Von zu Hause habe ich mehrere Beutel mit Murmeln mitgebracht. Damit haben wir in der Früh unseren Spieletag eingeläutet. Die erste Herausforderung bestand darin, in den steinigen Boden ein Loch zu graben. Aber Bijay und Ajib lassen nicht locker und nach zehn Minuten kann es losgehen. Nicht nur die Spielregeln sind mir fremd (und ich weiß nicht, ob das am Altersunterschied oder an der Herkunft liegt). Auch die Art, wie sie die Murmeln schnippen, kenne ich nicht und stelle mich auch recht tolpatschig an.

Mein Selbstbewusstsein wird später beim Versteckspiel oder Cache-Cache, wie mein französischer Kollege sagt, wieder aufgebaut: hinter der Küchentür hat mich keiner gefunden, so dass ich zumindest diese Runde gewonnen habe.
An dieser Stelle ein kleiner Exkurs, denn Ihr habt jetzt garantiert ein
falsches Bild vor Augen und stellt Euch Eure heimische Küchentür vor. In
unserer Küche gibt es keinen Kühlschrank, keinen Elektroherd, keine
schicken Möbel. Hier haben wir einen zweiflammigen Gaskocher wie Ihr ihn
vielleicht noch aus Eurer Studentenbude oder vom Campingurlaub her kennt.
Außerdem haben wir eine Feuerstelle. Richtig gelesen. Hier ist nicht die
Rede von einem gusseisernen Holzofen sondern von ein paar Scheiten Holz
zwischen großen Steinen, auf denen zum Beispiel in einem großen Topf Nudeln gekocht werden. Für rund 50 Leute. Ich werde demnächst versuchen, ein Foto hiervon zu machen. Da es dort aber so dunkel ist, weiß ich nicht, ob das gelingt.
Doch zurück zum Spieletag. Am Nachmittag geht es wieder an den See.
Benjamin ist begeisterter Boxer und hat ein Training für die Kinder
angesetzt. Zunächst gibt es verschiedene Aufwärmübungen, dann zeigt er uns Schläge und Verteidigungshaltungen. Natürlich nicht, ohne vorher zu
erklären dass man niemals seine Freunde schlagen darf und es beim Boxen in erster Linie um Sport und nicht ums Kämpfen geht. Die meisten Kinder sind mit Feuereifer dabei.

Andere spielen Fußball und Indrani fragt mich, ob ich mit ihr „Snap“
spiele. Klar, wenn Du mir erklärst, wie das geht? Ganz einfach: Die Karten
werden gemischt und möglichst gleichmäßig an die Spieler verteilt. Die
Spieler sehen sich ihre Karten nicht an, sondern legen sie verdeckt in
einem Stapel vor sich ab. Wenn man an der Reihe ist, dreht man einfach die
oberste Karte seines verdeckten Stapels um und legt sie offen daneben. Auf
diese Weise bildet jeder Spieler einen offenen Stapel neben seinem
verdeckten Stapel. Wenn irgendwann zwei der offenen Stapel die gleichen
Karten oben liegen haben (z. B. zwei Sechsen oder zwei Könige) ruft jeder,
der das bemerkt, „Snap!“. Der erste, der „Snap!“gerufen hat, nimmt die
beiden Stapel mit den obersten gleichen Karten und schiebt sie verdeckt
unter seinen verdeckten Stapel. Alles klar?
Zu Hause wartet dann noch eine schöne Überraschung auf uns : Rino aus
Neapel ist zu Besuch und hat zwei riesige Geburtstagstorten dabei. Er wird
heute 41 und wir schmettern ihm ein ordentliches Ständchen.


Und so haben wir mit geballter Kraft und Umsicht einen ersten Ausflug mit zwölf Kindern zum Phewa – See gestartet. Das ist nicht sehr weit vom Heim entfernt. Einmal die Straße runter, vorbei an bunten Häusern und kleinen Geschäften bis zur Touristenmeile am See, in der es nur noch Cafés, Treckingläden, Andenkenshops und Restaurants gibt. Na gut, auch noch ein paar Simcard-läden, Wechselstuben und Supermärkte. Dann links und rechts und schon sind wir da. Es gibt hier keinen Spielplatz, keine gepflegte Grünanlage, aber den See, Boote (in die man sich auch mal setzen darf, wenn sie am Ufer liegen), Steine, Paraglider – viel Spannendes also zum Beobachten und Tun.
Nein, ich weiß nicht ob ob diese Schlange hier heimisch ist und will es auch gar nicht wissen.

Die Diskussion um die Modalitäten der Spendenübergabe zieht sich. Erstmal müssen alle wesentlichen Personen wie Bürgermeister, Ortsvorsteher, Stammeschef und ähnliche anwesend sein. Dann darf auch der Polizeichef nicht fehlen. Nach einer guten Stunde kommt Bewegung in die Angelegenheit. Wir fahren los.
Vor Ort werden wir auf einen großen sandigen Platz gelotst. Bald sind wir umringt von neugierigen Erwachsenen und Kindern. Die (Polizei -) beamten
Gegen halb neun heute Morgen (wir sind 4.45 Stunden voraus) war unser Auto reisefertig. Alle Hilfsgüter geladen und mit einer Plane geschützt. Ein bisschen PR muss auch sein, deshalb wird noch ein großes Schild mit dem Zweck unserer Reise hinten am Auto befestigt.
Mit von der Partie : die Initiatorin der Aktion und Chefin meines Kinderheims, Goma Dhakal, ihre Schwester Narmala, ihre Schwägerin Sarita, die normalerweise in Österreich lebt und gerade zu Besuch bei ihrer Familie ist. Und dann sind da noch zwei Männer : ihr Bruder Kim, der als Online- Journalist für die Berichterstattung sorgen soll, und unser Fahrer Moti.
Und so viele armselige Behausungen, an denen wir vorbeikamen. Ein paar zusammengenagelte Holzplatten oder dünne Mauern, obendrauf Wellblech. Keine Fenster. Das Leben dieser Menschen spielt sich mehr oder weniger am Straßenrand ab. Die vereinzelten Bananenstauden sind vom Staub überzogen. Ironischerweise trocknet frisch gewaschene Wäsche im Staub.
Nicht für das Rainbow Children Home sondern für die Opfer der Kältewelle im südlichen Nepal, im Terai – das ist genau die Gegend, in der vor wenigen Monaten eine große Überflutung war.