Hallo, Serbien!

Wir sind uns noch nicht ganz schlüssig, welche Route wir für die Heimfahrt weiterhin nehmen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Jetzt fahren wir erstmal nach Serbien und schauen uns Niš an. In Serbien waren wir beide noch nie. Eine gute Gelegenheit also, ein neues Land kennenzulernen.

Bis zur Grenze sind es knapp 60 Kilometer. Kurz vorher entdecke ich auf Googlemaps einen Hinweis auf die Dragoman-Sümpfe. Das verleitet uns zu einem Morgenspaziergang.

Wir finden heraus, dass es das größte Karst-Moorgebiet des Landes und ein bedeutendes EuroNatur-Schutzprojekt ist.

Nach einer historischen Trockenlegung ab 1930 wurden die Sümpfe seit den 1990ern erfolgreich renaturiert und sind ein gutes Beispiel für den Natur und Artenschutz in Bulgarien.

Bald danach sind wir an der bulgarisch-serbischen Grenze und hier bekommen wir erstmal etwas geschenkt: eine Stunde. Jetzt sind wir wieder in derselben Zeitzone wie Deutschland. Pass- und Zollkontrollen sind problemlos, wir wechseln unsere übrig gebliebenen türkischen Lira in serbische Dinar und kaufen eine SIM-Karte fürs Handy.

Wir fahren noch ein kurzes Stück über die Autobahn, dann verlassen wir sie, um auf einer Landstraße durch den Sičevo-Canyon weiterzufahren. Das ist eine beeindruckende 17 km lange Schlucht des Flusses Nišava zwischen  steilen Kalksteinfelsen. Wir werden von einem heftigen Gewitter mit starkem Regen und Hagel in Empfang genommen.

14 Tunnel wurden auf dieser Nebenstraße gebaut, die wie die Autobahn nach Niš führt. Weit oberhalb der Straße gibt es eine Aussichtsplattform. Als wir oben ankommen, regnet es noch und der Donner grummelt. Also erstmal Kaffee kochen. Aber dann. Regenjacken an, los.

Die gut erhaltene Festung in Niš, unter der wir parken, ist das Wahrzeichen der Stadt. Sie wurde im 18. Jahrhundert von den Türken erbaut. Heute ist der Innenraum ein herrlicher Park mit Cafés, einem Open Air Theater und einigem mehr. Einmal im Jahr gibt es hier ein Jazzfestival.

Am Eingang zur Kazandžijsko-Straße, der ehemaligen türkischen Handwerker Straße, steht ein ungewöhnliches Denkmal: ein Kneipentisch, zwei Männer bei einem lebhaften Gespräch und ein Jägerhund namens Čapa. Es handelt sich um den serbischen Schriftsteller Stevan Sremac und den Jäger Kalča, einer literarischen Gestalt, welche die Anwesenden mit Geschichten über seine erfundenen Taten bespaßen.


Hier beginnt heute eine Fußgängerzone voller Cafés und Restaurants, die die Fassaden der wenigen noch erhaltenen alten Häuser mit ihren Vorbauten verdecken.

Überhaupt ist das Zentrum von Niš eine Mischung aus Alt und Neu.

Beim Kaffeetrinken haben wir uns überlegt, wie wir von hier aus weiterfahren: nach Westen kommen wir nach Sarajewo, nach Nordwesten nach Belgrad und nach Norden an die Donau, die wir auf der Hinfahrt nur im Regen und Grau erlebt haben. Für morgen ist Sonne angesagt und uns steht auch mehr der Sinn nach Natur als nach Stadt. Damit ist alles klar.

Zwei interessantes Details am Rande:

  • Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist in Niš seit 2025 kostenlos für Alle.
  • Wir kaufen ein paar Flaschen Bier für etwa 70 Cent und zahlen an der Kasse das Doppelte. Die Ladenbesitzerin spricht kein Englisch, wohl aber ein Schulmädchen, das hinter uns an der Kasse ansteht. Sie übersetzt meine Frage nach der Höhe des Pfands und antwortet dann mit „70 Cent“. Da ist die Rückgabe gesichert.

Nach Sofia

Ich liebe türkische Frühstücke – und hatte auf der ganzen Reise noch keins. Was kann man da nicht alles Leckeres bekommen: Sigara Böreği, Weinblätter, Oliven, Tomaten, Gurken, Schafskäse mit Honig, Nüsse, Pekmez, Eier, Simit, Rosinen, Früchte. Wir wollen heute, an unserem letzten Tag in der Türkei auf dieser Reise, ein türkisches Frühstück genießen. Ich bin gespannt, wo wir was finden. Erstmal stadtfein machen, das Duschwasser wird gerade warm gemacht, während ich noch im Bett liege und blogge.

Tja, manchmal unterscheiden sich die Träume von der Realität. Mein Frühstück fiel etwas bescheidener aus, hat uns aber trotzdem Freude gemacht.

Jetzt fahren wir über die Autobahn zur Grenze und verlassen die Türkei. Gern komme ich ein anderes Mal wieder. Es gibt noch vieles, das ich nicht gesehen habe und vieles, das ich noch einmal sehen oder erleben möchte.

Willkommen Bulgarien! Letztes Mal sind wir hier einfach durchgefahren, jetzt möchten wir uns zumindest die Hauptstadt Sofia anschauen.

Die erreichen wir um kurz nach Vier und stellen unseren Bus auf einem zentral gelegenen bewachten Parkplatz ab. Von hier aus können wir die Altstadt zu Fuß erkunden.

Schon nach wenigen Minuten sind wir mitten im Geschehen einer Marktstraße, in der frisches Obst und Gemüse zu sehr günstigen Preisen verkauft werden. Hier kaufen die Einheimischen ein, sie sind aber auch diejenigen, die wir bei unserem weiteren Rundgang treffen. Touristen sind wenige unterwegs.

Die historische Markthalle von 1907 besticht leider nur durch ihr Äußeres. Die früheren Stände sind einem Supermarkt gewichen.

Sofia ist über 7000 Jahre alt und damit eine der ältesten Städte Europas. 500 Jahre war sie Teil des Osmanischen Reiches, was im Stadtbild durch Moscheen Spuren hinterließ, zum Beispiel die Banja-Baschi-Moschee.

Über vier Jahrzehnte Einfluss der Sowjetunion prägten die Stadt durch monumentale stalinistische Architektur wie beim Präsidentenpalast.

Eine Altstadt mit kleinen Häusern und verwinkelten Gassen sucht man hier vergeblich. Aber wir stoßen immer wieder auf schöne ruhige Seitenstraßen.

Auf dem Vitosha-Boulevard gibt es ähnliche Geschäfte wie in allen Fußgängerzonen, aber hier werden auch Spezialitäten wie Banitsa, traditionelle Blätterteigkreationen, angeboten.

Sveta Sofia, die Statue der Heiligen Sofia, steht für Weisheit, Macht und Ruhm.

Das unbestrittene Wahrzeichen von Sofia ist aber die Alexander-Newski-Kathedrale. Die monumentale, bulgarisch-orthodoxe Kathedrale mit ihren charakteristischen goldenen Kuppeln wurde zwischen 1904 und 1912 im neobyzantinischen Stil erbaut und ist eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt.

Jetzt sind wir fußlahm und hungrig, finden auf unserem Weg aber kein Lokal. Auch die Händlerinnen auf der Marktstraße haben schon Feierabend gemacht. Aber ein Supermarkt hat noch auf und so gibt es heute Abend mal ganz profan Kartoffelsalat und Würstchen.

Zuguterletzt: noch einmal ans Schwarze Meer

In der Nacht haben die Wölfe geheult. Nur kurz, aber spannend genug.

Als ich am Morgen um kurz nach Sechs wach werde, schlüpfe ich gleich aus dem Bus. Die Luft ist erfüllt vom Gezirpe der unsichtbaren Wasservögel, die begleitet werden von einem Chor der Frösche. Während letztes Mal Horden von Kormoranen aufs Wasser patschten, um ihre Beute aufzuschrecken, ist es jetzt friedlich. Einige Wasservögel sitzen auf Felsen oder stehen im Schilf, andere schwimmen langsam durchs Wasser. Ein paar fliegen über mich hinweg. Ich schaue dem Treiben ein bisschen zu und krieche nochmal ins Bett.

Später scheint die Sonne und wir gehen erneut auf den Aussichtssteg. Dann räumen wir das Geschirr weg, machen das Bett und den Bus startklar und begeben uns auf unsere Fahrt nach Westen. Ziel ist ein Campingplatz am Schwarzen Meer. Die Navigation ist einfach: erstmal müssen wir nur den Schildern nach Istanbul folgen.

Da wir im Reiseführer und im Internet keine sehenswerten Zwischenstopps finden, ist braune Schilder-Tag. Das erste schickt uns nach Burj Al Babas. Das Internet klärt uns auf: es handelt sich um eine verlassene Luxus-Wohnsiedlung nahe Mudurnu. 2014 baute ein Investor hunderte identische Mini-Schlösser im Disney-Stil. Fünf Jahre später scheiterte das Projekt an Insolvenz, wodurch die Villen unbewohnt blieben. Heute gilt es als eine der bekanntesten „Geisterstädte“ und als beliebtes Ziel für urbane Entdecker. Das lassen wir uns doch nicht zweimal sagen.

Wir biegen von der Schnellstraße ab, fahren vier Kilometer – und müssen nicht suchen. Unfassbar, was manche Menschen sich ausdenken.

Eine Zeit lang sollen hier tatsächlich ein paar Millionäre gewohnt haben. Ist ja alles Geschmackssache. Das Schloss als Reihenhaus. Wer’s mag.

Das nächste braune Schild lässt zu lange auf sich warten, so dass wir bei einem rot-weißen landen, das uns direkt zu hausgemachten Ayran und Gözleme führt.

Das Teewasser wird in einem großen holzbefeuerten Samovar draußen auf der Straße gekocht.

Zum Abschied werde ich von der Wirtin feste gedrückt. Ich bin etwas verhaltener, da mich der Gesamtpreis von umgerechnet 32 Euro etwas irritiert. Später lese ich im Netz, dass ich nicht die Einzige bin, die die Preisgestaltung etwas kreativ findet.

Über die achtspurige Autobahn, auf der heute kaum Verkehr ist, erreichen wir rasch den Großraum Istanbul. Wir haben die nördlichste Route gewählt und queren den Bosporus auf der Yavuz-Sultan-Selim-Brücke, die als eine der höchsten Brücken der Welt gilt. 2013 wurde der Grundstein gelegt und am 26. August 2016 wurde die Brücke offiziell für den Verkehr freigegeben.

Das Foto ist von Wikipedia

Kurz nach der Brücke verlassen wir die Autobahn. Nur um ein paar Kilometer später festzustellen, dass es den von uns ausgesuchten Campingplatz gar nicht gibt. Eine Bucht weiter soll es einen bewachten Parkplatz geben, nehmen wir halt den. Hm, der ist nicht bewacht, dafür kostenlos und mit direktem Zugang zum Strand. Dann tragen wir eben unsere Stühle dorthin. In der Sonne sitzen und das Meer rauschen hören, das hat was.

Aber wir sind ja keine Strandhocker und der Parkplatz ist auch nicht charmant. So entsteht die Idee, am Abend noch nach Edirne zu fahren. Den dortigen Stellplatz kennen wir von der Hinreise und ich habe noch etwas auf dem Wunschzettel, das ich mir morgen früh dort erfüllen kann.

Nochmal in die bunten Berge

An dieser Stelle schrieb ich es schon öfters: wir sind Wiederholungstäter. So auch heute. Vor knapp fünf Wochen waren wir bereits in Nallıhan, bei den vielen Kormoranen und den bunten Bergen, heute wollen wir nochmal dort hin. Warum auch nicht? Es liegt (fast) auf der Strecke und es hat uns dort so gut gefallen.

Aber auf dem Weg dorthin finden wir auch noch einiges Interessantes.

Als erstes kommen wir zum dritten Mal auf dieser Reise zu sogenannten Feenkaminen. Diese hier, die Feenkamine von Abacı in der Provinz Ankara, sind genau wie ihre großen Schwestern in Kappadokien oder ihre roten Brüder in Narman durch Regen und Erosion entstanden. Die bizarren Felsformationen werden oft als „Minikappadokien für Touristen“ bezeichnet. Damit müssen inländische gemeint sein, denn ausländische sind – außer in Göreme und Umgebung – in der Bergregion, die sich mitten durchs Land von West nach Ost erstreckt, kaum anzutreffen. Andere Camper können wir an einer Hand abzählen.

Das Gelände ist gut angelegt: kleine hölzerne Picknickpavillons, zwei Aussichtstürme und eine schmale Steintreppe, auf der man nach oben wandern kann. Auf Trampelpfaden kann man durch die Kamine gehen und sich einen Rückweg suchen.

Das nächste Mal halten wir 40 Kilometer weiter, um uns die Höhlen von İnönü anzuschauen. Sie wurden am Ufer des Kirmir-Flusses südlich von Ankara in den Berghang gehauen und sind ebenfalls über Treppen erreichbar. Ähnlich den Höhlen in Kappadokien wirken die İnönü-Höhlen mit ihrer zentralen Kirche wie eine kleine Dorfgemeinschaft.

Es wird vermutet, dass sie bereits während der Hethiterzeit um 2000 vor unserer Zeitrechnung genutzt wurden.

Über eine steile Abfahrt gelangen wir auf den Parkplatz, der gesäumt ist von Pavillons, die großenteils von Familien, die grillen oder picknicken, besetzt sind. Manche angeln auch im Fluss und braten die Fische gleich an Ort und Stelle. Auch wir wollen erstmal etwas essen und bereiten ein Berberomelette zu.

Gestärkt ziehen wir los. Mal schauen, wie weit wir kommen.

Ziemlich weit, der Weg ist ganz gut herausgearbeitet und ein Metallseil bietet zusätzlichen Halt.

Bis Nallıhan sind es nur 67 Kilometer. Da ist noch Zeit für einen Kaffee im nächsten Ort. Ein Café gibt es nicht, wohl aber eine Teestube, in die uns ein freundlicher Einwohner führt, obwohl hier sonst nur Männer sitzen und Rummy Cup oder Tavla spielen. Hier bekommen wir zwei türkische Mokka und noch ein paar Sightseeing-Tips für die nähere Umgebung.

Jetzt aber mal weiter zu den bunten Bergen!

Sie sind, natürlich, noch da, genauso wie die Kormorane.

Doch sonst ist einiges anders als vor ein paar Wochen. Heute sind Menschen da! Damals waren wir die einzigen Besucher. Vor allem aber gibt es mittlerweile die angekündigte Gastronomie. Tische und Stühle sind auf der Aussichtsterrasse unter großen Sonnenschirmen platziert, eine Frau backt Gözleme (dünne Pfannkuchen), Kaffee, Tee, Eis und Softdrinks werden verkauft. Alle Achtung, ich hatte nicht erwartet, dass das so schnell realisiert würde.

Wir entdecken einen Pfad, der oberhalb des Sees entlang führt und folgen dem Getschirpe und Gezirpe von, angenommen, Hunderten von Wasservögeln. Sehen werden wir sie nicht, sie sitzen gut verborgen in zweiter und dritter Reihe, verborgen hinter Schilf und bewaldeten Inselchen. Aber wir entdecken Bäume voller Kormorannester, teils mit Jungen drin.

Als wir zurückkommen, hat die Gözleme-Frau leider schon zusammengepackt. Aber es gibt noch Tee und wir genießen die Aussicht, bis es anfängt zu regnen. Da es auch windig wird und die riesigen Schirme ins Schwanken geraten, flüchten wir in den Bus. Keine Minute zu früh, denn binnen kürzester Zeit gießt und hagelt es. Die Gäste und die Belegschaft verlassen das Terrain und zurück bleibt der türkische pensionierte Lehrer im VW-Bus, der sich mit uns den Parkplatz teilt, ein oder zwei Leute, die ihr Zelt Richtung Kormorannistbäume (was für ein Wort!) aufgebaut haben und der Nachtwächter. Leider nicht Yunnus, den wir letztes Mal kennen gelernt haben. Der kommt morgen Früh, wie wir erfahren.

Und wir warten jetzt, und horchen. Ob wir wieder Schakale und Wölfe hören.

300 Kilometer nach Westen

Wir wissen noch nicht genau, wo wir heute hinfahren, ungefähr 300 Kilometer Richtung Westen. Schweren Herzens verlassen wir unseren traumhaften Platz am Schwarzen Meer, fahren von der Landzunge nördlich von Bafra runter und wenden uns westwärts. Es ist landwirtschaftlich genutztes Gebiet, durch das wir kommen. Vor allem Kohl sehen wir und Gemüse unter Folie. In den kleinen Orten ist viel los, Handel und Gewerbe werden entlang der Straße angeboten. Die alten Männer sitzen im Café, der Muezzin ruft.

Dann dürfen wir wieder in die Berge. Die Straße führt uns hoch auf über 1400 Meter. Im Hintergrund ist das Meer zu sehen. Heute ist ein warmer und sonniger Tag und wir sind neugierig, was er uns bringen wird.

Ein Drittel der Strecke fahren wir durch die Küre-Berge, die Teil des westpontischen Gebirges und seit 2000 Nationalpark sind. Das Gebiet ist durch Karstlandschaften, dichte Wälder und tiefe Täler geprägt.

Während wir auf 1400 Metern eine Temperatur von 15 Grad hatten, empfängt uns die Kleinstadt Durağan, die auf 300 Metern liegt mit 27 Grad, der höchsten auf dieser Reise gemessenen Temperatur! Das kommt überraschend.

Wir wollen uns die seldschukische Karawansersei anschauen, die direkt neben der Moschee steht. Das Freitagsgebet ist gerade zu Ende. Das Tor zur Karawansersei ist nur einen Spalt weit auf.

Auf ist nicht zu und ich quetsche mich durch. Ein großer Innenhof tut sich auf, gegenüber sehe ich ein paar Frauen in einer der Arkaden. Ich gehe hinüber, wir begrüßen uns freundlich und ich erfahre, dass die Karawanserei geschlossen ist und ein Teil davon von einigen Frauen als Weberei genutzt wird. Es ist gerade Mittagspause und wir werden eingeladen, mit ihnen zu essen. Das möchten wir aber nicht und unter vielen Dankes- und Lebwohlbekundungen verlassen wir wieder das Gebäude.

Im ersten Stock einer Lokantası, wie hier die einfachen Restaurants mit Hausmannskost genannt werden, freuen wir uns über das schöne Wetter, Köfte, Reis und Salat.

An einer Hausmauer sehen wir eine Malerei, die eine Frau im Webstuhl zeigt. Ob das Weben in Durağan eine besondere Tradition hat, kann mir das Internet leider nicht verraten.

Im Auto schalten wir die Klimaanlage ein und starten zu den nächsten 100 Kilometern. Da treffen wir auf einen Freund, den Kızılırmak, an dem wir heute Nacht so schön geschlafen und in dessen Delta wir uns so wohl gefühlt haben. Heute Nachmittag suchen wir uns an seinem Ufer einen Platz für unsere Kaffeepause. Es gibt noch Apfelkuchen von gestern.

Wir machen einen kleinen Abstecher nach Hacıhamza, um die osmanische Burg aus dem Jahr 1723 zu besuchen. Innerhalb der trapezförmig angelegten Festungsmauern befanden sich eine Moschee, eine Koranschule, eine Karawanserei und ein Hamam.

Heute ist nicht mehr allzu viel davon übrig: einige Mauerreste, auf die neue Häuser gebaut wurden, ein altes Minarett. Die osmanische Moschee wurde abgerissen und durch eine neue ersetzt. Ein freundlicher Mann, der vor der Moschee sauber macht, zeigt uns die Überreste des alten Bades und ein altes unterirdisches Backhaus.

Achim versucht, mit einer Drohnenaufnahme dem alten Grundriss nachzuspüren. Auch aus der Luft sind die alten Strukturen nur schwer zu erkennen.

Es ist mittlerweile sechs Uhr und wir müssen noch unsere letzten 100 Kilometer für heute fahren. Das ist aber über die gut ausgebaute vierspurige E 80 kein Problem und in einer Stunde erledigt.

Die Koordinaten bei Park4Night stimmen nicht ganz (auch das kommt öfter mal vor), doch ein kleiner Erkundungsgang hilft weiter und wir finden einen ruhigen Platz neben einer Quelle unter alten Weiden. Eine Nachtigall ist auch da und singt uns ihr Abendlied.

Damit es nicht zu idyllisch wird, übernehmen die Mücken die Aufgabe, uns ein bisschen zu drangsalieren.

Frühstück mit Störchen

Der Hahn schreit, der Kuckuck ruft, nur bei Storchens rührt sich nichts. Dass Störche Langschläfer sind, habe ich nicht gewusst. Ich steige aus dem Bus, um nachzuschauen, was da los ist. Schließlich ist es kurz vor Acht und wir sind umgeben von zig Storchennestern, die gestern Abend alle besetzt waren.

Sind sie auch heute Morgen noch. In manchen hocken Junge und warten geduldig auf ihr Frühstück, beim Nachbarn schnäbelt ein Paar, ganz leise, in den anderen Nestern träumen die Bewohner so vor sich hin. Oder brüten. Immer wieder mal fliegt ein Storch aus dem Nest und macht sich auf die Suche nach etwas Essbarem oder Ersatzteilen fürs Nest.

Auch auf dem Dach des Beobachtungsturms, neben dem wir geschlafen haben, hat es sich eine Familie gemütlich gemacht. Wir machen jetzt erstmal Frühstück. Im Freien natürlich. Die Störche gucken, wir gucken, geredet wird nicht viel, bei uns mehr als bei ihnen. Ganz schön relaxte Bande.

Es ist schon halb Elf, als wir unser Frühstück mit Störchen beenden und ein Stück weiterfahren. Es ist nur ein halbes Stündchen Rumpelpiste, bis wir dort sind, wo der Kızılırmak ins Schwarze Meer fließt. Hier wollen wir heute bleiben und uns einen entspannten Tag machen. Storchens haben es uns vorgemacht.

Wenn wir uns auf Park4Night ein Plätzchen aussuchen, ist es oft so, dass es uns dort gefällt. Es ist aber nicht immer so. Manchmal ist der Platz mit unserem Camper nicht zu erreichen, weil die Straße zu sandig, zu matschig oder zu steil ist. Manchmal erscheint er uns ungeeignet, weil er zu nah an den Hãusern oder einer Straße ist oder wir es dort nicht schön finden. Deshalb sind wir immer sehr gespannt, wenn wir uns dem ausgewählten Platz nähern. Und die Freude ist groß, wenn alles passt oder, so wie heute, es umwerfend schön ist.

Wir sind umgeben von einem kleinen Hafen, dem Fluss und dem Schwarzen Meer, das heute blau ist. Menschen? Keine. Müll? Ja. Ich sammele zwei Plastiktüten voll ein, dann ist es sauber.

Den Rest des Tages sitzen wir vor dem Bus, gehen ein bisschen spazieren, schauen aufs Wasser und die Vögel, lesen und genießen.

Ruhetag ist auch Backtag. Nach dem Spaziergang gibt’s mal wieder Apfelkuchen.

Ansonsten: Programm wie oben.

Spaziergang mit Bűffeln

Mit so einem Ausblick wird man doch gern wach.

Gestern Abend waren die Händler im großen Bazar schon dabei, ihre Waren zu verräumen, als wir um Sieben dort ankamen. Deshalb schauen wir uns heute nach dem Frühstück dort um.

Das Gebäude ist sehr schön, aber das Warenangebot besteht leider ausschließlich aus Billigklamotten. Abgesehen davon sind wir von Amasya sehr begeistert.

Wir weichen jetzt von unserem Westkurs ab und machen einen Schlenker nach Norden Richtung Schwarzes Meer. Der 1355 km lange Kızılırmak ist der längste ausschließlich durch die Türkei fließende Fluss. Er mündet bei Bafra ins Schwarze Meer und bildet dabei ein riesiges Delta, das wir uns heute anschauen möchten.

Das Vogelschutzgebiet im Kızılırmak-Delta ist eines der größten und am besten erhaltenen Feuchtgebiete an der türkischen Schwarzmeerküste.

Es hat eine Vielzahl verschiedener Lebensräume, von Stränden bis zu überfluteten Wäldern, von Sanddünen bis zu Schilfgebieten und von Wattflächen bis zu Sümpfen. Hier brüten  140 Vogelarten und es liegt auf der Zugroute von jährlich über 7 Millionen Vögeln.

Seit 2016 ist das Vogelschutzgebiet auf der Vorschlagsliste für das UNESCO-Weltnaturerbe.

Begrüßt werden wir von ein paar Wasserbüffeln mit ihren Jungen, die hier als Landschaftspfleger dienen, indem sie das Gras kurz und die Lagune frei von Pflanzen halten.

Bald ist die Straße für Autos gesperrt und wir steigen um in den E-Bus, der hier eine eineinhalbstündige Tour durchs Kerngebiet anbietet.

Unterwegs sehen wir einige Vögel wie Wiedehopf, Seidenreiher, Störche, Schilfrohrsänger, Kormorane, Löffler und Sichler.

Auf der Rückfahrt erzählt unser Fahrer einiges über das Delta und weist auf Vögel in der Lagune hin. Leider sind unsere Türkischkenntnisse dafür nicht ausreichend.

Wir machen uns zu Fuß auf den Weg. Es gibt einen Wanderweg von hin und zurück sieben Kilometern.

Zunächst hören wir nur Frösche, dann tun sich Hindernisse vor uns auf…

… die uns dankenswerterweise durchlassen.

Rechts und links von uns hören wir die Büffel grunzen. Ich weiß zwar, dass sie uns nichts tun, aber als ein Koloss unerwartet aus dem Wasser auf den Weg springt und mich direkt anschaut, hab ich das vergessen.

Zur Entspannung höre ich wieder den Fröschen zu.

Immer wieder steigen Reiher auf, die sich durch uns gestört fühlen.

Gegen Ende des Weges sehen wir immer mehr Vögel: Kuhreiher, Seidenreiher, Dommeln, Haubentaucher, Seeschwalben. Hach!

Und unsere Freunde sind auch wieder da.

Für die Nacht steuern wir einen Platz an einem Storchenbeobachtungsturm an. Ringsum sind Nester in den Bäumen und der eine oder andere Bewohner segelt gerade heim. Geklappert wird noch überall. Wie wird das erst morgen Früh sein?

Bei Regen durch die Berge

Es gibt ab und zu Tage, an denen nicht viel passiert. Selten zwar, aber doch. Heute scheint so einer zu sein. Vom Wasserfall bei Girvelik nach Amasya sind es 400 Kilometer. Wir wollen heute mal ein bisschen Strecke machen und Amasya ist ein sehr lohnenswertes Ziel.

Das Wetter verleitet uns dazu, Reisepläne für sonnigere und wärmere Gefilde zu schmieden. Drei Grad und Regen! Irgendwann ist das selbst uns genug. Das geht so weit, dass wir überlegen, unsere für den Herbst geplante Reise nach Finnland und Norwegen gegen eine nach Griechenland zu tauschen. Und wie ist eigentlich das Wetter am Schwarzen Meer? Ach, wenn ich den Reiseradler sehe, der sich gerade im strömenden Regen den Berg hochkämpft, geht es uns doch gut. Wir haben es schließlich warm im Bus und werden nicht nass. Außerdem hört der Regen auch mal wieder auf.

Außer Fahren und Landschaft genießen machen wir am Vormittag nur Camper-Sachen: Abfall entsorgen, Tanken, Clo entleeren, Grauwasser ablassen, Frischwasser an einer Quelle tanken. Das ist hier in der Türkei wie auch in Georgien überall möglich. Alles andere müssen wir uns suchen und ist in der Regel nicht an einem, sondern an verschiedenen Spots zu finden.

Irgendwann sind wir auch wieder versöhnt mit unserer Fahrt durch die Berge, denn es ist einfach schön hier. Immer wieder bieten sich uns neue Anblicke. Außerdem sind wir jetzt tausend Meter tiefer, auf nur noch 700 Meter, und die Temperatur ist auf 14 Grad geklettert.

Auf halber Strecke machen wir Mittagspause in dem kleinen Ort Koyulhisar und bekommen Lahmacun, das wir uns für heute Mittag gewünscht hatten.

Noch 100 Kilometer bis zur Kaffeepause. Die Kuchenauswahl beschränkt sich auf ein einziges Schokocroissant, aber der türkische Kaffee ist perfekt und weckt die Lebensgeister für die Fahrt bis Amasya.

Hierhin fahren wir wegen der Felsengräber, imposante, in den Kalkstein des Berges Harşena gehauene Grabstätten aus dem 3. bis 1. Jh. v. Chr. Sie sind Teil der königlichen Nekropole der Pontischen Könige, wurden 2014 in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste aufgenommen. Und das Beste: von unserem Parkplatz aus haben wir den Logenplatz und können direkt draufschauen.

Es ist 18 Uhr und wir haben noch genügend Zeit, uns die Gräber aus der Nähe anzuschauen. Wir laufen zwei Minuten zum Fluss, überqueren ihn auf einer Fußgängerbrücke und steigen auf Holztreppen hoch zu den Gräbern.

Von hier oben hat man einen großartigen Blick auf die Stadt, die sich dicht an die sie umgebenden Felsen schmiegt.

Der älteste Teil der Stadt liegt unterhalb der Felsengräber jenseits des Flusses und kann viele toprestaurierte Häuser im osmanischen Stil aufweisen.

Müde und hungrig freuen wir uns über ein leckeres Abendessen und fragen uns später im Bus, warum denn wohl die Gräber nachts nicht angestrahlt sind. Das wäre wirklich schön.

Entlang des schwarzen Wassers

Wir können uns nicht trennen. Die Landschaft fasziniert uns so sehr, dass wir nach dem Frühstück noch einmal zu den Feenkaminen laufen. Diesmal nehmen wir auch die Ferngläser mit, die wir gestern Abend leider im Bus vergessen hatten. Die Kamera ist natürlich immer dabei.

Viele Vögel fliegen aus dem Gras hoch, wenn wir uns nähern, etliche hocken auf den Felsen, andere kreisen über uns. Wir sehen Adler, Steinschmetzer, Lerchen, Stare und Neuntöter (das weiß nicht ich sondern Achim, der sie teilweise erkennt und teilweise später bestimmt). Heute ist der Himmel blau und die Sonne scheint.

Kaum sind wir losgefahren, entdecken wir am Straßenrand ein Schild: „Fairy Chimney Observation Terrace, 3 km“, das wollen wir uns ansehen. Eine kleine asphaltierte Straße führt uns mittendurch und wir kommen aus dem Staunen gar nicht raus.

Aber dann, nach etwa einem Kilometer hat der Spaß ein Ende. Diese Straße ist schon länger abgebrochen. Zum Glück muss Achim nur ein kurzes Stück rückwärts fahren, bis eine Stelle zum Wenden kommt.

Weiter geht’s. Wir lassen die Großstadt Erzurum links liegen und suchen uns für die Mittagspause ein Plätzchen am Karasu (Schwarzes Wasser), einem der zwei Quellflüsse des Euphrat. Suchen und suchen und finden nichts. Der eine Platz ist nur über eine hohe Kante, die Achim nicht fahren will, zu erreichen, der andere ist vermüllt, der nächste ist vermüllt…

Plan B: haben wir nicht. Mal sehen… Wir sind jetzt auf einer Schnellstraße gelandet, da ist das mit dem Ausschau halten nicht so einfach. Rechterhand sind bestellte Felder und Wiesen, im Hintergrund die Berge, sieht doch auch schön aus. Da vorn kommt eine Ausfahrt, die nehmen wir. Passt.

Bis zum Girlevik-Wasserfall bei Erzincan sind es 150 Kilometer. Die fahren wir am Nachmittag, immer am schwarzen Wasser, dem Karasu, entlang, in einem Rutsch.

Unser Platz für heute Nacht ist in Sicht- und Hörweite zum etwa 30 Meter hohen, in drei Stufen herabstürzenden Wasserfall. Obwohl es nieselt, gehen wir raus, um ihn aus der Nähe anzuschauen.

Der Wasserfall ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Großstädter aus dem benachbarten Erzincan und für sie gibt es hier einen hübsch angelegten Park mit Tischen und Stühlen fürs Picknick und diverse Verkaufsstände. Heute ist alles zu und wir sind die Einzigen, die den mächtigen Wasserfall bewundern.

Achim holt noch seine Drohne, denn es hat aufgehört zu regnen und ich schicke meinem liebsten Sohn, über den ich mich so freue, Geburtstagswünsche. Ganz viele. Von ganzem Herzen.

Zurück in der Türkei

Bis zur Grenze sind es 20 Kilometer. Es ist eine kurze schöne Fahrt durch den kleinen Kaukasus.

In Georgien sind die Formalitäten ruckzuck erledigt inklusive Besuch bei der Liberty Bank, um unser Knöllchen zu zahlen.

Auch die türkische Passkontrolle ist problemlos. Lediglich der Zoll hält uns mit seltsamen Formalitäten auf. Ein junger Mann in Uniform, der auf meine Aufforderung hin brav seine Schuhe auszieht bevor er den Bus inspiziert, fotografiert Bett, Kühlschrank und Herd. Er kann mir nicht erklären warum, zuckt mit den Achseln, lächelt entschuldigend. Er fordert uns auf, ihm in sein Büro zu folgen, wo seine Kollegin irgendeinen Kampf mit ihrem Computer und meinem zugegebenermaßen etwas komplizierten Namen austrägt. Mit Hilfe meines Personalausweises und meines Führerscheins löst sie ihr Problem und wir dürfen einreisen. Willkommen in der Türkei!

Das feiern wir im ersten größeren Ort auf unserer Route, Posof, mit einem guten Mittagessen mit Mantı (kleine Teigtaschen) und Huhn in Tomatensauce.

Es gibt drei Grenzübergänge zwischen Georgien und der Türkei. Bei der Einreise hatten wir den nördlichen am Schwarzen Meer bei Batumi gewählt, heute sind wir über den mittleren gekommen. Wir haben im Moment kein wirkliches Ziel. Entscheidend ist: westwärts und schön. Für heute ist eine Fahrt auf kleinen Straßen durch die Berge angesagt.

Hinter Posof geht es rasch hoch. Bald ist die Schneegrenze erreicht, unser höchster Punkt liegt auf 2550 Metern. Die Straße ist trocken und ohne Schlaglöcher und wir genießen die weite Sicht auf die umliegenden Berge.

Immer noch auf 2000 Meter queren wir den Fluss Kura, dem wir gestern schon gefolgt sind und der auch durch Tiflis fließt. Er entspringt hier in der Nähe, durchquert Georgien und Azerbaidschan, wo er ins Kaspische Meer mündet. Mit 1500 Kilometern Gesamtlänge ist die Kura der längste Fluss im Südkaukasus.

Vor Göle, wo wir Kaffee trinken wollen, fahren wir durch ein Feuchtgebiet.

Ein Kaffee und eine gute Auswahl an Baklava machen den Fahrer wieder fit. Der kann mittlerweile sogar schon selbst auf Türkisch seinen zweiten Kaffee bestellen.

Ich kann leider seit meinem Sturz in Istanbul nicht fahren, weil die Blutergüsse im Oberschenkel beim Sitzen schmerzen. Vor dem Beifahrersitz steht deshalb seither ein Höckerchen, auf dem ich das Bein abstellen kann.

Außer Essen, Trinken, Gucken und Fahren haben wir heute nichts gemacht. Auf der Suche nach einem schönen Übernachtungsplatz stoßen wir am Nachmittag zufällig auf etwas ganz besonderes: Die Feenkamine von Narman in der Provinz Erzurum sind faszinierende, durch Erosion geformte rote Felsformationen, die als „Land der roten Feen“ bekannt sind. Diese bis zu 300 Millionen Jahre alten geologischen Wunderwerke stehen auf der UNESCO-Vormerkliste.

Wir parken den Bus, zögern aber noch mit einem Erkundungsgang, denn jetzt regnet es kräftig, es ist windig und das Ganze bei acht Grad. Ein Tavla und einen Gin Tonic später hat sich das Wetter beruhigt, wir ziehen uns warm an und machen uns auf zur Besichtigungstour.

Es gibt diesen Spruch von Langstreckenwanderern „Der Weg sorgt für Dich.“ Diese Erfahrung teilen wir auch immer wieder. Heute zum Beispiel.