobahn nach Adapazarı. Am 17. August 1999  traf die Türkei ein Erdbeben der Stärke 7,4 auf der Richterskala. Es zerstörte den größten Teil der dicht bevölkerten und hoch industrialisierten Nordwest-Türkei. Am stärksten wurden die Städte Izmit, Gölcük und Adapazari verwüstet. Gemeinsam mit meiner türkischstämmigen Vorstandskolkegin des Neufahrner Frauentreff brachte ich damals in Neufahrn gesammelte Hilfsgüter in die Krisenregion. Die Nächte verbrachten wir, begleitet von leichten Nachbeben, in Zelten einer UN-Hilfsorganisation.

Heute, 27 Jahre später, ist zumindest im Vorbeifahren nichts mehr von der Katastrophe zu sehen. Wir verlassen die Autobahn und fahren ein Stück nach Süden.

Immer tiefer hinein in die Berge.

Kurz vor dem Ziel wird die Landschaft dramatisch.

Und dann sind wir da und hin und weg. So ein paradiesischer Platz.

Das Vogelschutzgebiet Nallıhan ist ein 1959 angelegtes künstliches Feuchtgebiet, wo der Aladağ-Bach in den Sarıyar-Staudamm mündet. Es zählt zu den bedeutendsten des Landes. 191 Vogelarten wurden hier beobachtet, im Moment sind vor allem Kormorane hier, über uns in der Luft und auf den Bäumen. Manche brüten, teils sind schon Jungvögel da.

Wir erhalten die Erlaubnis, auf dem Parkplatz des Info-Zentrums, das derzeit umgestaltet wird, zu übernachten. Ein guter Platz, bei immer noch 18 Grad die Stühle rauszustellen und uns und meinen gezerrten Muskel etwas zu entspannen. Natur kann Körper und Seele heilen.

Auf einmal kommt der Wärter und lädt uns zum Abendessen und zum Tee ein. Wir sitzen noch eine Weile zusammen und lauschen den Schakalen. Nicht zu fassen. Aber wenn Yunnus das sagt, wird es stimmen. Ich habe nie zuvor einen Schakal gehört.

PS: Später am Abend hörten wir Wölfe. Direkt neben uns. Gut, dass wir im Bus saßen 😄.

Istanbul, du Schöne

Ich war schon so oft hier, dass ich nichts mehr besichtigen muss sondern einfach meine Lieblingsorte besuchen darf. Was wir heute vorhaben. Aber erstmal werden in beiden Bussen die Wasservorräte erhitzt und dann dezimiert – nach fast einer Woche auf Reisen ist mal wieder eine Dusche fällig. Frisch gewaschen und gekämmt (geschnäuzt und kampelt, wie der Bayer sagt) treffen wir uns zu einem gemütlichen Osterfrühstück in unserem Bus. Von zu Hause haben wir einige Leckereien dafür mitgenommen.

Aber dann geht es endlich los.

Wie bereits gestern Abend erstmal zur Blauen Moschee und zur Hagia Sophia. Heute ist hier ordentlich Betrieb.

Weiter geht es bei bestem Osterwetter, Sonne und 15 Grad, in den Gülhane-Park, um die schönen Tulpenbeete zu bewundern, gemeinsam mit vielen Sonntagsausflüglern.

Am Goldenen Horn angekommen werfen wir den ersten Blick auf Galata mit seinem berühmten Turm und meiner heiß geliebten Brücke.

Hier gibt es einen Pflichttermin: Fischbrötchen essen und ein Efes (hiesiges Bier) trinken.

Von hier aus geht es hoch zur Süleymaniye, einer weiteren von Sinan erbauten Moschee.

Und wieder runter zum Ägyptischen Bazar, dem Gewürzbazar, in dem dich die Düfte von verschiedenen Currys, Rosenseife, Zimt, Minze Kardamom betören und es ganz hinten rechts den Stand mit den besten Cevriye gibt. Äh, gab. Es.gibt,ihn. nicht. mehr.

Das ist natürlich nicht das Einzige, das sich in den letzten Jahren verändert hat. Schon gestern Abend war ich sehr über eine Verschlimmbesserung im Arastabazar, einem bisherigen Lieblingsplatz, enttäuscht: der Teegarten, in dem wir immer Tavla (Backgammon) gespielt haben, wurde wintergartenmäßig eingehaust. Für meinen Geschmack recht unschön. Nun gibt es einen Lieblingsplatz weniger in Istanbul.

Weiter geht es über die Galatabrücke rüber nach Galata. Wir sind fußlahm und nehmen das erstbeste Café am steilen Treppenaufgang. Hier gibt es für mich den ersten türkischen Kaffee, begleitet von Edith Piaf, denn wir sitzen im Café Amélie. Ob wir es überhaupt noch zum türkischen Konditor Özsüt mit seinen Bavarua schaffen?

Ja, wir kommen bis dort, müssen aber auch hier feststellen, dass es Veränderungen gibt. Dieses Café ist auch nicht mehr da. Wir kehren um, fahren mit dem Tünel, einer unterirdisch verlaufenden Standseilbahn zurück Richtung Galatabrücke, wo dieser Abend ein jähes Ende nimmt: ich rutsche auf einer Plastikkapsel aus, lande in einem Spagat auf dem Boden und zerre mir ganz fies den Oberschenkel. Ich schaffe aber noch ein Abendessen und den Heimweg. Jetzt eine Ibu und ab ins Bett.

PS: Die insbesondere von Achim so geliebten Bavarua sind feine Törtchen, die von einem dünnen Schokokranz umfasst und mit verschiedenen Crèmes und Früchten gefüllt sind.

Von Edirne nach Istanbul

Der Ruf des Muezzin weckt mich um viertel vor Sechs. Zu früh. Ich dreh mich nochmal um. Gestern sind wir nach Mitternacht ins Bett, weil wir unsere Ankunft in der Türkei feiern mussten und Achim noch zu einem nächtlichen Fotoshooting loszog.

Die Selimiye-Moschee, von überall in Edirne sichtbar, besticht durch ihre vier eleganten Minarette, die höchsten der Türkei, und die prächtige Kuppel. Sie ist ein einzigartiges Bauwerk von Mimar Sinan, einem der berühmtesten Architekten der Weltgeschichte. Weltkulturerbe ist das Gebäude seit 2011.

Der Bau begann 1568 im Auftrag von Sultan Selim II. und dauerte sieben Jahre. Tausende von Menschen arbeiteten unermüdlich an der Fertigstellung der Moschee, die 1575 abgeschlossen wurde. Sie gilt als das bedeutendste Werk osmanischer Architektur, und Mimar Sinan selbst bezeichnete sie als sein „ Meisterwerk “.

Nach dem Besuch der Moschee spazieren wir durch die Altstadt. Simkarten und Bargeld besorgen, einen ersten Çay, türkischen Tee, trinken, durch den Bazar bummeln.

Die Stadt mit ihren repräsentativen Moscheen, den alten überdachten Märkten und kleinen Straßen mit zahlreichen Cafés und Lokalen gefällt uns sehr gut. Kurz überlegen wir, ob wir einfach noch eine Nacht hier bleiben, aber dann lockt doch Istanbul. Edirne war übrigens vor Istanbul die Hauptstadt des Osmanischen Reiches.

250 Kilometer müssen wir fahren, über die Autobahn ist das aber kein Problem. Um kurz vor Sieben sind wir am Ziel: ein bewachter Parkplatz hinter der Blauen Moschee. Istanbul, meine Lieblingsstadt.

Da wir zu Mittag schon die leckeren Edirne Köfte genossen haben, gibt es am Abend etwas aus der Bordküche. Hiesige Leckereien wie Fischbrötchen auf der Galatabrücke oder Bavarua vom Özsüt gibt es morgen (sowie die Erklärung, was das denn ist.)

Nach dem Abendessen bummeln wir noch ein bisschen durchs Viertel, Arastabazar, Blaue Moschee, Hagia Sofia. Zum Aufwärmen kaufe ich mir ein heißes Sahlep, ein Milchgetränk mit Orchideenwurzelextrakt. Zimt obendrauf. Bei nur noch zehn Grad sehr wohltuend.

Unser Parkplatz hat sich inzwischen geleert, wir sind die einzigen Camper. Am Ausgang ein Sicherheitsmann, auf dem Nachbargrundstück die Bereitschaftspolizei. Da kann uns nichts passieren 😄.

Noch 400 Kilometer durch Bulgarien, dann haben wir die Türkei erreicht

Die Donau bildet die Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien. Wir wählen die schnellste Route und die Fähre um kurz vor Zwölf.

Heute ist ein reiner Fahrtag. Es sind 550 Kilometer bis Edirne, Türkei. Dazwischen liegen rund 450 Kilometer durch Bulgarien. Zunächst unterscheidet sich die Szenerie nicht groß von der der Nachbarländer, die wir passiert haben: ein Storchennest neben dem anderen, alle besetzt, blühende Büsche und Bäume, kilometerlange Straßendörfer, dazwischen Felder und Wiesen. Einzig die kyrillische Schrift auf den Orts- und Reklameschildern sowie die Europreise an den Tankstellen (1,74 €) anstatt ungarischer Forint und rumänischer Lei  machen einen Unterschied.

Kurz vor der Landeshauptstadt Sofia wird es bergiger. Das Rilagebirge mit teils schneebedeckten Bergen erstreckt sich hier.

Da abzusehen ist, dass wir wieder erst am späten Abend unser Tagesziel erreichen, beschließen wir, am Nachmittag eine ausgiebige Pause zu machen und zu kochen. Grüner Spargel in Sahnesauce auf Linsennudeln (die gibt es beim DM. Sehr zu empfehlen!).

Alain kocht noch Espresso und dann geht’s weiter.

Um Neun erreichen wir die Grenze zur Türkei. Die Formalitäten sind rasch erledigt und dann heißt es: „Hoș geldiniz!“, herzlich willkommen!

Wir stellen uns auf einen Stellplatz in der Nähe der berühmten  Selimiye-Moschee in Edirne und freuen uns darauf, sie morgen zu besichtigen.

Weiter durch Rumänien: immer der Donau entlang

Heute Nacht haben wir uns verdoppelt. Jetzt sind wir zwei Busse und vier Menschen. Unsere Freunde Dorothee und Alain sind am späten Abend in Timișoara zu uns gestoßen und nun wird gemeinsam gereist.

Unser nächstes Ziel ist die Donau. Dicht an ihr entlang führt unsere Straße, auf der anderen Seite des Flusses ist Serbien. Leider setzt gegen Mittag der Regen ein.

Das Eiserne Tor ist das rund 100 Kilometer lange Durchbruchstal der Donau in den südlichen Karpaten. Es gilt als einer der imposantesten Taldurchbrüche Europas. Die Donau wird hier durch massive Felsen teils auf 200 Meter Breite verengt, der Gewässergrund liegt 15 m unter dem Meeresspiegel. Heute hängen die Wolken tief überm Wasser und nehmen uns die Sicht. Wie schade!

Trotzdem halten wir am Aussichtspunkt natürlich an, um auch die engste Stelle zu fotografieren.

Zwei Flussbiegungen weiter stoppen wir erneut und staunen:

Die Statue des Dakerkönigs Decebalus ist 55 Meter hoch und zugleich die höchste Felsskulptur in Europa. Die Idee stammt von dem rumänischen Geschäftsmann und Historiker Josif Dragan. Mit dem Projekt waren insgesamt zwölf Bildhauer beschäftigt, die Fertigstellung dauerte zehn Jahre (1994–2004) und am Ende kostete es über eine Million US-Dollar, weiß Wikipedia. O-Ton einer Mitreisenden: „Na, von der schnellen Truppe waren die aber auch nicht.“ 😄

Es ist erst halb Sechs und bei dem Wetter kann man hier eh nichts anderes machen als fahren. Da sitzt man warm und trocken und kann die trotz des schlechten Wetters beeindruckende Fahrt an der Donau noch einmal nachspüren.

Gegen halb neun haben wir genug. Wir stellen die Busse auf einem großen Parkplatz in Craiova ab.

Noch ein bisschen Kochen, ein Gläschen Wein und ein wenig Planung für morgen machen. Und hoffen auf besseres Wetter. Dann ab ins Bett.

Gemächlich nach Rumänien

Immer weiter geht es nach Osten, die Gegend in Ungarn ist geprägt von Landwirtschaft und Dörfern. Wir sind auf Nebenstraßen unterwegs, die uns mit 90 kmh weiterbringen. „Fahren Sie 40 Kilometer“, erst dann biegen wir mal wieder irgendwohin ab.  Storchennester, blühende Obstbäume.

Wir nutzen die Zeit, um ein bisschen Ungarisch zu lernen: „Házi Szalámi“ bedeutet „Hausgemachte Salami“, „Magyar Falu Program“ ist ein Programm à la „Mein Dorf soll schöner werden“ und „Urhibak“ bezeichnet  Straßenverwerfungen, das kommt hier öfter vor.

Kurz vor der rumänischen Grenze halten wir für eine Mittagspause. Die Sonne scheint und wir machen einen kleinen Spaziergang. Dann verputzen wir die Gemüsesuppe von gestern, denn heute Abend werden wir essen gehen. Unser Tagesziel ist Timișoara, die drittgrößte Stadt in Rumänien. 2023 war sie Europäische Kulturhauptstadt.

Zu Rumänien habe ich ein besonderes Verhältnis. Wir waren hier vor einigen Jahren mit den Motorrädern unterwegs, in den Karpaten, bei den moldawischen Klöstern und im Donaudelta. Danach habe ich des öfteren meinen Bruder in Constanța am Schwarzen Meer besucht und dort an meinem (nicht veröffentlichten) Krimi „Konstanza Blues“ gearbeitet und auch seine Fertigstellung gefeiert. Ich freue mich, wieder einmal hier zu sein, wenn auch nur kurz.

Von unserem zentral gelegenen Stellplatz bei super netten Privatleuten aus laufen wir in etwa 20 Minuten am Fluss Bega entlang ins Zentrum. Es ist schon nach Sechs und wir müssen uns sputen noch ein paar Sehenswürdigkeiten bei Tageslicht zu sehen.

Als erstes kommen wir zur rumänisch-orthodoxen Kathedrale der Heiligen drei Hierarchen.

Hier beginnt die bekannteste Flaniermeile der Stadt, die die Kirche mit dem Opernhaus am anderen Ende des Boulevards verbindet. Stylische Bänke säumen den Weg.

Timișoara wurde 1989 als erster Ort in Rumänien  zu einer freien Stadt erklärt – und zwar am Piața Victoriei. Der Siegesplatz gilt mit seinen prächtigen Gebäuden wie der Oper  als der schönste Platz der Stadt.

Ein paar Gehminuten später kommen wir zum Platz der Freiheit (Piața Libertății). Er ist das politische Zentrum von Timișoara. Hier hatten sich während der rumänischen Revolution im Jahr 1989 zigtausend Menschen versammelt, um gegen das kommunistische Regime zu protestieren.

Der  Platz der Vereinigung (Piața Unirii) gilt als einer der schönsten Plätze Rumäniens und bildet das historische Zentrum der Stadt. Umgeben von farbenfrohen historischen Gebäuden im Barockstil, weshalb die Stadt auch gerne mal als Klein-Wien bezeichnet wird, der katholischen Domkirche und der serbisch-orthodoxen Kathedrale, spiegelt der Platz das multikulturelle Erbe von Timișoara eindrucksvoll wider. Seinen Namen verdankt der älteste Platz der Stadt der Vereinigung von Rumänen, Serben und Ungarn in der Region – ein Symbol des friedlichen Zusammenlebens.

Es wird dunkel und auch merklich kühler. Zeit, sich ein Restaurant zu suchen. Mit Hilfe einer jungen Frau finden wir ein Kellerlokal neben der Oper. Es gibt, was das Herz (und die Erinnerung) begehrt: Mamaliga cu brinza ci smentana (Polenta mit Sauerrahm und geriebenem Bergkäse zur Vorspeise) – unvergesslich verbunden mit einer Nacht in den Karpaten vor vielen Jahren.

Sowie Krautwickel bzw. Gulasch zur Hauptspeise, einfache traditionelle Gerichte.

Zu guter Letzt brauchen wir noch zwei Tuica, Pflaumenschnäpse. Wie es sich hier gehört.