Corona: nachgeblättert

Fünf Jahre ist es her, dass Corona über uns kam. Ob von einem chinesischen Markt oder aus einem Labor ist immer noch nicht geklärt. Zum kleinen Jubiläum wird wieder viel geschrieben: ein Untersuchungsausschuss soll einberufen werden, um die Verhältnismäßigkeit der damaligen Maßnahmen zu diskutieren. Sowohl Angelika Merkel als Bundeskanzlerin als auch Olaf Scholz sollen Dokumente des Bundesnachrichtendienstes unter Verschluss gehalten haben. Die Auswirkungen von Distanzunterricht, Wechselunterricht und Lockdowns auf die betroffenen Schülerinnen und Schüler sind auch noch nicht bekannt und sollen untersucht werden…

Ich habe in meinen Tagebüchern geblättert, in denen ich damals Vieles zum Thema Corona festgehalten habe. Es hatte natürlich auch Einfluss auf unsere Reisen. Doch lest selbst.

25. 4. 2020

Das Schlimmste ist, dass wir nicht wissen, ob das Schlimmste schon hinter uns oder noch vor uns haben. Corona hat fast die ganze Welt lahmgelegt und hält uns seit Wochen im Griff.

Während meines Nepalaufenthaltes ging es los: Kaum ein Telefonat (ob mit Familie und Freunden in Deutschland, Bruder Gangolf in Vietnam oder Freundin Simone in Indien) verging, ohne sich über das neuartige Virus auszutauschen.

In Nepal wurden alle Großveranstaltungen abgesagt, die Touristen blieben aus, Läden verwaisten, die Kinder wurden (ein sehr positiver Nebeneffekt) zum regelmäßigen Händewaschen angehalten.

Und schließlich die Informationen aus dem Internet: die ersten Fluggesellschaften stellen ihren Betrieb ein, europäische Länder schließen ihre Grenzen.

Und so kommt es zu einem sehr abrupten Ende meines Nepalaufenthaltes im März 2020.

Als ich eine Woche früher als geplant, am 17. März, in München lande, ist Achim noch mit unserem Bus unterwegs und Freundin Edda holt mich am Flughafen ab: keine Umarmung, kein Körperkontakt. Coronazeiten. Neue Zeiten.

Zum Ende der Woche wird das von mir zunächst aus freien Stücken (wegen der möglichen Ansteckung während der Flüge) gewählte „social distancing“ dann zum offiziellen „Kontaktverbot“. Seit dem 22. März dürfen wir uns in Bayern nur noch mit Menschen „aus demselben Haushalt“ treffen. Wummmmssss. Von einem Tag auf den anderen. Keiner weiß, wie lange.

Kindertagesstätten, Schulen, Universitäten, Geschäfte (außer Lebensmittelläden und Apotheken), Restaurants, Kneipen, Cafés, Theater, Kinos, Museen, Bibliotheken werden geschlossen.

Es ist ein Schock, sogar für Leute wie uns, denen es außer an sozialen Kontakten an nichts fehlt. Wir dürfen zum Spazierengehen oder Radfahren nach draußen – was wir auch weidlich ausnutzen. Erstaunlich, dass wir überhaupt noch neue Wege finden, so viele sind wir schon geradelt.

Mein Geburtstag fällt in diese Zeit und meine ursprünglich mit fast 30 Gästen geplante Feier muss ich absagen. Aber auch eine kleinere Feier ist derzeit nicht möglich. Achim und ich. Mehr nicht. Im Laufe des Tages klingelt es mehrfach an der Haustür. Immer liegen Blumen und kleine Geschenke davor – die GratulantInnen stehen im Abstand von einigen Metern. Wie seltsam sich das anfühlt. Sogar das eigene Kind darf ich nicht drücken. So traurig.

Achim und ich versuchen, uns diese denkwürdigen Tage, in denen kein normaler Alltag mehr stattfindet, so schön wie möglich zu machen. Wir backen viel, kochen lecker, einmal die Woche gehen wir einkaufen.

Ich denke mir ab und zu eine Überraschung aus. An einem Abend dekoriere ich unser Wohnzimmer mit bunten Lichterketten, vielen Teelichtern, stelle Flips, Chips und Bier hin und hänge ein Schild auf „Disco 2000“. Achim ist so positiv überrascht, dass er die nächsten zwei Stunden mit mir tanzt.

Ostersonntag wandern wir von Neufahrn nach Freising. 15 Kilometer durchs Moos. Zur Belohnung gibt es ein dickes Eis in der Eisdiele „Dolomiti“ unterhalt des Lindenkellers. „To go“ ist erlaubt.

Seit 20. April darf man sich mit EINER haushaltsfremden Person treffen. Ich nutze die Chance, mich mit meinem Sohn zu einem Abendspaziergang um den See zu verabreden. Denn man darf diese „Kontaktperson“ nur draußen treffen.

In den darauffolgenden Tagen unternehmen wir dann auch mit Edda mal eine Radtour (was zu Dritt eigentlich gar nicht erlaubt ist) und setzen uns sogar zu Kaffee und Kuchen oder einen Sundowner auf unsere Terrasse.

Einmal radeln wir nach München. Die Stadt ist recht leer. Keine Touristen, keiner, der sich zum Shoppen dort aufhält, niemand, der zur Arbeit unterwegs ist. Sehr viele Menschen machen zurzeit Homeoffice.

Viele Menschen haben zurzeit auch gar keine Arbeit, da die gesamte Gastronomie der komplette Kulturbereich, das Gros der Dienstleistungen lahmliegt.

Seit 20. 4. sind die Baumärkte und Gärtnereien wieder geöffnet, ab 27. 4. dürfen Läden, die kleiner als 800 qm sind, wieder öffnen. Dann herrscht für Alle Maskenpflicht beim Einkaufen und im ÖPNV.

Ab 4. Mai dürfen Friseur und Fußpflegerinnen wieder öffnen. Und jeder schaut mit Argusaugen auf die täglichen Infektionszahlen und ob sie durch diese ersten Lockerungen wieder ansteigen. Es gibt eine große Angst vor der sogenannten „zweiten Welle“.

Kinder malen Bilder mit Regenbögen und hängen sie in die Fenster als lieben Gruß an andere Kinder.

Einmal heißt es: „Um 18 Uhr spielen oder singen wir alle die ‚Ode an die Freude'“ – Jeder aus seinem Fenster oder von seinem Balkon. Ich spiele es aus dem Schlafzimmerfenster auf der Blockflöte, ein paar Häuser weiter stimmt jemand mit seiner Trompete ein. Schaurig schön.

Überall werden jetzt Stoffmasken genäht und gespendet oder verkauft. Ab dem 27. April darf man nur noch mit einer Mund-Nasen-Bedeckung in Läden und öffentliche Verkehrsmittel.

Langsam setzen die Diskussionen ein, ob diese drastischen Einschränkungen unserer Grundrechte hinreichend gerechtfertigt sind. Die Mehrheit hält sich aber an die Regelungen, auch wenn es schwer fällt.

Wie gerne würde ich mal wieder mit meinem kleinen Enkel zusammen sein!

Heute hat Ministerpräsident Söder angekündigt, das Kontaktverbot noch bis 8. Mai mindestens verlängern zu wollen! Heute ist der 28. April.

Es wird immer schwieriger für mich, positiv zu sein. Am Anfang habe ich mir immer noch etwas überlegt, um den einzelnen Tagen ein besonderes Gesicht zu verleihen. Doch inzwischen fehlt mir die Energie, gehen mir die Ideen aus. Aber wir brauchen noch eine ganze Weile gute Nerven. Durchhalten. Abwarten. Geduldig sein. Pfffffttttt.

15. Mai 2020

Inzwischen braucht man eine Liste, um die verschiedenen Lockerungen und Verbote zu kanalisieren. Etliches ist inzwischen wieder geöffnet, z. B. alle Geschäfte, unabhängig von der Größe oder dem Angebot.

Die Schulen sind seit Montag dieser Woche für die Übertritts- und Abschlussklassen geöffnet. Die anderen Kinder müssen noch zu Hause bleiben – home schooling ist hier das neue Schlagwort.

Kindergärten sind nach wie vor nur für Kinder von Eltern, die in „systemrelevanten Berufen“ (es gibt viele neue Schlagwörter derzeit. „Soloselbstständiger“ etwa ist auch so eine Kreation) wie im medizinischen oder pflegerischen Bereich oder im Einzelhandel arbeiten. Warum Steuerberater dazugehören, weiß ich nicht.

An den Universitäten findet die Lehre nur digital statt.

Und die Leute fiebern:

  • auf das erste Bundesligaspiel, das vor leeren Rängen mit angeblich in Quarantäne lebenden Spielern morgen stattfindet
  • auf die Öffnung der Biergärten nächsten Montag
  • auf die Öffnung der Restaurants eine Woche später.

Den Hotels wurde in Aussicht gestellt, dass sie an Pfingsten wieder öffnen dürfen.

Die Büchereien durften letzten Montag öffnen. Der Zoo auch.

Theater, Konzertsäle, Kinos bleiben ohne Nennung von Terminen weiterhin geschlossen. Eine sehr harte Zeit für alle Künstlerinnen und Künstler. wie natürlich auch für viele Geschäftsleute. Obwohl der Staat jede Menge Milliarden in Kurzarbeit, Kredite und sonstige Zuwendungen pumpt, weiß niemand, wie viele Kultureinrichtungen, wie viele Geschäftsleute pleite gehen, wie viele Menschen arbeitslos werden.

Bei allen genannten Lockerungen bleibt immer noch die Kontaktbeschränkung. Freunde dürfen sich gegenseitig zwar besuchen – aber nur jeweils Personen aus zwei Haushalten. Dasselbe gilt für enge Familienmitglieder. Sie dürfen wieder zusammenkommen, sollen aber versuchen, 1,5 m Distanz zueinander zu wahren.

Ich mache mir Sorgen: Was empfindet so ein kleines Kind wie beispielsweise mein Enkel, wenn er so reglementiert wird? Wenn er ferngehalten wird von Oma und Opa? Versteht er den Grund dafür? Kann ihm das schaden? Ich weiß es nicht.

Unsere geplante Reise nach Island werden wir umbuchen. Bis zum 15. 6. muss jeder, der ins Land will, für 14 Tage in ein Hotel zur Quarantäne. Unsere Einreise ist für den 16. datiert. Das ist uns zu heikel. Noch dazu weiß man noch nicht, wann die Dänen ihre Grenzen wieder öffnen.

Stattdessen planen wir nun, im Juni mit dem Bus den Westen Deutschlands zu bereisen und im Juli mit Edda und Uli an der Elbe zu radeln.

15. 2. 2021

Immer noch hat uns die Pandemie fest im Griff. Doch der Reihe nach.

Den Sommer und Herbst haben wir – trotz Corona – genossen. Wir waren für vier Wochen im Westen Deutschlands unterwegs, auf Elberadtour mit Edda und Uli und in Ostdeutschland und an der See unterwegs. Alle Reisen sind in unserem Blog ausführlich beschrieben. Hotels, Campingplätze, Wohnmobilstellplätze, Restaurants und Cafés haben wieder geöffnet. Alle haben spezielle Hygienekonzepte (Ein- und Ausgangsregelungen, Masen, Desinfektion), aber das stört uns nicht. Abstand halten und Hände waschen sind nach wie vor wichtige Maßnahmen.

Und dann kommt der November und die befürchtete zweite Welle schwappt herbei. Die Infektionszahlen steigen wieder, ebenso die Zahl der Verordnungen und Verbote.

Ab 2. 11. dürfen wir uns nur noch mit Angehörigen eines weiteren Hausstands (max. 10 Personen) treffen. Auf nicht notwendige touristische Reisen soll verzichtet werden. Wir hatten für vier Tage ein Hotel in Amsterdam gebucht – und wieder abgesagt. Gut, dass wir das Zugticket noch nicht gekauft hatten.

Alle Freizeiteinrichtungen und auch Lokale werden wieder geschlossen. Wir treffen uns mit unserem Sohn, unserer Schwiegertochter, unserem Enkel und unserer Freundin Edda. Gehen wieder viel spazieren bzw. wandern. Und renovieren das Wohn- und das Esszimmer.

Im Dezember spitzt sich die Lage zu: es gibt mehr Fälle als zu Beginn der Pandemie im letzten Jahr. Wir reduzieren, wie viele andere auch, die Zahl unserer Kontakt noch einmal deutlich. Schließlich treten erneut Restriktionen in Kraft:

  • eine nächtliche Ausgangssperre von 21 – 5 Uhr ab 16. Dezember, nicht in ganz Deutschland, aber in verschiedenen Bundeländern, u. a. in Bayern.
  • die Kontaktbeschränkungen werden verschärft: man darf sich nach wie vor nur mit einem weiteren Hausstand (auch so ein neuer Begriff) treffen, nun aber höchstens mit fünf Personen. Es gibt Regelungen, von Bundesland zu Bundesland verschieden, bezüglich des Alters der Kinder die „mitzählen“.

Für Weihnachten und Silvestern gibt es Lockerungen.

Im Januar dann tritt erneut ein kompletter Lockdown in Kraft: alles zu! Schulen, Kindergärten, Geschäfte (außer Lebensmittel und Apotheken), Gastronomie etc. Theater, Museen, Kino sowieso. Seit ewigen Zeiten! Ausgangssperre ab 21 Uhr. Treffen nur mehr mit einer weiteren Person erlaubt. Unser Sohn kommt jetzt einmal die Woche mit unserem Enkel zu uns – Kinder unter drei „zählen“ noch nicht.

Wir gehen beinahe täglich rund neuen Kilometer spazieren, mit Picknick. Ich habe fast alles im Haus geputzt und aufgeräumt; die Küchenregale, Schränke, Schubladen. Jetzt kommen noch die Aktenordner ran. Und ich habe seit letzter Woche ein Netflix-Abo.

Es gibt Mutanten des Corona-Virus‘, die den Fachleuten und den PolitikerInnen Sorge bereiten. Deshalb begegnen wir den nun sinkenden Inzidenzen (!) mit Vorsicht. Zwar ist der Wert z. B. im Landkreis Freising inzwischen von über 200 (Infizierte pro 100 000 in einer Woche) auf rund 50 gesunken. Aber es sind immer noch zu viele Viren unterwegs, die den Mutationen Angriffsfläche bieten. Und so wurde der Lockdown bis 7. März verlängert. Aber ab 1. 3. dürfen die Frisöre wieder arbeiten. Warum ausgerechnet sie und viele andere nicht? Das bleibt unklar. Manche reden von „Würde“ (die man mit einer schlechten Frisur verliert?), manche von Vermeidung von Schwarzarbeit.

Die nächtliche Ausgangssperre ist für Landkreise mit Inzidenzen unter 100 aufgehoben. Und die GrundschülerInnen sowie die Abschlussklassen dürfen seit gestern wieder in die Schule. Seit gestern? Rosenmontag? Ja, die Faschingsferien wurden gestrichen.

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So enden meine Tagebucheinträge zum Thema Corona. Während ich sie hier in den Blog eingefügt und mit Bildern versehen habe, sind mir noch ein paar besondere Ereignisse aus dieser Zeit eingefallen:

* Manche Museen haben virtuelle Führungen gemacht, die wir uns liebend gern angeschaut haben.

* Die Bar Gabanyi in München hat Livekonzerte organisiert – ohne Publikum. Sie wurden im Internet übertragen. Meine Schwägerin Gabi und ich haben uns an den Abenden chic angezogen, den Fernseher angemacht und via Handy  kommuniziert.

* Eine Zeitlang hat man sich die Zeit damit vertrieben, Gemälde berühmter MalerInnen in den eigenen vier Wänden nachzustellen. Die Ergebnisse wurden dann via Social Media verschickt.

Manche Lokale haben Wohnmobildinner angeboten. Dazu gab es Listen im Internet. In unserer näheren Umgebung waren zwei dabei. Mehrfach haben wir uns dort angemeldet, sind vorgefahren, haben an der Tür bestellt und wenig später wurden uns Getränke und Speisen ans WoMo gebracht.

Ich denke, jeder hat viele eigene Erinnerungen an diese sehr spezielle Zeit und ich bin froh, dass meine nicht nur schlecht waren.

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