Auf der Blutorangenstraße

Um halb eins stehe ich auf und der Vulkan lodert noch. Nicht so intensiv wie in den Stunden zuvor, aber es brennt.

Um drei stehe ich auf und er hat noch ein glühendes Krönchen.

Um sechs stehe ich auf und dichte Rauchschwaden umgeben seinen Gipfel.

Beim Frühstück lassen wir unser nächtliches Erlebnis nochmal Revue passieren: Der Moment, als wir aus dem Bus gestiegen sind, unser erster Blick auf den Vollmond gegenüber fiel und unser zweiter auf den feuerspuckenden Berg  links neben uns. Wie wir von halb zehn bis halb zwölf in der Nacht seinem Feuerwerk zugeschaut haben: riesige rote Lohen, die aus mehreren Kratern in den Nachthimmel geschleudert wurden. Erst eine, später drei feuerrote Bahnen, auf denen die glühende Asche den Berg hinunterrutschte. Wie nach einer Weile der ganze Berg zu glühen schien. Unser erstes Erschrecken: sind wir hier sicher? Die Vulkanspotter, die plötzlich in ihren PKW mit ihren großen Kameras auftauchten und sich neben uns platzierten. Wir können es immer noch nicht fassen, dass wir dieses Spektakel erleben durften. Die Freude darüber ist riesig und die Bilder werden uns im Gedächtnis bleiben.

Doch heute verlassen wir die Gegend und fahren ein Stück nach Südwesten. Während bei der Tour gestern die angeblich besten Pistazien der Welt unser Thema waren, wollen wir heute zu den ebenso besten Blurorangen: auf die Via dell‘ Arancia Rossa.

Vermutlich brachten Araber die aus Asien stammenden Vitaminspender im Mittelalter nach Sizilien. Nach Ansicht der Einheimischen gedeihen die beliebtesten Sorten – Sanguinelle, Tarocco und Moro – so richtig nur im fruchtbaren Hügelgebiet am Fuß des Ätna, das vulkanische Böden und ein ganz spezielles Mikroklima hat. Von hier kommt ein Großteil der europäischen Ernte.

Entlang der Via dell‘ Arancia Rossa von Caltagirone nach Siracusa durchquert man uraltes Bauernland.

Wir steuern als erstes die Töpferstadt Caltagirone an. Sie ist zugleich eine der spätbarocken Städte, die 2002 zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Stadt wie einige andere im Noto-Tal von einem Erdbeben zerstört, danach aber wieder aufgebaut. Damals entstanden die barocken Bauwerke, für die Caltagirone und die anderen Städte der Gegend heute berühmt sind.

Schon im 15. Jahrhundert entwickelte sich Caltagirone zur Stadt der Töpferkunst. Von den damals dort lebenden 20.000 Menschen übten etwa 1000 den Beruf des Keramikers aus. Auch heute gibt es noch viele Werkstätten, vor allem sieht man ihre Arbeiten im Ort auf Schritt und Tritt. Überall leuchten Fliesen, Vasen, Teller, Tassen und Krüge in den buntesten Farben.

Sehr berühmt ist die 1606 erbaute Freitreppe Santa Maria del Monte. Ihre 142 Stufen wurden 1954 mit handgemalten Keramikkacheln verkleidet.

Schließlich fällt uns wieder ein Zufallsfund vor die Füße: eine Fotoausstellung im Kerker aus dem 18. Jahrhundert, durch den wir als einzige Gäste noch eine Führung bekommen. Auch hier sind moderne Keramiken ausgestellt.

Zufrieden lassen wir uns im Café vor dem Rathaus ein paar Dolci schmecken und fahren entlang der Orangenplantagen wieder zurück nach Osten.

Wir stoppen in Grammichele, das nach dem großen Erdbeben einen sechseckigen Grundriss bekam. Natürlich will Achim eine Luftaufnahme davon machen. Am besten vom zentralen Platz. Aber ob das erlaubt ist? Die beiden Polizistinnen, die hier arbeiten, zeigen sich einverstanden.

Hier möchte ich auch die Blutorangen kosten und einige Spezialitäten ausfindig machen. Das ist allerdings nicht so einfach. Wie ich von Lorenzo, der mit seinem Knoblauch-Kartoffelstand an der Straße steht, erfahre, ist die Ernte bereits seit einem Monat zu Ende. „Wenn Du nächsten Freitag kommst, bringe ich Dir eine ganze Steige“, bietet er mir an. 17 Jahre hat er in Dillingen gearbeitet und spricht immer noch sehr gut Deutsch.

Im Café Centrale frage ich nach dem Amaro di Arancia Rossa, dem Bitter aus Blutorangen. Gibt es und er ist sehr lecker. Vielleicht kann ich irgendwo noch ein Fläschchen auftreiben.

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