Freuden des Touristenlebens 2: Auf die Insel

Obwohl mein freier Tag erst morgen ist, habe ich heute schon das Gefühl, Urlaub zu haben. Der Tag fing mit einem wunderbaren Blick aus meinem Fenster an. Die Berge zeigten sich ohne Wolken, ohne Dunst. Warme Dusche, Haare waschen, dann zum Dr. Espresso um die Ecke mit hervorragendem WiFi und leckerem Cappuccino, die SZ und den Reisebericht von Esther und Thomas runterladen und gleich schon mal reinlesen. Ehrlich? Interessiert mich gerade deutlich mehr als die Süddeutsche. Die beiden sind jetzt schon seit sechs Jahren in Nepal aktiv, indem sie in Pokhara ebenfalls ein Kinderheim unterstützen und berichten detailliert über ihre Erlebnisse hier.

Ich schlendere entspannt zum Rainbow Children Home. „Good morning, Eva! Subha bihani!“ tönt es aus beiden Klassenzimmern. Ich mache noch ein bisschen Englisch mit Mamita, dann geht’s zum Frühstück. Dal Bhat- time. Essen, jeder spült geschwind seinen Teller ab, dann gehe ich mit den Kleinen nach oben und helfe ihnen beim Anziehen. Das dauert. Bis sie ihre Schuluniform anhaben, sich das Gesicht gewaschen und Zähne geputzt haben, sind locker 20 Minuten um und ebenso lang dauert es, bis sie sich gekämmt und die Haare gerichtet haben. Geitri trägt einen Zopf mitten auf dem Kopf, Mamita zwei mit roter Schleife, Sita macht sich erst einen Dutt, da er nicht hält, flechtet sie die Haare usw. usf. Die Großen helfen den Kleinen, ich darf das nur bei wenigen ganz kleinen Mädchen machen, weil ich mich nicht sonderlich geschickt beim Frisieren anstelle.

Schließlich sind alle fertig und wir gehen zur Schule.

Am See im Green Leaf Café gönne ich mir danach erstmal einen leckeren nepalischen Milchtee, lese weiter im Reisebericht und telefoniere mit Freundin Simone, die gerade in Indien ist. Sie ist die Einzige, mit der ich um diese Uhrzeit reden kann. Mein Bruder in Vietnam ist zwar auch in der gleichen Zeitzone wie ich, muss aber arbeiten. Eigentlich egal, wer wo ist, nach kürzester Zeit kommt das Thema Coronavirus zur Sprache. Hier am See, ganz allein im Café, kaum Passanten, fühle ich mich gut aufgehoben in diesen Zeiten. Ich bin gespannt auf Deutschland und wie es weltweit weitergeht mit dieser Krankheit.

Als nächstes steht eine Bootfahrt an. Ich war in diesem Jahr noch gar nicht im Tal Barahi Temple auf dem kleinen Inselchen im Fewasee. Höchste Zeit also, schließlich bleibt mir nur noch eine Woche.

Ich habe Glück, die Aussicht auf den Himalaya ist wunderbar und ich genieße die Bootsfahrt und meine drei Tempelumrundungen (immer im Uhrzeigersinn) sehr.

Zurück von der Insel entdecke ich zum Mittagessen in einem kleinen Lokal etwas Neues: Samosa Chat.

Der Gemüsekranz besteht aus gelben Bohnen und Kartoffeln. Es wird auf einem Teller angerichtet, ein zerpflücktes Samosa hinzugefügt und allerlei feine Rohkost und Kräuter als Topping drübergestreut. So gesund und so lecker. Kostet ungefähr 50 Cent.

Da ich heute nicht wirklich einen freien Tag habe, kehre ich um 15 Uhr ins Kinderheim zurück. Heute war der dritte Tag der Schuljahrsabschlussexamen und die Kinder sind bereits daheim. Wie auch gestern und vorgestern beantworten sie meine Frage, wie es denn mit der Prüfung gelaufen sei mit einem überzeugenden „Good!“

Eine Gruppe Australier ist zu Besuch. Sie gehören ebenso wie die Gruppe von vor ein paar Tagen dem Verein Kiwanis an, der Kinder auf der ganzen Welt unterstützt, u.a. auch unser Rainbow Children Home. Außerdem haben sie Buntstifte und Malbücher mitgebracht und Goma regt einen kleinen Malwettbewerb an, bei dem die Kleinen begeistert mitmachen.

Für jedes Kind gibt es hinterher einen kleinen Preis und ein Siegerfoto.

Den Abend verbringe ich alleine mit Nepalilernen, bloggen und Reisebericht lesen auf meiner überdachten Terrasse im zweiten Stock. Irgendwann gehe ich noch auf ein Bierchen an den See. Bei immer noch milden 20 Grad.