Dass wir am Ziel sind, erkennen wir an den drei geparkten Reisebussen inmitten der Einsamkeit der kalabresischen Berge. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir waren uns recht sicher, dass wir hier allein sein würden. Aber den Fehler zu denken, dass etwas nicht bekannt ist, nur weil wir es nicht kennen, mache ich nicht zum ersten Mal. Nur per Zufall (wir lieben Zufallsfunde!) erfahre ich heute Morgen von der Existenz des MuSaBa, des Museums Santa Barbara nahe dem Dorf Mammola im Süden Kalabriens.

Jetzt stehen wir vor dem Freilichtmuseum, das im Laufe von 55 Jahren vom italienisch-holländischen Paar Nik Spatani und Hiske Maas geschaffen wurde. 1969 begannen sie damit, ein altes Kloster in einen Ort der Kunst umzuwandeln. „Jahrelang haben wir biwakiert, ohne Licht oder Wasser, Fledermäuse aufgeschreckt und alles mit unseren Händen aufgebaut“, erzählt Hiske Maas in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Die Größe, die Vielfalt, die Farbigkeit, die unbändige Kreativität berauschen uns. Staunend wandeln wir umher.

Die Sixtinische Kapelle Kalabriens ist eines der Meisterwerke Spatanis, der in seiner Pariser Zeit Freund und Mitarbeiter von berühmten Persönlichkeiten wie Picasso, Le Corbusier, Jean Cocteau, Max Ernst oder Sartre war.
Ein 14 Meter langes dreidimensionales Gemälde, das den gesamten Raum des Gewölbes und der Apsis der alten Abtei St. Barbara einnimmt, stellt Jakobs Traum dar. Die Technik, mit der es hergestellt wurde, ist eine Erfindung von Spatari selbst: Die Silhouetten werden aus hellen Holzplatten geschnitten, bemalt und dann als Reliefs in der Luft hängend aufgetragen.

Das MuSaBa war und ist ein Treffpunkt für Kunstschaffende, Volontäre, NachwuchskünstlerInnen aus vielen Ländern.
In Reggio Calabria wollen wir das Schiff nach Sizilien nehmen. Vorher aber wollen wir uns noch ein paar weitere Zufallsfunde, die wir ebenfalls im Netz entdeckt haben, anschauen.

Die drei bunt bemalten Bronze-Skulpturen, die seit 2007 an der Uferpromenade in Reggio Calabria stehen, sind ein Werk der römischen Bildhauerin Paola Epifani (*1969), die unter dem Pseudonym Rabarama firmiert.

Sie heißen Trans–letter, Labyrinthitis und Co-stell-Action.

Erheblich jüngeren Datums ist das nur wenige Schritte entfernte Kunstwerk Opera, das hier 2020 von Edoardo Tresoldi installiert wurde: 46 Säulen aus Drahtgeflecht symbolisieren die griechische Vergangenheit der Stadt.

Die Uferpromenade von Reggio Calabria ist selbst eine Überraschung für mich. Auf der einen Seite wird sie von hervorragend erhaltenen Palästen gesäumt, auf der anderen Seite natürlich vom Meer, Blick auf Sizilien und den Ätna inbegriffen. Entlang der breiten Promenade zeigt uns die Natur, dass sie die Älteste aller Künste ist: ein Großblättriger Feigenbaum, riesiger Stamm, mit ausladender Krone und verschlungenen Wurzeln. Ein Feigenbaum? Mindestens 20 Giganten zeigen hier ihre Pracht.

Schließlich machen wir uns auf zum Hafen, kaufen Tickets nach Messina und können schon bald auf eine der Fähren, die hier häufig verkehren.

Ohne Wolken und auch ohne Rauch empfängt uns der Ätna. Um 18 Uhr landen wir auf Sizilien.

