Keine Seehunde, aber moderne Kunst

Wir sind zu spät! Wie geplant radeln wir nach dem Frühstück zur Zeehondenkijkwand, fahren hierhin, fahren dorthin und finden sie nicht. Das nahe gelegene Dollart – Besucherzentrum hat auch noch geschlossen, aber wir haben Glück: gerade kommt die zuständige Frau und schließt auf. „Die Seehunde?“, sie schüttelt bedauernd den Kopf. „Die sind nur im Sommer hier. Juni, Juli, August, September“, zählt sie auf. Sie fühlt sich im Englischen sichtlich nicht wohl, auf Deutsch und Holländisch können wir leider nicht miteinander reden, also spare ich mir die Frage nach dem Warum und befrage stattdessen das Netz. „Zu Winterzeiten verlassen die meisten ihre Region und ziehen in tiefere Gefilde der Nordsee, wo sie der Nahrung nach Fischen folgen“, erfahren wir da. Wie schade!

Wir gehen also nur ein bisschen spazieren und radeln dann zum Bus zurück. Unser Nachbar auf dem Stellplatz hat uns gestern einen Tipp gegeben: nur 20 Kilometer südlich von hier ist die Blaue Stadt. Die wollen wir uns anschauen. Morgen geht’s dann weiter nach Groningen ins Museum.

Wir sind vielleicht eine viertel Stunde gefahren: „Ist heute Sonntag?“, frage ich meinen Liebsten. „Oh je, dann ist morgen Montag und vielleicht hat das Museum zu?!“ Hat es, bestätigt das Internet. Da heißt es spontan sein. Groningen, wir kommen!

Das 100 Jahre alte Groninger Museum bekam 1994 ein neues Zuhause. Konzipiert wurde es vom italienischen Designer Alessandro Mendini und gilt als Ikone der Postmoderne des 20. Jahrhunderts. Ins Haus und in die Dauerausstellung kommt man kostenfrei.

Vor allem Künstler aus Groningen werden hier ausgestellt. Dass noch keine Künstlerinnen vertreten sind, ist ein Manko, dass den Verantwortlichen bewusst ist, wie sie schreiben und sie versprechen: „Wir arbeiten dran“.

Als erstes stoßen wir auf die Bilder des Fotojournalisten Erwin Olaf, dem mit seiner ersten Ausstellung im Groninger Museum 1987 der internationale Durchbruch gelang. Aktuell wird von ihm eine von den Skulpturen Auguste Rodins inspirierte Fotoserie gezeigt, die er eigens für das Groninger Museum gefertigt hat.

Der Expressionismus spielt eine große Rolle in der Arbeit der 1918 in Groningen gegründeten Künstlergruppe „De Ploeg“ (der Pflug). Der Name ist mit Bedacht gewählt: Das Kunstklima in Groningen empfanden sie als brachliegendes Feld, das es umzupflügen galt.

Dass sich daran einiges geändert hat, davon zeugt nicht nur dieses beachtliche Museum sondern ein weiteres geniales Gebäude, das wir nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt entdecken.

Das Forum Groningen beherbergt verschiedene Einrichtungen, die täglich öffentlich und zum Teil kostenlos zugänglich sind, darunter die städtische Bibliothek, die Touristeninformation, und die Dachterrasse, die einen Ausblick über die ganze Stadt bietet. Als kulturelles Zentrum hält es außerdem Kinosäle, Veranstaltungs- und Ausstellungsräume, Cafés und ein Restaurant vor.

An diesem Sonntagnachmittag sind viele Besucherinnen und Besucher da, viele von ihnen junge Leute, die hier an ihren Laptops zu arbeiten scheinen.

Von der Dachterrasse in 45 Metern Höhe hat man einen tollen Blick auf die Stadt.

Am Abend fahren wir raus aus der Stadt und bringen uns schon mal in die Pole Position für die morgigen Highlights.

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