Diamantengeister

Früh am Morgen fährt der kleine Zug durch den Ort. Er hält an jedem Haus und liefert 20 Liter Trinkwasser pro Nase sowie einen halben Block Eis pro Haushalt. Auf der Rückfahrt nimmt er die Frauen in ihren langen Kleidern und großen Hüten mit. Sie fahren zum Einkaufen in einen Laden, in dem es alles gibt: Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleider, Schulmaterial. Sogar Möbel. Alles aus Deutschland.

Nebenan beim Fleischer werden Brat- und Bockwürste, Aufschnitt, Eisbein verkauft. Da seine Kühlkammer an die Eisfabrik angrenzt, ist seine Ware immer wohl temperiert. Angeblich ist er der Einzige weit und breit, der dieses Angebot machen kann.

Am Nachmittag besuchen die Frauen die Patienten im örtlichen Krankenhaus.

Und am Abend, wenn die Männer aus der Mine zurück sind, trifft man sich vielleicht in der Halle, die tagsüber für die Kinder zum Turnen und abends für Theater- und Musikdarbietungen genutzt wird.

Wenn der Mann nicht zu müde ist, könnte man auch zum Kegeln gehen. Das Kindermädchen passt derweil auf die Kleinen auf.

Die Firma tut Vieles für das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter und ihrer Familien. Das tut auch not, denn die Arbeit ist hart und die Lebensbedingungen sind rau. Heiß, trocken und staubig. Hier lebt man ohne weitere Familienangehörige, ohne Freunde.

Es war im Jahr 1908, als der Bahnwärter Augut Stauch hier den ersten Diamanten fand. In Nullkommanichts sprach sich der Fund herum und die Glücksritter kamen in Scharen. Und sie hatten wirklich Glück, denn in der ersten Zeit lagen die Diamanten an der Oberfläche und konnten leicht gefunden werden.

Bald schon wollten auch die deutschen Kolonialherren ihren Anteil am großen Geld. Schließlich wurde eine Firma gegründet, rund 300 Familien, die meisten aus Deutschland, kamen ins kleine Kolmannskuppe, in die namibische Wüste, zehn Kilometer vom am Atlantik gelegenen Lüderitz entfernt.

20 Prozent der Weltdiamantenproduktion kamen 1914 allein von hier. 1930 wurde der Diamantenabbau in Kolmannskuppe eingestellt und die Mine geschlossen. Die Bewohner zogen in die neuen südlich gelegenen Minenstädte, nach Lüderitz oder zurück nach Deutschland und die Wanderdünen der Namib eroberten die Stadt.

Wo einst feine Damen ihre Feste gaben, hat heute der Sand die Herrschaft in den Salons übernommen.

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