Bereits um fünf liege ich wach im Bett. Ich döse noch ein bisschen, mache mir Gedanken, wie ich mein ganzes Gepäck am besten verstaue, stehe schließlich auf, um zu duschen. Es gibt aber kein Wasser. Gut, dass ich den Eimer am Vorabend gefüllt hatte, so dass ich wenigstens eine Katzenwäsche machen kann.
Ich trage unsere Koffer und Rucksäcke hinunter, nehme Abschied von Ann aus Dänemark, die seit ein paar Tagen als Volontärin hier ist, und meinem Zimmer, in dem ich mich nach insgesamt drei Monaten richtig heimisch fühle.
Moti, der Fahrer des Kinderheims holt uns freundlicherweise ab und bringt uns zum Busbahnhof. Eigentlich wollten wir ein Taxi nehmen, das ist aber heute schwierig, denn gestern wurde ganz spontan ein Generalstreik für das ganze Land ausgerufen. Streikbrecher sind hier gar nicht gern gesehen, mit ihnen geht man angeblich so rabiat um, dass viele nicht zur Arbeit gehen oder ihre Geschäfte schließen, um keinen Ärger zu bekommen. Wir haben zum Glück einen Touristenbus gebucht, der heute fährt.

Der Busbahnhof ist ein großer übersichtlicher Platz, der von kleinen Cafés gesäumt ist. Alles ist entspannt. Wir kaufen uns noch ein kleines Frühstück und gegen acht geht es los.
Der Bus ist nur teilweise besetzt, die Sitze sind komfortabel, man hat genügend Beinfreiheit. Was meine Reisefreude trübt: meine Stimme ist plötzlich völlig weg. Ich kann nur noch flüstern. Das ist ein bisschen unheimlich, aber mir bleibt nichts anderes übrig als im wahrsten Sinne des Wortes ganz ruhig zu bleiben. So dösen wir vor uns hin oder schauen aus dem Fenster.


Irgendwann wird die Klimaanlage angestellt und der junge Busbegleiter geht rum und öffnet alle Lüftungen. Wir geben ihm zu verstehen, dass uns das zu kalt ist. Man kann unsere Lüftung zwar nicht abdrehen, aber mit ein wenig alter Zeitung leicht Abhilfe gegen die Zugluft schaffen.

Insgesamt sind wir sechs Stunden unterwegs. Die Strecke beträgt rund 200 Kilometer. Es geht langsam vorwärts, weil die Straße sehr holprig ist, Bodenwellen und Schlaglöcher, und meistens einspurig. Wegen des Streiks sind heute recht wenig Autos unterwegs, so dass wir aber gut vorankommen.
Mehrmals gibt es einen kurzen Stop zum Pieseln, Essen und Trinken. Ich habe keinen rechten Appetit, trinke aber jedes Mal eine heiße Zitrone mit Honig, was mir guttut.
Gegen 14 Uhr erreichen wir Kathmandu. Endstation unseres Busses ist leider nicht wie erwartet der Busbahnhof sondern eine Straße in der Nähe. Mit Hilfe der Geschäftsfrau, vor deren Laden wir mit unseren Koffern stranden, gelingt es uns, Freund Suren zu erklären, wo wir stehen und auf ihn warten.
Suren und seine Frau Maddy habe ich vergangenes Jahr hier in Kathmandu kennengelernt. Zwischenzeitlich waren sie bei uns in Deutschland zu Gast und in den nächsten drei Tagen werden sie uns ihre Stadt zeigen.
In Sam’s One Tree Café probieren wir Leckereien aus der newarischen Küche, einer nepalischen Volksgruppe, die vor allem im Kathmandutal angesiedelt ist.
Meine Stimme hat sich einigermaßen erholt, so dass ich mich sogar an der Unterhaltung beteiligen kann. Wir schmieden Pläne für die nächsten Tage und ich freue mich auf die kommende Zeit hier in Kathmandu.

