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Ich war noch nicht überall,aber es steht auf meiner Liste

Visionäre unter sich

Sicherlich schrieb ich bereits von der Tatkraft dieser Frau. Ihr scheinen die Ideen für neue Projekte niemals auszugehen: Rainbow Children Home, Rainbow Handicraft, die Farm, die Erdhäuser dort. Und jetzt: eine Obstplantage.

Bereits vor vielen Jahren hat Goma Dhakal gemeinsam mit einem Freund, Durga, dieses Stück Land gekauft. Es liegt in der Nähe seines Elternhauses und stand nach dem Tod der Nachbarn zum Verkauf. Seither wurde es nicht genutzt, Büsche und Bäume wachsen wild durcheinander. Jetzt aber werden Pläne geschmiedet.

Nach dem Frühstück fragt Goma mich, ob ich heute schon etwas vorhätte. Falls nicht sei ich herzlich zu einem Ausflug eingeladen. Eine Stunde später sitzen Goma, Durga, Luke und ich im Auto und verlassen Pokhara in südwestliche Richtung. Luke Trotman ist ein junger Amerikaner, der auf Gomas Farm außerhalb von Pokhara gemeinsam mit Volontären aus aller Welt Erdhäuser gebaut hat („aus dem Dreck unter Deinen Füßen“). Ich hatte ja letztes Jahr einen Tag lang das Vergnügen, daran mitzuarbeiten. Dort wurden zwischenzeitlich rund 2000 junge Bäume gepflanzt, so dass Luke als dritter Visionär im Bunde heute natürlich dabei sein musste.

Eine gute Stunde lang fahren wir über den kurvigen einspurigen Sidharta-Highway, bewaldete Bergrücken, terrassierte Getreide- und Gemüsefelder und bunte Dörfer umgeben uns. Wir erreichen den kleinen Ort Putalibazar, in dem wir die Hauptstraße verlassen und noch eine gute halbe Stunde über einen ausgewaschenen und teils sehr steilen lehmigen Fahrweg auf und ab kurven, bis wir endlich am Ziel sind.

Wir streifen durchs Gelände, die drei nehmen das vorhandene Gehölz in Augenschein, überlegen, welche Bäume stehen bleiben können, was neu angepflanzt werden soll und wie man am besten vorgeht. Ich glaube, sie sehen die Zitronen-, Orangen- und Avocadobäume bereits Früchte tragen. In kleinen überschaubaren Einheiten soll begonnen werden, Wege auf dem abschüssigen Terrain anzulegen, zu roden, neu zu pflanzen. Nächstes Jahr soll begonnen werden.

Wie die Farm bei Pokhara wird auch dieses Projekt hier mehrere Ziele erfüllen: den dem Kinderheim in einigen Jahren entwachsenen jungen Menschen einen Lebens- und Arbeitsplatz bieten, nachhaltige Landwirtschaft betreiben, zusätzliches Einkommen, das den diversen Projekten zugute kommt, generieren.

Zum Tee schauen wir noch bei Durgas Mutter vorbei und ich erlebe zum ersten Mal, dass ein Sohn seiner Mutter zur Begrüßung die Füße küsst. Wir sitzen auf der schattigen Veranda, genießen die Natur und die Vorfreude aufs neue Projekt.

Mußestunden

Morgens frühstücke ich mit den Kindern. Es gibt stets Dal Bhat, also Reis mit einer sehr dünnen Linsensuppe und ein bisschen Gemüse. Das schmeckt mir besser als das normale Volontärs-Frühstück bestehend aus zwei Scheiben ungetoastetem Toast, Industriemarmelade und einem hart gekochten Ei. Der Reis und das Gemüse waren sicherlich auch gut für meinen angeschlagenen Magen heute Morgen.

Dann helfe ich den großen Kindern bei ihren Aufgaben im Haushalt: Abspülen und Auskehren. Schließlich begleite ich die Kleinen in die gegenüberliegende Schule und auf besonderen Wunsch Indreni in ihre, fünf Gehminuten entfernt.

Gern schaue ich dort dem morgendlichen Ritual zu, bei dem die einzelnen Klassen aufgereiht im Schulhof stehen, eine Mischung aus Gymnastik und Drill absolvieren und die Nationalhymne singen.

Danach habe ich meistens fünf Stunden frei, denn in der Regel verneint Noma meine Frage, ob ich ihr noch bei etwas helfen kann.

Heute zieht es mich an den See. Es ist so schön draußen. Um halb elf hat es schon 15 Grad. Die Sonne scheint und ich beschließe, mit dem Boot auf die kleine Insel zu fahren.

Mit mir unterwegs eine Gruppe Pilgerinnen, die im Tempel beten und den Göttern opfern wollen.

Der zweistöckige Pagodentempel wird sowohl von Buddhisten als auch von Hinduisten besucht. An diesem Vormittag bin ich hier die einzige Ausländerin. Ich schaue ein wenig dem Treiben zu und lausche dem Gebimmel der kleinen und großen Glocken, die von den Gläubigen geläutet werden, um ihre Wünsche und Gebete zu intensivieren. Die Tauben gurren dazu.

Ich ziehe die Schuhe aus, umrunde dreimal im Uhrzeigersinn den kleinen Tempel und schicke gute Wünsche für meinen kleinen Enkel, Familie und Freunde ins Universum.

Fastentag

Vorgestern habe ich mit Enoch, Gomas Bruder, der für die Volontäre zuständig ist, über das Trinkwasser im Heim gesprochen. Sie holen es nach wie vor im Brunnen vor dem Haus und ich erinnere mich, dass ich es vergangenes Jahr in den letzten Wochen meines Aufenthalts hier getrunken hatte. Nun kommen wir aber gemeinsam zu dem Schluss, dass ich damit noch warten solle, bis sich mein Körper an die hiesigen Bakterien gewöhnt hat.

Dann aber rutscht mir beim Abendessen ein Reiskorn in die Luftröhre und ich muss furchtbar husten. „Water?“ fragt Aasha und ich nicke nach Luft japsend. Und schon ist es passiert.

Der Durchfall am nächsten Morgen ist nicht so schlimm, aber je später es wird, umso schlapper werde ich.

Nachdem die Kinder in der Schule sind, helfe ich Noma noch ein bisschen bei der Hausarbeit, um elf verlasse ich das Heim und will eigentlich erstmal in mein Zimmer. Aber dann steht gerade der Bus in die Stadt da und ich steige ein. Denn ich möchte ja noch nach einer Kurta, dieser traditionellen Tunika, die hier viel von den Frauen getragen wird, Ausschau halten. Doch ich sollte eigentlich wissen, dass shoppen nicht funktioniert, wenn man sich nicht gut fühlt…

Zwei Stunden später bin ich wieder daheim, mir ist nicht gut, aber ich rappele mich noch mal auf, weil ich Mamita versprochen hatte, sie um drei von der Schule abzuholen.

Eine Stunde später bin ich mit meinen Kräften am Ende. Ich melde mich bei Noma und den Kindern krank und schleiche nach Hause. Ab ins Bett.

14 Stunden später habe ich mich gesund geschlafen. Das Fasten war sicherlich auch gut. Aber jetzt habe ich Hunger! Und zum Glück auch wieder Energie.

Wochenende!

Das Wochenende ist hier nur ein Tag. Der Samstag. Am Sonntag ist schon wieder Schule.

Gleich nach dem Frühstück zieht mich Mamita in ihr Zimmer. Sie will duschen und vorher noch frische Anziehsachen aussuchen. Sie holt eine Truhe unter ihrem Bett hervor, die ihre Besitztümer enthält. Nicht viel aber ausreichend.

Einige der größeren Mädchen kommen dazu, inspizieren Mamitas Habseligkeiten und fischen die nicht sauberen Teile heraus.

Gemeinsam gehen wir etwas später in den Garten nebenan, um sie zu waschen. Hier ist bereits Hochbetrieb. Etliche Kinder sind mit ihrer Kleidung zum Waschen hergekommen. Zwei Gartentische dienen als Waschbrett, das Wasser kommt aus einem großen Trog oder direkt aus dem Schlauch, ein großes Stück Seife ist das Waschmittel. Es wird ordentlich gerubbelt, geschmiert und gewässert.

Nebenan wird derweil ein Komposthaufen angelegt: Auf die seit Wochen gesammelten kompostierbaren Abfälle wird von einem der Jungen frische Erde geschaufelt, Indreni holt einen Eimer mit Wasser, in dem sie Kuhmist aufgelöst hat und die anderen Mädchen matschen damit die Oberfläche ein. Zum Schluss wird das Ganze abgedeckt und darf nun vor sich hinrotten.

„Today we go funpark?“ höre ich schon den ganzen Tag aus vielen Kindermündern. „Yes, today we go funpark.“ Es hat schon Tradition, dass wir an freien Tagen einen Ausflug machen und für heute hatten sich die Kinder den Besuch des kleinen, neu errichteten Vergnügungsparks am See gewünscht. Von etlichen Freunden habe ich Geld bekommen, um den Kindern etwas Gutes zu tun. Sie haben mir freie Hand für die Verwendung gelassen und heute haben wir das Geld von Diana auf den Kopf gehauen. Danke dafür! Die Kinder waren selig.

Ist doch ein guter Verwendungszweck, oder? Zum krönenden Abschluss gab es dann noch ein Eis für jeden und natürlich ein schönes Gruppenfoto.

Wir schlendern gemütlich am See zurück. Im Park, in den wir öfters zum Spielen und Toben kommen, legen wir auch diesmal eine Pause ein und ich lerne noch ein nepalisches Spiel kennen: Kabadi. Zwei Mannschaften treten gegeneinander an und schlagen sich nach bestimmten Regeln ab bzw, fangen sich gegenseitig. Wer zuerst keine Teammitglieder mehr hat, hat verloren.

Die Mädchen haben alle drei Partien gewonnen. An mir lag es nicht, denn ich flog immer sehr schnell raus.

Feiertag

Heute ist Gomas Geburtstag. Während ich noch im Bett liege, lese ich die zahlreichen Glückwünsche, die über Facebook an diese bemerkenswerte Frau gerichtet werden. Goma Dhakal hat vor 16 Jahren das Kinderheim gegründet, in dem ich nun schon zum zweiten Mal mitarbeite, und vor elf Jahren das Frauenprojekt „Rainbow Handicraft Nepal“, dessen schöne Handtaschen ich seit einem Jahr in Freising und Umgebung verkaufe. Die Glückwünsche sind nahezu poetisch. In sehr ausgewählten Worten werden ihr soziales Engagement und ihre Tatkraft gewürdigt.

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Als ich ins Kinderheim komme, ist Gomas Geburtstag Gesprächsthema. Das Geburtstagskind taucht auch bald auf und gibt jedem Kind ein Tika, das Segenszeichen, und einen kleinen Geldschein als Geschenk.

Als die Kinder aus dem Haus sind, erklärt mir Noma, unsere Köchin und Hauswirtschafterin, dass sie mich vorerst nicht braucht, sie aber gern ab 15 Uhr auf meine Hilfe zurückgreift.

Also mache ich mir ein paar gemütliche Stunden und bin am Nachmittag wieder zur Stelle. Nun heißt es, die große Feier für den Abend vorzubereiten. Kinder, Familie, Gäste aus Italien, Volontäre der Farm, die Goma vor zwei Jahren etabliert hat, da kommen leicht 70 Personen zusammen.

Gut, dass mir die Kinder beim Kartoffeln pellen und Erbsen puhlen helfen.

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Draußen ist derweil eine ganze Gruppe damit beschäftigt, Gemüse zu putzen.

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Für die Zubereitung des Huhns und des Reises wurde zusätzlich ein Koch engagiert, der die Speisen draußen in großen Kesseln zubereitet, während Noma drinnen in der Küche Pickles und Spinat kocht.

 

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Super Timing: die Gäste waren für 7 geladen, um 18.30 Uhr war alles fertig. Doch ehe es ans Essen geht, werden erst einmal die Geschenke überreicht und die obligatorische Geburtstagstorte verteilt.

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Habe ich schon erwähnt, dass es hier sehr angenehme Temperaturen hat, so dass wir draußen essen, singen und tanzen können.

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Als sich die Festgesellschaft gegen halb zehn auflöst, will ich (anstandshalber) auch gehen. Doch Goma hält mich zurück, ich möge doch bitte noch einen Moment warten. Sie verabschiedet die letzten Gäste und bittet mich dann, ihr zu folgen. Wir gehen zur Treppe, die in ihre Wohung führt und sie lächelt mich an: „Ein Bier noch, okay?“

Schulfrei

„Come in! Come in!“ ruft die in ein enges glänzendes asiatisches Gewand gekleidete Frau uns zu. Die Kinder winken freudig und laufen in den Garten des kleinen koreanische Cafés am See. Es gehört Radda, einer jungen Koreanerin, die sich vor neun Jahren in einen Nepali verliebt hat und sich hier in Pokhara angesiedelt hat. Sie kennt die Rainbow-Kinder schon länger, besucht sie ab und zu und bringt ihnen Leckereien oder Hefte und Stifte für die Schule mit.

Freudig bewirtet sie uns mit Schokoküchlein, Fanta, Cola und Popcorn. Sie plaudert gekonnt mit den Kindern auf Nepali, die stolz an den Cafétischen sitzen und das Ambiente genießen. Nach etwa einer halben Stunde bedanken wir uns für die Einladung und setzen unseren Spaziergang am Fewa-See fort.

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Es gibt viel zu schauen. Auf der einen Seite reiht sich Bar an Bar, Café an Café, auf der anderen Seite liegt der See mit Fischen, Booten und Anglern. Im Hintergrund die Berge nicht zu vergessen.  Die Sonne scheint und treibt die Temperaturen am Mittag auf 23 Grad hoch. Wir genießen den schulfreien Tag, den die Kleinen wegen des gestrigen Elterntags bekommen haben, der doch für alle Beteiligten (sicherlich auch die Lehrer) anstrengend war.

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Lange schauen wir ein paar jungen Männern zu, die Kunststücke in ihren Kajaks ausprobieren. Auf dem Heimweg laufen wir durch den Park, in dem wir gern spielen und entdecken ein paar Büffel, denen es hier auch gefällt.

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Zuhause warten zwei Überraschungen auf uns: eine riesige Portion Popcorn für die Kinder, die Noma schon am Morgen zubereitet hatte, und eine kleine Gruppe ItalienerInnen, die offensichtlich ebenfalls jährlich hierher kommen. Sie werden von den Kindern herzlich begrüßt. Wir hatten uns bereits letztes Jahr hier getroffen. Sie haben wieder viele Spenden für das Kinderheim mitgebracht.

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Weil heute Feiertag ist, nützen die Kleinen die freie Zeit zum Duschen und Haare waschen. Diesmal werden die Bäder benützt. Letztes Jahr waren wir zum Duschen ja draußen, entweder im Garten oder im Innenhof. Das Wasser kann man aber nach wie vor nur als lauwarm bezeichnen (ich erwähnte, glaube ich, noch gar nicht, dass das auch auf das Wasser in meiner Unterkunft zutrifft.). Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Mädchen damit umgehen: während Marmita, sich dreimal  von Kopf bis Fuß einseift, sich abspült und mich mehrmals auffordert, ihr einen großen Topf mit Wasser überzugießen, bibbert und stöhnt Sita dabei, hält aber auch tapfer durch.

Natürlich helfe ich ihr anschließend beim Waschen ihrer Kleider. Draußen, mit Seife und kaltem Wasser. Wir legen uns ordentlich ins Zeug, schmieren und rubbeln und waschen aus und bekommen alles schön sauber.

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Die anderen leinen Kinder toben derweil im Hof, die großen sitzen noch bei den Hausaufgaben.

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Morgen ist Gomas Geburtstag. Die Kinder freuen sich schon drauf. Mit Indreni gehe ich noch in ein kleines Geschäft um die Ecke. Sie möchte für Goma ein kleines Geschenk kaufen. 200 Rupien (etwa 1,80 Euro) hat sie dafür von ihrem Ersparten. Ihr schwebt eine Tasse vor mit „Happy Birthday“ drauf. Noch ist aber nicht das Richtige dabei.

Eine Schule feiert sich selbst

Heute ist der 14. Elterntag der „Buds Academy“. Grund genug, die Stadthalle anzumieten und mit vielen Ehrengästen aus Politik, Wirtschaft und anderer Prominenz zu feiern. Drei Filmkameras halten das Geschehen fest, ein Tontechniker am Mischpult sorgt für den richtigen Sound bei den Ansprachen, Preisverleihungen und Tanzvorführungen.

Goma Dhakal, Gründerin und Chefin des Rainbow Children Home gehört auch zu den geladenen Gästen, nicht nur weil zehn unserer Kinder diese Privat-Schule besuchen, sondern weil sie Mitglied des Schulvorstands ist. In ihrem Schlepptau lande sogar ich in der ersten Reihe, bekomme den für offizielle Anlässe obligatorischen Blumenkranz um den Hals gehängt und verfolge für die kommenden fünf Stunden die Feierlichkeiten. Wir stehen natürlich zum gemeinsamen Singen der Nationalhymne auf (nein, ich kenne den Text noch nicht, kann aber die Melodie mitsummen und meine rechte Hand aufs Herz legen).

Wir lauschen der Ansprache der Schülersprecherin, die die Qualität ihrer Schule betont und ihren gesellschaftlichen Auftrag unterstreicht.

Nicht nur am Anfang sondern die ganze Veranstaltung hindurch werden die Ehrengäste begrüßt. Dies nimmt einen wirklich großen Teil der Veranstaltung ein. Dann werden Hunderte von Medaillen für die erfolgreiche Teilnahme am letzten Sportfest, am Englischen Buchstabierwettbewerb und für Nepalische Sprachfähigkeiten verliehen.

Auch unsere Kinder haben etliche Medaillen erhalten. Ganz beglückt kam jedes Kind mit seiner Auszeichnung von der Bühne herunter. Dieses Bild zeigt unsere Sita.

Dazwischen gibt es viele Vorführungen traditioneller nepalesischer Tänze durch die Kinder. Tanzen ist in Nepal Unterrichtsfach und Mädchen wie Jungen bewegen sich ohne Scheu zur Musik auf der Bühne.

Festredner unterstreichen ihr Anliegen mit lauter Stimme und viel Emphase. Leider habe ich nichts verstanden. Deshalb plaudere ich zwischendurch mit Kusum, Gomas Schwiegertochter, schaue mir den Imagefilm der Schule an, der ununterbrochen auf einer Leinwand gezeigt wird, oder blogge.

Rund vier Stunden später werde ich gemeinsam mit einem recht ehrwürdig aussehenden älteren Herrn auf die Bühne gerufen. Wie schon viele andere Ehrengäste vor uns sollen wir den Kindern ihre Medaillen überreichen und ihnen ein Tikka, das rote Segenszeichen geben. Ich bedeute meinem Partner, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich die Medaillen übernehme. Aber er schüttelt den Kopf und bedeutet mir, dass ich das schon schaffen würde mit dem Tikka. Einfach den Daumen fest ins Puder drücken und an der Stirn des Kindes abstreifen.

Das nenne ich mal Integration.

Tapfer haben die Kinder die vielen Stunden durchgehalten. Am Schluss gab es dann natürlich noch ein Gruppenfoto mit Medaillen.

Heimkommen in der Fremde

Was hatte ich mir im geheimen nicht für Sorgen gemacht vorher: dass die Kinder mich gar nicht wiedererkennen, dass sie mir die kalte Schulter zeigen, dass ich mich ganz fremd fühlen würde…

Und wie anders war es jetzt in der Realität. Als ich gegen 15 Uhr vorsichtig die Nase  in den Zugang zum Kinderheim stecke, entdeckt mich zuerst Robina, eine der jungen Frauen, die früher im Kinderheim waren und jetzt in der angegliederten Schneiderei mitarbeiten, in der die Taschen, die ich letztes Jahr verkauft habe ( Ihr wisst schon, Rainbow Handicraft Nepal) hergestellt werden. „Eva!“ ruft sie und nimmt mich in den Arm. Noma, unsere Köchin, kommt um die Ecke, strahlt mich an. Und so geht es weiter. Nach und nach kommen die kleinen und großen Kinder, Mädchen und Jungen, aus der Schule. Mamita, Hirdaya, Sita, Indreni, Anjeli, Anita, Aasha… Alle heißen mich herzlich willkommen, drücken mich, strahlen mit mir um die Wette. Auch die Jungs, deren Namen ich mir letztes Jahr so viel schlechter merken konnte als die der Mädels. Es berührt mich sehr, als sie anfangen aufzuzählen, welche Ausflüge wir letztes Jahr gemeinsam gemacht haben: “ Sarangkot, Devis Falls, International Mountain Museum, Peace Pagoda, Golden Buddha…“.

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Die Kleinen schauen mit mir Bilderbücher an, einer der großen Jungen bittet mich um meine Hilfe bei seinen Englischhausaufgaben. Die neu erworbenen Einradfahrkünste werden vorgeführt. Und morgen ist „Parents‘ day“ mit Tanz und Gesang bei den Kleinen. Eva, you come? Yes, please?“ Natürlich komme ich dahin.

Goma ist mal wieder mit einer Hilfslieferung in Südnepal unterwegs. Sie meldet sich aber via Facebook Messenger bei mir und heißt mich herzlich willkommen.

Als ich dann am Abend ins gleiche Zimmer einziehen kann wie letztes Jahr und der Milchkaffee beim Kaffeemann um die Ecke noch besser schmeckt als ich ihn in Erinnerung hatte, ist es wie Heimkommen in der Fremde.

In froher Erwartung

Gerade wird der Flug nach Casablanca aufgerufen. Da kommen schöne Erinnerungen hoch. Ich muss mich aber noch eine dreiviertel Stunde gedulden. Dann erst wird mein Flug nach Kathmandu startklar sein.

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Also kaufe ich mir ein Bier und warte. Da ich bereits online von Zuhause aus eingecheckt hatte, ging am Turkish Airlines Schalter heute alles sehr schnell. Und auch bei der Sicherheitskontrolle war ich rasch durch.

Es ist ein Jahr her, dass ich für zwei Monate im Rainbow Children Home in Pokhara als Volontärin gearbeitet habe. Als ich im Herbst hierüber einen Vortrag für den Eine Welt-Laden in Moosburg vorbereitet und dabei alle Bilder angeschaut habe, überkam mich eine große Sehnsucht nach den Kindern dort und auch nach der Atmosphäre, die ich dort erlebt habe. Reiselust eben. Achim, mein bester Freund, dem ich davon erzählte, meinte trocken: „Warum fährst du dann nicht hin?“

Und nun sitze ich in froher Erwartung am Flughafen. 6000 Kilometer werde ich in den nächsten 11 Stunden Flugzeit überwinden, morgen Nachmittag bin ich im Kinderheim. Ich frage mich, wie die Kinder auf mich reagieren werden, was es vor Ort Neues gibt, wie sich mein Alltag gestalten wird. Ob weitere Volontäre vor Ort sind, wie mein Verhältnis zu Goma, der Gründerin und Leiterin des Kinderheims sein wird. Sie war ja in den ersten Wochen sehr reserviert, taute dann aber sichtlich auf.

Eines wird auf jeden Fall ganz anders sein als letztes Jahr: bereits in zwei Wochen wird meine Freundin Annette zu mir stoßen und auch eine Woche im Heim verbringen. Danach haben wir noch ein paar Tage Zeit für touristische Unternehmungen in Pokhara und Kathmandu.

Außerdem komme ich an einen Ort, den ich kenne. Die Menschen, das Heim, meine Unterkunft, die Cafés, Läden und Restaurants. Letztes Jahr war es alles noch fremd. Nun ist es mir schon vertraut- und ich freu mich drauf.

Ein Wintertraum

Die Sonne tupft in der Früh die ersten Berggipfel in zartes Orange. Es hat aufgehört zu schneien und es verspricht, ein herrlicher Wintertag zu werden.

Achim hatte schon zuhause mögliche Routen ausgeguckt. Wir entscheiden uns wegen des großartigen Wetters für einen Höhenweg, der auf rund 1600 Meter verläuft. Mit Bus und Sessellift geht es nach oben – in einen Wintertraum.

Der Tourismusverband sorgt auch für die Winterwanderer nicht nur für die Skifahrer und hat einen knapp vier Kilometer langen Weg gewalzt. Und wir haben die Freude der Erstbegehung an diesem Vormittag. Aber auch im Verlauf der kommenden Stunden treffen wir nicht viele Menschen. Wir sind allein unter tiefblauen Himmel, inmitten von Massen blütenweißen Schnees, umgeben von eindrucksvollem Bergpanorama.

Am Ende des gespurten Weges gibt es Brotzeit, dann gehen wir auf gleicher Strecke zurück. Überall stehen Schilder, die wegen Lawinengefahr davor warnen, querfeldein zu laufen, was ja theoretisch mit den Schneeschuhen durchaus möglich ist.

Da es so schön ist, stört es uns gar nicht, hin und zurück denselben Weg nehmen zu müssen.

Wir schweben wieder ins Tal, der Bus kommt sogleich und 20 Minuten später sitzen wir auf der Südterrasse des Burgcafés in Grän in der prallen Sonne und sorgen für einen ausgeglichenen Kalorienhaushalt.