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Asphaltkapelle, grüner Tempel und nochmal Kunst am Kanal

Heute wollen wir es nochmal wissen. Das Amberger Kongresszentrum ist nur fünf Gehminuten vom Stellplatz entfernt und nach dem Frühstück starten wir Versuch Nummer zwei, uns die Bilder der Ostbayerischen Fotomeisterschaften anzusehen. Aber vergebens. Türen zu, kein Mensch da. Na, dann fahren wir halt weiter.

Wir haben gelesen, dass es 15 Kilometer  östlich von Amberg die weltweit einzige Kapelle gibt, die ausschließlich aus Asphalt gebaut wurde. Der hiesige Künstler Wilhelm Koch entwarf sie ursprünglich für  die 13. Oberbayerischen Kulturtage, die 2001 in Altötting stattfanden.

Seit 2002 steht die Kapelle am Waldrand der kleinen Ortschaft Etsdorf. Bunte Glasfenster durchbrechen die Schwärze des Asphalts.

Alle zwei Jahre schmücken die Menschen aus Etsdorf die Decke der Kapelle mit Unmengen von Weihnachtskugeln. Aber nur in den geraden Jahren. Wir können uns nur das Foto anschauen, das sie in der Kapelle ausgehängt haben.

Gut, dass mit uns ein Einheimischer vor Ort ist. Ihn können wir nach einem weiteren Projekt des Künstlers fragen. Er zeigt uns den Platz am gegenüberliegenden Hügel.

Basierend auf Plänen von Wilhelm Koch entstand hier ein Baukunstwerk von BürgerInnen für BürgerInnen als Denkmal für 2500 Jahre Demokratie und für den europäischen Gedanken. Einweihung soll im Mai kommenden Jahres sein.

Das Motiv der Säulenhalle wird in Form eines Hains aus 47 Säuleneichen, stellvertretend für die 47 Länder Europas, aufgegriffen.

Noch nie zuvor hatten wir von diesem Künstler, von seinen Kunstwerken gehört und freuen uns riesig, dass wir sie entdeckt haben.

Zum Abschluss unserer kleinen Winterreise fahren wir nochmal an den Ludwig-Donau-Main-Kanal. Auf dem Hinweg hatten wir bereits Hinweisschilder auf einen weiteren Skulpturenweg gesehen. Hier wurden ab 2014 sechs groß dimensionierte Objekte von regionalen und internationalen KünstlerInnen aus Holz, Stahl und Stein gestaltet, zum Beispiel die „Himmelsleiter“ von Hubert Maier.

Oder „Die Erde ist keine vollkommene Kugel“ von  Ute Lechner und Hans Thurner.

Leider finden wir keine Karte, die uns maßstabgetreu die Position der Kunstwerke verrät. Unseren Versuch, das dritte zu finden, brechen wir nach einem viertelstündigen Spaziergang am Kanal ab und verschieben die Entdeckung der weiteren vier Objekte auf den Sommer, wenn wir die Räder dabei haben. Stattdessen kochen wir im Bus Kaffee, verzehren die letzten Lebkuchen und Stollenreste und machen uns auf den Heimweg.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch und ein gesundes, friedvolles und fröhliches neues Jahr!

Zur Glaskathedrale

Eine „Kathedrale der Arbeit“ und zugleich einen der bedeutendsten Industriebauten des 20. Jh. schuf Walter Gropius (1883–1969) für das einstige Rosenthal-Glaswerk in Amberg. Als letztes Werk des weltweit tätigen Architekten und Bauhaus-Gründers ist sie ein herausragendes Beispiel für dessen Gestaltungsgrundsatz „Form follows function“. Bis heute wird in der 1970 fertiggestellten Halle Glas hergestellt.

Von unserem Stellplatz aus sind es knapp drei Kilometer bis dorthin. Erst laufen wir an der Vils entlang, dann ein nicht so schönes Stück an der Bundesstraße und schließlich gelangen wir durch ein Neubaugebiet in ein Gewerbegebiet, in dem dieser imposante Beton-Glasbau thront.

Unsere Fotos müssen wir durch die Maschen eines hohen Zaunes machen. Die Pförtnerin zeigt kein Erbarmen. Eintritt aufs Gelände nur für Beschäftigte oder im Rahmen einer Führung.

Mit dem Bus wollen wir zurück in die Stadt. In einer Viertelstunde soll er kommen. Wir setzen uns an der Bushaltestelle in die Sonne und ich blogge. Prima. Äh. Jetzt sitzen wir hier schon über 20 Minuten. Aber der Bus kommt nicht. Na gut, dann laufen wir eben doch. Wir gehen los, eine Minute später brettert er an uns vorbei! Gemein!

Tja, und so geht es erstmal weiter. Im Kongresszentrum sollen nämlich die Bilder der Ostbayerischen Fotomeisterschaft gezeigt werden. Täglich 9 bis 16 Uhr. Wollen wir uns anschauen. Ist aber geschlossen. Pfffft.

Dann also weiter in die Altstadt. Da ist nichts geschlossen und Einheimische wie Touristen bevölkern die Fußgängerzone und Gassen.

Vorbei an prunkvollen Häusern,

bunten Häusern,

kleinen Häusern,

sehr alten Häusern,

Gotteshäusern,

einem als Stadttheater genutzten früheren Gotteshaus,

dem Rathaus.

Alles eingerahmt von der alten Stadtmauer.

Würde ich einen Reiseführer verfassen, schriebe ich wahrscheinlich: „Pittoreske Altstadt!“.

Zwei Stück Torte später suchen und finden wir keinen (!) Geocache und machen bis zum Abendessen Siesta im Bus.

Später müssen wir natürlich noch die oberpfälzische Küche testen. Hmmmm, ja, lecker!

Kurze winterliche Auszeit

Wir müssen Probe fahren. Unser Bus macht uns Sorgen. Die eine Werkstatt diagnostiziert einen defekten Dieselpartikelfilter sowie nicht richtig arbeitende Injektoren, Kostenvoranschlag 8000 Euro (sic!). Eine andere Werkstatt meint:  Marderschaden. Schlauch repariert, keine Fehlermeldungen mehr, 500 Euro. Die haben wir sehr gerne bezahlt und nun müssen wir den Bus bewegen und schauen, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Zwischen Weihnachten und Silvester fahren wir deshalb für drei Tage los und haben uns Amberg ausgeguckt. Die Stadt liegt 170 Kilometer nördlich von uns und lockt mit einer mittelalterlichen Altstadt, interessanten Ausstellungen und Museen.

Als wir in der Früh die letzten Sachen in den Bus packen, hat es draußen minus drei Grad. Im Bus haben wir vorsorglich die Heizung auf kleiner Stufe über Nacht laufen lassen, so dass wir immerhin 13 Grad haben.

Gegen zehn Uhr überqueren wir bereits die Donau und dann dauert es nicht mehr lange, bis sich die Sonne durch den Nebel kämpft. Ein Schild „Skulpturenpfad“ verlockt uns etwa 50 Kilometer vor dem Ziel zu einem kleinen Abstecher.

Entlang des historischen Ludwig-Donau-Main-Kanals schmücken die Kunstwerke des Skulpturenpfads Mühlhausen die Uferlandschaft.

Die Skulpturen entstehen bei den alle zwei Jahren stattfindenden Bildhauer-Symposien „Kunst am Klenzebau“.

Eine Besonderheit der Kunstwerke ist das Material: Zur Fertigung der Skulpturen werden nur Steine verwendet, die bereits im Ludwig-Donau-Main-Kanal verbaut waren.

Das Wahrzeichen der Stadt Amberg empfängt uns bei strahlendem Sonnenschein:  die „Stadtbrille“  ist ein spätmittelalterlicher Wassertorbau, der die Vils auf eine Länge von 46 Metern überspannt. Wegen des tollen Lichts spurtet Achim gleich los, während ich es mir erstmal im Bus gemütlich mache und Kaffeewasser aufsetze.

Nach dem Kaffee gehen wir an der Vils entlang in die Altstadt.

Das Luftmuseum empfängt uns mit allerlei Skurrilem, Verspieltem und Kunstvollem wie einer Luftdusche,

einem Luftflipper

oder der filigranen Installation Jellyblossoms von Rudolf Finisterre in der alten gotischen Kapelle des Museumsbaus.

Ein Stündchen haben wir noch Zeit fürs Stadtmuseum und seine Sonderausstellung der Werke des Amberger Künstlers Michael Matthias Prechtl. „Ich versuche Kunst ins Leben zu bringen und Leben in die Kunst“, sagte er.

Uns gefallen seine Bilder wie „Das utopische Paar – Wolf und Schaf“

oder „Das Dreikönigstreffen“, in dem drei gar nicht so heilige Könige aus drei Jahrhunderten in einer fränkischen Landschaft stehen: Louis Armstrong, der King of Jazz, der Sonnenkönig Ludwig XIV. und der bayerische Märchenkönig Ludwig II.

Es ist schon dunkel, als wir am Fluss entlang zum Bus zurück bummeln. Die „Stadtbrille“ muss ich natürlich bei dem Licht auch noch mal fotografieren.

Im Bus drehen wir die Heizung hoch und bald ist es kuschelig warm.

Im Bett wird mir nachher dank einer Schaffellunterlage, einer Wärmflasche und meinem Liebsten auch nicht kalt werden. So weit sind wir aber noch nicht. Gin Tonic und ein Backgammonspiel, ein leckeres Abendessen (Hackfleischbällchen mit Erdnüssen in Currysauce, von gestern übrig geblieben) und mein Buch warten auch noch auf mich.

Wir freuen uns so, wieder mal eine Nacht im Bus zu verbringen!

Verliebt, verlobt, verheiratet – Weserradweg, Tag 4

Vom Kanuclub Rinteln bis zur Porta Westfalica sind es 32 Flusskilometer. Wir lassen keine Windung aus. Und derer gibt es viele.

Hier thront das monumentale Kaiser-Wilhelm-Denkmal über der Weser und markiert den Übergang vom Weserbergland in die norddeutsche Tiefebene.

Hier im Freilichttheater haben wir uns vor 42 Jahren verlobt. Schön, wieder da zu sein und schön feststellen zu dürfen: Das haben wir richtig gemacht!

Wenig später kommen wir in Minden zum größten doppelten Wasserstraßenkreuz der Welt, das mit Schiffen befahren werden kann.


Der Mittellandkanal wird hier in fast 400 Meter langen Trogbrücken über die Weser geführt. Sie  befinden sich ca.13 Meter über der Weser. Die alte Kanalbrücke wurde zwischen 1911 bis 1914 gebaut, im Jahr 1998 kam noch eine zweite für die größeren Frachtschiff hinzu.

Mithilfe der Weserschleuse können sich die Schiffe von der Weser in den Kanal hieven lassen.

Weiter geht es über die Westfälische Mühlenstraße durch die nun ganz ebene Flusslandschaft.

Leider nur noch knappe 50 Kilometer, denn unser Zeltplatz in Stolzenau markiert zugleich unseren Endpunkt auf dem Weserradweg. Morgen biegen wir ab Richtung Südosten, um etwa 60 Kilometer nach Hannover zu fahren. Von dort aus geht es mit dem Zug nach Hause.

Fazit: von uns bekommt der Weserradweg eine 1 mit ****.  Sehr gut ausgeschildert führt er großenteils am Wasser entlang durch reizvolle Landschaft und interessante Ortschaften. Die Infrastruktur für Radreisende, egal ob sie zelten oder in Pensionen oder Hotels übernachten, ist perfekt. Ganz große Empfehlung! Zumindest für die 300 Kilometer, die wir gefahren sind.

Lügengeschichten und andere Legenden – Weserradweg, Tag 3

Münchhausen reitet auf einer Kanonenkugel über eine belagerte Stadt, inspiziert die feindlichen Stellungen und steigt kurzerhand auf eine in die Gegenrichtung fliegende Kugel um.

Münchhausen zieht sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Münchhausen holt sein in den Schnee gefallenes Messer mittels eines gefrorenen Harnstrahls zu sich herauf.

Wir sind in Bodenwerder. Hier wurde Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen 1720 geboren.

Die dem Baron zugeschriebenen Erzählungen gehören in die Tradition der Lügengeschichten, die weit in die Literatur des klassischen Altertums und in das frühe orientalische Erzählgut zurückreicht.

Die Stadt ehrt ihren berühmten Sohn durch viele Brunnen, Denkmäler und Namensgebungen.

In der hübschen Fachwerkstadt kommt keiner an Münchhausen vorbei, egal ob er einen Kaffee trinkt oder in die Apotheke geht.

Wenige Kilometer weiter wird uns die Geschichte der diebischen Treidelschiffer aufgetischt, die dem Wirt den Sonntagsbraten stahlen, woraufhin er ihnen beim nächsten Mal seinen alten Kater, geschlachtet, unterjubelte. Der Hajener Bildhauer Jan D. Ehlers hat die Erzählung in Szene gesetzt.

In den Bereich der Lügengeschichten fällt auch die Legende vom sauberen und billigen Atomstrom, an die das Industriedenkmal bei Grohnde erinnert.

Unser Tageskilometerzähler zeigt 40 an, als wir die Stadt Hameln erreichen. Auf dem Weg hierher bläst uns der Nordwind ins Gesicht, aber in einem der zahlreichen Cafés in der Altstadt können wir uns erholen und an die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln, eine der bekanntesten deutschen Sagen, denken. Sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es wird geschätzt, dass mehr als eine Milliarde Menschen sie kennen. Selbst in fernen Ländern gehört sie häufig zum Schulunterrichtsstoff; besonders in Japan und in den USA ist sie sehr beliebt.

Seit 2014 gehört sie sogar zum immateriellen Kulturerbe. Dabei ist die Sage ja wirklich gruselig: Der von der Stadt um seinen Lohn betrogene Rattenfänger rächt sich, indem er alle Kinder der Stadt mit seinem Flötenspiel aus der Stadt lockt und sie spurlos verschwinden lässt. Sie kehren niemals zurück.

Mir machen in Hameln nicht die Ratten oder deren Fänger sondern die Wespen zu schaffen. Eine von ihnen sticht mir in die Lippe. Zum Glück bin ich nur gegen wortbrüchige Stadtväter, nicht gegen Bienengift allergisch.

Am Abend sind wir beim Kanuclub Rinteln zu Gast. Heute sind wir nicht allein, vier Zelte stehen hier, direkt am Wasser mit Blick auf die Rintelner Kirchtürme.

Wolkig bis heiter – Weserradweg, Tag 2

Der Wetterbericht hatte uns schon vorgewarnt, dass es heute Vormittag regnen würde. Um kurz nach Vier wurde ich das erste Mal wach, als der Wind durch die Baumwipfel tobte und der Regen aufs Zeltdach trommelte. Ich hörte noch das Halbfünf-Läuten, der Regen nieselte nur noch leicht und schläferte mich wieder ein.

Um kurz vor Sieben bin ich wieder wach. Ich habe gut geschlafen, kein Wunder bei der riesigen Luftmatratze, die ich durch die Gegend fahre. Einziges Problem ist die Unterlage für den Kopf, denn zusammengelegte Kleidung ersetzt doch kein vernünftiges Kissen. Aber diese Reise dient ja auch dazu, meine Komfortzone mal für ein paar Tage zu verlassen.

Gerade will ich aufstehen, da fängt es wieder an zu regnen. Na gut, dann bleibe ich noch liegen und lese.

Bei der nächsten Regenpause schäle ich mich aus dem Zelt. Wir sind allein auf dem Platz und dürfen, so der alte Herr, der uns gestern Abend empfangen hat, gern die überdachte Terrasse eines der abwesenden Dauercampers für ein Frühstück im Trockenen benutzen.

Um kurz vor Zehn brechen wir auf. Das Zelt kommt nass in die Packtaschen, das muss heute Nachmittag trocknen. Es regnet gerade nicht, aber vorsichtshalber packe ich mich regenfest ein.

Erster Stopp nach wenigen Kilometern ist die Klosterkirche in Lippoldsberg, ein Muss, wie Freund Michael sagt. Das harmonische, komplett erhaltene romanische Ensemble, in dem über 500 Jahre Benediktinerinnen lebten, beeindruckt auch uns.

Bad Karlshafen, Flusskilometer 45, ist  im Stil des Weserbarock  mit symmetrisch angelegten Straßenzügen in weiten Teilen eindrucksvoll erhalten. Als Hauptbau macht sich, direkt am historischen Hafenbecken gelegen, das ehemalige Pack- und Lagerhaus (heute Rathaus) mit mächtigem Walmdach und zentralem Dachreiter bemerkbar; es wurde 1715 bis 1718 erbaut und diente dem Landgrafen bei Besuchen als repräsentative Unterkunft.

Dann kommt die Sonne raus und es gibt Kaffee und Kuchen bei strahlendem Sonnenschein.

Wir radeln 20 Kilometer weiter bis Höxter, eine weitere farbenfrohe Fachwerkstadt am Fluss.

Jetzt ist es nicht mehr weit zu einem UNESCO-Kulturerbe: Corvey, ein berühmtes Kloster aus dem 9. Jahrhundert mit einem Barockschloss mit großer Bibliothek.

Auch die letzten 27 Kilometer des Tages führen direkt an der Weser entlang, die sich gemütlich durch die Lande schlängelt, gesäumt von Hügeln, Feldern, Wiesen, Pappeln und Weiden, besucht von Kühen, Schafen, Störchen, Reihern und Radfahrenden. Es gibt auch Apfelbäume und Brombeerhecken, wo wir uns ein bisschen mit Vitaminen fürs morgige Frühstück eindecken.

Um zum Zeltplatz zu kommen, müssen wir in Grave die Flussseite wechseln. Eine solarbetriebene Fähre holt uns über.

Und wieder haben wir eine Zeltwiese direkt am Fluss für uns alleine.

Fürs Abendessen und danach gibt es eine Bank mit Tisch. Einen kleinen Plausch mit dem Juniorchef und ein Bierchen. Das haben wir uns nach 78 Kilometern auch verdient, vor allem Achim, der immer noch ohne Unterstützung fährt.

Wo Werra sich und Fulda küssen – Weserradweg, Tag 1

„Wo Werra sich und Fulda küssen,

sie ihren Namen büßen müssen,

und hier entsteht durch diesen Kuss,

deutsch bis zum Meer, der Weserfluss.“

So steht es, leicht nationalbewusst, geschrieben auf dem Weserstein in Hannoversch-Münden (Landkreis Göttingen). Seit 1899 liegt er auf der Flussinsel Tanzwerder und wir tun das, was man hier so macht als Auftakt zu unserer fünftägigen Radtour entlang der Weser.

In fünf Tagen werden wir es nicht bis zur Mündung des Flusses in die Nordsee schaffen, aber mehr Zeit haben wir gerade leider nicht.

Wie zuletzt vor zwei Jahren sind wir wieder mit dem Zelt unterwegs. „So lange wir es schaffen, wollen wir das noch machen“, haben wir damals gesagt.

Erste Station ist natürlich Hannoversch-Münden selbst, die Drei-Flüsse-Stadt mit den vielen Fachwerkhäusern, von der der große Forscher und Reisende Alexander von Humboldt gesagt haben soll, sie zähle zu den sieben schönst gelegenen Städten der Welt. Schriftlich überliefert ist dieses Zitat allerdings nicht.

Der 506 Kilometer lange Weser-Radweg zählt zu den beliebtesten Radwegen Deutschlands und hat es in der ADFC-Radreiseanalyse 2022 auf Platz 1 des Rankings geschafft. Die Route folgt der Weser vom Weserbergland bis an die Nordsee und kommt ohne größere Steigungen aus, weshalb das Radeln ohne Anstrengungen möglich ist. Auf insgesamt acht Etappen führt der Weser-Radweg an Weserauen entlang über sanfte Bergkuppen und durch üppige Täler. Dazwischen locken hübsche Städtchen, alte Schlösser und Klöster zum Bummeln ein.

Auf unserer Anreise von Göttingen nach Hannoversch-Münden (SEHR hügelig) sehen wir noch nichts vom Fluss, aber dann!

Umgeben von den Hügeln des Weserberglandes bleiben wir meist am Wasser, ab und zu verlässt der Radweg aber den Fluss und wir müssen irgendwelche kleinen Hügel erklimmen.

Wir machen eine kurze Pause, um die romanische Kirche der alten Klosteranlage Bursfelde zu besichtigen.

Kaffee und Kuchen gibt es hier heute leider nicht (meine Schwiegereltern waren hier früher öfters zum Sonntagskaffee). Wir müssen noch ein paar Kilometer weiter radeln, bis wir dieses Juwel finden.

Es gibt leckere Waffeln mit Zimteis und Pflaumenkompott, dann nehmen wir die letzten sechs Kilometer in Angriff. Wir landen auf der Campingwiese von Familie Dietrich in Oedelsheim.

Der Weser-Radweg führt direkt am Grundstück vorbei und wir setzen uns auf eine Bank, schauen aufs Wasser und freuen uns, dass es den ganzen Tag endlich mal nicht geregnet hat und es abends um Sieben sogar noch 22 Grad hat.

Zu guter Letzt nochmal ganz viel Kunst

Anfang der 90er Jahre begann der Schweizer Künstler Daniel Spoerri in der südlichen Toskana, ca. 60 km südlich von Siena, einen Skulpturenpark anzulegen. Derzeit sind 113 Installationen von 55 Künstlern auf dem etwa 16 ha großen Gelände zu erwandern. Nichts wie hin.

Wir entdecken Spoerris Rekonstruktion des Hotelzimmers »Chambre No 13«, das er Anfang der 1960er Jahre in der Rue Mouffetard in Paris bewohnte. Es besteht ganz aus Bronze. Jedes Detail, vom Bett über die Zigaretten und den Wein bis hin zum Müsli.

Die Installation »Dies Irae« von Olivier Estoppey mit drei Trommlern und über hundert Betongänsen zieht schon von Weitem die Blicke auf sich, ebenso der begehbare »Labyrinthische Mauerweg« von Daniel Spoerri.

Viele Kunstwerke entdeckt man per Zufall hinter einem Busch oder wenn man um eine Ecke biegt wie die Versponnene Leserin, die Daniel Spoerri nach einer Zeichnung von Roland Topor anfertigte.

Interaktion ausdrücklich erwünscht ist bei J.R. Sotos Klangskulptur, mein Lieblingsobjekt in Spoerris toskanischem Skulpturengarten. 400 Aluminiumröhren verschiedener Dicke hängen in einem Kubus, den man einzeln und ganz langsam betreten soll. Das Klangerlebnis ist einzigartig. Ich würde am liebsten gar nicht mehr aufhören, darin herumzugehen.

Der Tag begann mit einem Bad in den Schwefelquellen von Saturnia.

Und er endet mit einem Bad im Trasimenischen See.

Morgen fahren wir zurück ins Po-Delta, wo wir vor acht Wochen unsere Reise durch Italien begannen. Von dort aus geht es nach Hause. So viel haben wir erlebt. Nun sind wir voller Eindrücke, Erlebtem, Emotionen. Es wird Zeit für uns heimzukommen, unser rollendes Zuhause gegen das feste auszutauschen und das Leben mit Familie und Freunden wieder aufzunehmen und zu genießen.

Grazie Italia e arrivederci!

Heiße Quellen in der Toskana

Flugs fahren wir auf der Autobahn an Rom vorbei, schon ist Florenz ausgeschildert. Man merkt: wir sind auf dem Heimweg. Gestern Abend waren wir auf einem offiziellen Stellplatz für Wohnmobile in einem abgeschiedenen Dorf. Wir standen mit drei Campern dort, es war leise, wir hatten einen schönen Blick auf den alten Ort und vor allem: es war sicher und wir haben unseren Schreck verdauen und fantastisch schlafen können. Für die Heimfahrt haben wir uns eine schöne Route ausgedacht, nicht zu schnell, nicht zu langsam, mit einigen schönen Spots zwischendrin.

Der erste heute sind die Etruskergräber bei Sorano in der Maremma. Die berühmteste  Ausgrabung ist erst 1925 mit der Tomba Ildebranda, einer Miniaturausgabe der ãgyptischen Pharaonengräber gemacht worden.

Weit über das Tal blickend ist aus dem gelben Tuffstein ein Tempel samt 12 Säulen gehauen worden. Bis auf eine stehen nur noch Strümpfe, doch das nimmt der majestätischen Anlage aus dem 4. bis 3. Jh. v. Chr. nichts von ihrer Würde.

Es ist von hier nicht mehr weit bis Saturnia. Mit den Rädern fahren wir vom Stellplatz aus zum Thermalbad unter freiem Himmel, 24 Stunden geöffnet, Eintritt frei.

Saturnia ist eine der ältesten Thermen der Toskana. Hier hatten schon die alten Römer ihren Spaß.

Das 38 Grad heiße Quellwasser fließt durch natürliche Sinterterrassen. Sehr malerisch.

Es ist gar nicht so einfach, von einem Becken ins andere zu klettern. Aber es macht alles so viel Spaß, dass wir beschließen, morgen vor dem Frühstück nochmal herzukommen. Dann können wir auch nochmal aus einer anderen Perspektive fotografieren.

Polizei, Werkstatt und viele bemalte Häuser

Das war ohne Übertreibung die schlechteste Nacht dieser Reise. Bis in die frühen Morgenstunden kamen Autos auf unseren Parkplatz, drehten eine Runde, stoppten kurz, fuhren wieder weg. Um Drei kam auch mal die Polizei vorbei, aber das hat uns auch nicht wirklich beruhigt. Natürlich waren wir um Sieben, als der Wecker klingelte, im Tiefschlaf. Pünktlich um acht standen wir dann vor dem Polizeirevier, um unsere Anzeige wegen des versuchten Autodiebstahls aufzugeben.

Es dauert zehn Minuten, bis ein zuständiger Beamter uns am Eingang abholt und mit in sein Büro nimmt. Verschwenderisch ist man nicht bei den Carabinieri. Altes, einfaches Mobiliar, die Höhe des Bildschirms wird durch einen Bücherstapel reguliert, der Drucker ist in einem der Nebenräume. Mit meinem nicht sehr guten Italienisch gelingt es mir, den Sachverhalt zu schildern. Ob ich dabei so erschöpft wirke? Jedenfalls kommt der Kollege vom Nachbarschreibtisch rüber und schenkt uns vier Bonbons.

Wir erfahren außerdem, dass er aus Sizilien kommt, aus Bronte, der Pistazienstadt, und er von seinem Küchenfenster aus viele Ätnaausbrüche beobachtet hat.

Unser Sachbearbeiter stammt von der Insel Ischia und hat einen Freund, der seit 20 Jahren in München lebt. Sehr nett plaudernd hangeln wir uns durchs Protokoll, bis ich schließlich meine Unterschrift darunter setzen kann. Mit vielen guten Wünschen für eine sichere Weiterfahrt werden wir entlassen.

Nun steht der zweite Tagesordnungspunkt an: die Werkstatt.

Der beginnt gemütlich im Café nebenan, denn wir müssen ein halbes Stündchen auf Giovanni, den Besitzer, warten.

Giovanni kommt, guckt und diagnostiziert: der Bremsbelag ist alt und muss ersetzt werden. Er hat ihn leider nicht auf Lager, bestellt ihn und um halb drei können wir wiederkommen, dann wird sofort repariert.

Bis dahin gehen wir einkaufen, schauen uns die Wallfahrtskirche Santuario di Mia Madonna e Mia Salvezza an, die durch ihre Bauweise in Form einer Jurte auffällt und suchen uns ein ruhiges und schattiges Plätzchen für unsere Siesta.

Unter den Bäumen bei der Kirche finden wir es.

Das Café neben der Werkstatt kennen wir ja schon und um 16 Uhr ist alles erledigt.

Noch zu Hause hatte Achim ein Ziel ausgemacht, das ganz hier in der Nähe ist und das wir jetzt ansteuern: Valogno, das Dorf der Kunst.

Die Geschichte von Valogno hätte wie die vieler anderer italienischer Dörfer verlaufen können: sehr klein, unbewohnt und zunehmend verlassen und unbekannt. Dank des Projekts von Giovanni Casale, der aus Rom in sein geliebtes Dorf zurückkehrte, um den visionären Traum des „Risveglio di Valogno“, des Erwachens, zu verwirklichen.

Vor etwa 15 Jahren gründete er gemeinsam mit seiner Frau Dora einen Verein. Sie knüpften Kontakte zu lokalen und nationalen Künstlern und es gelang, den Fassaden von über 40 Häusern mit Wandmalereien und Kunstinstallationen neues Leben einzuhauchen.

Das Dorf hat sich im Laufe der Jahre zu einer Kunstgalerie entwickelt. Tatsächlich kehren nicht nur Auswanderer für den Urlaub zurück, sondern auch Touristen wie wir, einfach neugierig, kommen hierher und bummeln durch die Gassen wie durch ein Bilder- oder Märchenbuch.

Zu den bedeutendsten Wandgemälden zählen das Frida Kahlo gewidmete, welches in riesigem Format am Eingang des Ortes zu finden ist, und der Lebensbaum in Weiß, Blau und Gold, vor dem es ein gutes Omen ist, sich etwas zu wünschen. Das tun wir nach den gestrigen Erlebnissen ganz besonders gern.