Viel Kunst nach dem Erdbeben

Gibellina ist die Stadt mit der höchsten Dichte an moderner Kunst in ganz Italien, lese ich bei Wikipedia. Die Geschichte dahinter ist wieder eine traurige: das mittelalterliche Bergdorf wurde, wie drei weitere Gemeinden im Nordwesten Siziliens, bei einem Erdbeben 1968 vollständig zerstört. Hunderte Menschen starben, die Überlebenden wurden obdachlos. 

Neun Kilometer Luftlinie entfernt wurde in den folgenden Jahren ein neuer Ort für die Bewohner erbaut.  Bürgermeister Ludovico Corrao hatte die Vision, gemeinsam mit Architekten, Künstlerinnen und Bildhauern den neu geschaffenen Ort zu bereichern. Seinem Aufruf folgten viele, darunter auch Joseph Beuys und Alberto Burri (1915-1995). 

Insgesamt sind etwa 60 Kunstwerke in der Stadt ausgestellt. Beim Wiederaufbau von Gibellina spielte die Einbindung von Kunst in die Stadtplanung eine besondere Rolle.

Weitere wichtige städtebauliche Überlegungen waren die Trennung von Fußgängern und Autos, die Verwendung von sich wiederholenden Reihenhäusern in der Tradition europäischer Gartenstädte und die Idee einer zentralen Achse mit kulturellen, kommunalen und kommerziellen Gebäuden. 

Das Konzept der neu aufgebauten Stadt wurde von den Bewohnern wohl nie richtig angenommen. Einige Teile der Stadt sind nicht mehr bewohnt. Manche Monumente und Kunstwerke sind verfallen. Auch wir vier sind uns in der Wertschätzung nicht einig. Ich jedenfalls bin begeistert von den vielen verschiedenen Kunstwerken, den interessanten Bauwerken und auch von der Wohnarchitektur. Ich frage mich, warum der Ort so wenig belebt ist, warum so viele Rollläden heruntergelassen sind, viele Häuser leer zu stehen scheinen. So schade!

Und was ist mit dem alten, zerstörten Dorf? Dem italienischen Bildhauer Alberto Burri ist das Kunstwerk Cretto zu verdanken: Er ließ die Überreste des Ortes mit etwa 1,50 m hohen Betonwänden einfassen.

Dazwischen können wir herumgehen und so den Verlauf der alten Gassen nachvollziehen.  „Ich wollte die Ruinen der alten Stadt in eine ewige Narbe verwandeln, ein Monument des Schmerzes und des Gedenkens“, sagte der Künstler. 

Es ist faszinierend und bedrückend zugleich, diese Installation zu begehen. Beklemmend, wenn man bedenkt, dass die Heimat vieler Menschen hier unter Beton begraben ist.

Dieser sehr besondere Tag endet mit einem sehr besonderen Übernachtungsplatz.

Bei Spaghetti alle Sarde und schönem Sonnenuntergang.

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