
Um kurz nach Mitternacht abermals ein Weckruf: „Eva, komm, es gibt was zu sehen!“ Und ja! Diesmal sehe ich auch mit bloßem Auge Farbe am Himmel. Türkisfarbene Wolkenbänder wabern über den Himmel! Ich halte die Luft an und staune. Immer wieder ãndern die Polarlichter ihre Form, mal sehen sie aus wie ein Trichter, mal wie Tanzbänder, die durch die Luft gleiten. Über all dem Millionen von Sternen und Planeten. Ich erkenne unsere Milchstraße, den großen Wagen, die Plejaden, den Schwan, die Cassiopeia (Achim war ein guter Lehrer).

Achim fotografiert und fotografiert. Dass die Fotos so farbenprächtiger, so viel formenreicher sind als das, was man mit bloßem Auge sieht, stimmt mich fast ein wenig traurig. Außerdem trägt die Vielzahl der Fotos und Videos von Polarlichtern, die ich schon gesehen habe, zu einer Erwartungshaltung bei, die die Realität scheinbar nicht erfüllen kann. Es ist, wie wenn Du das erste Mal in Deinem Leben ein echtes Zebra siehst, aber ohne Streifen.
Aber wer weiß? Vielleicht werden wir in einer der nächsten Nächte auch einmal bunte Lichter mit bloßem Auge sehen können?
Um halb zwei krabbeln wir in die Betten und schlafen, trotz allem, beglückt ein.

Inari ist das Herz Sápmis. Die Rolle der samischen Kultur ist hier sehr groß: 30 Prozent der Einwohner sind Samen. Es ist Sitz des finnischen Sametings, der parlamentarischen Vertretung der Samen, hat eine samische Kirche mit dem Altarbild „Die Offenbarung Jesu Christi an das samische Volk‘ und es gibt das Samenmuseum, das wir gleich nach dem Frühstück besichtigen.
In der Ausstellung erfahren wir Vieles über die Sámi, das einzige indigene Volk in der EU. Ihr Leben zwischen Tradition und Moderne.



Wieder stoßen wir auf deutsche Geschichte: die Wehrmacht vertrieb gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die einheimischen Sámi und zerstörte sämtliche Dörfer, um den vorrückenden Russen nur ja nichts zu hinterlassen, was sie vielleicht brauchen könnten.

An Bord eines Katamaran schippern wir am Nachmittag zwei Stunden über den Inarisee mit seinen 3000 Inseln und Inselchen.

Und stellen fest: an Bord unseres Busses fühlen wir uns wesentlich wohler als an Bord eines Bootes. Das schaukelt so.

Eigentlich wollen wir, wie angeboten, etwas früher aussteigen, um zu einer Wildernis Church zu wandern. Wegen Wind und Wellen kann der Kapitän dort nicht anlanden. Also keine Wanderung, sondern Kaffee und eine Runde Geocaching.
Nicht vorenthalten will ich Euch den Schnappschuss des Nachmittags: Rentiere im Vorgarten.

