In die alte Heimat

Gut, dass wir eine Heizung haben! Fünf Grad sind es draußen, als wir um kurz vor halb Acht wach werden. Nebel liegt über dem See, Frau Fastner und Frühstück warten auf mich.

Um 7.30 Uhr (Eva)

Um kurz vor Neun (Achim)

Unser erstes Ziel heute ist die Wewelsburg in Büren (Kreis Paderborn). Sie ist Deutschlands einzige vollständig erhaltene Dreiecksburg. Erbaut im 17. Jahrhundert im Stil der Weserrenaissance, erlangte sie im Dritten Reich traurige Berühmtheit als geplantes SS-Kulturzentrum unter Heinrich Himmler.

Für die massiven Umbaupläne wurde das nahegelegene Konzentrationslager Niederhagen errichtet. Mindestens 1.285 KZ-Häftlinge starben durch die unmenschlichen Bedingungen und Gewalttaten.

Heute ist die Wewelsburg mit Jugendherberge und Erinnerungsstätte ein Ort der Begegnung und Aufklärung.

Zudem befindet sich hier ein bekannter, zehnteiliger expressionistischer Mahnmal-Zyklus des Künstlers Josef Glahe aus den Jahren 1949/1950, der die Schrecken des Krieges und der NS-Gewaltherrschaft darstellt.

Der damals junge Maler (1925–2018) aus Büren erhielt den Auftrag zur Gestaltung der zehn Schaubilder. Glahe war im Krieg an der Ostfront und nahm Ende 1945 seine abgebrochene Lehre als Maler wieder auf und studierte anschließend Architektur, Grafik und Malerei.

Weiter geht unsere Fahrt nach Oberhausen. Den Tipp haben wir von Freunden. Der Gasometer Oberhausen wurde von 1927 bis 1929 als riesiger Scheibengasbehälter erbaut. Mit 117,5 Metern Höhe war er Europas größter Gasbehälter und diente der Industrie als Speicher für Gicht- und Koksgas. Nach der Stilllegung wurde er zur höchsten Ausstellungshalle Europas und zum berühmten Wahrzeichen des Strukturwandels im Ruhrgebiet.

Die Leiter an der rechten Seite ist begehbar und führt uns über 592 Stufen nach oben.

Was für eine Fernsicht! Was für ein Panorama!

Aktuell zeigt die Ausstellung „Mythos Wald“ die faszinierende Welt, Biodiversität und Bedrohung der globalen Wälder. Kernstück ist eine 35 Meter hohe, leuchtende Lichtskulptur eines Baumes, die den Wandel der Jahreszeiten und das innere Leben eines Baumes simuliert.

Großformatige Naturfotografien und Filmsequenzen dokumentieren die Ökosysteme von den heimischen Buchen- und Eichenwäldern über Urwälder bis zu den tropischen Regenwäldern im Kongo und in Brasilien.

Nicht fehlen dürfen Bilder des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der sechs Jahre lang den Regenwald im Amazonasgebiet dokumentiert hat.

Ein asiatischer Insektenchor, amerikanische Brüllaffen, afrikanische Flusspferde und viele andere Tiere geben uns zum Schluss noch ein Abschiedskonzert: Die Klang- und Lichtinstallation Global Sunrise folgt dem Lauf der Sonne um die Erde und fängt akustisch die kurze Zeitspanne des Sonnenaufgangs ein, in der die Welt im Wald erwacht.

Wir aber fahren in der späten Nachmittagssonne weiter nach Westen. Es sind nur noch 50 Kilometer bis nach Kempen, meiner Geburtsstadt. Wir stellen den Bus auf dem hiesigen Stellplatz ab, nehmen die Räder vom Ständer und besuchen erstmal meine Eltern auf dem Friedhof. Dann radeln wir zum Einkaufen und auf den Marktplatz zu unserem Lieblingslokal, das seit Jahrzehnten von einem türkischstämmigen Paar betrieben wird. Auch heute erkennen sie uns sofort wieder und es gibt ein großes Hallo.

Heimatgefühle entstehen auch bei türkischem Rakı, holländischen Frikandel und niederrheinischem Flair. Wie sagt die Wirtin: „Dat is zuhause ankommen.“

Hallo, Sauerland!

Was war das diesmal für ein Hin und Her. Ursprünglich wollten wir diesen Herbst an die Barentssee fahren. Das ist das Polarmeer nördlich von Norwegen und Finnland. Da wir aus verschiedenen Gründen aber frühestens am 19. September hätten starten können, haben wir die Idee wieder verworfen. Schnee und Eis auf den Straßen sind da oben ab Mitte Oktober zu erwarten.

Auf der Rückfahrt von unserer Frühjahrstour in die Türkei und nach Georgien sehnten wir uns in wärmere Gefilde: Griechenland im Herbst, das wäre doch fein! Doch dann war es so heiß diesen Sommer, dass es uns gar nicht mehr in warme Gegenden zog. Außerdem sollen die Griechen gerade so streng sein, was das Freistehen von Campern angeht.

Sardinien und Korsika waren auch noch kurz im Spiel, das dann letztlich Frankreich gewann. Seit über einem Jahr markiere ich auf google maps französische Ortschaften und Landstriche, von denen ich sehe oder lese, dass sie besonders schön sind.

Einen Teil davon wollen wir auf unserer diesjährigen Herbstreise entdecken. Wir haben keinen Plan und lassen uns von unserer Lust leiten.

Unser erster Halt auf dem Weg nach Frankreich ist der Diemelsee. Ein braunes Schild am Straßenrand und Achims Entdeckung, dass es hier den Panoramaweg Diemelsee, den schönsten Wanderweg im Sauerland gebe, locken uns dorthin.

Runter von der Autobahn und rauf auf die kurvigen Sträßchen, die uns zum Stausee bringen, der sogar einen kostenfreien Stellplatz für Camper anbietet. Nach dem Mittagessen erkunden wir die Gegend.

Ursprünglich hatte die vor rund hundert Jahren gebaute Diemeltalsperre den Zweck, der Weser bei Niedrigwasser Wasser für den Mittellandkanal zu liefern. Heute ermöglicht das Wasser der Talsperre bei Niedrigwasser die Schifffahrt auf der Oberweser.

Wir laufen über die Staumauer und auf der gegenüberliegenden Seite ein Stück entlang des Sees. Dann biegen wir links ab und mäandern auf einem recht steilen Steig durch einen Wald voller Buchen und Eichen hoch zum Aussichtspunkt St. Muffert.

Der höchste Punkt ist der 595 Meter hohe Eisenberggipfel, von dem aus wir in weiten Kurven wieder zurück zu unserer Staumauer wandern.

Als wir nach über drei Stunden wieder beim Bus sind, tun mir die Füße weh und ich freue mich auf einen ruhigen Abend. Das Sauerland hat uns einen schönen Auftakt für unsere Herbsttour beschert.

Den Blick nach oben: von Roding nach Regensburg

Wer um Zehn ins Bett geht, kann um Sechs aufstehen. So können wir die kühle Morgenluft ausnutzen und sitzen schon um Acht auf den Rädern. Für heute sind 37 Grad angesagt und bis Regensburg sind es 60 Kilometer. Aber erstmal genießen wir die frischen 19 Grad.

Wieder lässt der erste Anstieg nicht lange auf sich warten. Es geht hoch zum Wallfahrtskirchlein Heilbrünnl, das wir von der Brücke aus schon bewundert hatten, und weiter den Berg hoch. Oben werden wir mit einer schönen Aussicht belohnt.

Ausgleichende Gerechtigkeit: was ich beim Hochfahren oben auf Achim warten muss, muss er unten beim Runterfahren auf mich warten. Bei 15 Prozent ziehe ich die Bremsen.

Mal radeln wir rechts, mal links des Flusses durch Weiler, Wiesen und Wälder. Stehen bleiben geht nur noch im Schatten. Die 30 Grad-Marke knacken wir um Viertel nach Zehn nach 25  Kilometern. Da sind wir in Nittenau und gönnen uns eine Pause im Stadtcafé. Statt Achims Kuchenteller (und meiner Eistüte) zeige ich Euch lieber den Stadtbrunnen mit der Kirche Mariä Geburt.

Auf dem nächsten Streckenabschnitt müssen wir oft nach oben gucken. Die Oberpfalz ist berühmt für ihre bewegte Geschichte. Zahlreiche Burgen und kleine Schlösser sind Zeitzeugen vergangener Epochen. Immer mit dem Blick nach oben gerichtet entdecken wir rechts und links des Flusses zahlreiche Gemäuer.

Mittags entdeckt Achim eine Badestelle. Unsere Rettung! Nichts wie rein in die Fluten und ein paar Grad abkühlen. Wunderbar!

Als wir um 17 Uhr Regensburg erreichen, habe ich eine Ahnung davon, wie sich ein Grillhendl fühlen muss. Nur kann dies nicht in den Fluss springen und danach wieder quicklebendig sein. Diesmal ist der Fluss die Donau, in den der Regen hier in Regensburg mündet.

Damit ist der Endpunkt des Regentalradwegs erreicht.

Eigentlich hatten wir vor, morgen noch an der Donau bis Straubing zu radeln und von dort an der Laaber zum Bahnhof in Plattling. Angesichts des extremen Wetters beschließen wir, uns morgen in Regensburg in den Zug nach Hause zu setzen. Schade, aber sicherlich gesünder.

Entspannt am Fluss entlang: von Viechtach nach Roding

„Ihr seid so cool Ihr beiden!“, begeistert sich unsere Nachbarin auf dem Campingplatz. So ein Kompliment freut einen natürlich, andererseits finde ich es ein wenig unverdient. Denn wir machen ja nur das, was wir immer schon gemacht haben.

Wir haben sehr gut geschlafen in unserem Zelt, das uns schon seit zig Jahren begleitet und das Rein- und Rauskrabbeln funktioniert auch noch – der täglichen Morgengymnastik mit Youtuberin Gabi Fastner sei Dank!

Gleich nach dem Frühstück eine knackige 12prozentige Steigung ist nicht schön, aber Achim kämpft sich hoch.

Hinter Viechtach wird es dann erstmal gemütlich: auf einem schattigen Waldweg gleiten wir dahin, rechts der Regen, links der Pfahl. Das ist ein 150 Kilometer langer und etwa vier bis zehn Meter hoher Felszug. Das Naturschutzgebiet um den Großen Pfahl, ausgezeichnet als Bayerns Geotop Nr. 1, bietet eine einmalige Flora, Fauna und Wanderwege, die wir heute aber links liegen lassen.

Das Konzerthaus in Blaibach haben wir schon öfters besucht. Heute bleibt es bei einem kurzen Fotostopp.

Die 2000-Einwohner-Gemeinde Blaibach im Landkreis Cham zählt zu den Regionen, die das Land Bayern gezielt finanziell unterstützte, um sie vor dem wirtschaftlichen und demografischen Kollaps zu bewahren. Der Münchner Architekt Peter Haimerl schnürte zusammen mit den Bürgern Blaibachs ein Projektpaket, in dessen Zentrum nicht nur ein Bürgerhaus stand, sondern – auf Anregung des Baritons Thomas E. Bauer – auch das 2014 eröffnete Konzerthaus. Halb in die Erde versunken sind regionale Materialien wie Granitbruchstein und Glas verbaut, die dem Bau eine bodenständige Eleganz verleihen, während seine gekippte Form und geschlitzten Wände die akustischen Anforderungen perfekt erfüllen. Das Konzerthaus hat heute eine überregionale Bedeutung.

Die Dorferneuerung hat gut geklappt, hier gibt es sowohl einen Metzger als auch einen Bäcker, bei denen wir uns für die Brotzeit und den Kaffee eindecken.

Bis Chammünster radeln wir dicht am Fluss entlang. Sonnige und schattige Abschnitte wechseln sich ab. Der Fahrtwind macht die 29 Grad erträglich. Statt in der Kühle des Münsters (den Umweg von zwei mal drei Kilometern sparen wir uns) erfrischen wir uns im Satzdorfer See. Zischschsch macht es, als wir ins Wasser eintauchen.

Ein paar Kilometer weiter finden wir in Cham endlich einen Supermarkt. Uns ist das Wasser ausgegangen.

Die Besichtigung der Stadt verschieben wir auf kühlere Zeiten. Inzwischen haben wir 33 Grad und wir suchen uns lieber eine Bank im Schatten.

Obwohl wir heute nur 55 Kilometer gefahren sind, freuen wir uns, als wir gegen Fünf den Zeltplatz in Roding erreichen. Die letzten Kilometer müssen wir in der prallen Sonne fahren und der heiße Asphalt wirft uns die warme Luft ins Gesicht.

In Roding dürfen wir unser Zelt auf einer Wiese am Wasser aufbauen, die die Stadt für Boot- und RadfahrerInnen zur Verfügung stellt. Man meldet sich in der nahe gelegenen Wirtschaft an, zahlt pro Person 7 Euro und bekommt einen Schlüssel für die Duschen und die Clos. Sogar eine Spüle fürs Campinggeschirr ist da, genauso Steckdosen fürs Laden des E-Bikes und der Handys. Perfekt. Die Wiese ist riesig, zuerst sind wir allein, später kommt noch ein junges Paar mit seinem Kanu dazu.

Dann Warten auf den Sonnenuntergang. Heute sind wir in der Poleposition.

Auf und nieder: Von Bayerisch Eisenstein nach Viechtach

Unsere alljährliche Challenge: eine Woche mit Rad und Zelt unterwegs sein. Da ich ein Pedelec fahre und unsere Etappen lediglich so um die 50, 60 Kilometer lang sein werden, ist die Challenge im Bereich Radfahren für mich nicht so anspruchsvoll. Achim tritt noch alles selber, ein paar Steigungen wird er zu überwinden haben.

Der Regentalradweg liegt zwischen Bayerisch Eisenstein und Regensburg und ist 166 Kilometer lang. Er soll meist am Fluss entlang, auf gut ausgebauten Radwegen und wenig befahrenen Nebenstrecken führen.

Wir packen die Räder auf unseren Camper und freuen uns, dass unser Sohn uns damit nach Bayerisch Eisenstein chauffiert (und das Auto wieder nach Hause bringt). Gegen Elf erreichen wir den Ort an der Grenze zu Böhmen (die Quelle des Regen liegt in der tschechischen Gemeinde Železná Ruda). Wir beladen die Räder mit unseren Fahrradtaschen und parken erstmal vor dem Grenzbahnhof mit Bahnmuseum.

In den Kunsträumen Grenzenlos wird derzeit die Sonderausstellung Verborgene Horizonte. Zeitgenössische Kunst aus Georgien gezeigt. Wie schön. Unsere Reise dorthin liegt ja gerade mal ein Vierteljahr zurück.

Die Ausstellung bietet laut Internet „einen Einblick in eine dynamische Szene, in eine Kunst, die tief in der georgischen Kultur verwurzelt ist und zugleich einen offenen Blick auf die Gegenwart richtet.“ Zu unserer großen Enttäuschung können wir uns nicht selbst ein Bild von den Bildern machen – die Ausstellung ist montags und dienstags geschlossen.

Den Regen sehen wir das erste Mal nach zehn Kilometern. Bis dahin macht er dem Namen des Radwegs alle Ehre und fließt unter uns im Tal.

Der Untergrund des Radwegs ist auf den ersten Kilometern nicht der beste. Bei lockerem Kiesel droht Ausrutschgefahr. Kurz vor Zwiesel verpassen wir den Abzweig in den Wald und landen stattdessen auf dem asphaltierten Radweg neben der Bundesstraße. Das ist zwar nicht so schön, aber plötzlich haben wir Flügel, so schnell sausen wir jetzt.

In Zwiesel dann die erste Pause. Im Biergarten bei angenehmen 21 Grad.

Danach geht es im Auf und Ab, zumeist auf glattem Asphalt, weiter durch den Nationalpark Richtung Regen. Spoiler: am Ende des Tages hat Achim 750 Höhenmeter erstrampelt. Ich habe mir an den steilen Stellen von meinem Turbo-Modus helfen lassen.

Der Kurpark lockt uns mit seiner Freiluft-Skulpturensammlung: Die Flötenspielerin und Der seltsame Fisch zum Beispiel.

Auf dem hübschen Stadtplatz von Regen warten schon Kaffee und Kuchen auf uns.

Puh, jetzt wird es richtig heftig. Kurze steile Anstiege wechseln sich mit langezogenen, zähen ab. Gut, dass es zwischendurch immer mal wieder rasante Abfahrten gibt.

Sieben Kilometer vor unserem anvisierten Campingplatz läuft mein Akku leer, OBWOHL ich zumeist Eko, ab und zu Tour und nur, wenn ich es sonst nicht mehr geschafft hätte, Turbo gefahren bin. Nach 50 Kilometern! Oh je. Aber Achims Akku ist auch leer. Das Auf und Nieder war zu heftig. Aber wir haben Glück: von den verbleibenden sieben Kilometern können wir sechs auf einer ehemaligen Bahntrasse leicht abschüssig dahin rollen, fast ohne in die Pedale zu treten. Zum krönenden Abschluss allerdings machen wir den Fehler, uns auf eine vermeintliche Abkürzung einzulassen.

Die Schiebestrecke über einen holprigen Waldweg endet vor einem Steilhang. Umkehren oder die Räder hochhieven? Gepäck ab und zu zweit hochschieben.

Danach sind es nur noch 500 Meter bis zum Campingplatz Schnitzmühle. Wir bauen unser Zelt am Ufer des Regen auf, schmieren uns Brote, machen uns ein Bier auf und gucken aufs Wasser.

Jüdisches Leben und Leid in Warschau

Noch scheint die Sonne, also rauf auf die Roller und rüber zur Weichsel. Hängematten, Bänke, Liegewiesen laden zum Entspannen, Strandbars zum Verweilen und Genießen ein. Da es mit 19 Grad eher frisch ist, sind im Moment mehr Rennradler, Mountainbiker und Joggerinnen, nicht zu vergessen die Gassigänger, als Kneipenbesucherinnen und Strandgäste unterwegs. Vom östlichen Ufer aus, wo wir gestern schon Praga entdeckt hatten, haben wir einen schönen Blick auf die Altstadtkulisse.

Wir haben noch das POLIN, das Museum für die Geschichte der polnischen Juden, auf unserer Liste. Nach einer zehnminütigen Rollerfahrt erreichen wir das von einem finnischen Architekten entworfene und 2014 eingeweihte moderne Glasgebäude.

Hier wird anschaulich über 1000 Jahre jüdischen Lebens in Polen informiert. Etwa ein Viertel der Ausstellung ist dem Holocaust gewidmet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten allein in Warschau über 300.000 Juden. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen zu Beginn des 2. Weltkriegs wehrten sich die Polen vier Wochen lang, chancenlos, wurden sie zeitgleich im Osten des Landes auch noch von der Sowjetunion angegriffen. Als Besatzer sperrten die Deutschen bald die komplette jüdische Bevölkerung in ein Ghetto ein. Ihre Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka begann am 22. Juli 1942. 300 000 Juden aus dem Warschauer Ghetto wurden dort umgebracht.

Viereinhalb Stunden haben wir im Museum verbracht und danach eine Weile gebraucht, wieder zu uns zu kommen.

Polnisches Essen in einer typischen Bar Mleczny, einer Milchbar, tut uns jetzt gut. Pierogi natürlich.

Dann fahren wir ein letztes Mal mit dem Roller zum Hotel und gleich darauf mit dem Taxi zum Flughafen. Danke, liebster Sohn, für diese wunderbare Reise!

Die andere Seite der Stadt

Die Eingänge zur Metro sind stylisch hier in Warschau. Aber wir lassen sie auch heute Morgen links liegen und greifen auf das bewährte Fortbewegungsmittel von gestern zurück – obwohl Über-70jährige die öffentlichen Verkehrsmittel hier kostenfrei nützen dürfen.

Unser erster Weg nach dem Frühstück führt uns ins Museum für moderne Kunst. Das Wetter ist grau und kühl, das zentrale Thema der Kunst, die wir uns anschauen ebenso: Surrealismus und Antifaschismus. Angesichts der Geschichte finde ich es tröstlich, dass hier im kriegsversehrten Warschau etliche deutsche Maler ausgestellt sind, Hans Arp und Max Ernst beispielsweise.

Auch im Museumscafé lässt uns das Thema nicht los. Was können die Parteien, was können wir tun, um den Neonazismus in Deutschland zu stoppen??

Nachdenklich rollern wir auf die andere Seite der Weichsel, nach Praga. Dieses Stadtviertel hat eine multikulturelle Vergangenheit. Juden, Russen und Polen lebten hier nebeneinander. In den 90ern war Praga das gefährlichste Stadtviertel in Polen, bekannt für die mafiösen Machenschaften und sozialen Probleme, die unlösbar schienen. Im 21. Jahrhundert entwickelt sich Praga zum alternativen Künstlerviertel.

Wir streifen durch die Straßen, entdecken murals, alte und verkommene Häuser, renovierte und interessant hergerichtete Ecken, Kneipen, Bars und Läden. Es gibt Leute, die meinen, was Kreuzberg für Berlin ist, ist Praga für Warschau. Die Authenthizität von Praga stelle ein Gleichgewicht her, sodass das linksseitige Warschau mit seinen Wolkenkratzern und Prachtalleen nicht eine snobistische Überhand gewinnt. Wolle man ein Gesamtbild von Warschau erhalten, müsse man sich unbedingt auch nach Praga begeben.

Später fahren wir zum Marktplatz in der Altstadt. Hier wird heute Abend der Warschauer Jazzsommer eröffnet.

Bereits zum 32. Mal findet das Umsonst-und-draußen-Festival hier statt. Das Christie Dashiell-Quartett startet den zweimonatigen Reigen.

Was für eine Stimme. Was für eine Stimmung.

Mit einer weiteren polnischen Spezialität, Żurek, einer sauren Roggensuppe, die in der Brotschüssel serviert wird, lassen wir den Abend ausklingen.

Im Hotelzimmer schauen wir uns noch an, wie es gewesen wäre, wenn wir gegen die Franzosen gespielt hätten. Mit polnischer Moderation. Sehr interessant.

Saus und Braus in Warschau

Was für ein Geschenk! Ein Wochenende in Warschau mit meinem Sohn. So eine Freude.

Um rumzukommen, leihen wir uns Ekektroroller aus. Die gibt es an jeder Ecke und dank Jonas‘ Monats-Abo, das er spontan für 10 Zloty (2,50 Euro) abschließt, zahlen wir jeder einen Euro für 20 Minuten Fahrt. Am Anfang bin ich noch sehr vorsichtig, alles sehr ungewohnt, aber bald sause und brause auch ich mit 20 kmh über die wunderbaren Warschauer Radwege.

Unsere erste Fahrt führt uns zur Weichsel, die die polnische Hauptstadt quert.

In München sind wir um zehn gestartet, eineinhalb Stunden später gelandet, mit dem Uber ins Hotel gefahren, mittlerweile ist es also fast zwei Uhr und wir haben Hunger. Jonas weiß von einem guten polnischen Restaurant, das uns leckere Piroggen serviert.

Obwohl wir danach gut satt sind, locken uns ein paar Häuser weiter die Prezzel, Brezn. Mit Zimt! Hmmmm.

Nicht weit entfernt steht der monumentale Kulturpalast, ein zwischen 1952 und 1955 auf Anordnung Josef Stalins im Baustil des Sozialistischen Klassizismus errichteter 237 Meter hoher Wolkenkratzer.

Wikipedia weiß hierzu eine nette Geschichte: „Am 13. April 1967 trat mit den Rolling Stones, die im Rahmen ihrer Europa-Tournee unterwegs waren, eine der ersten weltbekannten Rockbands hinter dem Eisernen Vorhang auf. Der Auftritt hier unterschied sich von den bisherigen Konzerten der Rolling Stones: 3.000 der 5.000 Karten gingen kostenfrei an Parteifunktionäre und deren Familien und so spielten die Rolling Stones, statt vor kreischenden Teenies, mehrheitlich vor krawattentragenden älteren Herren. Vor dem Palast kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Jugendlichen, die zum Konzert wollten.“

Für uns gibt es heute kein Konzert, wohl aber eine Fahrt mit dem Lift ins 30. Stockwerk mit grandiosem Blick auf die Stadt.

Unten warten wieder Roller auf uns, die uns in einer Viertelstunde zurück ins Hotel bringen, ausruhen und wärmere Sachen anziehen.

In Saus und Braus geht es am frühen Abend in die Altstadt. Im zweiten Weltkrieg von den Deutschen zerstört, wurde sie wieder aufgebaut und ist heute UNESCO-Weltkulturerbe. Wir stellen die Roller ab und erkunden sie zu Fuß.

Nach dem Abendessen gibt es an der Weichsel eine Light- and Soundshow: im multimedialen Springbrunnenpark heben sich zwischen halb Zehn und Zehn meterhohe bunte Wasserstrahlen aus 300 Fontänen im Rhythmus der Musik in den Abendhimmel. Hunderte von Einheimischen und Touristen umlagern das Bassin, das anlässlich des 125. Jahrestages der städtischen Wasserwerke angelegt wurde, woran die Bank für William Heerlein Lindley erinnert, der das 1886 eingeweihte Kanalisationsnetz in Warschau entworfen hatte.

Bis zum nächsten Roller ist es nicht weit. Sie haben vorn wie hinten gutes Licht und es ist eine Freude, durchs nächtliche, großzügig illuminierte Warschau zum Hotel zurück zu sausen.

Von der slowenischen Toskana nach Hause

Heute sind wir noch planloser als in den letzten Tagen. Ob wir heute nach Hause fahren oder nicht, hängt schlicht vom Wetter ab. Bei starkem Regen machen weder Wanderungen noch Stadtspaziergänge Spaß. Als wir nach dem Frühstück starten, regnet es nicht und wir brechen optimistisch zu unserer kleinen Rundfahrt durch die slowenische Toskana auf.

In Jeruzalem wandern ein paar Flaschen vom hiesigen Wein in unseren Kofferraum und bald fängt es wieder an zu regnen, so dass unsere Rundfahrt mangels Sicht ins Wasser fällt.

Als wir nach Ptuj kommen, hat es wieder aufgehört. Wir schauen uns das Städtchen an und gehen hoch zur Burg.

Den nächsten schönen Ort, Maribor, setzen wir auf die Liste für eine eigene Slowenien- oder auch Balkantour. Wir spüren deutlich:

Unsere Reise neigt sich dem Ende entgegen. Heute oder morgen werden wir wieder zuhause sein. Das stimmt mich etwas melancholisch, denn so sehr ich mich auf daheim und meine Lieben freue, es fällt mir nicht leicht, den Reisemodus zu verlassen. Andererseits spüre ich nach sieben Wochen Unterwegssein eine gewisse Müdigkeit. Wir waren in so vielen Altstädten, Kirchen, Klöstern, Moscheen…

Diesmal sind wir eine sehr weite Strecke gefahren, waren in zahlreichen Ländern und haben dabei viel entdeckt und erlebt.

Schwerpunkt dieser Reise war die Türkei. Ich liebe dieses Land trotz seiner Regierung. Letztes Jahr, nach der Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Imamoğlu haben wir die bereits geplante Reise verschoben. Dieses Jahr bin ich 70 geworden und da drängt sich schon der Gedanke auf, wie lange ich denn noch in der Lage sein werde, auf diese Weise zu reisen. Erdoğan ist zwar älter als ich, aber ich kann nicht länger warten. Und ich habe es nicht eine Sekunde bereut. Unsere Begegnungen mit den Menschen dort waren von großer Offenheit und Herzlichkeit geprägt und wir haben uns überall willkommen gefühlt.

Einige Erlebnisse stechen in der Erinnerung besonders hervor:

Istanbul, meine Lieblingsstadt, obwohl ich ein paar Orte dort schmerzlich vermisse:

Das Vogelschutzgebiet Nallıhan mit den bunten Bergen:

Unser dem schlechten Wetter geschuldeten Abstecher ans Mittelmeer, wo wir den Frühsommer genießen konnten:

Unsere Ballonfahrt in Kappadokien:

Die fantastische Bergwelt in Ostanatolien:

Das Schwarze Meer:

Und dann Georgien mit den Städten Batumi und Tiflis:

sowie unser Ausflug in den Großen Kaukasus:

und zur Höhlenstadt Uplisziche:

Auf der Rückreise sind wir durch vier Länder des Balkan gefahren. Diese Region müssen wir auf einer eigenen Reise ausführlich erkunden.

Den längsten Teil unserer Reise haben wir mit unseren Freunden Dorothee und Alain verbracht. Mögen zwar unsere Tempi und Temperamente unterschiedlich sein, so eint uns aber die Lust am Reisen, am Entdecken, am Spontanen. Spannende neue gemeinsame Reiseziele sind schon in der Warteschleife.

Mit einer munteren Mischung aus Achims Plattensammlung – von BAP über Genesis bis ZZ Top – rollen wir die letzten 400 Kilometer nach Haus. „Ankunft 21 Uhr“, sagt das Navi.

Von Serbien durch Ungarn nach Slowenien

Wenn ich morgens wach werde, muss ich immer erst kurz überlegen, wo ich eigentlich bin. Wenn wir lange in einem Land unterwegs sind, muss ich mir klar machen, wie der Spot aussieht, auf dem wir geparkt haben. Aktuell muss ich kurz drüber nachdenken, in welchem Land wir eigentlich sind. Allein heute werden wir wieder zwei Grenzen überqueren. Als erstes die serbisch-ungarische, dann die nach Slowenien. Das wird dann das achte Land auf dieser Reise sein.

Aber erstmal noch die Theiß genießen. Und dann Abschied nehmen von Serbien, einem Land, das wir in der Kürze der Zeit zu schätzen gelernt haben.

Heute Mittag schauen wir uns Pécs im Süden Ungarns an.  Die Stadt wurde von den Römern gegründet, die ein Mausoleum hinterließen, das seit 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Durch ein Besucherzentrum gelangen wir zu den Ausgrabungsstätten, die teilweise unter der Kathedrale liegen.

Einige Grabkammern sind sogar mit Fresken verziert, die biblische Motive zeigen.

Gleich nebenan steht die gigantische Kathedrale von Pécs hoch über dem zentralen Platz Szent István.

Wir laufen noch zur Moschee des Paschas Ghazi Kasim, die im 16. Jahrhundert während der osmanischen Besatzung der Stadt erbaut wurde und heute als katholische Kirche dient. Aber 9 Euro Eintritt? Nein, danke.

Außer diesen Sehenswürdigkeiten bietet die Altstadt von Pécs viele weitere beeindruckende Gebäude und wir sind vom gesamten Ensemble sehr angetan.

Als wir die Stadt am Nachmittag verlassen, schüttet es wie aus Eimern. Wir spielen deshalb mit dem Gedanken, statt nach Slowenien nach Bad Blumau in der Steiermark zu fahren. Dort gibt es die Hundertwasser-Therme, seit vielen Jahren einer meiner Herzensorte. Bei dem Wetter wäre doch morgen ein Badetag dort genau das Richtige. Aber ach, es werden für morgen keine Tickets mehr verkauft!

Während wir noch darüber grübeln, ob wir zu einer anderen Therme in Ungarn oder Österreich fahren sollen, bessert sich das Wetter, kurz spitzt sogar mal die Sonne raus, so dass wir zum ursprünglichen Plan zurückkehren. Slowenien, wir kommen!

Wie es sich für eine innereuropäische Grenze gehört, gibt es keinerlei Grenzeinrichtungen und Kontrollen, schwupp sind wir in Slowenien.

Unser Ziel ist Jeruzalem in der „slowenischen Toskana“. Auch hier waren wir schon einmal mit den Motorrädern und begeistert von der welligen Landschaft, den Weinbergen und dem, was daraus entsteht.

Jeruzalem selbst ist winzig. Die Legende besagt, dass Kreuzritter auf ihrem Weg ins Heilige Land auf einem der Hügel rasteten. Weil sie von den gastfreundlichen Einheimischen herzlich aufgenommen wurden und den dortigen Wein schätzten, blieben sie. Sie benannten die Gegend nach ihrem eigentlichen Ziel, dem Heiligen Land.

Leider regnet es wieder. Die Aussicht ist trübe.