Von Kunst und Watvögeln. Die Seehunde kriegen wir (hoffentlich) morgen

Der Wetterbericht hatte recht. Als ich um halb acht wach werde, regnet es nicht mehr. Ich schlüpfe in eine warme Hose und den Anorak und verlasse leise den Bus. Als wir gestern ankamen, haben wir wenig von unserer Umgebung wahrgenommen, weil es in Strömen geregnet hat.

Wir stehen hinterm Deich neben dem kleinen Hafen von Termunterzijl. So eine Idylle am frühen Morgen! Eine kleine Treppe führt auf den Deich hinauf und von hier kann man die gesamte Bucht, den so genannten Dollart, überblicken. Im Nieselgrau, weit hinten, zeichnet sich Emden ab.

Zwei Ziele haben wir für unsere heutige Radtour ausgeguckt: die Zeehondenkijkwand (Seehundebeobachtungswand) und de Kiekkaasten (Guckkasten), der ebenfalls am Rande des Watts liegt und von dem aus man die Wasservögel gut beobachten kann.

Abgelenkt von ein paar Geocaches auf der Fahrt am Deich entlang und einem kräftigen Schauer fahren wir an den Zeehonden vorbei und merken das leider erst drei Kilometer später. Bei dem Gegenwind haben wir keine Lust zurückzufahren. Egal, wir kommen auf dem Rückweg hier wieder lang.

Dafür tauchen nun am Wegesrand in kurzen Abständen zwei Kunstwerke auf. Zuerst der Hongerige Wolf. Der niederländische Bildhauer Arie Berkulin schuf es 1987. Es besteht aus zehn senkrecht stehenden Sandsaugrohren, die bei der Erhöhung des Deichs im selben Jahr benutzt wurden. Der Künstler will damit die stete Bewegung des Landes zum Meer hin veranschaulichen.

Auch das nächste Fundstück am Wegesrand ist schon von weitem sichtbar: das Kunstwerk von Martin Borchert Waaiboei (Windboje) ist nicht weniger als acht Meter hoch und steht an der holländisch-deutschen Grenze. Das Kunstwerk entstand 1996 und steht lose auf dem Deich, wo es sich mit dem Wind bewegt. Es ist einer Kirchturmspitze mit einer Nadel aus Blattgold nachempfunden und erinnert seit 1996 an die in der Bucht untergegangenen Dorfkirchen. Durch die Entstehung des Dollart und durch Einbrüche des Emsufers sind mindestens 20 Kirchspiele und 10 bis 15 weitere Dörfer sowie drei Klöster untergegangen

Wir stellen die Räder ab und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Kiekkaaste. Er ist die einzige außendeichs gelegene Vogelbeobachtungshütte der Niederlande. Von hier lassen sich die Wattflächen des Dollart betrachten.

In der Ferne machen wir ein paar Rotschenkel aus, die drei jungen Ornithologinnen mit ihrem Spektiv neben uns entdecken noch eine ganze Horde Alpenstrandläufer und natürlich sehen wir alle Arten von Möwen, Gänsen und Enten.

Auf dem Rückweg nehmen wir den Asphaltweg direkt am Wasser, was zugleich bedeutet, dass wir etwa alle 200 Meter absteigen müssen, um ein Gitter aufzumachen. Damit sollen die Schafe, die hier den Deich pflegen, in bestimmten Abschnitten gehalten werden.

Als wir bei der Seehundbank ankommen, sehen wir die Bescherung: es ist Flut. Keine Möglichkeit für Seehunde also, sich auf dem Strand zu tummeln. Mist, das hatten wir vor zwei Stunden nicht bedacht. Vielleicht hätten wir da noch Glück gehabt. Wir werfen einen Blick in den Tidenkaklender: Morgen ist um 12 Uhr Niedrigwasser. Also werden wir uns nach dem Frühstück nochmal auf den Weg machen. Für heute ist es dann auch genug. Ich nehme noch die günstige Gelegenheit wahr, dass es hier eine Waschmaschine gibt und schmeiße unsere Schmutzwäsche hinein und Achim macht noch ein schönes Drohnenfoto von unserem idyllischen Stellplatz.

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