Von anatolischen Geparden, Çiğ Köfte und schneebedeckten Bergen

Gestern habe ich mich bereits gewundert, warum google sich gewünscht hat, dass ich meine Meinung zum Prof. Dr. Ali Demirsoy Doğa Tarihi Müzesi abgebe. Ich habe doch keine Ahnung, was das ist. Bis Achim gestern Abend entdeckte, dass es sich dabei um ein Naturkundemuseum handelt. In Sichtweite unseres Stellplatzes. Es macht um Neun auf und wir wollen es uns anschauen.

Es ist in der örtlichen Mittelschule untergebracht und dem türkischen Biologen Ali Demirsoy, der in Kemaliye geboren und aufgewachsen ist, zu verdanken. Zeit seines Lebens sammelte er Fossilien, Mineralien, Flechten, aber auch Schlangen, Schmetterlinge, Insekten sowie Skelette von großen und kleinen Tieren.

Ein Wärter sperrt den Raum, in dem die Sammlung untergebracht ist, für uns auf und begleitet uns durch die Ausstellung. Sein Englisch ist so rudimentär wie mein Türkisch, aber mit Hilfe des digitalen Übersetzers erläutert er uns die Herkunft und Besonderheiten der Fundstücke.

Wir bewundern außergewöhnliche Schnecken, bunte Seesterne, das Skelett eines Igels und das Fell eines anatolischen Geparden aus Erzincan. Oh, das ist unsere nächste Station! „Be careful!“, scherzt der Wärter.

Den Anatolischen Leoparden gibt es noch, allerdings ist er vom Aussterben bedroht. Lange Zeit galt er als verschollen, doch neuere Sichtungen und Kamerafallen-Aufnahmen (zuletzt 2024) bestätigen sein Überleben in der Türkei. Experten schätzen, dass noch etwa 10–15 Exemplare in freier Wildbahn leben.

Dann begleitet uns unser freundlicher Führer noch zum Skelett eines indischen Elephanten, der 1999 starb und der Universität in Ankara geschenkt wurde. Es ist wohl Prof. Demirsoy zu verdanken, dass er in die Pausenhalle der Schule in Kemaliye umzog.

Ab und zu fragen wir uns auf Reisen: „Was mache ich hier eigentlich? Wäre ich jetzt nicht doch lieber zuhause?“ Etwa wenn es draußen kühl, grau und nass ist. Dann wiederum haben wir herzliche Begegnungen, entdecken etwas Interessantes oder werden mit schönsten Ausblicken beschenkt und wissen wieder, warum wir so gern reisen.

Einen Gepard haben wir im 150 Kilometer entfernten Erzincan nicht gefunden, wohl aber einen Çiğköfteci, der uns leckere Bulgurbällchen serviert, uns zu Ayran und Tee einlädt, uns nicht bezahlen lässt und uns obendrein noch eine große Tüte mit Çiğköfte für heute Abend mitgibt. Unfassbar!

Çiğ Köfte haben eine charakteristische Form, die durch das Kneten mit den Fingern entsteht; sie werden gegessen, indem man sie mit einem Salatblatt aufnimmt und sie zusammen mit etwas Soße in dieses Blatt einwickelt oder, wie in unserem Fall, in ein Wrap. Früher wurden sie mit magerem rohen Hackfleisch gegessen, heute ist in der Gastronomie nur noch die vegetarische Variante mit Bulgur erlaubt. Gewürzt wird mit Zwiebeln, Knoblauch, scharfer Paprikapaste, Tomatenmark, Zitrone, Kreuzkümmel, Pfeffer, Salz, Granatapfelsirup und gemahlenem Koriander. Zuletzt kommen frische Minze oder Petersilie hinzu.

Dann erwischt uns nochmal der Winter. Die Berge um uns herum sind voller Schnee, das Thermometer zeigt zwei Grad, wir sind aber auch auf 2000 Meter.

Wir übernachten bei 4 Grad auf 1600 Metern und nehmen innerlich schon mal Abschied vom Taurusgebirge. Denn morgen fahren wir hinunter ans Schwarze Meer.

Im Schwarzen Canyon

Wir wurden schon vor Monaten auf den Karanlık Kanyon, den Schwarzen Canyon, aufmerksam. In verschiedenen Youtube-Videos sahen wir spannende Durchfahrten auf dem Motorrad und in einem (fast stecken gebliebenen) VW-Bus. 31 Tunnel auf 8,5 Kilometern, genannt Taș Yolu, Steinweg, machen den spektakulärsten Abschnitt der insgesamt 25 Kilometer langen Strecke aus. Gigantische Aussichten durch Felsdurchbrüche oder am Abgrund entlang auf die darunter liegende Schlucht machen es reizvoll. Diese Straße, die bis heute zu den beeindruckendsten und gefährlichsten der Welt zählt, zieht Reisende, Offroad-Fans und Motorradfahrer an. Ein Camper ist nicht das geeignete Gefährt, aber wir wollen die Möglichkeiten, die wir haben, vor Ort erkunden.

Wir haben mit den Bussen nur ein paar hundert Meter vom Startpunkt entfernt übernachtet und machen uns zu Fuß auf den Weg. Vor dem ersten Tunnel steht eine beeindruckende Ansammlung von Schildern. Es wird gewarnt vor Steinschlag, unbefestigter Straße und auch die maximale Breite und Höhe sind angegeben. Nur befahrbar bis 2,20 m Höhe und 1,70 m Breite steht es geschrieben. Wir sind 2,60 m hoch und 2,20 m breit. Eine Durchfahrt mit unseren eigenen Fahrzeugen können wir also schon mal vergessen.

Ein einziger Motorradtourist aus Italien fährt in den Tunnel hinein, ansonsten ist keinerlei Verkehr. Eine Wandergruppe macht sich zu Fuß auf den Weg.

Auf der anderen Flussseite ist ein Café. Hier schwingen sich Unternehmungslustige mit einer Zipline über den Fluss, andere steigen in ein Boot und schippern ein halbes Stündchen durch die Schlucht.

Meine drei Mitreisenden beschließen, die Straße zu Fuß zu erkunden, ich selbst bin wegen meines gezerrten Muskels heute gehandicappt und lege einen Ruhetag im Bus ein. Die Aussicht vom Bett könnte nicht besser sein.

Achim erzählt mir später, dass sie eine ganze Weile gelaufen sind, bis die Tunnelstrecke losging und er zeigt mir Fotos mit sensationellen Aussichten auf den Canyon. Einmal kommt dann auch ein Fahrzeug daher und bietet ihm ein schönes Fotomotiv.

Mein halber Ruhetag wird unterbrochen von zwei Motorradfahrern aus Irland und Italien. Dorothee und Alain hatten sie im Tunnel getroffen und zu uns geschickt nach dem Motto: „Achim ist auch Motorradfahrer. Fahrt ruhig mal bei ihm vorbei!“ Stimmt. Achim freut sich, kocht Kaffee und schon sitzen die Drei vor meiner Bettstatt und wir plaudern gemütlich.

Als Dorothee und Alain wiederkommen, sind die beiden schon weg, aber wir setzen uns nun alle zur Brotzeit ins Freie.

Später schauen wir uns den Ort an: ein hübsches Bergdorf mit vielen Konaks, alten Häusern, unten aus Stein und oben aus Holz und Lehm.

Gemeinsam mit dem Dark Canyon steht der Ort Kemaliye auf der Vorschlagsliste des Weltkulturerbes. Zurecht, wie wir finden.

Zum Euphrat

Schon vor dem Frühstück nutzen wir eine Regenlücke und machen uns auf in die Șuğul-Schlucht. Bald ist es mit dem schön angelegten Spazierweg vorbei und ein Naturweg bietet uns einen Mix aus Wandern, Balancieren und Kraxeln an. Das sind wir ja schon gewöhnt und bei den heiklen Stellen hilft Liebstachim mir.

An unserem Wendepunkt tropft es oben kräftig von den Felsen, so dass wir den Unterschied zum bald einsetzenden Regen fast nicht merken. Wir treffen zwei junge Männer aus Gaziantep, Brüder auf Wochenendtour. Sie erzählen begeistert, dass sie hier nicht nur Mauersegler, wie wir gestern Abend, sondern auch schon Adler und Geier gesehen haben.

Wir frühstücken, kaufen im nächsten Ort ein, werden dort im Laden zum Plausch und zum Kaffee eingeladen, holen Geld und wenden uns wieder dem Taurus-Gebirge zu. Heute fahren wir über kleinere Straßen als gestern. Auf gutem Teer führen sie uns, immer etwa auf 1700 Metern, schwungvoll durchs weite wilde Bergland.

Die erste Ortschaft nach etwa 80 Kilometern ist Kangal. Kangal? Kangal? Das sagt uns doch was? Als wir vor ein paar Jahren in Namibia waren, haben wir den Cheetah Conservation Fund, eine Art Waisenhaus für Geparde, besucht. Die Mütter dieser Tiere waren zumeist von Farmern erschossen worden, weil sie ihre Nutztiere gerissen haben. „Es ist verständlich, dass die Bauern ihr Hab und Gut schützen wollen. Wenn es um eine bedrohte Art geht, ist es aber problematisch“, schrieb ich damals im Blog.

Und so kam die Gepardstiftung auf den türkischen Hütehund, den Kangal. Er wird hier trainiert, sich zwischen den angreifenden Gepard und die Ziegenherde zu stellen und sie so zu schützen. Farmer können sich einen solchen bereits trainierten Hund kaufen, um künftig keine Geparden mehr schießen zu müssen.

Hier in Kangal wurde dem Kangal ein Denkmal gesetzt, denn das Tier gilt als wertvolles Kulturgut. Die Region gilt seit dem 12. Jahrhundert als Hauptverbreitungsgebiet dieser Herdenschutzhunde, die hier gezielt zur Verteidigung von Schafherden gegen Raubtiere gezüchtet wurden. 

Es ist so schön, wenn man morgens losfahren kann, ohne zu wissen, wer oder was einem im Laufe des Tages begegnet. Sicher scheint nur zu sein, dass stets kleine oder große Entdeckungen auf uns warten.

Die nächste finden wir in weiteren 70 Kilometern: die Ulu-Moschee in Divriği ist Weltkulturerbe. Ein sehr beeindruckendes Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert.

Von außen ist sie sehr schön, von innen sensationell. Nur warmer Sandstein umgibt uns, von Architekten virtuos zusammengesetzt, von Steinmetzen meisterlich bearbeitet.

Auch die Akustik ist sehr besonders. Leise Stimmen werden verstärkt, ich singe ein paar Töne, die sogleich den gesamten Raum erfüllen.

Draußen erklärt uns ein Wärter, dass dies NICHT die Moschee sei, sondern das von der Ehefrau des Erbauers eingerichtete Krankenhaus. Ob wir die besondere Akustik wahrgenommen hätten. Hier hätte man damals bereits versucht, die Kranken mit Vogelgezwitscher, Wasserrauschen und Musik zu heilen.

Nun also zum linken Eingang, der Moschee. Auch sie betreten wir durch ein prächtiges Eingangstor. Der hilfreiche Wärter zeigt uns, dass man in der rechten Hälfte den Schattenwurf eines lesenden Menschen erkennen kann.

Innen ist auch sie sehr schön, aber mein Herz weilt noch im Krankenhaus, dem schönsten.

Noch 90 Bergkilometer sind es bis Kemaliye, dem Ort am Euphrat, zu dem wir heute noch wollen.

Wir blicken weit ins Gebirge hinein, die Berge präsentieren sich in den verschiedenen Schichten, Formen und Farben, nach jeder zweiten Kurve brechen wir in „Ahs“ und „Ohs“ aus. 

Plötzlich ist der Fluss unter uns. Es ist das erste Mal auf dieser Reise, dass wir den Euphrat sehen.

Das Auto klettert nochmal hoch auf 2000 Meter, dann geht es zügig bergab. Es ist schon dunkel, als wir die Busse oberhalb des Euphrat abstellen. Und wir wissen jetzt schon: Morgen wartet ein weiterer Höhepunkt auf uns: der schwarze Canyon.

In der Luft

Um 5.08 Uhr wird der Ballon ausgerollt. Die Crew bläst Luft hinein, der Stoff bläht sich auf. Dann muss es schnell gehen, denn wir sind noch an unserem Truck befestigt und den sollten wir besser nicht auch noch mit in die Höhe nehmen. Wir vier und noch so um die 20 Leute klettern über eine Minileiter in den Korb. Dann heben wir ab. Langsam dämmert es.

Schnell sind wir auf 500 Meter. Unter uns die Lichter der Stadt, um uns herum viele Ballone. Wir fahren auf eine Felswand zu, scheinbar im letzten Moment lässt der Pilot heiße Luft in den Ballon und wir steigen hinauf. Schweben. Staunen.

Und es geht wieder hinunter. Die Apfelblüten unter uns sind zum Greifen nah. Lautlos gleiten wir über die zerklüftete Landschaft. Um kurz nach Sechs geht die Sonne auf. Andächtiges Schweigen an Bord.

Wir genießen die Stille, die uns umgibt, lediglich unterbrochen vom Zischen des Gases, mit dem unser Kapitän sporadisch für einen Hitzeschub im Ballon sorgt. Auch wir bekommen von der Wärme etwas ab, was bei 7 Grad sehr angenehm ist.

Nach knapp einer Stunde sinken wir. Unsere Begleitfahrzeuge kurven um uns herum, der beste Landeplatz wird gesucht. Wir waren schon gleich zu Anfang instruiert worden, wie wir uns während der Landung zu verhalten haben. Als des Piloten Stimme energisch ruft: „Landing position!“ hocken wir uns alle hin und halten uns an den Griffen fest (gar nicht so einfach mit einem gezerrten Muskel). Rummmms, setzen wir auf.

Binnen weniger Minuten gelingt es dem Team, wie wir es gestern schon bei anderen beobachtet hatten, unseren Korb auf einen Anhänger zu hieven. Präzisionsarbeit. Applaus für den Piloten und die Crew.

Mit einem Glas „Champagner“ (alkoholfreie rote Limo?) und einem schönen Zertifikat endet unser Abenteuer.

Oh, doch nicht ganz. Kann man die Heimfahrt mit einem singenden und am Steuer tanzenden Busfahrer auch noch als abenteuerlich bezeichnen? Lustig war’s auf jeden Fall.

Später, nach einem ausführlichen Nachspüren und Frühstück mit Aussicht machen wir uns auf den Weg nach Osten. 250 Kilometer sind es bis zum Landschaftsschutzgebiet Șuğul bei Gürün.

Kurz nach dem Start stoppen wir allerdings schon wieder. Auf der alten Seidenstraße gibt es so viele Karawansereien. Diese hier heißt Sarıhan und wird gerade von einem Brautpaar als Fotokulisse genutzt.

Nachdem wir den Großraum Kayseri verlassen haben, heißt es: „Fahren Sie 140 Kilometer geradeaus! „

Da wir eine sehr ausführliche Pause inklusive Mitttagsschläfchen am Fluss Zamantı machen, kommen wir nach einer windgebeutelten Fahrt erst um  halb Sieben an unserem Tagesziel im Șuğul-Tal an. Meist führt uns die Straße über 1600 Höhenmeter, der höchste Punkt, den wir befahren, ist auf 1900 Metern. Rechts und links liegen Schneereste, die Berge sind kahl. Es gibt kaum noch Ortschaften. Wir brauchen noch Salat fürs Abendessen. „Auf 100 Kilometern wird es ja wohl noch einen Supermarkt geben“, meint Achim. Hier nicht. Hier lebt ja auch kaum einer. Dann gibt es die Nudeln mit Thunfischsauce halt ohne Salat.

Kurz vor Gürün biegen wir links ab und erreichen nach drei Kilometern den Besucherparkplatz fürs Landschaftsschutzgebiet Șuğul. Zahlreiche Picknickpavillons laden zum Verweilen ein. Im Sommer ist hier bestimmt einiges los.

Der Şuğul Canyon wurde maßgeblich vom Fluss Tohma Çayı geformt. Der glasklare Fluss hat sich tief in die Felsen des Taurus-Gebirges gegraben und bildet dort eine Schlucht mit Wasserfällen und Terrassen.

Ein neu angelegter Spazierweg verlockt uns zu einem kleinen Abendspaziergang. Wenn das Wetter es zulässt, wollen wir die Gegend morgen etwas näher erkunden.

Zwischen Ballonen und Feenkaminen

Irritiert lausche ich, ob es unsere Heizung ist, die um halb Sechs diesen Krach macht. Oder ist es der Kühlschrank? Achim schiebt das Rollo hoch: „Es geht los!“ Im Pyjama steigen wir aus dem Bus und staunen. Eine Phalanx von Ballonen steht aufgereiht im Tal, langsam steigt einer nach dem anderen auf. Das Zischen des Gases war das Geräusch, das uns geweckt hat.

Schnell füllt sich das Plateau, auf dem wir heute Nacht allein standen. Ein PKW nach dem anderen kommt und bald sind an die Hundert Schaulustige um uns herum. Eine Gruppe roter Cabrios hat sich versammelt, elegant die Besatzung.

Ein Kameltreiber bietet zwei Tiere für einen Ritt an, erfolglos.

Die Damen posieren, die Handys klicken, rund 80 Ballons sind am Ende um uns herum.

Der Cafébetreiber, der uns gestern Abend schon willkommen hieß und uns erklärte, wo wir uns hinstellen dürfen, bietet heiße Getränke an, macht ein gutes Geschäft und beschallt den Platz mit internationalen Schlagern. Adamo war auch dabei.

Was für ein Spektakel – am Himmel und auf der Erde.

Einige Ballons landen nach etwa einer Stunde auf unserem Plateau. Die Transportanhänger sind eingetroffen und die Piloten versuchen, direkt darauf zu landen.

Die Fahrgäste applaudieren, der Sekt wartet schon auf sie.

Wir stellen Tisch und Stühle auf und frühstücken. Bald sind wir wieder allein hier oben.

Unter uns liegt das sogenannte „Liebestal“, aber es gibt keinen Weg hinunter, wir müssen mit unseren Campern hinfahren. Das Liebestal hat seinen Namen von den vielen bis zu 40 Meter hohen phallusförmigen Feenkaminen, die hier allerorten stehen. Es gibt schöne Wege durchs Tal, wie immer teils zum entspannten Flanieren, teils zum Kraxeln und Aufpassen, dass man nicht ausrutscht.

Nach zwei Stunden pausieren wir und laufen dieselbe Strecke wieder zurück. Was nichts macht, denn das Licht ändert sich im Laufe der Zeit und der Blickwinkel ist stets ein neuer.

Nun gelüstet es uns nach Kaffee und Kuchen und einem kleinen Stadtbummel in Göreme. Dann suchen wir die Pension, in der wir vor Jahren auf zwei Reisen gewohnt haben und in der ich einen der schönsten Abende meines Lebens mit zwei türkischen, zwei israelischen und mehreren italienischen Musikerinnen und Musikern verbracht habe. Wir erkennen das Haus im Fels wieder, aber der Besitzer hat gewechselt, es gibt neue Anbauten und die Nachbarschaft wie die gesamte (Alt-)stadt platzt vor Geschäften, Bars, Restaurants, Hotels und Pensionen. Zur Hauptsaison möchte ich nicht hier sein.

Schon in Istanbul hatten wir nach einem neuen Tavla/Backgammon Ausschau gehalten, aber nichts gefunden. Hier kaufen wir eins und weihen es noch am Nachmittag ein.

Heute gehen wir früh ins Bett, denn morgen Früh… müssen wir auf jeden Fall sehr früh aufstehen.

Gastfreundschaft und Göreme bezaubern

Ein braunes Schild am Straßenrand lockt uns ins kleine Gaziemir, zu einer erst 2006 per Zufall entdeckten Anlage. Sie gilt als weltweit einzige unterirdische Karawanserei und wurde nicht wie ihre berühmte Schwester Derinkuyu in tiefste Tiefen gebaut sondern einstöckig in die Breite. Die Anlage bot Platz für die reisenden Händler, ihre Tiere und Waren, eine Küche, eine Anlage zur Weinherstellung und eine Kirche.

Leider ist sie derzeit geschlossen. Zu unserem Glück ist stellenweise das Dach eingebrochen, so dass wir ein bisschen sehen können. Aber auch nur, weil es uns ein Einheimischer zeigt. Wir bedanken uns dafür bei ihm und wollen zu unserem Auto gehen, aber er winkt uns, wir sollen mitkommen.

Eine junge Frau tritt aus einem Haus und trägt ein großes Tablett voller Gözleme (dünne gefüllte türkische Pfannkuchen). „Bitte nehmt!“, werden wir aufgefordert. „Wirklich?“, vergewissern wir uns. „Ja! Bitte!“ Dankend langen wir zu. Hmmm, lezzetli, köstlich! Der Mann winkt uns weiter. „Gel! Gel!“, „Kommt!“ Wir folgen ihm in einen dunklen Raum, der aus dem Fels gearbeitet worden war. Als sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, erkenne ich die Szenerie: Sechs Frauen sitzen im Halbrund auf niedrigen Hockern und bereiten Gözleme fürs ganze Dorf zu.

Auch sie heißen uns vielstimmig willkommen und fordern uns auf, nochmal bei dem riesigen Berg Gõzleme zuzugreifen. Ein Stuhl für mich wird organisiert, Ayran, gesalzener Joghurt, serviert. Einmal im Monat treffen sie sich, um Gözleme für alle Haushalte herzustellen, erfahren wir.

Die eine rollt den Teig aus, die andere gibt ein rohes Ei drauf und verstreicht es mit den Fingern, die nächsten füllen sie mit Käse und Gemüse, die letzte brät die Pfannkuchen.

Auf meine vorsichtige Frage, ob ich wohl ein Foto machen dürfte, heißt es lachend: „Klar, mach!“ Die Frauen lächeln in die Kamera.

„Fürs Auto…“, hören wir (mein Türkisch ist rudimentär, aber ein wenig verstehe ich) und wir haben richtig gehört. Ein ganzer Stoß Gözleme wird in Küchenpapier gewickelt und mir für die Autofahrt in die Hand gedrückt. Unter vielen Dank- und Abschiedsbekundungen verlassen wir die Frauen wieder und fahren davon. Das sind die Reiseerlebnisse, an die Du Dich stets erinnerst.

Wieder ist es ein Hinweisschild, das uns von unserer geplanten Route abbringt. Diesmal kommen wir zu einem schönen Kratersee, dem Nargölü, bei dem wir uns einen Çay schmecken lassen.

Unser eigentliches Tagesziel, Göreme, erreichen wir am Nachmittag. Vor uns erstreckt sich die einzigartige Tufflandschaft mit Feenkaminen, Erdpyramiden, Felsenwohnungen und -kirchen.

Wir suchen uns einen Parkplatz und machen erstmal eine Wanderung durchs Rosental.

Die eigenartige Landschaft ist einer mächtigen Tuffschicht zu verdanken, die sich aus dem Auswurf des Vulkans Hasan gebildet hatte.

Während sich im Laufe der Jahrtausende die Ascheschichten verfestigten, gruben sich darin Wasserläufe ein. Das Wasser trug Tuff ab, so dass sich die typischen Felskegel bilden konnten.

Da der Tuffstein porös ist, konnten es die Bewohner der Gegend leicht bearbeiten und legten Höhlen, Klöster und Kirchen an.

Nach zwei Stunden sind wir zurück bei den Bussen und suchen und finden einen Platz mit Aussicht für die Nacht.

Als wir nach dem Abendessen nochmal vor den Bus treten, fällt eine Sternschnuppe vom Himmel. Wie verwöhnt wir hier werden!

Nach Kappadokien

Null Grad lese ich auf dem Handy, als ich um Sechs wach werde. Im Bus ist es kuschelig warm, im Bett sowieso. Für den Rest des Tages ist Sonne angesagt, bis zu 18 Grad. Passt doch.

Nach dem Frühstück erkunden wir erst einmal die unmittelbare Gegend und ja, die Reisenden bei Park4Night haben nicht übertrieben: Dies ist ein weiterer sensationeller Platz.

Wir sind 1600 Meter hoch und umgeben von den schneebedeckten Dreitausendern des Antitaurus. 40 Meter neben uns der Kazıklıali-Canyon, ein beliebter Treff für Kletterer.

Dann nehmen wir die letzten hundert Kilometer bis ins Ihlara-Tal unter die Räder. Wir finden einen zentrumsnahen, ruhigen Parkplatz und machen erstmal Brotzeit, ehe wir zu unserer Erkundungstour aufbrechen.

Der „Grand Canyon“ der Türkei erstreckt sich über etwa 14 Kilometer zwischen den Orten Ihlara im Südosten und Selime im Nordwesten. Er wird vom Fluss Melendiz durchzogen, der die gesamte Region bewässert. Die steilen Felswände links und rechts des Stroms erreichen an einigen Stellen Höhen von bis zu 150 Metern.

Dank des Flusses entstand nach und nach diese fruchtbare, grüne Oasen-Landschaft inmitten der sonst sehr trockenen, fast schon steppenartigen kappadokischen Steinlandschaft.

Das Ihlara-Tal diente zwischen dem 4. und 13. Jahrhundert als wichtiger Rückzugsort für frühe Christen, die vor römischer Verfolgung und später arabischen Überfällen flohen. Mönche gruben zahlreiche Höhlenkirchen und Wohnräume in den Tuffstein, wodurch ein bedeutendes, verstecktes klösterliches Zentrum entstand.  So entstanden rund 105 Felsenkirchen und viele Wohnhäuser, die teils heute noch zu besichtigen sind.

Gemeinsam mit dem Fluss schlängeln wir uns vier Stunden lang durch das Tal. Wenn wir uns eine Kirche anschauen wollen, müssen wir über Felsstufen und Holztreppen hoch zum Fels. Es gibt sie in vielen verschiedenen Größen, teilweise sind die Fresken gut erhalten und man kann die christlichen Geschichten, die sie erzählen, nachvollziehen. Obwohl Ihlara zu den touristischen Hotspots in Kappadokien zählt, ist außer uns kaum jemand unterwegs.

Müde aber glücklich kommen wir am frühen Abend zurück zu den Bussen. Abendessen machen und ab ins Bett.

Zurück in die Berge

Wir stehen am Ende eines schmalen Weges, der um eine Bucht herumführt. Als wir gestern Abend gegen Sechs hier ankamen, war jeder Meter besetzt: Fischer saßen auf niedrigen Hockern und hielten ihre Angeln ins Wasser, Familien hatten es sich für ein Picknick gemütlich gemacht, Freunde sich zum Grillen getroffen. Es war Sonntagabend und wir optimistisch, dass die arbeitende Bevölkerung langsam zusammenpacken und nach Hause fahren würde. Am Anfang des Weges gab es ein paar Kneipen und wir bestellten uns ein Bier für die Wartezeit. Ein Auto nach dem anderen verließ das Ufer, so dass wir schließlich reinfahren konnten und es genügend Platz für die beiden Busse gab.

Unser Weg zurück in die Berge führt uns heute durch Himmel und Hölle, Cennet-Cehennem, zwei Dolinen zwischen Silifke und Mersin, die vor Millionen von Jahren durch den Einsturz eines unterirdischen Höhlensystems entstanden sind. Die  beiden Trichter liegen 80 Meter auseinander. Der „Himmel“ (auf dem Drohnenfoto links) ist begehbar und grün, während die „Hölle“ steil und düster ist.

Sie ist 128 Meter tief und kann nur mit Kletterausrüstung bestiegen oder über eine gläserne Aussichtsplattform angeschaut werden. Wir entscheiden uns für die zweite Variante.

Dann steigen wir über 452 Stufen die 70 Meter in den Himmel hinab. Er ist doppelt so groß wie die Hölle und erstreckt sich in eine mächtige Höhle hinein. Seit kurzem erst sprudelt hier die Wasserquelle, die 13 Jahre versiegt war, wieder unter dem Felsen hervor und ihr Gluckern erfüllt den ganzen Höhlenraum. Wieder an die Erdoberfläche können wir zum Glück mit einem Aufzug fahren.

Über die Autobahn geht es weiter nach Mersin. Hier verlassen wir das Mittelmeer, um zurück in die Berge zu fahren. Dort soll es mittlerweile wärmer sein und wir setzen unsere Reise nach Kappadokien fort. Heute wollen wir bis in die Ihlaraschlucht kommen. Mal sehen, ob wir es schaffen. Es ist schon halb Drei, wir wollen bald wieder runter von der Autobahn, Mittagessen und dann eine Panoramastrraße durch die Berge fahren. 250 Kilometer liegen noch vor uns.

Irgendwie kommen wir heute nicht vorwärts. Als wir das Lokal mit dem leckeren Kebab und dem guten Mokka verlassen, ist es schon Fünf. Wir beschließen, noch zwei Stunden zu fahren und uns dann einen Übernachtungsplatz zu suchen.

Alain ist es, der schließlich einen schönen Platz abseits der Straße findet. „Unser bester Ort in der Türkei! Auf dem Plateau, am Rande der Kazikliali-Schlucht und mit Blick auf die schwindelerregenden Gipfel des Aladağlar-Parks, ist die Aussicht absolut fabelhaft“, so die enthusiastische Beschreibung bei Park4Night. Hm, leider ist es dunkel, als wir ankommen. Das mit der tollen Aussicht kriegen wir also erst morgen.

Entlang der Südküste

Die Nacht war etwas laut. Denn in dem verschlafenen Café neben uns drehte ab Zehn eine Liveband die Boxen auf und spielte bis in der Früh um zwei. Wenn wir wenigstens die Musik hätten hören können. Aber im Bus kamen nur die wummernden Bässe an. Als die schließlich verstummten, war der Generator vom Wohnwagen auf der anderen Straßenseite zu hören. Aber irgendwann bin auch ich eingeschlafen – und bei strahlendem Sonnenschein und 11 Grad wieder wach geworden. Schnell klettert das Thermometer noch weiter in die Höhe und wir können den Frühstückstisch wieder draußen decken.

Die Gegend gehört zu den landwirtschaftlichen Kraftzentren des Landes. Vor allem Bananen werden seit den 50er Jahren auf terrassierten Feldern angebaut. In riesigen Treibhäusern werden Obst und Gemüse geerntet.

Wie die Möwen kurven wir 400 Meter über dem Meer über eine Serpentinenstraße zur Burg Mamure bei Anamur hinunter. Sie zählt zu den am besten erhaltenen türkischen Burgen. Wie viele anatolische Burgen wurde sie auf hohen Klippen errichtet und im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut.

Die Burg mit ihren 39 Türmen, Wasserzisternen, einer Moschee und einem Badehaus ist von einem zehn Meter breiten Wehrgraben umgeben, in dem sich die Schildkröten tummeln.

Vor 20 Jahren waren wir hier auf dem Campingplatz und schliefen wegen der Hitze nicht im Zelt sondern am Strand. In der Nacht schlüpften unter uns Schildkrötenbabys und tappsten ins Meer. Wir haben davon nichts mitbekommen, aber Eierschalen und die vielen Krabbelspuren verrieten die Geschichte.

Anders als in Deutschland ist hier nichts gesperrt, nichts gesichert, es gibt keine Geländer und man kann überall rauf und runter kraxeln. Was wir natürlich tun. Trotz Muskelzerrung, trotz beängstigender Blicke in die Tiefe. Der Adrenalinspiegel steigt.

Puh, aber wir schaffen es, alle vier wieder heil unten anzukommen.

Nochmal geht es über die schwungvolle Bergstraße 100 Kilometer gen Osten und wir finden einen sehr idyllischen Platz am Meer kurz vor Silifke. Achim und Alain betätigen sich erstmal als Pannenhelfer, während ich das Abendessen zubereite.

Das Rad mit dem kaputten Reifen wird gegen das Reserverad getauscht, die Falaffeln brutzeln in der Pfanne. Leider macht der Wind es abends immer so frisch, dass wir drinnen essen müssen. Aber das steigert die Vorfreude aufs Frühstück. Im Freien. Am Meer.

Am Meer entspannen

Wir müssen leider nochmal umziehen, denn der Stellplatz am Wasser bei Gazipașa ist vollgeparkt mit abgestellten Wohnwagen. Das macht keinen einladenden Eindruck. Aber zunächst gibt es zum ersten Mal auf dieser Reise ein Frühstück im Freien. Mit Meerblick.

Bei ihrem Morgenspaziergang entdecken Dorothee und Alain ein paar hundert Meter weiter ein idyllisches Plätzchen am Strand. Schöne Aussicht, Wellenrauschen, Vogelgezwitscher, ruhig und sogar erlaubt. Hierhin stellen wir uns mit den Bussen für einen entspannten Tag am Meer.

Ich nutze den fahrfreien Tag, um einen Apfelkuchen und ein Brot zu backen, zu duschen, zu schmökern und spazieren zu gehen.

Die Strandpromenade, an der wir stehen, ist etwa einen Kilometer lang, vor dem Kaffee gehen wir in die eine Richtung, nach dem Kaffee in die andere. Genau wie wir stehen die Einheimischen mit ihren kleinen Wohnwagen und Campern entlang der Straße und genießen das Wochenende und das schöne Wetter. Spaziergänger gesellen sich dazu, die meisten haben ein Picknick mitgebracht und ihre großen Teekannen. Wir werden freundlich begrüßt und fühlen uns willkommen.