Heute mal Süßwasser statt Wein und Meer

Der Lac de Carcans-Hourtin im Südwesten des Médoc ist nicht nur der größte natürliche Süßwassersee des Landes,  seine Umrundung mit dem Rad ist auch eine Verlockung für uns. Unsere Tour startet im gemütlichen Hafenort Hourtin-Port, wo wir auch die Vans in der Nähe des Hafens parken.

Die ersten Kilometer führen uns in die lichten Seekiefernwälder. Die Sonne scheint und es riecht intensiv nach Harz und Waldboden. Auf dem Asphalt radeln wir schnell dahin. Vom See ist bisher noch nichts zu sehen. Ein Uferweg ist diese Route beileibe nicht.

Nach zehn Kilometern trennen sich die Wege unseres Vierter-Teams: Achim hat auf google maps ein Loch entdeckt. Dem will er nachspüren Leider kommt man nur über einen Sandweg dorthin. Deshalb steuern unsere Freunde schon mal den nächsten Ort an in der Hoffnung, ein Café zu finden und ich setze mich an den Wegesrand, blogge und warte auf meinen Liebsten. Mal sehen, ob ich auch das Loch sehe und ich es Euch zeigen kann. Nein, ich finde nichts, also müssen wir uns gedulden, bis Achim zurückkommt und das Rätsel löst. Ich fahre jetzt auch schon mal weiter Richtung Kaffee.

Bald treffen wir uns alle wieder, der Kaffee ist gut und Achims Entdeckung interessant. Zuerst bitte ich ihn, mir auf google maps zu zeigen, was er da gesehen hatte (und ich nicht). Voilà. Seht Ihr das Loch?

Achims Drohnenfoto der Situation vor Ort sieht so aus:

Ein etwa 20m breites von Menschenhand geschaffenes Wasserloch? Über seinen Zweck können wir nur spekulieren: ein Reservoir für Löschwasser? Dazu sieht es etwas zu klein aus. Dann vielleicht eins zur Bewässerung? Oder doch eine natürliche Bodenabsenkung? Wie auch immer: Im Hintergrund ist der See zu sehen. Immerhin.

Bis wir ihn in echt sehen, sind wir schon 20 Kilometer gefahren. Und auch dann trennt uns noch ein Schilfgürtel von ein paar hundert Metern. Aber dann, nach weiteren zwei Kilometern kommen wir endlich ans Wasser.

Ein schöner Platz für die Mittagspause. Hier können wir uns auch von dem Schreck erholen, dass vorhin vorm Café alle vier Räder wie die Dominosteine durch eine Windböe umgekippt sind. Dem nagelneuen Rad von Achim ist dabei der Seitenständer abgebrochen.

Jetzt führt der Radweg mal ein Stück am Ufer entlang. So ein herrlicher Sandstrand! Wenn Sommer wäre…

Da es aber Herbst ist und wir bald wieder abtauchen in den Wald, botanisieren wir ein bisschen. Ich hatte neulich davon gelesen, dass es hier eine Pflanze gibt, die gleichzeitig Blüten und Früchte trägt. Und siehe da, hier wächst sie. En masse.

Wir googeln mal wieder und finden heraus, dass es sich um den Westlichen Erdbeerbaum handelt. Dieses immergrüne Gehölz prägt neben den charakteristischen Seekiefern die Untervegetation und die Küstenwälder der Region. Die Blüten, die sich im Herbst öffnen, benötigen fast ein ganzes Jahr, um vollständig auszureifen. Dadurch hängen im darauffolgenden Herbst die reifen, leuchtend roten und stacheligen Beerenfrüchte des Vorjahres direkt neben den neuen, glockenförmigen weißen Blütenketten am selben Ast. Kann man die Früchte essen? Man kann. Wir auch. Nun aber genug für heute mit der Reihe „Jugend forscht“.

Wir fahren nach Hause und ich mache etwas Praktisches: Kochen. Heute gibt es mal ganz unfranzösisch Spaghetti con sugo. Trotzdem: Bon appetit!

In der Welt des Weines

Das Médoc ist die Heimat von einigen der teuersten und besten Rotweine der ganzen Welt.

Die Geschichte des hiesigen Weinbaus beginnt vor vielen Jahrhunderten. Früher war die Halbinsel zwischen Atlantik und Gironde vor allem ein sumpfiges und nasses Land. Im 17. Jahrhundert kamen Ingenieure aus Holland, die  Kanäle bauten und den Boden entwässerten.

Eine der spannendsten Geschichten aus dem Médoc führt uns in das Jahr 1855. Damals gab es in Paris eine große Weltausstellung. Der damalige Kaiser Napoléon der Dritte wollte den Gästen die besten Weine Frankreichs präsentieren. Deshalb teilten Experten die Weingüter des Médoc in fünf Klassen ein. Die allerbesten Güter bekamen den Titel „Premier Cru“, was so viel wie „Erste Klasse“ bedeutet. Diese berühmte Liste gilt fast unverändert bis heute.

Château Lanessan

Wenn man durch das Médoc fährt, sieht man überall wunderschöne, alte Weingüter, die man hier „Châteaux“ nennt. In diesen prachtvollen Kellern reifen die edlen Tropfen oft viele Monate in Holzfässern, bis sie perfekt schmecken.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, als wir auf ein prächtiges Tor stoßen, weit geöffnet, auf dem Schild steht „Ouvert“, offen, und „Dégustation“, Verkostung. Wir folgen der Einladung und sind kurz darauf mit Madame Sylvain vom Château Lanessan in den Weinbergen und der Kellerei unterwegs. Bestens informiert gibt sie ihr Wissen charmant an uns weiter und wir erfahren zum Beispiel, dass der Boden hier einen ganz besonderen Schatz birgt: Kiesel. Diese kleinen, runden Steine speichern tagsüber die Wärme der Sonne und geben sie nachts an die Pflanzen ab.

Wir lernen, dass die Wurzeln der Weinreben sich durch diesen steinigen Boden kämpfen müssen, was den Trauben ihren einzigartigen, kräftigen Geschmack verleiht, und dass sie teils 20 bis 30 Meter tief wurzeln.

Wer einen echten Médoc-Wein trinkt, schmeckt die Natur der Region. Die Winzer mischen meistens verschiedene Rebsorten zusammen. Die wichtigste Sorte heißt Cabernet Sauvignon. Sie bringt Struktur, dunkle Farbe und den Geschmack von schwarzen Johannisbeeren in das Glas. Dazu kommt die Merlot-Traube, die den Wein weich und samtig macht und ein Spritzer Petit Verdot, um dem Wein mehr Stärke und Langlebigkeit zu geben. Ein echter Médoc-Wein schmeckt in der Jugend oft kräftig und ein wenig herb, aber mit den Jahren wird er im Keller immer besser, runder und wertvoller.

Davon dürfen wir uns bei der anschließenden Verkostung selbst überzeugen. Die Flaschen, von denen wir probieren, sind elf und 15 Jahre alt.

Alkohol ist auch enthalten. Gut, dass es einen Picknickbereich auf dem Gelände gibt und gut, dass wir auch eins in unseren Satteltaschen haben.

Jetzt können wir wieder in die Pedale treten und weitere Châteaux und Weinberge bestaunen. Es nimmt und nimmt kein Ende. Sie sind mal prächtig, mal einfacher, hinter nahezu jeder Kurve weist ein Schild auf ein Weingut hin.

Château Pichon Baron

Château Beychevelle

Eine eigene Welt, eine andere Welt. Es ist spannend, einen kleinen Blick dort hineinzuwerfen.

Meerwind und Pinien: im Norden des Médoc

Die Halbinsel Médoc ist eine Region der Superlative: im Norden begrenzt von einer der breitesten europäischen Flussmündungen, im Westen die längsten Sandstrände, in der Mitte die größten Pinienwälder und im Osten die edelsten Weine.

Und wir standen heute Nacht definitiv am bisher schönsten Platz unserer diesjährigen Frankreichreise. Wer näher am Wasser steht, kriegt nasse Füße.

Beeindruckend sind gleich zu Beginn unserer heutigen Radtour die gigantischen Brandschneisen im Wald. Die furchtbaren Waldbrände im Sommer waren südlich von uns in der Gegend des Arcachonbeckens. Hier oben im Norden des Médoc ist zum Glück nichts passiert. Die Schneisen werden teilweise als Radwege genutzt. Was für eine wunderbare Idee.

Unsere heutige Zickzacktour führt vom Atlantik durch den Wald Richtung Ostküste. Eine unspektakuläre Tour mit kleinen Überraschungen: die Mühle in Vensac aus dem 18. Jahrhundert.

Die Kirche in Saint Vivien mit dem romanischen Kirchenschiff und dem Kirchturm aus den 50er Jahren.

Ganz dort in der Nähe ein kleiner Hafen, unverhofft, an einem Kanal, der zur Gironde führt. Dies ist, wie La Rochelle auch, einer der Orte, zu denen ich noch einmal wiederkommen möchte. Im Sommer. Dann gäbe es hier ein Café und ein kleines Bistro direkt am Wasser. Sicherlich auch Fischer und Müßiggänger. Jetzt sind wir Vier alleine hier, besteigen den kleinen Aussichtsturm und begnügen uns mit einem Apfel. Und einem Keks.

Das Kurioseste unserer Tour sehen wir kurz vor dem Ziel. Wir radeln gemütlich über einen Damm, der uns durch die Marsch zurück nach Soulac führt, als wir rechts und links große Teiche voller Vögel sehen: ein Storch, ein Graureiher, ein paar Enten. Wir packen die Ferngläser aus. „Was sind denn die schwarzen dahinten für welche?“, fragt Dorothee. „Und die grünen hier vorn?“ Oh, die grünen Vögel hier vorn schauen toll aus. „Guck mal, was der für einen großen gelben Schnabel hat!“ Achim kommt dazu, er hat es schon erkannt: fast alle Vögel hier sind unecht! Wie bitte? Des Rätsels Lösung kennen eine einheimische Spaziergängerin und das Internet: Die Attrappen sind künstliche Lockvögel für die traditionelle Entenjagd. Unfassbar. Ich sag ja immer: Reisen bildet. Der Storch und der Reiher waren übrigens echt.

Zurück am Stellplatz kochen wir uns noch einen Kaffee, genießen noch einmal den Atlantik und fahren dann hinüber auf die Ostseite, Richtung Wein. Auf dem Weg dorthin wabert schon der Nebel hoch und der Vollmond geht auf.

Nach Soulac, Stadt der 500 Villen

Die Winterzeit schenkt uns heute eine Stunde. Das hilft uns, um Neun zu starten und bereits um Zehn auf der Fähre zu sein.

Wenn man am Nordufer der Gironde-Mündung steht, ist das südliche Ufer zum Greifen nah – und doch trennt einen ein riesiger Strom davon, 12 bis 15 Kilometer breit. Die charmanteste Lösung? Das Auto einpacken und den Gironde-Bac, das Fährschiff, nehmen und eine der größten Flussmündungen Europas überqueren.

Trotz Wind und Regen liegt die Fähre ruhig im Wasser und bringt uns in einer halben Stunde hinüber auf die andere Flussseite. Wir halten uns hier nicht auf sondern fahren in den warmen Autos gleich weiter nach Soulac-sur-Mer an der Westküste. Laut Wetterbericht soll es bald aufhören zu regnen. Wir bleiben optimistisch.

Soulac selbst empfängt Besucher mit charmanten Jugendstil-Villen, Fußgängerzonen und der berühmten unter Denkmalschutz stehenden Basilika Notre-Dame-de-la-Fin-des-Terres.

Nach und nach weicht der Regen der Sonne und wir genießen, was dieses wunderbare Städtchen uns bietet.

Die Markthalle zum Beispiel. Obwohl Sonntag ist, hat sie geöffnet und viel Leckeres im Angebot. Nachdem wir hier durch sind, müssen wir erstmal zu den Bussen zurück und die Einkäufe verstauen. Natürlich gibt es auch eine Fischhalle und heute Abend Thunfisch.

Soulac-sur-Mer hat so viele historische Villen, 400 bis 500 an der Zahl, meist im Stil der Belle Époque, weil sich der Ort ab den 1860er-Jahren von einem Pilgerort zu einem modernen Seebad entwickelte.

Ab ca. 1860 verband eine neue Bahnstrecke Bordeaux mit Le Verdon, wodurch wohlhabende Bürger aus Bordeaux leicht und schnell an die Atlantikküste reisen konnten.

Ende des 19. Jahrhunderts kam das „Baden im Meer“ als Freizeitvergnügen für das gehobene Bürgertum und den Adel in Mode. Da haben sie sich mit dem sieben Kilometer langen feinstem Sandstrand in Soulac den richtigen Platz ausgesucht.

Obwohl das Wetter mittlerweile großartig ist, ist es uns zum Schwimmen zu kalt, aber wir tauchen die Füße ins Wasser und machen einen kleinen Strandspaziergang.

Wie herrlich fühlt sich der Meerschaum um meine Füße herum an!

Café crème und Crèpes mit Karamell in der Nachmittagssonne, der Regen ist Geschichte, am Ende der Straße ist das Meer.

Zum Abend ist das Meer direkt vor uns.

Und zum Sonnenuntergang sitzen wir in der ersten Reihe.

Im Zickzack über die Île d’Oléron und weiter nach Royan

Wie man so schönes Wetter bei Regen haben kann. Unglaublich. Heute ist der vierte von fünf angekündigten Regentagen und erneut scheint die Sonne. Da es auch nicht mehr windet, steigen wir auf die Räder, um den südlichen Teil der Île d’Oléron zu erkunden.

Wir lassen die bunten Hütten von Château d’Oléron hinter uns und folgen den gut beschilderten Radwegen vom Wattenmeer auf die andere Seite der Insel ans offene Meer nach Le Grand-Village-Plage im Südwesten zu den ebenfalls (nicht ganz so) bunten Häuschen.

Einmal tief durchatmen, bitte, und die Lungen mit Seeluft füllen. Den Blick zum Horizont schweifen lassen, dahinter ist Kanada.

Durchs Landesinnere geht es wieder zurück auf die andere Seite der Insel. Unterwegs machen wir in einem gemütlichen Bistro Kaffeepause und stoßen auf das stylischste Clo ever: Discobeleuchtung und die Wände voller Schallplatten. Vielleicht könnt Ihr das demnächst auch bei uns zu Hause bewundern.

Die Geschäftigkeit der Dörfer weicht jetzt einer weiten, offenen Landschaft. Wieder einmal führt uns der Weg durchs Marais, die Sumpf- und Marschlandschaft, wo das Land fließend in Kanäle und ehemalige Salzgärten übergeht. 

Entlang des Chenal d’Ors fahren wir vorbei an rustikalen Austernbecken und kehren bei einem der Erzeuger ein. Er hat einen Verkaufsstand am Straßenrand und ein einfaches Lokal dahinter, in dem wir leckere Muscheln essen. Natürlich fällt einem von uns dabei der alte Spruch „Leben wie Gott in Frankreich“ ein.

Mit vollem Bauch und hoch zufrieden fahren wir zum Stellplatz zurück, packen unser Zeug zusammen und verlassen die Insel zu einem weiteren interessanten Ziel etwa eine Stunde südlich.

Royan heißt der Ort. Nach der fast vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erfand sich das Seebad in den 1950er-Jahren völlig neu. Das Ergebnis? Ein einzigartiges Freilichtmuseum des Modernismus direkt am Sandstrand.

Unser Nachmittag beginnt mit einem architektonischen Paukenschlag. Die Kirche Notre-Dame de Royan ist kein gewöhnliches Gotteshaus. Komplett aus Stahlbeton erbaut, ragt ihr majestätischer Turm fast 60 Meter in den Himmel. Sobald man das Innere betritt, verwandelt das einfallende Licht das strenge Grau in ein faszinierendes Farbspiel.

Weil die Nazideutschen 1945 nicht gehen wollten, zerstörten die Alliierten den Ort fast vollständig. Das alte Seebad mit seinen Belle Epoque-Häusern wurde neu konzipiert im Stil der damaligen Architekten-Stars Oscar Niemeyer und Le Corbusier.

Die Pavillon-Reihe gegenüber der Kirche Notre-Dame gehört zu diesem architektonischen Erbe wie die protestantische Kirche, die Markthalle und viele Gebäude mehr.

Schade, hier hätte ich gern mehr Zeit gehabt, alles zu entdecken, aber es wird schon dunkel und wir müssen uns noch einen Schlafplatz für die Nacht suchen.

Île d’Oléron: Stürmische Zeiten

Petrus hatte in der Nacht sicherlich seinen Spaß, als er Sturm und Regen um unser mobiles Heim peitschte. Für den Lärm um uns herum habe ich erstaunlich gut geschlafen. Gibt es eigentlich Schlaftherapie im Windkanal?

Wie das hier weiter geht, ist noch nicht klar. Es ist jetzt halb Acht, dunkel, stürmisch. Ich dreh mich am besten nochmal um.

Neun Uhr: kein Regen, Sonne, Sturm. Erstmal frühstücken.

Elf Uhr: immer noch Sturm und wir beschließen, die große Radrunde durch den Süden der Insel bleiben zu lassen. Stattdessen machen wir uns zu Fuß auf in die Stadt.

Die Citadelle du Château-d’Oléron ist das unübersehbare Wahrzeichen der Stadt. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1630, als Kardinal Richelieu den Bau auf den Ruinen einer mittelalterlichen Burg befahl. Und wieder war es der berühmte Festungsbaumeister Vauban, der  das Meisterwerk um 1700 vollendete.

Im inneren Bereich wird heutzutage Kunst gezeigt.

Der ortsansäsige Fotoclub stellt seine aktuellen Werke im Arsenal aus, die wir uns sehr gerne anschauen.

Direkt unterhalb der Festungsmauern liegt das Künstlerdorf am Hafen. Wo früher Austernzüchter ihre Ausrüstung lagerten, herrscht heute kreatives Leben. Die alten, typischen Austernhütten wurden restauriert und in kunterbunte Ateliers verwandelt. Jede Hütte erstrahlt in einer anderen leuchtenden Farbe.

Mehr als 30 lokale Künstlerinnen und Kunsthandwerker arbeiten hier. Die meisten haben für dieses Jahr die Saison beendet. Ansonsten könnte man ihnen direkt über die Schulter schauen, während sie malen, Holz bearbeiten, Kleidung designen oder Schmuck herstellen.

Wir lassen die bunten Hütten hinter uns und  spazieren weiter ins Zentrum.

Der Wind pfeift uns nach wie vor um die Ohren, aber es ist trocken und die Sonne scheint. Am Meer entlang laufen wir zurück zum Stellplatz.

Nachdem wir uns bei einem Espresso wieder aufgewärmt haben, lassen wir uns bei einer Partie Boule nochmal den Wind um die Nase wehen und sind gespannt, ob er uns auch morgen begleiten wird.

Insel-Hopping: Zur Île d’Oléron

Ich werde wach und lausche und höre – nichts. Es hätte schon seit Stunden regnen sollen. Hm. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Ich mache Frühstück und danach ist es immer noch trocken. Deshalb brechen wir auf zu einem Bummel durch den kleinen Ort, in dem wir heute Nacht geschlafen haben: St. Martin de Ré, einer der größeren Inselorte. Er ist umfasst von einer sternförmigen Festungsanlage, die im 17. Jahrhundert vom berühmten Festungsbaumeister Vauban errichtet wurde und seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Rund um den Hafen gibt es kleine Geschäfte und Lokale. Mittlerweile regnet es leider kräftiger und wir suchen Zuflucht in einem der zahlreichen Cafés an der Promenade.

Ich kaufe mir einen neuen Knirps (der alte liegt in einem Café irgendwo an der Loire) und eine bessere Regenjacke. Gutes Timing, denn jetzt geht es richtig los…

Als es etwas nachlässt, wollen wir für den perfekten Rundumblick den Glockenturm der Kirche Église Saint-Martin besteigen. Ich gehe zur Tür, im gleichen Moment schließt der Glöckner sie zu – und lässt sich auch nicht erweichen. Da wartet wohl das Mittagessen.

Planlos mäandern wir durch den Nachmittag. Eigentlich wollten wir die Regenphase im Naturhistorischen Museum in La Rochelle überbrücken. Nach dem Einkaufen ist es aber schon fast drei Uhr und wir haben auch noch nichts gegessen. Wir verwerfen den Museumsbesuch und steuern stattdessen den kleinen Ort La Flotte kurz vor der Brücke an.  Wir laufen über die Uferpromenade, schnuppern nochmal Inselflair und holen uns Leckereien aus der Bäckerei, die wir im Hafen genießen. Es regnet nicht mehr und hier gefällt es uns jetzt besser als im Museum.

Dann machen wir uns auf den Weg zur Île d’Oléron. Auf einem Felsen vor der Insel liegt die historische Seefestung Fort Louvois. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert. Der damalige Kriegsminister Marquis de Louvois gab den Bau in Auftrag, um gemeinsam mit der Zitadelle von Oléron das wichtige Marinearsenal von Rochefort vor feindlichen Schiffen zu schützen. Kein Geringerer als Vauban, der berühmte Festungsbaumeister von König Ludwig XIV., überarbeitete die Pläne und gab der Anlage ihr heutiges Gesicht. Bei Ebbe wird ein 400 Meter langer, gepflasterter Weg auf dem Meeresboden frei und man kann trockenen Fußes hinüber zur Festung laufen. Das ist erst heute Abend gegen Neun wieder der Fall, so dass wir uns mit dem Aussichtspunkt auf dem Festland begnügen.

Linkerhand sehen wir die Brücke, die uns hinüber zur Insel bringt. Unser Ziel: Le Château d’Oléron im Südosten, auf das ich mich schon freue. In der Hoffnung, dass das Wetter mitspielt können wir dort morgen etliches entdecken. Auch hier war Vauban wieder zugange, am Hafen soll es ein Künstlerdorf geben und im Ortskern wartet ein historisches Zentrum darauf, von uns erkundet zu werden. Petrus! Petrus, lieber Petrus! Du liest hier mit, oder?

Île de Ré: Austern, Salz und ganz viel Wind

Heute machen wir einen Ausflug zur Île de Ré, eine kleine Insel gleich neben La Rochelle. Erst seit 1988 gibt es eine Brücke auf die Insel. Sie ist drei Kilometer lang und gehört damit zu den längsten in Frankreich. Wir haben uns für einen Stellplatz im Hauptort Saint-Martin an der Ostküste entschieden und für eine Radtour, mit der wir den Norden der Île de Ré erkunden wollen.

Soweit der Plan. Jetzt ist es schon halb Elf und wir stehen immer noch in La Rochelle. Es regnet und regnet und regnet. Und das besonders Traurige ist, dass die Aussichten für die nächsten Tage nicht besser sind. Ein, zwei Tage kann man ja mal aussitzen. Aber Fünf? Wir überlegen hin und her. Die Frankreichreise abbrechen und zur Biennale nach Venedig fahren ist eine Option. Trotzdem auf die Insel fahren und hoffen, dass es nicht allzu schlimm ist, die andere. Nach einer kurzen Lagebesprechung zu Viert entscheiden wir uns für die Île de Ré. Es sind nur 27 Kilometer und um halb Zwölf sind wir dort. Es ist unglaublich: die Insel empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein! Wir stoppen kurz bei der Ruine der Zisterzienser-Abtei Notre Dame de Ré, dann steuern wir den Stellplatz an.

Es regnet immer noch nicht, also los. Unser Weg nach Norden führt uns hart an der Wasserkante entlang. Das Meer schimmert hier in Grün, dort in Blau, hier vorne in Braun. Der Wind peitscht das Wasser auf und uns ins Gesicht.

Während der Süden der bekannten Atlantikinsel oft trubelig und belebt ist, zeigt sich die Insel im Norden von ihrer wilden, weiten und herrlich unaufgeregten Seite. Auf den bestens ausgebauten und komplett flachen Radwegen lässt sich diese einzigartige Naturlandschaft zwischen Austernbuden, Salzbecken und Weinstöcken stressfrei im eigenen Rhythmus erkunden.

Schon von Weitem zieht der schwarz-weiß gemusterte Glockenturm der Dorfkirche in Ars-en-Ré alle Blicke auf sich – er diente den Seefahrern jahrhundertelang als markante Orientierungshilfe.

Unser nördlichster Punkt ist der Leuchtturm Phare des Baleines. Stolz ragt der historische Turm in den Himmel und trotzt den Wellen des Atlantiks. 1854 erbaut leuchtete sein Licht 75 Kilometer aufs offene Meer hinaus.

Wer die über 250 Stufen der Wendeltreppe bezwingt, wird mit einem atemberaubenden Panorama-Rundblick über die gesamte Insel, die funkelnden Salzgärten und den wilden Ozean belohnt.

Während wir Kaffee trinken, geht ein kräftiger Schauer nieder. Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und wir können den Rückweg antreten, der uns tief ins Marschland bringt. Hierher kommt man nur mit dem Rad oder zu Fuß. Während am Leuchtturm sich noch jede Menge Menschen getummelt haben, begegnen wir hier kaum noch jemandem. Umso mehr Grünschenkel, Kormorane und Falken gibt es. Eindrucksvoll, wenn der Graureiher sitzen bleibt und sich majestätisch in die Lüfte erhebt, wenn man nur noch zwei Meter von ihm entfernt ist.

Auf die letzten paar Kilometer werden wir dann doch noch nass, was aber der Stimmung keinen Abbruch tut. Es ist fast magisch, im letzten Tageslicht auf dem Damm zwischen Atlantik und Marsch zu fahren. Die Rücklichter der Vorfahrenden rot, der Leuchtturm in der Ferne grün, Wind und Regen kommen zur Ruhe.

La Rochelle: Die weiße Stadt

Von einer Münchner Freundin wärmstens empfohlen: La Rochelle, la ville blanche, die weiße Stadt. Sie ist nur 60 Kilometer von uns entfernt und nach einer Stunde stellen wir die Busse auf einem Stellplatz am neuen Hafen ab. Die Räder runter vom Bus und ab zur Stadtbesichtigung.

Unsere Tour beginnt mitten im lebendigen Herzen der Altstadt, in den historischen Markthallen (Marché Central) aus dem 19. Jahrhundert. Leider ist es schon kurz vor halb zwei und viele Stände werden gerade geschlossen. Wir laufen trotzdem durch und lassen uns vom Duft frischer Backwaren, regionaler Käsesorten und fangfrischem Fisch treiben. Eine Spezialität ergattere ich zum Glück noch: den Tourteau Fromager, einen traditionellen Ziegenfrischkäsekuchen mit typisch schwarzer Kruste.

Drei Kilometer lang sind die Arkaden der Altstadt, die zum Bummeln bei jedem Wetter einladen. Sie führen auch zum Hôtel de Ville. Mit seinen Zinnen und Türmen wirkt das Rathaus wie eine Ritterburg und gehört zu den ältesten Sitzen der Stadtväter in Frankreich. Gestern haben hier noch die Schüler demonstriert, heute sind vor allem die Touristen hier.

Die rosa Schirme stehen für den „Rosa Oktober“ und setzen ein Zeichen für eine weltweite Präventions- und Sensibilisierungskampagne gegen Brustkrebs.

Wir schieben die Räder hinunter zum Vieux Port, zum Alten Hafen. Die Hafeneinfahrt wird von den zwei berühmten mittelalterlichen Türmen bewacht, die das Wahrzeichen der Stadt sind: Tour Saint-Nicolas und Tour de la Chaîne. Diese beiden Wächter flankieren den Hafeneingang. Früher wurde nachts eine massive Kette zwischen ihnen gespannt, um den Hafen vor feindlichen Schiffen zu schließen.

La Rochelle wird oft als die „weiße Stadt“ (la ville blanche) bezeichnet, weil ihre historischen Fassaden aus hellem Kalkstein gebaut sind, die im hellen Licht des Atlantiks besonders weiß und leuchtend wirken und der Stadt ihren charakteristischen, hellen Glanz verleihen.

Frische Seeluft macht hungrig. Zum Mittagessen zieht es uns ins eins der vielen kleinen Restaurants an der Mole zu Moules et frites, Muscheln und Pommes frites. Ich esse eine klassische Mouclade Charentaise, Miesmuscheln in einer cremigen Soße aus Weißwein, Schalotten und einem Hauch Curry. Achim versorgt sich nebenan in der Bäckerei. Es ist sonnig und so warm, dass wir die Jacken ausziehen.

La Rochelle gilt als Pionierstadt in Sachen Umweltschutz (mit dem ehrgeizigen Ziel, bis 2040 komplett klimaneutral zu sein). Das nutzen wir aus. Am Alten Hafen steigen wir in den „Bus de Mer“, eine kleine, rein solarbetriebene Elektro-Fähre, die uns für drei Euro quer durch das Hafenbecken zum Yachthafen Port des Minimes bringt.

Es ist der größte Europas mit Platz für über 5000 Boote. Auch jetzt liegen hier tausende Segelboote aus aller Welt vor Anker.

Zurück spazieren wir entlang des Hafenbeckens in einer knappen Stunde zu Fuß und landen im farbenfrohen Viertel Le Gabut. Das ehemalige Fischereiviertel mit seinen skandinavisch anmutenden Holzhäusern hat sich in eine lebendige Oase für Street-Art, alternative Kultur und Pop-up-Bars verwandelt.

Hier lässt es sich wunderbar mit einem Pineau des Charentes, einem regionalen Likörwein, in den Abend gleiten.

Zwischen Kanälen und Sumpfdörfern

Wenn kein Reisetag ist und auch sonst nichts zu erledigen ist, beginnen unsere Tage derzeit ganz langsam. Denn es ist kalt und dunkel, wenn ich gegen Sieben, halb Acht wach werde. Das Thermometer zeigt heute Morgen sechs Grad, Sonnenaufgang ist um 8.24 Uhr. Ich mache die Heizung an, kuschele mich wieder ins warme Bett und lese.

Wir sind gestern im Marais Poitevin angekommen, dem zweitgrößten Feuchtgebiet Frankreichs, das nördlich von La Rochelle vor der Atlantikküste liegt.

Das Einchecken auf dem städtischen Campingplatz in Coulon funktioniert über ein kleines Terminal – wenn es denn funktioniert. Bei uns war das gestern nicht der Fall, aber zum Glück war eine Telefonnummer angegeben und zehn Minuten später kam, trotz des Sonntags, eine freundliche Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung angeflitzt. Sie gab uns Codes für die Schranke, so dass wir hineinfahren konnten.

Heute nach dem Frühstück müssen wir als erstes ins Rathaus. Bei einer freundlichen Dame zahlen wir 37 Euro für zwei Nächte und freuen uns abermals über die Einrichtung des französischen Camping municipal. 1400 gibt es davon in Frankreich übers ganze Land verteilt. Sie gelten als der absolute Geheimtipp für günstigen Urlaub in Frankreich. Eine Übernachtung kostet in der Nebensaison oft weit unter 20 Euro für den Camper und zwei Personen inklusive Strom. Sie sind in der Regel einfach, aber hübsch angelegt und sauber.

Dann steigen wir auf die Räder für die Entdeckungsreise in das feuchte Herz dieses gigantischen Feuchtgebiets, das nicht ohne Grund den Beinamen Grünes Venedig trägt. Unsere Rundtour von etwa 60 Kilometern führt uns tief hinein in ein labyrinthartiges Geflecht aus schattigen Kanälen, historischen Sumpfdörfern und unberührter Natur.

Direkt vom Rathaus führt uns der Weg zunächst auf die legendäre Radroute Vélo Francette, ein rund 600 Kilometer langer Fernradweg, der vom Ärmelkanal bis zum Atlantik führt. und sich hier sanft an den Windungen des Flusses Sèvre entlangschmiegt. Schon nach wenigen Kilometern erreichen wir das malerische Straßendorf La Garette, wo die typischen, weiß getünchten Häuser mit ihren farbenfrohen Fensterläden oft nur über schmale Brücken erreichbar sind.

An vielen Hauswänden hängen große Fotos, die das Leben auf den Kanälen in früheren Zeiten zeigen.

Die Bäume am Ufer rücken hier so dicht zusammen, dass sie ein natürliches, grünes Dach über dem Treppelweg bilden. Wir atmen den Duft von feuchter Erde ein, während das einzige Geräusch das leise Summen unserer Fahrradketten und das Rascheln der Pappeln ist.

Dem Lauf des Wassers folgend steuern wir unsere Räder tiefer in das Sumpfgebiet hinein und erreichen schließlich das alte Hafendorf Arçais. Hier gibt es einen Geschenkeladen, der nicht nur Kaffee und pains au chocolat anbietet sondern auch regionale Spezialitäten wie Mogettes de Vendée (weiße Bohnen) und Confiture d’Angelique (Konfitüre aus Engelwurz, einer Heilpflanze). Nicht nur das. Es gibt auch noch Seife aus Engelwurz und Eau de Toilette aus Engelwurz. Die Ohrringe, die ich mir kaufe, sind NICHT aus Engelwurz, müssen aber auch noch mit.

Nach dieser kurzen Rast geht es mitten hinein in den wohl ruhigsten und abgeschiedensten Teil des feuchten Marschlandes.

Die letzten Kilometer zurück nach Coulon fahren wir immer am Ufer der Sèvre entlang. Wenn am späten Nachmittag die tiefstehende Sonne lange Schatten durch die Pappelreihen wirft und die Kirchturmspitze von Coulon am Horizont auftaucht, schließt sich der Kreis eines perfekten Ausflugstages, den wir im Bus bei Nudeln und Wein und Plänen für den morgigen Tag ausklingen lassen.