Ab in die Berge

So schön es auch in Istanbul gestern war, heute zieht es uns in die Natur. 300 Kilometer südöstlich liegt das Vogelschutzgebiet Nallıhan inmitten von bunten Bergen. So schöne Bilder haben wir daheim auf Youtube in einem Video gesehen. Das wollen wir heute  selbst erleben.

Das erste Stück nehmen wir die Autobahn nach Adapazarı. Am 17. August 1999  traf die Türkei ein Erdbeben der Stärke 7,4 auf der Richterskala. Es zerstörte den größten Teil der dicht bevölkerten und hoch industrialisierten Nordwest-Türkei. Am stärksten wurden die Städte Izmit, Gölcük und Adapazari verwüstet. Gemeinsam mit meiner türkischstämmigen Vorstandskolkegin des Neufahrner Frauentreff brachte ich damals in Neufahrn gesammelte Hilfsgüter in die Krisenregion. Die Nächte verbrachten wir, begleitet von leichten Nachbeben, in Zelten einer UN-Hilfsorganisation.

Heute, 27 Jahre später, ist zumindest im Vorbeifahren nichts mehr von der Katastrophe zu sehen. Wir verlassen die Autobahn und fahren ein Stück nach Süden.

Immer tiefer hinein in die Berge.

Kurz vor dem Ziel wird die Landschaft dramatisch.

Und dann sind wir da und hin und weg. So ein paradiesischer Platz.

Das Vogelschutzgebiet Nallıhan ist ein 1959 angelegtes künstliches Feuchtgebiet, wo der Aladağ-Bach in den Sarıyar-Staudamm mündet. Es zählt zu den bedeutendsten des Landes. 191 Vogelarten wurden hier beobachtet, im Moment sind vor allem Kormorane hier, über uns in der Luft und auf den Bäumen. Manche brüten, teils sind schon Jungvögel da.

Wir erhalten die Erlaubnis, auf dem Parkplatz des Info-Zentrums, das derzeit umgestaltet wird, zu übernachten. Ein guter Platz, bei immer noch 18 Grad die Stühle rauszustellen und uns und meinen gezerrten Muskel etwas zu entspannen. Natur kann Körper und Seele heilen.

Auf einmal kommt der Wärter und lädt uns zum Abendessen und zum Tee ein. Wir sitzen noch eine Weile zusammen und lauschen den Schakalen. Nicht zu fassen. Aber wenn Yunnus das sagt, wird es stimmen. Ich habe nie zuvor einen Schakal gehört.

Istanbul, du Schöne

Ich war schon so oft hier, dass ich nichts mehr besichtigen muss sondern einfach meine Lieblingsorte besuchen darf. Was wir heute vorhaben. Aber erstmal werden in beiden Bussen die Wasservorräte erhitzt und dann dezimiert – nach fast einer Woche auf Reisen ist mal wieder eine Dusche fällig. Frisch gewaschen und gekämmt (geschnäuzt und kampelt, wie der Bayer sagt) treffen wir uns zu einem gemütlichen Osterfrühstück in unserem Bus. Von zu Hause haben wir einige Leckereien dafür mitgenommen.

Aber dann geht es endlich los.

Wie bereits gestern Abend erstmal zur Blauen Moschee und zur Hagia Sophia. Heute ist hier ordentlich Betrieb.

Weiter geht es bei bestem Osterwetter, Sonne und 15 Grad, in den Gülhane-Park, um die schönen Tulpenbeete zu bewundern, gemeinsam mit vielen Sonntagsausflüglern.

Am Goldenen Horn angekommen werfen wir den ersten Blick auf Galata mit seinem berühmten Turm und meiner heiß geliebten Brücke.

Hier gibt es einen Pflichttermin: Fischbrötchen essen und ein Efes (hiesiges Bier) trinken.

Von hier aus geht es hoch zur Süleymaniye, einer weiteren von Sinan erbauten Moschee.

Und wieder runter zum Ägyptischen Bazar, dem Gewürzbazar, in dem dich die Düfte von verschiedenen Currys, Rosenseife, Zimt, Minze Kardamom betören und es ganz hinten rechts den Stand mit den besten Cevriye gibt. Äh, gab. Es.gibt,ihn. nicht. mehr.

Das ist natürlich nicht das Einzige, das sich in den letzten Jahren verändert hat. Schon gestern Abend war ich sehr über eine Verschlimmbesserung im Arastabazar, einem bisherigen Lieblingsplatz, enttäuscht: der Teegarten, in dem wir immer Tavla (Backgammon) gespielt haben, wurde wintergartenmäßig eingehaust. Für meinen Geschmack recht unschön. Nun gibt es einen Lieblingsplatz weniger in Istanbul.

Weiter geht es über die Galatabrücke rüber nach Galata. Wir sind fußlahm und nehmen das erstbeste Café am steilen Treppenaufgang. Hier gibt es für mich den ersten türkischen Kaffee, begleitet von Edith Piaf, denn wir sitzen im Café Amélie. Ob wir es überhaupt noch zum türkischen Konditor Özsüt mit seinen Bavarua schaffen?

Ja, wir kommen bis dort, müssen aber auch hier feststellen, dass es Veränderungen gibt. Dieses Café ist auch nicht mehr da. Wir kehren um, fahren mit dem Tünel, einer unterirdisch verlaufenden Standseilbahn zurück Richtung Galatabrücke, wo dieser Abend ein jähes Ende nimmt: ich rutsche auf einer Plastikkapsel aus, lande in einem Spagat auf dem Boden und zerre mir ganz fies den Oberschenkel. Ich schaffe aber noch ein Abendessen und den Heimweg. Jetzt eine Ibu und ab ins Bett.

PS: Die insbesondere von Achim so geliebten Bavarua sind feine Törtchen, die von einem dünnen Schokokranz umfasst und mit verschiedenen Crèmes und Früchten gefüllt sind.

Von Edirne nach Istanbul

Der Ruf des Muezzin weckt mich um viertel vor Sechs. Zu früh. Ich dreh mich nochmal um. Gestern sind wir nach Mitternacht ins Bett, weil wir unsere Ankunft in der Türkei feiern mussten und Achim noch zu einem nächtlichen Fotoshooting loszog.

Die Selimiye-Moschee, von überall in Edirne sichtbar, besticht durch ihre vier eleganten Minarette, die höchsten der Türkei, und die prächtige Kuppel. Sie ist ein einzigartiges Bauwerk von Mimar Sinan, einem der berühmtesten Architekten der Weltgeschichte. Weltkulturerbe ist das Gebäude seit 2011.

Der Bau begann 1568 im Auftrag von Sultan Selim II. und dauerte sieben Jahre. Tausende von Menschen arbeiteten unermüdlich an der Fertigstellung der Moschee, die 1575 abgeschlossen wurde. Sie gilt als das bedeutendste Werk osmanischer Architektur, und Mimar Sinan selbst bezeichnete sie als sein „ Meisterwerk “.

Nach dem Besuch der Moschee spazieren wir durch die Altstadt. Simkarten und Bargeld besorgen, einen ersten Çay, türkischen Tee, trinken, durch den Bazar bummeln.

Die Stadt mit ihren repräsentativen Moscheen, den alten überdachten Märkten und kleinen Straßen mit zahlreichen Cafés und Lokalen gefällt uns sehr gut. Kurz überlegen wir, ob wir einfach noch eine Nacht hier bleiben, aber dann lockt doch Istanbul. Edirne war übrigens vor Istanbul die Hauptstadt des Osmanischen Reiches.

250 Kilometer müssen wir fahren, über die Autobahn ist das aber kein Problem. Um kurz vor Sieben sind wir am Ziel: ein bewachter Parkplatz hinter der Blauen Moschee. Istanbul, meine Lieblingsstadt.

Da wir zu Mittag schon die leckeren Edirne Köfte genossen haben, gibt es am Abend etwas aus der Bordküche. Hiesige Leckereien wie Fischbrötchen auf der Galatabrücke oder Bavarua vom Özsüt gibt es morgen (sowie die Erklärung, was das denn ist.)

Nach dem Abendessen bummeln wir noch ein bisschen durchs Viertel, Arastabazar, Blaue Moschee, Hagia Sofia. Zum Aufwärmen kaufe ich mir ein heißes Sahlep, ein Milchgetränk mit Orchideenwurzelextrakt. Zimt obendrauf. Bei nur noch zehn Grad sehr wohltuend.

Unser Parkplatz hat sich inzwischen geleert, wir sind die einzigen Camper. Am Ausgang ein Sicherheitsmann, auf dem Nachbargrundstück die Bereitschaftspolizei. Da kann uns nichts passieren 😄.

Noch 400 Kilometer durch Bulgarien, dann haben wir die Türkei erreicht

Die Donau bildet die Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien. Wir wählen die schnellste Route und die Fähre um kurz vor Zwölf.

Heute ist ein reiner Fahrtag. Es sind 550 Kilometer bis Edirne, Türkei. Dazwischen liegen rund 450 Kilometer durch Bulgarien. Zunächst unterscheidet sich die Szenerie nicht groß von der der Nachbarländer, die wir passiert haben: ein Storchennest neben dem anderen, alle besetzt, blühende Büsche und Bäume, kilometerlange Straßendörfer, dazwischen Felder und Wiesen. Einzig die kyrillische Schrift auf den Orts- und Reklameschildern sowie die Europreise an den Tankstellen (1,74 €) anstatt ungarischer Forint und rumänischer Lei  machen einen Unterschied.

Kurz vor der Landeshauptstadt Sofia wird es bergiger. Das Rilagebirge mit teils schneebedeckten Bergen erstreckt sich hier.

Da abzusehen ist, dass wir wieder erst am späten Abend unser Tagesziel erreichen, beschließen wir, am Nachmittag eine ausgiebige Pause zu machen und zu kochen. Grüner Spargel in Sahnesauce auf Linsennudeln (die gibt es beim DM. Sehr zu empfehlen!).

Alain kocht noch Espresso und dann geht’s weiter.

Um Neun erreichen wir die Grenze zur Türkei. Die Formalitäten sind rasch erledigt und dann heißt es: „Hoș geldiniz!“, herzlich willkommen!

Wir stellen uns auf einen Stellplatz in der Nähe der berühmten  Selimiye-Moschee in Edirne und freuen uns darauf, sie morgen zu besichtigen.

Weiter durch Rumänien: immer der Donau entlang

Heute Nacht haben wir uns verdoppelt. Jetzt sind wir zwei Busse und vier Menschen. Unsere Freunde Dorothee und Alain sind am späten Abend in Timișoara zu uns gestoßen und nun wird gemeinsam gereist.

Unser nächstes Ziel ist die Donau. Dicht an ihr entlang führt unsere Straße, auf der anderen Seite des Flusses ist Serbien. Leider setzt gegen Mittag der Regen ein.

Das Eiserne Tor ist das rund 100 Kilometer lange Durchbruchstal der Donau in den südlichen Karpaten. Es gilt als einer der imposantesten Taldurchbrüche Europas. Die Donau wird hier durch massive Felsen teils auf 200 Meter Breite verengt, der Gewässergrund liegt 15 m unter dem Meeresspiegel. Heute hängen die Wolken tief überm Wasser und nehmen uns die Sicht. Wie schade!

Trotzdem halten wir am Aussichtspunkt natürlich an, um auch die engste Stelle zu fotografieren.

Zwei Flussbiegungen weiter stoppen wir erneut und staunen:

Die Statue des Dakerkönigs Decebalus ist 55 Meter hoch und zugleich die höchste Felsskulptur in Europa. Die Idee stammt von dem rumänischen Geschäftsmann und Historiker Josif Dragan. Mit dem Projekt waren insgesamt zwölf Bildhauer beschäftigt, die Fertigstellung dauerte zehn Jahre (1994–2004) und am Ende kostete es über eine Million US-Dollar, weiß Wikipedia. O-Ton einer Mitreisenden: „Na, von der schnellen Truppe waren die aber auch nicht.“ 😄

Es ist erst halb Sechs und bei dem Wetter kann man hier eh nichts anderes machen als fahren. Da sitzt man warm und trocken und kann die trotz des schlechten Wetters beeindruckende Fahrt an der Donau noch einmal nachspüren.

Gegen halb neun haben wir genug. Wir stellen die Busse auf einem großen Parkplatz in Craiova ab.

Noch ein bisschen Kochen, ein Gläschen Wein und ein wenig Planung für morgen machen. Und hoffen auf besseres Wetter. Dann ab ins Bett.

Gemächlich nach Rumänien

Immer weiter geht es nach Osten, die Gegend in Ungarn ist geprägt von Landwirtschaft und Dörfern. Wir sind auf Nebenstraßen unterwegs, die uns mit 90 kmh weiterbringen. „Fahren Sie 40 Kilometer“, erst dann biegen wir mal wieder irgendwohin ab.  Storchennester, blühende Obstbäume.

Wir nutzen die Zeit, um ein bisschen Ungarisch zu lernen: „Házi Szalámi“ bedeutet „Hausgemachte Salami“, „Magyar Falu Program“ ist ein Programm à la „Mein Dorf soll schöner werden“ und „Urhibak“ bezeichnet  Straßenverwerfungen, das kommt hier öfter vor.

Kurz vor der rumänischen Grenze halten wir für eine Mittagspause. Die Sonne scheint und wir machen einen kleinen Spaziergang. Dann verputzen wir die Gemüsesuppe von gestern, denn heute Abend werden wir essen gehen. Unser Tagesziel ist Timișoara, die drittgrößte Stadt in Rumänien. 2023 war sie Europäische Kulturhauptstadt.

Zu Rumänien habe ich ein besonderes Verhältnis. Wir waren hier vor einigen Jahren mit den Motorrädern unterwegs, in den Karpaten, bei den moldawischen Klöstern und im Donaudelta. Danach habe ich des öfteren meinen Bruder in Constanța am Schwarzen Meer besucht und dort an meinem (nicht veröffentlichten) Krimi „Konstanza Blues“ gearbeitet und auch seine Fertigstellung gefeiert. Ich freue mich, wieder einmal hier zu sein, wenn auch nur kurz.

Von unserem zentral gelegenen Stellplatz bei super netten Privatleuten aus laufen wir in etwa 20 Minuten am Fluss Bega entlang ins Zentrum. Es ist schon nach Sechs und wir müssen uns sputen noch ein paar Sehenswürdigkeiten bei Tageslicht zu sehen.

Als erstes kommen wir zur rumänisch-orthodoxen Kathedrale der Heiligen drei Hierarchen.

Hier beginnt die bekannteste Flaniermeile der Stadt, die die Kirche mit dem Opernhaus am anderen Ende des Boulevards verbindet. Stylische Bänke säumen den Weg.

Timișoara wurde 1989 als erster Ort in Rumänien  zu einer freien Stadt erklärt – und zwar am Piața Victoriei. Der Siegesplatz gilt mit seinen prächtigen Gebäuden wie der Oper  als der schönste Platz der Stadt.

Ein paar Gehminuten später kommen wir zum Platz der Freiheit (Piața Libertății). Er ist das politische Zentrum von Timișoara. Hier hatten sich während der rumänischen Revolution im Jahr 1989 zigtausend Menschen versammelt, um gegen das kommunistische Regime zu protestieren.

Der  Platz der Vereinigung (Piața Unirii) gilt als einer der schönsten Plätze Rumäniens und bildet das historische Zentrum der Stadt. Umgeben von farbenfrohen historischen Gebäuden im Barockstil, weshalb die Stadt auch gerne mal als Klein-Wien bezeichnet wird, der katholischen Domkirche und der serbisch-orthodoxen Kathedrale, spiegelt der Platz das multikulturelle Erbe von Timișoara eindrucksvoll wider. Seinen Namen verdankt der älteste Platz der Stadt der Vereinigung von Rumänen, Serben und Ungarn in der Region – ein Symbol des friedlichen Zusammenlebens.

Es wird dunkel und auch merklich kühler. Zeit, sich ein Restaurant zu suchen. Mit Hilfe einer jungen Frau finden wir ein Kellerlokal neben der Oper. Es gibt, was das Herz (und die Erinnerung) begehrt: Mamaliga cu brinza ci smentana (Polenta mit Sauerrahm und geriebenem Bergkäse zur Vorspeise) – unvergesslich verbunden mit einer Nacht in den Karpaten vor vielen Jahren.

Sowie Krautwickel bzw. Gulasch zur Hauptspeise, einfache traditionelle Gerichte.

Zu guter Letzt brauchen wir noch zwei Tuica, Pflaumenschnäpse. Wie es sich hier gehört.

Ungarn: Stürmisch bis zum Balaton

Am imposanten Stift Melk ist es trocken genug für einen kurzen Fotostop.

Etwas später dann meint Österreich, sich sehr eindrucksvoll von uns verabschieden zu müssen.

Die ungarische Grenze erreichen wir gegen 12 Uhr. Im Internet heißt es, dass der Liter Diesel hier nur 1,50 Euro kostet Deshalb haben wir nicht in Österreich für 2,14 getankt. Ist ja klar. An der ersten Tankstelle auf ungarischer Seite heißt es 789 Forint, also 2,06 Euro. Zu teuer, also weiter. Da, zwei Kilometer später, 615 Forint, 1,60. Wunderbar. Nehmen wir. Beglückt spendiere ich unserem Camper eine volle Ladung Diesel, 68 Liter. Ich schau beim Zahlen mit der Karte nicht so genau hin – aber Achim: „Schau, was die Dir berechnet haben: 785 Forint!“ Äh, wieviel ist das in Euro? „“ 2,04 Euro! “ Nichts wie rein in die Tankstelle und reklamieren. Um dann, bedauernd aber bestimmt, informiert zu werden, dass es in Ungarn zwei Preise gibt, einen für die Einheimischen und einen für Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen. Liebe EU, bitte nimm unsere offizielle Beschwerde entgegen! Das ist eine sehr unfreundliche Diskriminierung aller Partnerstaaten und sollte, finden wir, nicht erlaubt werden.

Etwas später suchen wir ein Plätzchen für die Mittagspause. Und suchen, und suchen. Endlich werden wir fündig zwischen Feldrain und Pferdekoppel. Wie überall stehen auch hier die Schlehen in voller Blüte und Lerchensporn und Windröschen färben den Boden bunt. Ein kleiner Strauß wandert in meine neue Busvase.

Pfeilgerade verläuft unsere Straße in östliche Richtung. Straßendörfer und blühende Büsche säumen sie, der Wind schüttelt nun ordentlich den Bus durch.

Am späten Nachmittag gegen Fünf erreichen wir unseren heutigen Stellplatz am Plattensee in Balatonfüzfö. Parken dürfen wir direkt vorm Strandbad. Es ist keiner da außer uns.

Trotz Wind und Wetter laufen wir noch ein bisschen draußen rum. Erst einmal war ich hier am Balaton, da war ich 16. Mit meinem ungarischen Freund Istvan, den ich über Verwandte in der DDR kennengelernt hatte. Damals waren wir auf einem sehr einfachen Zeltplatz gemeinsam mit ein paar einheimischen Familien. Heute gehört der See wohl zu den Spots, die in der Saison unter zu viel Tourismus leiden. Davon spüren wir nichts.

Brrrrr. Nun reicht es. Es ist so kalt hier! Ab in den Bus, Heizung an, gemütlich machen.

Auf dem Weg nach Istanbul: Bei Regen durch Österreich

Es geht los! Um viertel nach Zehn sperren wir die Haustür zu und drehen den Zündschlüssel um. Erstes Ziel unserer Frühjahrsreise ist Istanbul. Etwa 2000 Kilometer liegen vor uns. Bis Passau nutzen wir noch die Autobahn. Dann wird nicht mehr gerast sondern gereist. Ohne Autobahn, ohne Maut.

Der Regen begleitet uns auf unserer Fahrt durchs Donautal. Dicht am Fluss entlang führt unsere Straße fast 200 Kilometer weit bis zu unserem heutigen Etappenziel.

Pöchlarn ist der Name einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich im Bezirk Krems. Hier treffen wir uns am Nachmittag mit Werner, Achims langlangjährigem Arbeitskollegen und Radtourenbegleiter, sowie dessen Schwester Anneliese.

Beim Wirt ein Dorf weiter gibt es leckeres Bier und Schnitzel sowie angeregte Gespräche bis in den späten Abend hinein. Sowie unterschiedliche Gläser für Damen („die sind doch eleganter“) und Herren.

Beim Wirt zwei Dörfer weiter gibt es einen Stellplatz. Hier dürfen wir unsere erste Reisenacht verbringen.

Asphaltkapelle, grüner Tempel und nochmal Kunst am Kanal

Heute wollen wir es nochmal wissen. Das Amberger Kongresszentrum ist nur fünf Gehminuten vom Stellplatz entfernt und nach dem Frühstück starten wir Versuch Nummer zwei, uns die Bilder der Ostbayerischen Fotomeisterschaften anzusehen. Aber vergebens. Türen zu, kein Mensch da. Na, dann fahren wir halt weiter.

Wir haben gelesen, dass es 15 Kilometer  östlich von Amberg die weltweit einzige Kapelle gibt, die ausschließlich aus Asphalt gebaut wurde. Der hiesige Künstler Wilhelm Koch entwarf sie ursprünglich für  die 13. Oberbayerischen Kulturtage, die 2001 in Altötting stattfanden.

Seit 2002 steht die Kapelle am Waldrand der kleinen Ortschaft Etsdorf. Bunte Glasfenster durchbrechen die Schwärze des Asphalts.

Alle zwei Jahre schmücken die Menschen aus Etsdorf die Decke der Kapelle mit Unmengen von Weihnachtskugeln. Aber nur in den geraden Jahren. Wir können uns nur das Foto anschauen, das sie in der Kapelle ausgehängt haben.

Gut, dass mit uns ein Einheimischer vor Ort ist. Ihn können wir nach einem weiteren Projekt des Künstlers fragen. Er zeigt uns den Platz am gegenüberliegenden Hügel.

Basierend auf Plänen von Wilhelm Koch entstand hier ein Baukunstwerk von BürgerInnen für BürgerInnen als Denkmal für 2500 Jahre Demokratie und für den europäischen Gedanken. Einweihung soll im Mai kommenden Jahres sein.

Das Motiv der Säulenhalle wird in Form eines Hains aus 47 Säuleneichen, stellvertretend für die 47 Länder Europas, aufgegriffen.

Noch nie zuvor hatten wir von diesem Künstler, von seinen Kunstwerken gehört und freuen uns riesig, dass wir sie entdeckt haben.

Zum Abschluss unserer kleinen Winterreise fahren wir nochmal an den Ludwig-Donau-Main-Kanal. Auf dem Hinweg hatten wir bereits Hinweisschilder auf einen weiteren Skulpturenweg gesehen. Hier wurden ab 2014 sechs groß dimensionierte Objekte von regionalen und internationalen KünstlerInnen aus Holz, Stahl und Stein gestaltet, zum Beispiel die „Himmelsleiter“ von Hubert Maier.

Oder „Die Erde ist keine vollkommene Kugel“ von  Ute Lechner und Hans Thurner.

Leider finden wir keine Karte, die uns maßstabgetreu die Position der Kunstwerke verrät. Unseren Versuch, das dritte zu finden, brechen wir nach einem viertelstündigen Spaziergang am Kanal ab und verschieben die Entdeckung der weiteren vier Objekte auf den Sommer, wenn wir die Räder dabei haben. Stattdessen kochen wir im Bus Kaffee, verzehren die letzten Lebkuchen und Stollenreste und machen uns auf den Heimweg.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch und ein gesundes, friedvolles und fröhliches neues Jahr!

Zur Glaskathedrale

Eine „Kathedrale der Arbeit“ und zugleich einen der bedeutendsten Industriebauten des 20. Jh. schuf Walter Gropius (1883–1969) für das einstige Rosenthal-Glaswerk in Amberg. Als letztes Werk des weltweit tätigen Architekten und Bauhaus-Gründers ist sie ein herausragendes Beispiel für dessen Gestaltungsgrundsatz „Form follows function“. Bis heute wird in der 1970 fertiggestellten Halle Glas hergestellt.

Von unserem Stellplatz aus sind es knapp drei Kilometer bis dorthin. Erst laufen wir an der Vils entlang, dann ein nicht so schönes Stück an der Bundesstraße und schließlich gelangen wir durch ein Neubaugebiet in ein Gewerbegebiet, in dem dieser imposante Beton-Glasbau thront.

Unsere Fotos müssen wir durch die Maschen eines hohen Zaunes machen. Die Pförtnerin zeigt kein Erbarmen. Eintritt aufs Gelände nur für Beschäftigte oder im Rahmen einer Führung.

Mit dem Bus wollen wir zurück in die Stadt. In einer Viertelstunde soll er kommen. Wir setzen uns an der Bushaltestelle in die Sonne und ich blogge. Prima. Äh. Jetzt sitzen wir hier schon über 20 Minuten. Aber der Bus kommt nicht. Na gut, dann laufen wir eben doch. Wir gehen los, eine Minute später brettert er an uns vorbei! Gemein!

Tja, und so geht es erstmal weiter. Im Kongresszentrum sollen nämlich die Bilder der Ostbayerischen Fotomeisterschaft gezeigt werden. Täglich 9 bis 16 Uhr. Wollen wir uns anschauen. Ist aber geschlossen. Pfffft.

Dann also weiter in die Altstadt. Da ist nichts geschlossen und Einheimische wie Touristen bevölkern die Fußgängerzone und Gassen.

Vorbei an prunkvollen Häusern,

bunten Häusern,

kleinen Häusern,

sehr alten Häusern,

Gotteshäusern,

einem als Stadttheater genutzten früheren Gotteshaus,

dem Rathaus.

Alles eingerahmt von der alten Stadtmauer.

Würde ich einen Reiseführer verfassen, schriebe ich wahrscheinlich: „Pittoreske Altstadt!“.

Zwei Stück Torte später suchen und finden wir keinen (!) Geocache und machen bis zum Abendessen Siesta im Bus.

Später müssen wir natürlich noch die oberpfälzische Küche testen. Hmmmm, ja, lecker!