
Auch an meinem zweiten Morgen in der Sandwüste lasse ich mir dieses Spektakel nicht entgehen und klettere kurz vor Sonnenaufgang um sechs aus dem Bett. Ich bin nicht die Einzige. Auf den Kämmen der Dünen stehen kleine Gruppen von Menschen oder Einzelne und schauen zu, wie die Sonne hinter einem spitzen Sandberg empor klettert und den Sand in warmes Licht taucht. Zum Glück hält sich die Zahl der motorisierten Wüstenfans zurzeit in Grenzen. Es hat angenehme 16 Grad, unter meinen nackten Füßen fühlt sich der Sand kalt an, was mir alles aber lieber ist als die 30 Grad tagsüber und kochendheißer Sand, den man barfuß gar nicht betreten kann.

Als die Sonne da ist, laufe ich noch ein Stück weiter zum Dromedar-Übernachtungsplatz. Hier wird gerade gefrühstückt.

Am Tag zuvor haben wir die Hãlfte des Tages beim Bus zugebracht und gelesen, geguckt und gelesen. Die andere Hälfte waren wir am Pool und haben gelesen und gedöst. Natürlich sind wir auch geschwommen. Zischsch hat’s gemacht, als wir ins kühle Wasser glitten.


Heute fahren wir weiter, denn wenn man nicht Quad fahren, Kamel reiten oder Dünen surfen möchte, kann man bei der Hitze tagsüber nicht viel unternehmen (die Einheimischen bezeichnen die 30 Grad natürlich nicht als „Hitze“).

Wir haben in unserer Landkarte einen Vermerk gefunden: H. – J. Voth, Goldene Spirale, Stadt des Orion. Alle Einträge im Netz dazu, die ich finde, sind ein paar Jahre alt. So schrieb beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am 8. März 2018: „Aufsehen erregte der heute 78-Jährige mit selbst-finanzierten Großskulpturen auf der Marha-Ebene in Marokko: die „Stadt des Orion“ mit archaisch wirkenden Blöcken und Türmen; die „Goldene Spirale“, die sich wie ein Brunnen in den Sand schraubt; und eine „Himmelsleiter“, eine steile Rampe mit 52 Stufen ins Nirgendwo. Mitten in der Wüste und ganz ohne Ablenkung überwinterte und arbeitete Voth 25 Jahre lang, oft in den von ihm in traditioneller Lehmbauweise errichteten, mehrstöckigen Kunstgebäuden.“ Was man davon heute noch sehen kann und wie man dorthin kommt, wissen wir nicht. Wir machen uns auf die Suche.


Als erstes stoßen wir im Dorf Fezna auf Ali, der uns das Bewässerungssystem erläutert, das wir die ganze Zeit schon sehen. „Es wurde vor 1100 Jahren angelegt und bis vor 30 Jahren durchgängig benutzt“, erklärt er uns. Aber jetzt fließt hier kein Wasser mehr. Es ist der Moderne und dem Klimawandel zum Opfer gefallen. Über eine Strecke von 40 Kilometern wurde das Wasser in Kanälen, Foggaras, aus den Bergen hierher geleitet. Im Abstand von zehn Metern gibt es Schächte, sogenannte Khettara, durch die der Abraum beim Bau der Kanäle hochgezogen wurde.



Ali ist auch derjenige, der sofort Bescheid weiß, als ich ihn nach der Landart von Hannsjörg Voth frage. Er war noch ein Junge, als „Hans“ hier arbeitete und bietet uns an, ein Auto mit Vierradantrieb zu besorgen, um uns dorthin zu bringen. Es ist nur zehn Kilometer entfernt, aber er sagt, dass der Weg teils versandet und mit unserem Bus nicht erreichbar sei. Leider werden wir nicht handelseinig. Die 650 Dirham (65 Euro) hätten wir ja noch bezahlt, aber auf einmal tauchten nochmal 150 Dirham (15 Euro) pro Person auf, die wir vor Ort dem Wärter bezahlen müssten. Mein Einwand, dass auch intensive Internetrecherche keinerlei Hinweis auf ein solch geregeltes Einlasssystem geben würde, half nicht weiter. Wir cancelten deshalb die ganze Geschichte und schauten uns die Landart durchs Fernglas an. Sehr schade.


