Einfach nur noch Land gewinnen

Sognefjord, Geirangerfjord, Trollstiegen – diese Namen lassen die Herzen von Norwegenliebhabern höher schlagen. Auch unsere. Denn dies ist die Gegend der Superlative: Eine Bootsfahrt über den Fjord gehört zu den Top-Highlights nicht nur Norwegens sondern ganz Europas. Eine Fahrt mit der Flambahn, vom Sognefjord hinauf zur Hochebene Hardangervidda, zählt zu den größten Sehenswürdigkeiten des Landes und der Trollstiegen ist eine der extremsten Gebirgsstraßen Europas. Es gibt hier außerdem noch die Traumstraße Laerdalsvegen, den Jostedalsbreen-Nationalpark mit 30 Gletschern und jährlich 600 000 Touristen sowie eine der schönsten Sehenswürdigkeiten der Welt, den Geirangerfjord.

Wir lassen sie alle links liegen und entscheiden uns für einen ganz anderen Superlativ: den Laerdaltunnel, der mit seinen 24 Kilometern der längste Straßentunnel der Welt ist. „Und wie ist es, hier durch zu fahren?“, frage ich Achim. „Langweilig“.

Egal. Wir wollen nur noch eins: möglichst schnell Land gewinnen.

Wenn es stundenlang regnet, wenn der Wetterbericht auch für die nächsten zwei Tage keine Besserung verspricht, wenn die Sicht so schlecht ist, dass man Himmel, Berge und Meer nicht auseinanderhalten kann, dann machen weder eine Schiff-, noch eine Zug-, noch eine Autofahrt Spaß.

Dabei sah die Welt vorgestern und gestern noch ganz rosig aus. Bergen, die „Königin der Fjorde“, gilt als schönste Metropole des Landes (es nimmt kein Ende mit den Superlativen) und auch wir genießen den Bummel entlang des Hafenbeckens und der bunten Holzhäuser des ehemaligen Hanseviertels.

Doch dann zieht es uns wieder aufs Land und wir fahren zu einer schmalen der Stadt vorgelagerten Insel, auf der es einen kleinen, sehr idyllischen Campingplatz gibt. Mal wieder duschen und große Wäsche machen ist der Plan.

Da ist uns der Wettergott noch freundlich gesinnt. Zwischen vereinzelten Schauern ist es auch mal trocken und wir können sogar einen Spaziergang machen und am Nachmittag draußen Kaffee trinken.

Heute Morgen fängt es aber schon bald nach dem Frühstück wieder an zu regnen. Unser heutiges Ziel ist ein weiterer kleiner Campingplatz, diesmal am Naeroyfjord, der uns als Ausgangspunkt für den Rimstigen dienen soll. Der steht für morgen auf unserem Programm. Es ist ein steil an der Fjordwand ansteigender ehemaliger Viehweg, der von oben ein atemberaubendes Panorama hinunter in den Fjord bietet.

Wir fahren im Regen los und erreichen unseren ersten Zwischenstop, das Hotel Stalheim, gegen Mittag im Regen. Auch Leute, die keine Hotelgäste sind, dürfen in den hinterm Haus gelegenen Garten. Von hier bietet sich eine sehr schöne Aussicht in den 550 m tiefen Abgrund, auf den zuckerhutähnlichen Jordalsknut und das Naeroytal, das sich zum Fjord öffnet.

Wir machen hier Mittagspause und beratschlagen. Wandern morgen? Kannst Du vergessen. Mit dem Boot durch den Fjord fahren? Nicht bei dieser Sicht (nebenbei sei auch noch erwähnt, dass die Tickets rund 100 Euro für uns zwei kosten). Wir studieren die Landkarte. Einfach mal so Land gewinnen, mal eben ein paar hundert Kilometer durch den Regen nach Norden düsen, ist von hier aus nicht gut möglich. Mit dem Auto in Norwegen zu düsen, ist eh nicht möglich. Ich schrieb schon davon. Aber wir haben uns inzwischen auch von allen großen Straßen entfernt und sind von Fjorden, Bergen und Hochebenen umgeben. Es regnet weiter, wir beraten weiter, wissen nicht richtig, was wir tun sollen und entscheiden uns für die Flucht Richtung Norden. Bis zur nächsten großen Straße sind es 200 Kilometer. Also los.

Ein kurzer Blick auf den Fjord in Gudvangen, wo es so eng ist, dass man hier selbst im Sommer erst ab etwa 12 Uhr die Sonne sieht.

Nochmal anhalten in Flam, von wo aus man die Fjordfahrten unternehmen kann und wo auch gern mal die Kreuzfahrtschiffe anlegen.

Und dann ab in den Laerdaltunnel, um nach etwa 150 Kilometern auf die E 6 Richtung Norden zu stoßen.

Trotzdem freuen wir uns über unverhofft auf unserer Strecke auftauchende Überraschungen: Die Stabkirche von Borgund aus dem Jahre 1180, die – Achtung, Superlative! – nicht nur als das besterhaltene Beispiel norwegischer Holzbaukunst, sondern auch als der älteste Holzbau Europas gilt. Ihre Schindeldächer sind gestaffelt und die Firstenden mit Drachenköpfen verziert, so dass sie eher wie eine Pagode aussieht als eine Kirche.

Wenige Kilometer später dann die ersten Rentiere auf dieser Reise, Eltern mit einem Jungen. Kurz nur können wir sie beobachten, dann trollen sie sich außer Sichtweite. So schön!

Schließlich finden wir auch noch einen Stellplatz neben einem Fjord. Außer uns ist noch ein kleiner Camper aus Belgien da. Aber auch unsere Nachbarn haben sich vor dem Regen nach drinnen verzogen. Achim bereitet das Abendessen zu, ich blogge und morgen fahren wir so lange Richtung Norden, bis es aufhört zu regnen.

Sicher ist: wir kommen auf der Rückfahrt wieder hier vorbei und holen dann nach, was wir jetzt ausfallen lassen. Das ist ein festes Versprechen an uns selbst.

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