Dieser Blogbeitrag sollte eigentlich den Titel „Die Einsamkeitsrunde durchs Land der Samen“ tragen. Während wir im windgeschüttelten Bus am Nordkap saßen, schmiedeten wir Pläne für die Fahrt Richtung Süden und entschieden uns für eine Runde in südöstlicher Richtung. Die Strecke verläuft durchs Land der Samen, führt durch die Orte Karasjok und Kautokeino, die eine die inoffizielle Hauptstadt von Samiid Aednam, dem Samenland, die andere sein kulturelles Zentrum.
Ich wollte erzählen von den 100 000 Rentieren, die die Bewohner von Kautokeino auch heute noch besitzen und die, neben dem Tourismus, eine wichtige wirtschaftliche Grundlage bilden. Ab und an verirren sich auch mal welche auf die Straße.

Ich wollte berichten von der Vielzahl kultureller, wissenschaftlicher und sozialer Einrichtungen, die u. a. vom Wissenschaftszentrum „Diehtosiida“ beherbergt werden.

Ich wollte darüber schreiben, dass es in Kautokeino einen samischen Radiosender gibt und die einzige Schule, in der Rentierzucht ein Unterrichtsfach ist.

Doch dann kam alles ganz anders. Zum einen erschließen sich die genannten Orte dem Tagesbesucher nicht so leicht. Es gibt keinen zentralen Platz, keine Straßen zum bummeln, nur vereinzelte Wohnhäuser und Läden ohne besonderes Flair. Schwierig, Menschen zu treffen und vielleicht mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Zum anderen war unser Augenmerk auf viel Trivialeres ausgerichtet, das uns viele Nerven gekostet hat.
Dabei hat alles so schön angefangen:

Die Rückfahrt vom Nordkap entlang des Fjordes ist natürlich ebenso großartig wie auf der Hinfahrt.

Das einsame Fjelll der Finmark wollen wir durch eine Wanderung im Stabbursdalen Nationalpark kennenlernen.

Nach sechs Kilometern holpriger Piste erreichen wir den Wanderparkplatz. Super, hier können wir auch über Nacht bleiben. Kein Verbotsschild, ein paar Zelter.
Wir ziehen uns warm und regenfest an, sprühen uns mit Mückenspray ein und laufen los zum fünf Kilometer entfernten Wasserfall.

Ein guter Weg durch abwechslungsreiche Landschaft, wenn nur die sirrenden Quälgeister nicht wären. Myriaden von Mücken stürzen sich auf die beiden Wanderer, als ob sie seit Wochen keine Nahrung mehr bekommen hätten. Wir setzen die Kapuzen auf, verstecken das Gesicht hinter einem Tuch, stecken die Hände in die Jackentasche. Doch allein beim Anblick der vielen Plagegeister macht man sich klein und kratzt sich.


Als wir nach drei Stunden wieder beim Bus sind, klopfen wir sorgsam unsere Kleidung ab und schlüpfen so schnell wie möglich in den Bus. Einige Tierchen natürlich auch. Im Laufe der nächsten Stunden müssen einige von ihnen dran glauben, aber immer wieder ist Nachschub da. Seltsam, der Bus ist doch zu. Wo kommen sie her? Wie kommen sie hierein?
Schließlich gehen wir ins Bett, ziehen uns die Decke über den Kopf und versuchen einzuschlafen. Bssssssss. Bssssssss. Immer wieder versuchen wir, eine zu erlegen, dann wieder, sie zu ignorieren. Irgendwann ziehe ich das Rollo auf, es ist wie gewohnt taghell mitten in der Nacht und dann sehe ich die Bescherung: Heerscharen von Mücken sitzen auf den Rollos, unterm Dach, an den Wänden. Gruselig!

„Sollen wir ein Stück aus dem Wald rausfahren? Wohin, wo weniger Mücken sind?“, fragt Achim. Wir sichern das Notwendigste vorm durch den Bus fliegen und setzen uns im Schlafanzug nach vorn.
Ein paar Kilometer weiter haben wir den Wald hinter uns, draußen fliegen zwar noch Mücken, aber nicht mehr in so rauen Mengen. Wir öffnen nach und nach die Dachluken und die Fenster und tatsächlich fliegt ein Großteil der Mücken nach draußen. Viele werden noch von uns erledigt. Inzwischen ist es vier Uhr. Wir verstecken uns wieder unter unserer Bettwäsche und schaffen es dann sogar, ein paar Stunden zu schlafen.
Der nächste Tag führt uns wieder durch Birkenwälder, an Seen und Flüssen entlang, wir besuchen wie gesagt Karasjok und Kautokeino, am Abend finden wir ein lauschiges Plätzchen an einem Fluss, kurz hinter Kautokeino. Wir sind von der vergangenen Nacht und dem langen Tag so müde, dass wir keine Lust haben zu kochen. Zwei Bier, Cracker und Aioli müssen heute reichen.

Achim nimmt mein Telefon auseinander, bei der Wanderung im Nationalpark war Wasser in das Gerät gedrungen (danke, Fairphone, dass man dich reparieren kann!) und währenddessen geht es schon wieder los: der Bus ist zu, trotzdem kommen Mücken rein. Mehr und mehr. Ich hatte am Nachmittag insgeheim schon damit geliebäugelt, bis zum Fjord in Arta zu fahren, in mückenfreies Gebiet. Doch das wäre eine zu lange Tagesetappe geworden. Jetzt aber hält uns hier nichts mehr. Es ist elf Uhr, taghell, 80 Kilometer trennen uns von einer entspannten Nachtruhe.

Also los. So eine unverhoffte Nachtfahrt hat auch ihren Reiz. Kaum Verkehr, so dass man die Landschaft ausgiebig genießen kann. Für uns ist es ja immer noch unfassbar, dass es hier taghell ist.

Als wir nach eineinhalb Stunden auf dem von uns ins Auge gefassten Platz ankommen, den wir schon von der Hinfahrt kennen, wollen wir es erst gar nicht glauben: Mücken!
Wir fackeln nicht lang, wenden und fahren zurück auf einen Parkplatz an der E 6. Keine Idylle, aber immerhin mit Blick auf den Fjord und vor allem: ohne Mücken. Es ist zwei, als wir endlich ins Bett fallen. Ganz ohne bssssssss.

