Bei Mönchen und Nonnen

Als ich heute Morgen die Nase aus dem Bus stecke, hat es zwei Grad. Aber die Sonne scheint und der kleine Teich, den ich durch die lichten Kiefern sehe, hat eine weiße Nebelhaube. Ich lausche. Ein Vogel singt ein Lied, das ich noch nie gehört habe. Aber Bird net. Es ist ein Moorschneehuhn! Das animiert Achim zum Aufstehen. Und ein Drohnenfoto vom sonnigen Herbstmorgen gibt es auch noch vor dem Frühstück.

Gut, dass wir gestern Abend noch diesen zauberhaften Platz gefunden haben. Eigentlich hatten wir vor, einfach auf dem Wanderparkplatz beim Koli stehen zu bleiben. Aber der war uns zu duster und ohne jegliche Aussicht. Entlang des Sees gab es idyllische Plätze, aber „No Camping!“ – Schilder. Doch Park4Night hilft weiter und kennt diesen Platz an einem Laavu, dem typischen finnischen Wanderunterstand mit Feuerstelle und sogar Trockenclo.

Ich glaube, hier in Finnland sind wir schon mehr Piste gefahren als in Marokko oder Namibia. Allerdings sind die Naturstraßen hier meist in sehr gutem Zustand und wir rollen fröhlich gen Süden, als ich aus dem Augenwinkel eine Schar Singschwäne im Feld rechts entdecke. Der Singschwan ist Finnlands Nationalvogel und wir freuen uns, diese Tiere mit den Ferngläsern beobachten zu können. Doch damit noch nicht genug. „Kraniche! Da rechts stehen Kraniche!“, entdeckt Achim. Es ist das erste Mal, dass wir diese Tiere in ihrem nordischen Sommerquartier sehen.

Bald erreichen wir das Kloster Valamo. Die Mönche stammen aus dem gleichnamigen Kloster im heute russischen Teil Kareliens.

Die Vorgeschichte reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Damals sollen Sergei und Herman, ein griechischer und ein karelischer Mönch, auf der Insel Valaam im Ladogasee (heute Russland) gestrandet sein. Dort legten sie den geistigen Grundstein für eines der prunkvollsten und über Jahrhunderte mächtigsten Klöster des orthodoxen Christentums. Als russischer Vorposten wurde jenes „Athos des Nordens“ im Jahre 1611 von den Schweden völlig zerstört. Doch nach der Rückeroberung Kareliens durch Zar Peter I. entwickelte sich die Ladoga-Insel bald zum bekanntesten Wallfahrtsort Nordrusslands. 1000 Mönche und Novizen haben damals dort gelebt.

1940 fiel die Ladoga-Insel an die UdSSR. Die Mönche hatten gerade noch Zeit, ihre Kunstschätze zu verladen und den geschlagenen finnischen Truppen nachzuziehen. Sie erwarben ein Gut in Finnisch-Karelien, bauten es um und nannten es nach ihrer alten Heimat Uusi Valamo, Neu-Valamo (Quelle: Berliner Zeitung).

Gemeinsam mit ein paar finnischen Sonntagsausflüglern schauen wir uns die Anlage und vor allem die Kirche an, die zwar erst 1977 im byzantinisch-russischen Stil erbaut wurde, aber wertvolle Ikonen und einen reich verzierten Hochaltar birgt.

Ein kurzer Spaziergang bringt uns zum orthodoxen Friedhof mit seinen alten karelischen Grabhäusern. Über diese Bestattungstradition habe ich noch nichts herausgefunden. Das muss ich daheim an einem kalten Wintertag recherchieren.

Ganz anderer Natur ist unsere nächste Station an diesem Sonntag: Die Schleuse am Varistaipale-Kanal hilft Bootsfahrern mit vier Stufen 14 Höhenmeter zu überwinden. Damit ist sie die größte in Finnland.

Unser letzter Besichtigungspunkt des Tages ist das Kloster Lintuala. Die Nonnen hier haben ein ähnliches Schicksal wie die benachbarten Mönche. Auch ihre ursprüngliche Heimat liegt in Russland und sie sind ebenfalls nach dem Winterkrieg von dort geflohen und haben im finnischen Teil Kareliens eine neue Heimat gefunden.

Heute Nachmittag ist kein Mensch hier zu sehen, weder eine der Nonnen noch Gäste. Auch der Geschenkeladen, in dem die Nonnen ihre selbstgefertigten Kerzen verkaufen, und das gemütliche Café neben dem Klostergarten sind geschlossen.

Jetzt wird es Zeit, dass wir uns einen Schlafplatz suchen. Es gibt einen Campingplatz in der Nähe, aber wir wollen lieber frei irgendwo stehen und deshalb fahren wir noch 40 Kilometer Richtung Kupio, das wir uns morgen anschauen wollen.

„Fantastisch!“, sind wir uns einig. Hier bleiben wir heute Nacht. Sitze umdrehen, Heizung an, Gin Tonic und Tavla raus. Der Abend kann beginnen.

Das hätten wir mal lieber bleiben lassen. 5 : 0 verloren.

Hinterlasse einen Kommentar