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Ich war noch nicht überall,aber es steht auf meiner Liste

Varusschlacht statt Wildpferde

In der Nähe der Stadt Dülmen ist die einzig verbliebene Wildpferdebahn auf dem europäischen Kontinent beheimatet – im Naturschutzgebiet Merfelder Bruch, einem weitläufigen Moor- und Heidegebiet. Erstmals im Jahr 1316 urkundlich erwähnt, leben hier noch heute rund 400 Pferde. Der eingezäunte Bereich umfasst eine Fläche von rund 400 ha. Die Pferde sind weitestgehend sich selbst überlassen.

Auch Wikipedia informiert über die Dülmener Wildpferde und zeigt sie auf diesem Foto.

Als ich am Ende des gestrigen Blogbeitrages schrieb, dass wir heute ganz was anderes machen wollten als radfahren und Schlösser anschauen, hatte ich einen Besuch bei den Wildpferden im Sinn. Aber im Internet steht geschrieben, dass das Terrain nur am Wochenende für Besuchende geöffnet ist. Sicherheitshalber rufe ich in der Früh bei der Touristeninfo an – bekomme dort aber dieselbe Auskunft.

Gut, dass wir uns am Abend zuvor einen Plan B überlegt haben. Achim redet seit Monaten davon, dass er nach Kalkriese möchte. Hier wird in einer Sonderausstellung mit dem etwas reißerischen Titel „COLD CASE – Tod eines Legionärs“ erstmals der bislang älteste und weltweit einzig erhaltene römische Schienenpanzer der Öffentlichkeit gezeigt. Die Zeit wird knapp, denn die Ausstellung läuft nur noch gute zwei Wochen.

Mich hat dieser cold case bisher ja eher kalt gelassen. Römerrüstungen sind nicht so mein Ding. Aber als Plan B scheint mir das doch akzeptabel. Und man bereitet seinem Liebsten auch gern mal eine Freude ☺.

Der Parkplatz vor dem stylischen Museumsturm ist so gut wie leer, als wir dort am frühen Nachmittag ankommen.

Im Gebäude werden wir von einer überdimensionalen Abbildung einer vor Ort entdeckten Maske, die die Römer als Gesichtsschutz getragen haben, empfangen.

Erst Ende der 1980er-Jahre begannen in Kalkriese die archäologischen Ausgrabungen. Auslöser hierfür war die Entdeckung der römischen Silbermünzen durch den britischen Hobby-Archäologen Tony Clunn. Was hier vor mehr als 2000 Jahren passiert ist, genau im Jahre 9 n. Chr., wird den Besucherinnen und Besuchern mit unterschiedlichen Mitteln plastisch nahe gebracht.

In einem Video beispielsweise mimen  zwei Schauspieler die damaligen Kontrahenten: den römischen Heerführer Varus und seinen früheren Zögling und späteren Widersacher Arminius, der genau hier in Kalkriese die mächtigen römischen Truppen in einen Hinterhalt lockte und besiegte.

Im Außengelände kann man versuchen nachzuvollziehen, wie die Römer in die Falle getappt sind. An der engsten Stelle zwischen Berg und Moor errichteten die Germanen am Fuß des Kalkrieser Berges einen 400 m langen Wall, der sich unauffällig in die Landschaft fügte. Sie platzierten ihre Krieger darauf und nahmen die überraschten Römer von zwei Seiten in die Zange.

Dann kommen wir zum aktuellen Höhepunkt der Sonderausstellung, in deren Zentrum die erst vor wenigen Jahren entdeckte Rüstung steht. „The one and only“, die einzige weit und breit, titeln die Ausstellungsmacher, die selbst keine eindeutige Antwort auf die Frage haben: Warum gibt es weltweit nur diesen einzigen Fund?

Faszinierend ist es, die Arbeit der ForscherInnen zu verfolgen, das Ineinandergreifen der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen nachzuvollziehen, die Museumskonzeption zu erleben und die Architektur der Gebäude zu erkunden.

Die Details zur Varusschlacht kann ich erfahren, muss sie aber nicht unbedingt kennen. Aber es gibt sicherlich schlechtere Orte, um über die Gräuel von Kriegen ganz allgemein nachzudenken. Hier, sagen die Experten, starben binnen drei Tagen 20 000 Römer. Wieviele Germanen ihr Leben ließen, weiß man nicht.

Gerade heute habe ich den Satz von Albert Camus gelesen: „Frieden ist die einzige Schlacht, die es wert ist, zu führen.“

Quartett von Wasserschlössern

Als ich um kurz vor halb acht wach werde, ist es noch halb dunkel und sehr feucht. Nach dem Frühstück sieht das schon ganz anders aus: die Sonne scheint und Achims kurzer Schlafanzug ist (für ihn) noch passend zur Temperatur (9 Grad).

Wasserschloss Lembeck

Zuerst fahren wir nochmal zum benachbarten Schloss Lembeck, um die Drohne steigen zu lassen. Ja, das ist Achim gut gelungen. Jetzt sieht man – im Gegensatz zu gestern – dass es sich um ein Wasserschloss handelt.

Wasserschloss Raesfeld

20 Kilometer weiter westlich überrascht uns das Wasserschloss Raesfeld. Hier ist richtig was geboten: neben dem imposanten Gebäudekomplex aus dem 17. Jahrhundert gibt es eine schöne Parkanlage mit schnatternden Wasservögeln, etliche Cafés, in denen man draußen bei Kaffee und Kuchen sitzen kann, eine große Touristeninfo, in der man viele Tipps zum Radfahren und Wandern bekommt und ein paar Schritte entfernt einen Bürgerpark mit Fitnessparcours, Kneippbecken und, wichtig für uns, einer Ladestation fürs E-Bike. Ah ja, und leckere belgische Waffeln mit allem drum und dran.

In der Touristeninfo haben wir diesen praktischen Fahrradanhänger bekommen. Wir können hier die Knotenpunkte eintragen, die sowohl in der Radkarte vermerkt sind als auch auf den Schildern entlang der Straßen und Radwege. So kann man sich von Punkt zu Punkt hangeln und kommt im besten Fall dort an, wo man hin will.

Wir haben zwei weitere Wasserschlösser im Visier und dafür müssen wir erstmal 20 Kilometer nach Norden fahren, vorbei an vielen Windrädern, viel mehr als wir es aus Bayern gewohnt sind. Auch Sonnenblumen blühen noch. Einmal müssen wir absteigen und schnell die Ferngläser aus den Packtaschen holen. Fünf Rauhfußbussarde zeigen genau über uns ihre Flugkünste.

In einem Dorf entdecken wir dieses tolle Ensemble: Tische und Bänke um einen Baum herum als Treffpunkt für die Nachbarschaft. Sehr nachahmenswert.

Wasserburg Gemen

Wieder ganz anders ist die Atmosphäre bei den beiden nächsten Schlössern. Beides sind heute Bildungsstätten. Vor der Wasserburg Gemen sind viele Jugendliche unterwegs, vor, nach und während ihrer Seminare. Es ist eine Jugend-Bildungsstätte des Bistums Münster.

Wasserschloss Velen

Vor dem Schloss Velen, knapp 20 Kilometer nordöstlich, spielt eine Gruppe Erwachsener Tischtennis. Dort können wir das Gelände nicht betreten. Es ist in Privatbesitz und wird als Seminarhaus betrieben.

Fürs erste ist unser Bedarf an Schlössern damit gedeckt und für morgen haben wir ganz was anderes vor. Ob das klappt, ist aber überhaupt nicht sicher. Wir sind gespannt.

Schlösser im Münsterland

Nach dem Frühstück fahren wir 20 Kilometer nach Westen in die kleine Gemeinde Havixbeck. Hier haben wir die Möglichkeit, unser Clo zu leeren (ist nicht ekeliger als Windeln wechseln oder Popo abwischen), Abwasser zu entsorgen und Frischwasser zu tanken. In unseren Tank passen 100 Liter, damit kommen wir ein paar Tage aus.

Nochmal 50 Kilometer weiter westlich beziehen wir unser neues Quartier für die nächsten zwei Nächte auf dem Hof von Bauer Trockel. Auf seiner Wiese bietet er Stellplätze für drei Wohnmobile an. Außer uns ist aber keiner da.

Hier ist unser Startpunkt für den Westkurs der 100-SCHLÖSSER-ROUTE. Je nach Wetter und Lust wollen wir sie in den nächsten Tagen erkunden. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war das Münsterland in kleine Herrschaftsgebiete zersplittert. Daher die große Dichte an Schlössern und Burgen in der Gegend.

Das erste Schloss finden wir gleich in unserem Ort. In der Nähe des Dorfes Lembeck wurde im Mittelalter ein festes Haus errichtet. Zwischen 1670 und 1692 wurde es zu dem heute noch gut erhaltenen Wasserschloss umgebaut, welches zu den größten des Münsterlandes gehört.

Das Foto ist leider ohne Wasser. Für ein Foto mit Wasser müssen wir nochmal mit der Drohne herkommen – wird nachgereicht. Versprochen.

Der Radweg führt durch Felder, Wälder, Alleen und kleine Ortschaften. Wir müssen am Bauernhofcafé in Haltern eine Zwangspause machen, um unsere Akkus aufzuladen.

Über Haltern am See, das mich mit seinen Backsteinbauten und der quirligen Fußgängerzone an meine Heimatstadt Kempen am Niederrhein erinnert, kommen wir zum Wasserschloss Sythen.

Im Internet und auf Informationstafeln im weitläufigen Gelände kann man die bewegte Geschichte vom Ritter Dietrich bis zum Caritasverband Recklinghausen nachlesen, der – heutzutage völlig unverständlich – das Herrenhaus und das Wirtschaftsgebäude 1971 abreißen ließ.

Viele Jahre später konnten die Überreste des inzwischen fast verfallenen Anwesens von der Stadt Haltern erworben und von einem Förderverein, der den Kosenamen „Rentnerband“ trägt, gerettet werden. Mindestens zehn Rentner sind auf dem Gelände unterwegs, als wir uns dort umschauen. Überall wird gewerkelt, alles winterfest gemacht. So beeindruckend dieses bürgerschaftliche Engagement!

Auf dem Rückweg radeln wir quer durch den Wald des Naturparks Hohe Mark und stehen auf einmal sehr überrascht vor einem riesigen Turm. Er wird „Himmelsleiter“ genannt, ist aber im Gegensatz zum Kunstwerk in Münster praktischer Natur: es ist ein 39 Meter hoher Feuerwachturm. Wir klettern quasi an den Baumstämmen entlang in die Höhe, erklimmen die Baumwipfel und können dann in schwindelerregender Höhe unseren Blick über den Wald bis zum Horizont schweifen lassen. Der Sonnenuntergang ist nicht mehr weit, also nichts wie zurück zum Bus.

Viele Schlösser und noch mehr Radwege im Münsterland

Auf der Fahrt vom Stettiner Haff nach Göttingen schaue ich mir im Internet an, wie man eigentlich von Göttingen aus an die holländische Nordsee, Ziel unserer nächsten Kleeblattreise, fahren kann. Dabei springt mir Münster ins Auge. Und eine Werbung der dortigen Touristeninfo für den 100-Schlösser-Radweg. Er ist 1000 km lang und da das für die Meisten zu weit ist, wurde er in vier Abschnitte aufgeteilt, die einen jeweils zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend führen. So viele Schlösser auf einem Fleck kenne ich von der Loire. Dass es dies hier auch gibt, wusste ich nicht. Die Entscheidung fällt schnell: das schauen wir uns an.

Da der Wetterbericht für das Wochenende Regen ansagt, schieben wir einen Tag in der Stadt Münster ein. Hier gibt es interessante Museen, in denen man trocken bleibt.

Fahrradstadt Münster

Schön, wenn sich der Wetterbericht zu unseren Gunsten irrt. In der Nacht regnet es noch kräftig, aber einem Morgenlauf entlang des Dortmund-Ems-Kanals steht schon nichts mehr im Wege. Nach einem leckeren Frühstück schwingen wir uns auf die Räder, um die Stadt zu erkunden. Münster ist DIE Fahrradstadt in Deutschland, so dass wir sicher und bequem vom Stellplatz am Kanal rüber ins Zentrum fahren können.

Der Dom
Der Prinzipalmarkt

Ich habe wegen der elf Grad, die wir nur haben, Anorak, Schal und Handschuhe an, aber die Sonne strahlt mittlerweile vom Himmel und setzt den Dom und den Prinzipalmarkt ins rechte Licht.

Botanischer Garten
Das Schloss

Wir bummeln durch den botanischen Garten und zum Schloss. Es gehört zu den letzten großen Schlossanlagen, die im 18. Jahrhundert in Deutschland gebaut wurden. Johann Conrad Schlaun, der berühmteste Barockbaumeister Westfalens, errichtete das Gebäude. Das Schloss brennt im Zweiten Weltkrieg fast vollständig aus, nur einige Möbel, Türen und Wandfelder sind kostbare „Überlebende“. Heute ist das Schloss der Sitz der Universität.

Museum Kunst und Kultur

Erst gegen Mittag zieht es uns ins Museum für Kunst und Kultur, das 2014 erbaut wurde und tausend Jahre Kunst beherbergt. Es gibt interessante An-und Ausblicke.

Aus dem Museum zum Dom geblickt
Lambertikirche mit Himmelsleiter

In der Lambertikirche gibt es am Nachmittag ein Orgelkonzert. Der spanische Organist Juan Maria Pedrero (*1974) spielt Werke seines Landsmanns Juan Cabanilles (1644 – 1712) sowie von Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Reger. Zuvor und währenddessen bewundern wir die Installation „Die Himmelsleiter“ der jungen österreichischen Künstlerin Billi Thanner, die außen am Kirchturm und innen vor der Orgel befestigt ist.

Münster gefällt uns sehr gut. Wir lassen den abwechslungsreichen Besichtigungstag am Aasee bei einem Feierabendbier ausklingen. Was gibt es zu feiern? Den Tag.

Kleeblattfahrt Nummer Eins: An die Oder

2.10.2023 – Eigentlich. Was für ein gefährliches Wort. Es signalisiert, dass sich ursprüngliche Einschätzungen oder Pläne geändert haben. Stimmt leider. Eigentlich hätte dieser Blog in den kommenden zwei Monaten Bilder und Erzählungen aus Finnland enthalten sollen. Leider mussten wir diese Pläne über den Haufen werfen. Achims Mama hatte kürzlich einen Herzinfarkt und wir wechseln uns nun mit seinen Schwestern bei der Betreuung seiner Mutter ab. In unseren Pausen werden wir von Göttingen aus kleeblattförmige Touren unternehmen. Die erste führte uns nach Nordosten an die Oder.

Auf dem Weg dorthin haben wir am Ruppiner See geschlafen. Nach einem frühen Bad am Morgen haben wir auf dem Steg gefrühstückt – und uns überlegt: „Hier sieht es eigentlich aus wie in Finnland. Oder?“

Am Nachmittag erreichen wir unseren Stellplatz in Mescherin an der Oder, etwa 30 Kilometer südlich von Stettin. Hier darf man im kleinen Hafen direkt am Fluss stehen.

Wir entrichten beim Hafenmeister, einem rund 80 Jahre alten Herrn mit rosiger Haut und sonniger Laune, unseren Obulus von fünf Euro.

„Dahinten links geht es auf den Stettiner Berg. Ich sag immer: Wer da nicht hoch gestiegen ist, darf nicht sagen, dass er in Mescherin war.“

Das wollen wir uns natürlich nicht nachsagen lassen und machen uns nach dem Kaffee auf den Weg. Ein paar Minuten geht es über steile Treppen nach oben, dann haben wir einen tollen Ausblick. Die Auenlandschaft ist dem ursprünglich verästelten Lauf des Flusses zu verdanken. Die Oder ist hier zweigeteilt: es gibt die West- und die Ostoder, dazwischen die Auen.

Weiter geht es mit den Rädern nach Osten. In fünf Minuten ist die Brücke erreicht und auf der anderen Flussseite liegt Polen.

Unter der Brücke über die Ostoder bei Gryfino suchen wir einen Geocache, finden ihn aber nicht. Schade, aber wir bleiben ja noch ein paar Tage hier im Grenzgebiet, so dass Achim noch Chancen auf seinen ersten polnischen Cache hat.

Wir radeln zurück nach Deutschland, direkt hinter der Grenzbrücke steht ein Aussichtsturm. Bei Einbruch der Dämmerung macht sich eine erwartungsvolle Stimmung unter der Handvoll Vogelgucker breit. „Wenn es gerade dunkel wird, kommen sie und landen dort zum Übernachten“, erklärt mir die Frau neben uns. „So nah?“, frage ich erstaunt. Sie nickt. Es dauert noch eine kleine Stunde, währen der wir Silberreiher, Bachstelze, Fledermaus und Massen von Staren beobachten, bis die Stars des Abends kommen. Mit ihrem typischen Gru Gru fliegen sie ein, die Kraniche, zu Hunderten, und landen genau dort, wo meine Nachbarin es vorhergesagt hatte. Wie wir uns freuen.

Dann ist es dunkel, bis zum Stellplatz sind es nur fünf Minuten und es ist noch warm genug, den Gin, ein Tavla und sogar das Abendessen draußen zu genießen.

Ab und zu hören wir es im Wasser platschen, zirpen oder tschirpen. Keine Ahnung, was da im Dunkeln im und auf dem Fluss los ist, jedenfalls eine ganze Menge. Besser als Radio.

Ein Stück nach Süden, ein Stück nach Norden, dazwischen immer wieder Kraniche

4.10.2023 – Wieder stehe ich auf dem Aussichtsturm und warte auf den Einflug der Kraniche. Bis sie kommen, habe ich Zeit zu bloggen.

Gestern sind wir nach dem gemütlichen Frühstück am Fluss 30 Kilometer nach Süden geradelt.

Links von uns fließt meistens der Strom, manchmal weicht der Radweg von ihm ab und große Schilffelder, Birkenwälder, Gräben oder Teiche liegen zwischen uns und dem Wasser. Der Flussname Oder, so haben wir erfahren, stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Die Wandelbare“. Hier, nahe dem Delta, mäanderte der Fluss früher in vielfältigen Formen.

Der Gegenwind macht uns auf dem Hinweg etwas zu schaffen, wir belohnen uns im kleinen Städtchen Schwedt mit Kaffee und Kuchen. Auf dem Weg zurück fliegen wir fast und müssen ordentlich bremsen, als wir sieben Kilometer vor dem Ziel durch Gartz kommen. Um vier hören wir uns im Gasthof Stadtmühle einen Vortrag der Nationalpark-Ranger über Kraniche an. Hier ist nämlich gerade Kranichwoche mit allerlei Programm. Das Untere Odertal ist einer der bedeutendsten Binnenrastplätze, lernen wir. Aktuell sind etwa 8000 Vögel des Glücks da.

Und: Der Nationalpark Unteres Odertal, der im Zweistromland zwischen Ost und Westoder liegt, ist der einzige Nationalpark, der eine Flussauenlandschaft schützt. „Bisher“, denken sich die Gäste aus Freising. Denn wir wissen, dass es Bestrebungen gibt, auch Teile der Isarauen zum Nationalpark zu machen.

Nach dem Vortrag laufen wir gemeinsam zum Deich, um den abendlichen Umzug der Kraniche von ihren Futter- zu ihren Schlafplätzen zu beobachten. Gemeinsam mit den Vögeln schieben sich Regenwolken über uns und es wird rasch ziemlich nass.

Kaum sind wir zuhause, haben uns umgezogen und das erste Getränk auf dem Tisch, als das nächste Spektakel folgt. Riesige Scheinwerfer bewegen sich auf uns zu. Wie vom Hafenmeister gestern angekündigt, läuft das 80 Meter lange Fluss-Kreuzfahrtschiff Mona Lisa in unseren Hafen ein. Wir sehen nichts mehr von der Oder, aber haben einen ausgezeichneten Blick in den Salon, in dem zumeist ältere Passagiere ihren Nachttrunk zu sich nehmen und eine heiße Sohle aufs Parkett legen. Ohne die Musik zu hören, sieht das gespenstisch aus. Als wir genug geschaut haben, ziehen wir die Rollos runter.

Heute früh um sechs wirft die Mona Lisa ihren Motor an, wir drehen uns um und schlafen noch zwei Stündchen weiter.

Der Oder-Radweg bleibt in Deutschland und verlässt deshalb kurz hinter Mescherin den Fluss, der ab hier auf polnischem Gebiet fließt. Achim sucht und findet bei Komoot eine Runde, die auf der Westseite der Oder bis kurz vor Stettin führt und dann auf der östlichen Seite zurück.

Der Hinweg macht viel Spaß. Mal fahren wir durch den Wald, mal entlang (viel zu) großer Felder, mal entlang des Flusses.

An einer Stelle bewundern wir die öffentlichen Grillplätze. Zehn davon gibt es, außerdem überdachte Picknickplätze.

Als wir die Außenbezirke von Stettin erreichen, wechseln wir die Flussseite. Heute haben wir keine Lust auf Großstadt. Die sehr sehenswerte Altstadt haben wir uns vor Jahren angeschaut, als wir mit den Motorrädern nach Estland gefahren sind.

Der Rückweg ist leider ein Hindernisparcours und hat so ziemlich alles zu bieten, was man sich so vorstellt: viel befahrene Straßen ohne Radweg, Kopfsteinpflaster, Matschwege, Sandwege. Und über Bahngleise durften wir unsere Räder auch noch heben.

Ein Café gibt es nicht auf der Strecke, so dass wir uns notgedrungen zwei Becher Kaffee in einer Tankstelle kaufen.

Dann erreichen wir wieder die deutsche Grenze – erneut nur durch ein Schild markiert. Dafür liebe ich Europa.

Und jetzt muss ich Schluss machen. Die Kraniche kommen.

Am Stettiner Haff und in der pommerschen Serengeti

6.10.2023 – Die Oder fließt nördlich von Stettin durchs Haff Richtung Ostsee, wir bleiben erstmal im Süden des Stettiner Haffs bei Ueckermünde.

Wir bummeln durch die kleine Altstadt und kaufen zum Abendessen Knacker ein, die wir daheim immer recht vermissen.

Der Stellplatz beim Hafen von Mönkebude ist nicht so spektakulär wie der in Mescherin, aber bis zum Sandstrand ist es nur ein Katzensprung.

Bei frischen 18 Grad bummeln wir am Hafen lang und über den Deichweg. Mittlerweile scheint wieder die Sonne, mittags hat es gegossen. Das Stettiner Haff ist durch eine schmale Landzunge, auf der bekannte Orte wie Usedom auf deutscher und Swinemünde auf polnischer Seite liegen, von der Ostsee getrennt.

In einem nahegelegenen Wald gibt es eine sorgsam ausgearbeitete Geocache-Strecke. 12 davon spüren wir hinter, an und auf Bäumen, liebevoll in Quietscheentchen, Plastikschweinchen oder im Super Mario versteckt, auf. Dann wird es langsam dunkel und rasch kalt.

13 Kilometer südwestlich liegt der Anklamer Stadtbruch, eine weite Moorlandschaft im Übergang zwischen Land und Meer. Das rund 2.000 Hektar große Wildnisgebiet ist Heimat für zahlreiche seltene Arten wie Seeadler, Fischotter und Moorfrosch. Heute gehen wir zur Abwechslung mal nicht auf Kranich- sondern auf Seeadlerpirsch. Auf dem Aussichtsturm bei Mescherin hatten wir am letzten Abend einen Naturfotografen aus Freising (!), Joe Häckl, getroffen. Von ihm stammt der Tipp.

Bereits um zehn sitzen wir auf den Rädern, um die 13 Kilometer bis Bugewitz zu fahren. Hier geht der 10 Kilometer lange Rundweg durch die Wildnis los.

Wir stellen die Räder beim Dorfgasthof ab und machen uns, bald schon in Regensachen, auf den Weg.

Eine Sturmflut ließ 1995 den Deich zum Haff brechen. Seither ist die Moorlandschaft weitestgehend sich selbst überlassen. 

Den Tieren gefällt das: Mittlerweile gibt es hier die höchste Seeadlerbrutdichte Europas. Wir sind kaum losgelaufen, als wir den ersten hoch oben in einem Baumwipfel erspähen. „Schau, da hinten rechts sitzt noch einer!“ Dann entdecken wir einen in der Luft. Seeadler gehören zu den größten Greifvögeln Mitteleuropas mit einer Spannweite von über zwei Metern. Majestätisch schwebt er hoch über uns.

Von dem im Baumwipfel gibt es hier ein „Beweisfoto“, wie Achim sagt.

Wir laufen auf dem schmalen Pfad, dem einzigen, der für Menschen erlaubt ist, immer tiefer in das Schutzgebiet hinein und kommen an eine Stelle, die im Volksmund „pommersche Serengeti“ genannt wird.

Auf dem früheren Torfabbaugebiet wachsen jetzt diese rötlich scheinenden Gräser.

An anderer Stelle wiederum steht das Wasser auf großer Fläche, nur ein paar Grasinselchen unterbrechen die glatte Fläche.

Nach etwa vier Stunden sind wir wieder bei den Rädern und treten den Rückweg an. Plötzlich bremst Achim und deutet nach links: Kraniche, die dem Bauern die frische Wintersaat klauen und sich erstaunlicherweise dabei durch uns nicht stören lassen.

Auf dem Donauradweg

Vom Zeltplatz sind es 14 Kilometer bis zur Mündung des Lech. Auf dem Bild kommt der Lech von links. Wir machen ein Abschiedsbild und heißen unseren dritten Fluss, die Donau, willkommen. An ihr werden wir die kommenden zwei Tage entlang radeln.

Oft führt der Donauradweg über die Deichkrone, warm, aber mit toller Aussicht. Wenn wir dann vom Fluss weggeleitet werden und in den Wald eintauchen, ist das erfrischend wie ein kühles Bad.

Bald ist Neuburg an der Donau erreicht und ein paar Kilometer weiter eine Brotzeitbank mit Flussblick.

In der zweiten Hälfte der Tagesetappe ist von der Donau nicht mehr viel zu sehen. Wir fahren auf ca. 20 Kilometern durch eines der bedeutendsten Auwaldgebiete an der deutschen Donau. Hier sind Biber und Eisvogel, Gelbbauchunke und  Hirschkäfer sind zuhause. Die Ausweisung als Natura2000-Gebiet ist ein Ausdruck für die Bedeutung dieses Naturschatzes auch auf europäischer Ebene.

Um die Renaturierung der Donau zu unterstützen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wurde das Auenzentrum Neuburg/Donau gegründet. Es hat seinen Sitz im Jagdschloss Grünau, das mitten in den Donauauen liegt.

Erst in Ingolstadt kommen wir wieder direkt an den Fluss und zelten auf dem Campingplatz am Auwaldsee.

In der Nacht spielt der Himmel vierstimmig Trommel. Aus allen Himmelsrichtungen donnert es, mal piano, mal fortissimo. Wir stehen unter einer Vielzahl von hohen Bäumen und ich male mir abwechselnd aus, dass ein starker Ast abbricht und auf unser Zelt fällt oder aber der Blitz einschlägt. Wo ist das nächste feste Gebäude, in das wir uns bei einem Orkan retten können? Dann fängt es an zu regnen und ich schlafe ein.

Da wir heute nur rund 40 Kilometer bis Bad Gögging auf dem Zettel haben, nehmen wir unterwegs ein paar Geocaches mit.

Um halb drei erreichen wir unseren Zeltplatz bei Bad Gögging. Nichtsmehrtun ist nun angesagt.

Morgen fahren wir über den Abensradweg 80 Kilometer nach Süden Damit schließt sich unser Kreis und wir sind wieder zu Hause.

„Das müssen wir unbedingt wiederholen“, sind wir uns einig. Es gefällt uns sehr, mit so wenig Utensilien auf Reisen zu sein. Ununterbrochen draußen zu sein. Immer wieder Neues zu erleben und sich darauf einstellen zu müssen. Ja, und auch die Herausforderung anzunehmen, die das Schlafen im Zelt und das Sitzen auf dem Boden für uns mit sich bringen.

In zwei Wochen allerdings steigen wir erstmal wieder in unseren Campingbus ein und fahren nach Norddeutschland. Dann geht es auch hier im Blog weiter.

Vom Lech zur Donau

Als ich wach werde, höre ich eine ganze Weile den Regentropfen zu, die auf unser Zelt trommeln. Doch die Wetterapp beruhigt mich: gleich wird es aufhören und der Rest des Tages wieder sonnig bei höchstens 27 Grad. Während Achim noch neben mir schnorchelt, schlüpfe ich in meinen Badeanzug. Um acht gibt es Brötchen, da bleibt noch Zeit, eine große Runde im See zu schwimmen.

Wir folgen für weitere 40 Kilometer dem Lauf des Lech, meistens durch den angenehm kühlen Auwald. In Ellgau finden wir einen Fahrradladen, in dem Achim neue Clicks für seine Radschuhe bekommt. Er hat unterwegs zwei Schrauben verloren. Beim Edeka füllen wir unsere Vorräte auf: Kaffee, Margarine, Schinken. Wir müssen jeden Tag aufs neue einkaufen, weil nicht zu viel in unsere Gepäcktaschen passt. Fürs Abendessen suchen wir uns kleine Steaks und Tomatensalat aus. Wozu habe ich schließlich die kleine Pfanne eingepackt?

Unseren Campingplatz erreichen wir schon um zwei und als erstes trocknen wir unser Zelt. Kaffee kochen, Schwimmen gehen (ja, wir haben schon wieder einen Platz am See) und dann schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren nach Donauwörth.

Die Touristeninfo versorgt uns mit einem Faltblatt über einen kleinen historischen Spaziergang und so laufen wir vom Rathaus über die Reichsstraße („eine der schönsten Straßen Süddeutschlands“) zum Münster „Zu unserer lieben Frau“. Auf der Orgelempore studiert der Kirchenchor gerade eine Messe ein. Ob sie von Egk ist, dem berühmten Komponisten, der nicht nur in jedem zweiten Kreuzworträtsel vorkommt sondern auch aus Donauwörth stammt?

Nach eineinhalb Stunden Stadtbummel gibt es noch ein Eis, dann radeln wir zurück. Ehe wir unsere Steaks braten, gibt es noch ein kleines Backgammonmatch. Auf dem Bild davor sieht es so aus, als ob ich schon wüsste, wer gewinnt.

Auf dem Lechradweg

Der Lechradweg führt uns ins hübsche Landsberg. Kurz bummeln wir durch das mittelalterliche Städtchen, dann zieht es uns wieder an den Fluss. Wir können uns heute viel Zeit lassen. 60 Kilometer liegen vor uns, allermeist völlig eben und bei angenehmen Temperaturen.

Wir trödeln durch die Gegend, halten oft an, um Fotos zu machen, setzen uns auf eine Bank, um Fischer und Vögel zu beobachten.

Meistens führt der Radweg direkt am Wasser entlang, manchmal müssen wir das Ufer verlassen, weil ein Kraftwerk oder eine Halbinsel zu umfahren sind. Dann gleiten wir durch Wiesen und Felder. Gestern wäre das sehr strapaziös gewesen, weil es hier nur wenig Schatten gibt.

Später gibt es dann natürlich das inzwischen schon obligatorische Picknick am Fluss, bei dem wir von blauen Jungfern regelrecht umschwärmt werden. Dabei wird rege für den Nachwuchs gesorgt und mein lieber Mann verblüfft mich einmal mehr mit Spezialwissen.

„Die perfekte Haltung beim Paarungsakt ist die Herzform“, sagt er. Und es scheint tatsächlich so zu sein. Etliche Pärchen haben sich so arrangiert, dass sie herzförmig aneinander kleben.

Nach dem kleinen Exkurs in Biologie erreichen wir bald Augsburg. Die Stadt lassen wir heute mal links liegen. Wir waren schon oft hier. Unser Sohn hat hier studiert. Schön, wie das Leben mit dem Fluss hier zum Alltag gehört. Es wird gegrillt und gejoggt, geradelt und geschwommen, Ball gespielt und Yoga gemacht.

Unser Campingplatz liegt ein wenig außerhalb der Stadt. Die Zeltwiese liegt am Badeteich. Mehr brauch ich nicht.