Es ist in der Früh um zehn, als das Telefon klingelt. Verschlafen greife ich zum Hörer. „Hallo?“, bringe ich im Noch-Halbschlaf über die Lippen. Eine hellwache, fröhliche Stimme erklärt mir, dass sie meine Telefonnummer von Hannelore S. habe und sie auf der Suche nach einer Journalistin sei, die bereit wäre, die kommenden drei Monate in Riva am Gardasee bei einer deutschen Radiostation zu arbeiten. Ich stottere fassungslos vor mich hin, erkläre, dass ich kurz zu mir kommen müsse, notiere die Telefonnummer und verspreche, gleich zurückzurufen.
Das ist 42 Jahre her. Gestern sind Achim und ich in Riva angekommen und ich spaziere seither durch meine Erinnerungen.
Hier! Dies ist das Haus, in dem ich gemeinsam mit zwei weiteren Journalisten, Adrian und Harald, drei Monate lang das Sommerprogramm von Radio Garda 3 gemacht habe. Unser Studio war im ersten Stock, im hinteren Teil der riesigen Wohnung gab es eine große Küche, ein Bad und drei kleine Zimmer.
Das Ganze war die Idee eines Münchner Unternehmers, den ich in all den Wochen kein einziges Mal gesehen habe. Für die Programmgestaltung hatten wir freie Hand. Gesendet haben wir von 7 bis 22 Uhr: Stündlich Nachrichten (die wir kreativ durch das Abhören anderer Radiosender zusammengestellt haben), Sprachkurs (unterstützt durch unseren jungen italienischen Tontechniker Angelo), Ausflugstipps, Kochrezepte, Wunschkonzerte… Sogar einen Surfkurs habe ich damals gemacht und darüber berichtet.
Da! Die Touristeninfo. Hier haben wir jeden Morgen den Wetterbericht abgeholt. Ab 9 Uhr lag ein Fax für uns bereit.
Und die Uferpromenade. Hier habe ich gern die Abende verbracht, wenn ich keinen Spätdienst hatte. Es gab leckeres Eis, Livemusik und auch diesen Gitarristen mit dem feurigen Blick…
Achim hat seine ganz eigenen Erinnerungen an den Gardasee: auf einer seiner vielen Radtouren kam er auch hierher. Freund Werner konnte wegen einer OP nicht mitradeln und versprach, mit dem Auto nachzukommen. Doch wie sich für den Abend verabreden in Vor-Handyzeiten? Ganz einfach: Die Radler hinterlassen eine Nachricht auf dem Ortsschild von Malcesine: Uhrzeit und angepeilter Campingplatz. Der Autofahrer springt im Stau aus dem Auto, greift sich den Zettel – und erfreut kurze Zeit später die radelnden Freunde mit einem Kasten Bier aus dem Kofferraum.
Achim und ich haben aber auch eine gemeinsame Erinnerung an den Gardasee: Immerhin wurde neun Monate nach einem Wochenende in Limone unser Sohn geboren.
Man muss ja nicht immer den direkten Weg nehmen. Hier und da bietet sich ein lohnender Umweg an. Direkt hieße bei uns: erste Etappe über den Brenner zum Gardasee, zweite Etappe über Bologna nach San Marino. Und dann wären wir quasi ja schon in den Marken. Wir haben einen Umweg gewählt. Über die Garmischer Autobahn […]
Heute folgten wir der Wörnitz nach Osten. Herrliche vorwiegend flache 12 Kilometer auf einem aspaltierten Wirtschaftsweg bis Wassertrüdingen.
Das Wörnitzbad kurz vor Wassertrüdingen.
Die Saison im Wörnitzbad ist sichtbar vorbei. Das zusätzliche Becken ist schon teilabgelassen, in die in bis zu 3m tiefe Wörnitz hingegen kann und darf man jederzeit. Ein schönes Angebot der Stadt. Bei 13 Grad hatten wir allerdings keinerlei Ambitionen.
Ein paar hundert Meter weiter neben der Brücke zur Stadt steht ein Beobachtungsturm. Störche, Greifvögel, Reiher, Bieber und und und. Die Störche sind wohl schon unterwegs in den Süden, die anderen Tiere haben sich erfolgreich vor meinem Fernglas versteckt, schade!
Im Hintergrund ist schon der Fürstliche Wald zu sehen. Vor den Waldwegen schauen wir aber kurz in den Ort – allein schon wegen der Kuchenversorgung nach unser…
Jetzt hat es auch uns erwischt: Corona. Sechs Tage haben wir brav das Haus gehütet. Nun zeigt der Test nur noch einen Balken an und Symptome haben wir auch seit drei Tagen nicht mehr. Unser Gesundheitsamt empfiehlt, sich dennoch weitere fünf Tage von anderen Menschen fernzuhalten. Das kriegen wir hin: Im Bus geht das ganz hervorragend und Tapetenwechsel ist nach der Quarantäne eh was Feines.
In Rekordzeit werfen wir ein paar Lebensmittel und Klamotten in den Bus und zwei Stunden später stehen wir bereits auf dem kleinen Stellplatz beim Limeseum nahe Dinkelsbühl. Achim kennt ihn von einer Reise, die er vor zwei Jahren unternommen hat, als ich in Nepal war. Jetzt wollen wir einfach ein wenig andere Luft schnuppern und da das Wetter Besserung verspricht, ein paar kleine Radtouren machen.
Wir verbummeln den Abend und den Vormittag gemütlich mit leckerem Essen und Spielen. In der Nacht regnet und windet es nochmal heftig, doch als wir uns gegen Mittag auf die Räder schwingen, bleibt es trocken und später wird dann sogar die Sonne rauskommen.
Entlang der Wörnitz fahren wir durch Felder, Dörfer und Hügel ins 17 km entfernte Dinkelsbühl.
Hinter dem Stadttor empfängt uns das mittelalterliche Städtchen mit zeitgenössischer Kunst im Garten des „Museum 3. Dimension“: rechts im Bild sieht man zum Beispiel eine Nachbildung der Escher-Treppe, die zweidimensionale Darstellung einer dreidimensionalen Treppe mit geschlossenem Innenraum, die in sich selbst zurückläuft, so dass eine Illusion erzeugt wird, dass sie unendlich hinauf bzw. hinunter führt.
Die Doppelhelix ganz links im Bild lässt sich durch einen Telefonanruf in Schwingung versetzen! Funktioniert. Ich hab’s ausprobiert.
Der Ortskern von Dinkelsbühl ist in bestem Zustand. Gut, dass das Wetter heute nicht zum Besuch der Straßencafés einlädt, denn wir sollen uns ja nicht zu anderen gesellen. Aber Kuchen kaufen, um ihn später vorm Bus zu genießen, geht.
Am späten Nachmittag machen wir noch einen Spaziergang zum (montags geschlossenen) Museum, das von den Römern und ihrem berühmten Grenzwall erzählt. Damals gab es hier ein Fort, von dem aus der hiesige Limesabschnitt bewacht wurde. Ein Miniaturnachbau veranschaulicht das Ganze.
Um kurz nach sieben geht bereits die Sonne unter. Einem weiteren gemütlichen Abend im Bus steht nichts im Wege.
Wie relativ doch alles ist. Von zuhause aus betrachtet sind wir ganz hoch im Norden. Doch ist man erstmal hier oben, fühlt es sich 700 Kilometer unterhalb des Polarkreises schon ganz schön südlich an.
Nach einer Stippvisite im hübschen Trondheim haben wir gestern Nachmittag die E6, unseren Highway nach Süden, verlassen.
Eigentlich waren wir nur auf der Suche nach einem guten Übernachtungsplatz (den wir auch gefunden haben).
Doch dann entdecken wir in der Landkarte eine Route, nicht ganz aber fast parallel zur Europastraße, die uns verlockend erscheint – und sich nicht so nach Rückfahrt anfühlt wie die E6. Außerdem erwischen wir damit nochmal eine nationale Touristenstraße. Das ist dann unsere zehnte von 18. Manche sind wir nur teilweise, manche komplett gefahren. Heute also steht zu guter Letzt die Landschaftsroute Rondane an: „Wie uralte Riesen ruhen die Berge entlang der Straße, die Sie am Rondane Nationalpark vorbeiführt. Die langsame Landschaft mit ihren ausladenden Bergen ist ein einzigartiges Erlebnis.“
50 Kilometer lang folgen wir der Straße, die uns auf 1000 Meter hoch bringt, an runden, teils 2000 m hohen Bergen vorbeiführt und durch karge Landschaft mit flechtenüberzogenen Böden leitet.
Wir lesen, dass der Rondane-Nationalpark der älteste ist in Norwegen und dass hier eines der wenigen Refugien für wilde Rentiere ist. Die meisten Rentiere sind domestiziert und gehören jemandem. Deshalb sind wilde Rentiere etwas ganz besonderes. Leider, leider erspähen wir keins.
Dafür stoßen wir aber auf Fundstück Nummer7: die Folldal-Gruben. Sie zählen zu den wichtigsten technisch-industriellen Kulturdenkmälern Norwegens mit ca. 70 gut erhaltenen Gebäuden. Im Bergwerk wurden von 1748 bis 1993 Kupfer, Zink und Schwefel gefördert.
Alles ist in perfektem Zustand. Einiges wird als Museum benützt, etliche Häuser auf dem weitläufigen Gelände werden wieder bewohnt.
Am Nachmittag stoßen wir wieder auf die E6 und nach weiteren 100 Kilometern sind wir am Tagesziel angekommen. Größer kann der Unterschied zwischen gestern und heute Abend fast nicht sein: die große Einsamkeit auf der einen Seite, ein Freizeitpark am Mjösasee mit Hotel, Hafen, Sport- und Spielplätzen und Minigolfanlage auf der anderen Seite. Viele Einheimische kommen hierher, um am Feierabend etwas auszuspannen. Der See ist 100 km lang und 15 km breit und damit der größte Binnensee des Landes.
Im Laufe des Nachmittags ist das Wetter überraschend so schön geworden, dass wir sogar draußen Abendessen können.
Fundstück Nummer 4 entdecken wir in dem kleinen Ort Mosjoen.
Auf einem Spaziergang durch die Sjögata, die Seestraße, entdecken wir das alte Mosjøen. Die zum Teil direkt am Wasser stehenden Holzhäuser sind der Kern einer Stadt, die im vorigen Jahrhundert als Drehscheibe zwischen den Menschen am Meer und denen im Binnenland entstand.
Am Samstagmittag ist viel los, Junge und Alte, Einheimische und Touristen flanieren, hocken im Café, besuchen eine der zahlreichen Ausstellungen und Antiquariate, lauschen den StraßenmusikerInnen. Zwei Frauen spielen Klavier und Geige, vier Frauen und Männer tanzen dazu. Im Laufe des Tanzes werden die Bewegungen wilder, akrobatischer, mal wird ein Salto eingebaut, mal eine ganze Reihe von Rollen – auf Asphalt wohlgemerkt. Das Publikum klatscht begeistert. So wünscht man sich eine Innenstadt. Daumen hoch!
Der nächste hohe Daumen gilt wieder der Natur. Unser fünftes Fundstück auf dem Heimweg ist der Laksfors. Hier stürzt sich der Fluss Vefsna, dem wir heute viele Kilometer durch die Berge folgen, in einer Wolke von Wasserstaub und Gischt in die Tiefe. Ein schöner Platz für unsere Mittagspause, in der wir die übrig gebliebenen Würstchen von gestern Abend aufessen.
Fundstück Nummer 6 zu finden, ist gar nicht so einfach. Wir suchen eine kleine samische Kirche am Majasee, fahren vorbei, wenden und schießen erneut übers Ziel hinaus. Es dauert drei Kilometer, bis wir wieder umkehren können. Aber schließlich finden wir den Abzweig (wir müssen die E6 nach links verlassen und durch die Unterführung fahren, um nach rechts zu kommen), noch einen Kilometer Schotterweg und ein paar Minuten zu Fuß und wir sind da.
Hier am See ist ein alter Versammlungsplatz der Samen mit zwei gut erhaltenen Lebensmittelspeichern, mehreren Kotas (Torfhütten) sowie einer samischen Kirche aus dem Jahr 1915. Unten am Seeufer sind zahlreiche Bootsstege und kleine, wie immer, rote Bootshäuser. Ein perfekter Platz für die Nacht, aber es ist erst halb fünf und wir fahren noch weiter.
Wenn man am nördlichsten Punkt einer Reise das Fahrzeug wendet, fährt man unweigerlich nach Süden. Das bedeutet für uns: langsam aber sicher machen wir uns auf den Heimweg. Allerdings haben wir da einige Stopps eingebaut. Der erste wird in Göteborg sein, wo meine Tante und mein Onkel zuhause sind. Bis dorthin sind es noch rund 2000 Kilometer. Die werden wir natürlich nicht schnellstmöglich zurücklegen, aber doch etwas schneller als auf dem Hinweg. Wir wollen in etwa einer Woche dort ankommen, das lässt Zeit, unterwegs noch etwas anzuschauen, wandern zu gehen und es auch mal langsam angehen zu lassen.
Das erste Fundstück auf unserem Heimweg entdecken wir gleich am Anfang der Rückfahrt in Alta, unweit unseres Refugiums nach der zweiten Mückenattacke.
Die Felsritzungen dort sind teils 7000 Jahre alt und wurden erst 1960 gefunden. Seit 1985 zählt die Felskunst in Alta zum Weltkulturerbe. Da hier mehr Felsenbilder zu finden sind als im restlichen Nordeuropa, gehen die Fachleute davon aus, dass Alta in der Steinzeit ein wichtiger Treffpunkt war für Reisende, Händler und Künstler.
Die Bilder erzählen vom Leben unter dem Polarhimmel und der Mittsommernacht. Sie zeigen die Menschen bei der Jagd auf Rentiere, Elche und Wale. An Land und in Booten.
Eine, wie ich finde, schöne Idee der Verantwortlichen für diese Freiluftausstellung ist, einen Teil der Felsritzungen zu kolorieren, damit man die Werke gut sehen kann, und die andere Hälfte so zu belassen wie sie vom Künstler geschaffen wurde. Da muss man dann zwar dreimal hingucken, um etwas zu erkennen, aber so ist es authentischer.
Fundstück Nummer zwei ist die Eismeer-Kathedrale in Tromsö. In ihrer Form soll sie an die Trockenfisch-Gestelle erinnern, die man überall hier im Norden findet. Aber auch Polarnacht, Mitternachtssonne und Nordlicht soll der futuristisch wirkende Bau symbolisieren.
Wir schlendern über die Brücke, die hier den Fjord überspannt und ins Zentrum führt. Ein Bummel an bunten Holzhäusern vorbei bringt uns in die Innenstadt, wo wir ein paar Mitbringsel für unsere Lieben daheim finden und dann wegen des Regens in ein Café flüchten.
Auf dem Weg nach Norden haben wir den Polarkreis auf dem Schiff zu den Lofoten überquert. Nun kommen wir über die Straße dorthin. Fundstück Nummer 3 ist das Polarkreiscenter.
Hier gibt es ein paar Touristen, viele Souvenirs, einige ausgestopfte Tiere und eine Polarbar.
Wir ziehen den heimischen Herd vor, der für heute Nacht auf dem Polarkreis steht, und bereiten zur Feier des Tages original skandinavische Hotdogs zu, begleitet von Mackbier aus der nördlichsten Brauerei der Welt.
Damit spüle ich die Wehmut hinunter, die ich hier spüre. Denn mit dem Überqueren des arktischen Zirkels von Nord nach Süd verlassen wir nun wirklich den Norden mit seinen Polartagen, seinem spezifischen Licht, seiner besonderen Landschaft.
Dieser Blogbeitrag sollte eigentlich den Titel „Die Einsamkeitsrunde durchs Land der Samen“ tragen. Während wir im windgeschüttelten Bus am Nordkap saßen, schmiedeten wir Pläne für die Fahrt Richtung Süden und entschieden uns für eine Runde in südöstlicher Richtung. Die Strecke verläuft durchs Land der Samen, führt durch die Orte Karasjok und Kautokeino, die eine die inoffizielle Hauptstadt von Samiid Aednam, dem Samenland, die andere sein kulturelles Zentrum.
Ich wollte erzählen von den 100 000 Rentieren, die die Bewohner von Kautokeino auch heute noch besitzen und die, neben dem Tourismus, eine wichtige wirtschaftliche Grundlage bilden. Ab und an verirren sich auch mal welche auf die Straße.
Ich wollte berichten von der Vielzahl kultureller, wissenschaftlicher und sozialer Einrichtungen, die u. a. vom Wissenschaftszentrum „Diehtosiida“ beherbergt werden.
Ich wollte darüber schreiben, dass es in Kautokeino einen samischen Radiosender gibt und die einzige Schule, in der Rentierzucht ein Unterrichtsfach ist.
Doch dann kam alles ganz anders. Zum einen erschließen sich die genannten Orte dem Tagesbesucher nicht so leicht. Es gibt keinen zentralen Platz, keine Straßen zum bummeln, nur vereinzelte Wohnhäuser und Läden ohne besonderes Flair. Schwierig, Menschen zu treffen und vielleicht mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Zum anderen war unser Augenmerk auf viel Trivialeres ausgerichtet, das uns viele Nerven gekostet hat.
Dabei hat alles so schön angefangen:
Die Rückfahrt vom Nordkap entlang des Fjordes ist natürlich ebenso großartig wie auf der Hinfahrt.
Das einsame Fjelll der Finmark wollen wir durch eine Wanderung im Stabbursdalen Nationalpark kennenlernen.
Nach sechs Kilometern holpriger Piste erreichen wir den Wanderparkplatz. Super, hier können wir auch über Nacht bleiben. Kein Verbotsschild, ein paar Zelter.
Wir ziehen uns warm und regenfest an, sprühen uns mit Mückenspray ein und laufen los zum fünf Kilometer entfernten Wasserfall.
Ein guter Weg durch abwechslungsreiche Landschaft, wenn nur die sirrenden Quälgeister nicht wären. Myriaden von Mücken stürzen sich auf die beiden Wanderer, als ob sie seit Wochen keine Nahrung mehr bekommen hätten. Wir setzen die Kapuzen auf, verstecken das Gesicht hinter einem Tuch, stecken die Hände in die Jackentasche. Doch allein beim Anblick der vielen Plagegeister macht man sich klein und kratzt sich.
Als wir nach drei Stunden wieder beim Bus sind, klopfen wir sorgsam unsere Kleidung ab und schlüpfen so schnell wie möglich in den Bus. Einige Tierchen natürlich auch. Im Laufe der nächsten Stunden müssen einige von ihnen dran glauben, aber immer wieder ist Nachschub da. Seltsam, der Bus ist doch zu. Wo kommen sie her? Wie kommen sie hierein?
Schließlich gehen wir ins Bett, ziehen uns die Decke über den Kopf und versuchen einzuschlafen. Bssssssss. Bssssssss. Immer wieder versuchen wir, eine zu erlegen, dann wieder, sie zu ignorieren. Irgendwann ziehe ich das Rollo auf, es ist wie gewohnt taghell mitten in der Nacht und dann sehe ich die Bescherung: Heerscharen von Mücken sitzen auf den Rollos, unterm Dach, an den Wänden. Gruselig!
„Sollen wir ein Stück aus dem Wald rausfahren? Wohin, wo weniger Mücken sind?“, fragt Achim. Wir sichern das Notwendigste vorm durch den Bus fliegen und setzen uns im Schlafanzug nach vorn.
Ein paar Kilometer weiter haben wir den Wald hinter uns, draußen fliegen zwar noch Mücken, aber nicht mehr in so rauen Mengen. Wir öffnen nach und nach die Dachluken und die Fenster und tatsächlich fliegt ein Großteil der Mücken nach draußen. Viele werden noch von uns erledigt. Inzwischen ist es vier Uhr. Wir verstecken uns wieder unter unserer Bettwäsche und schaffen es dann sogar, ein paar Stunden zu schlafen.
Der nächste Tag führt uns wieder durch Birkenwälder, an Seen und Flüssen entlang, wir besuchen wie gesagt Karasjok und Kautokeino, am Abend finden wir ein lauschiges Plätzchen an einem Fluss, kurz hinter Kautokeino. Wir sind von der vergangenen Nacht und dem langen Tag so müde, dass wir keine Lust haben zu kochen. Zwei Bier, Cracker und Aioli müssen heute reichen.
Achim nimmt mein Telefon auseinander, bei der Wanderung im Nationalpark war Wasser in das Gerät gedrungen (danke, Fairphone, dass man dich reparieren kann!) und währenddessen geht es schon wieder los: der Bus ist zu, trotzdem kommen Mücken rein. Mehr und mehr. Ich hatte am Nachmittag insgeheim schon damit geliebäugelt, bis zum Fjord in Arta zu fahren, in mückenfreies Gebiet. Doch das wäre eine zu lange Tagesetappe geworden. Jetzt aber hält uns hier nichts mehr. Es ist elf Uhr, taghell, 80 Kilometer trennen uns von einer entspannten Nachtruhe.
Also los. So eine unverhoffte Nachtfahrt hat auch ihren Reiz. Kaum Verkehr, so dass man die Landschaft ausgiebig genießen kann. Für uns ist es ja immer noch unfassbar, dass es hier taghell ist.
Als wir nach eineinhalb Stunden auf dem von uns ins Auge gefassten Platz ankommen, den wir schon von der Hinfahrt kennen, wollen wir es erst gar nicht glauben: Mücken!
Wir fackeln nicht lang, wenden und fahren zurück auf einen Parkplatz an der E 6. Keine Idylle, aber immerhin mit Blick auf den Fjord und vor allem: ohne Mücken. Es ist zwei, als wir endlich ins Bett fallen. Ganz ohne bssssssss.
Eigentlich wollte ich gar nicht hierher. Als Achim zuhause vorgeschlagen hatte, bis zum Nordkap hochzufahren, habe ich ein Veto eingelegt: „Pffft, muss ich nicht hin… Nur um an so nem nördlichsten Punkt zu sein… Macht doch nur Stress…“
Was bin ich froh, dass ich es mir anders überlegt habe! Nun sind wir hier am nördlichsten vom Festland aus auf dem Straßenweg erreichbaren Punkt Europas. Der Wind rüttelt am Bus. Dicke Wolken ziehen über uns hinweg. Als wir heute Morgen aufwachen, hatte es 24 Grad. Jetzt sind es noch 12. Aber ich finde, dass so ein Wetter besser hierher passt als die Hitze und der gleißende Sonnenschein der letzten Tage (auch wenn sie mich wirklich begeistert haben).
Schon die Fahrt von Alta hierher war wunderschön. Ich hatte gar nichts besonderes erwartet, klang doch die Streckenbeschreibung in unserem Reiseführer nicht sehr verlockend: „Wer hier, so nahe am geografischen Ende der Erde, eine dramatische Kulisse erwartet hat, sieht sich bitter enttäuscht, denn nackt und baumlos präsentiert sich die arktische Ödnis.“
Ich jedoch schaue nach rechts und sehe den Porsangerfjord, an dem sich die Straße entlang schlängelt und bin wieder einmal entzückt. Die Sonne scheint noch und das Meer changiert zwischen Tiefblau und Türkisgrün.
Aber auch die Abschnitte, in denen wir von Moos und Flechten bewachsene Felsen durchfahren, sind schön. Die Formationen sehen nach jeder Kurve anders aus, wellig liegt das Land vor uns.
Ich bin also schon in Hochstimmung, als wir dann wirklich hier am Nordkap ankommen. Und irgendwie ist es dann doch etwas Besonderes, hier zu sein. Vielleicht bilde ich es mir ja nur ein, aber ich meine zu spüren, dass voraus nur noch das Nordmeer, Spitzbergen und der Nordpol liegen.
Allen Unkenrufen zum Trotz ist es auch gar nicht sooo voll hier. Schon auf der Herfahrt waren nicht sehr viele Fahrzeuge zu sehen und als wir zum obligaten Fotospot an der Weltkugel kommen, müssen wir auch nicht Schlange stehen. Drei, vier Paare sind mit uns dort. Gut so, dann kann man sich gegenseitig fotografieren.
Da wir um drei Uhr nachmittags schon hier angekommen sind und über Nacht bleiben (es gibt hier einen kostenlosen Stellplatz!), haben wir Muße, alles in Ruhe zu erleben.
Nachdem die ersten Fotos im Kasten sind, kochen wir erstmal Kaffee und gucken zum Fenster raus aufs Meer. Das ist allerdings nicht mehr blau.
Später drehen wir die nächste Runde. Neben der Nordkaphalle (deren Eintritt in Höhe von 28 Euro wir uns sparen) gibt es seit 1988 einen kleinen Skulpturenpark, in dem Reliefs ausgestellt sind, die von sieben Kindern unterschiedlicher Nationen angefertigt wurden und Freundschaft, Frieden, Hoffnung und Freude symbolisieren.
Wir laufen noch ein wenig am Rande des Kaps herum, um seine Dimension ein wenig zu erfassen, dann treibt uns der Regen zurück in den Bus. Es ist schon ein paar Tage her, dass wir die Heizung anmachen mussten. Jetzt ist es mal wieder so weit. Während wir ganz optimistisch auf die Mitternachtssonne warten, die man von hier aus natürlich bestens sieht, vertreiben wir uns die Zeit mit Pläne schmieden für die weitere Reise, spielen, bloggen, Abendessen.
Sollte es mit der Mitternachtssonne noch was werden, gibt es morgen früh ein Foto dazu. Versprochen.
Die weißen Nächte rauben mir den Schlaf. Wenn die ganze Nacht die Sonne scheint, komme ich nicht zur Ruhe. Es macht mich richtiggehend kribbelig und ich verliere jegliches Zeitgefühl.
Gegen elf, halb zwölf lege ich mich dann doch hin, im Bus sind alle Rollos runter, und ich versuche zu schlafen. Ich döse ein bisschen, gegen zwölf, halb eins kommt Achim ins Bett, ich döse weiter und um zwei, drei Uhr bin ich oft immer noch wach, durch die Ritzen sehe ich, dass es taghell ist. Irgendwann schlafe ich dann doch ein und bin um halb acht wieder munter. Nicht viel Schlaf, aber das macht nichts. Ich muss ja tagsüber nur gucken und staunen.
Seit wir die Lofoten verlassen haben, sind weniger Fahrzeuge zu sehen, es gibt weniger Dörfer und Städte, dafür umso mehr Natur, die einen umhaut.
Am Abend finden wir ein Plätzchen zum Dahinschmelzen. Ein Wald. Ein See. Und wir. Ich springe gleich mal ins Wasser. Diesmal ist es nicht zu kalt. Leider fühlen nicht nur wir uns hier sehr wohl. Bald tauchen die Bremsen auf (so riesig wie Drohnen!), gefolgt von den Mücken. Wir fliehen in den Bus. Weil es so heiß ist (sic!), reißen wir alle Fenster und die große Schiebetür auf, Insektenrollos vor und schon sitzen wir gut geschützt wie in einem großen Moskitonetz.
Achim macht zwei Dosen Bier auf und spielt Moustaki ab, um mich bei Laune zu halten. Denn jetzt backe ich Apfelkuchen. Und das weiß man ja: je besser die Bäckerin drauf ist, umso besser wird der Kuchen. In einer tropischen Nacht weit jenseits des Polarkreises (es hat um zehn noch 24 Grad!) geht es der Bäckerin eh top. Übrigens: nachts um zehn Kuchenbacken gehört auch zum Weiße-Nächte-Syndrom.
Ein Alpenpanorama mit schneebedeckten Gipfeln, das Meer säumend, bei fast 30 Grad. Das ist die Kulisse vieler Stunden des nächsten Tages. Wir können uns gar nicht satt sehen. Über 100 Kilometer zieht sich die teilweise vergletscherte Kette der Lyngenalpen am gleichnamigen Fjord entlang. Wir sind begeistert.
In der Pause am Nachmittag nützen wir das heiße Wetter aus und machen „große“ Wäsche. Bei den Temperaturen sollten die Sachen wohl im Bus trocknen.
Die E 6 bringt uns weiter nach Norden. Kurz steigt der Adrenalinpegel, als ein WoMo gegen die Fahrtrichtung vor einer Tunneleinfahrt steht. Aus den Augenwinkeln nehme ich gleichzeitig ein Warnschild wahr, lese noch die Worte „Rentier“ und „Tunnel“, sehe einen Mann am Eingang des Tunnels, der uns Zeichen gibt und dann steht, zum Glück auf der linken Fahrbahn (auf der gerade keine Autos kommen), ein ausgewachsene Rentier samt riesigem Geweih. Viel zu schnell sind wir vorbei und verlieren das Tier aus den Augen.
Eine weitere tropische Nacht verbringen wir an einem Fjord mit etlichen Einheimischen und Touristen, die grillen und fischen und chillen.