Es ist in der Früh um zehn, als das Telefon klingelt. Verschlafen greife ich zum Hörer. „Hallo?“, bringe ich im Noch-Halbschlaf über die Lippen. Eine hellwache, fröhliche Stimme erklärt mir, dass sie meine Telefonnummer von Hannelore S. habe und sie auf der Suche nach einer Journalistin sei, die bereit wäre, die kommenden drei Monate in Riva am Gardasee bei einer deutschen Radiostation zu arbeiten. Ich stottere fassungslos vor mich hin, erkläre, dass ich kurz zu mir kommen müsse, notiere die Telefonnummer und verspreche, gleich zurückzurufen.
Das ist 42 Jahre her. Gestern sind Achim und ich in Riva angekommen und ich spaziere seither durch meine Erinnerungen.

Hier! Dies ist das Haus, in dem ich gemeinsam mit zwei weiteren Journalisten, Adrian und Harald, drei Monate lang das Sommerprogramm von Radio Garda 3 gemacht habe. Unser Studio war im ersten Stock, im hinteren Teil der riesigen Wohnung gab es eine große Küche, ein Bad und drei kleine Zimmer.

Das Ganze war die Idee eines Münchner Unternehmers, den ich in all den Wochen kein einziges Mal gesehen habe. Für die Programmgestaltung hatten wir freie Hand. Gesendet haben wir von 7 bis 22 Uhr: Stündlich Nachrichten (die wir kreativ durch das Abhören anderer Radiosender zusammengestellt haben), Sprachkurs (unterstützt durch unseren jungen italienischen Tontechniker Angelo), Ausflugstipps, Kochrezepte, Wunschkonzerte… Sogar einen Surfkurs habe ich damals gemacht und darüber berichtet.

Da! Die Touristeninfo. Hier haben wir jeden Morgen den Wetterbericht abgeholt. Ab 9 Uhr lag ein Fax für uns bereit.

Und die Uferpromenade. Hier habe ich gern die Abende verbracht, wenn ich keinen Spätdienst hatte. Es gab leckeres Eis, Livemusik und auch diesen Gitarristen mit dem feurigen Blick…

Achim hat seine ganz eigenen Erinnerungen an den Gardasee: auf einer seiner vielen Radtouren kam er auch hierher. Freund Werner konnte wegen einer OP nicht mitradeln und versprach, mit dem Auto nachzukommen. Doch wie sich für den Abend verabreden in Vor-Handyzeiten? Ganz einfach: Die Radler hinterlassen eine Nachricht auf dem Ortsschild von Malcesine: Uhrzeit und angepeilter Campingplatz. Der Autofahrer springt im Stau aus dem Auto, greift sich den Zettel – und erfreut kurze Zeit später die radelnden Freunde mit einem Kasten Bier aus dem Kofferraum.
Achim und ich haben aber auch eine gemeinsame Erinnerung an den Gardasee: Immerhin wurde neun Monate nach einem Wochenende in Limone unser Sohn geboren.

