Um halb acht donnert es. Nicht ein Schlag sondern ein dunkles bedrohliches Grummeln. Zwischendurch ein paar Blitze und es beginnt zu regnen. Wunderbar. Ich stehe auf, koche Kaffee und höre dem Regen zu.
Wir sind gestern vor Starkregen gewarnt worden. Auf dem Platz der Parkverwaltung stehen wir gut und sicher. Deshalb warten wir nun mal ab, was kommt. Bisher nicht viel.
Der Ruhetag gibt uns Zeit, unsere nächsten Tage auf Sizilien zu planen. Viel Spannendes wartet auf uns: die frühere Weltmetropole Syrakus, das Blumenfest in Noto (Danke für den Tipp, liebe Gabi!) und das Naturreservat Vendicari mit seiner üppigen Flora (vor allem jetzt im Frühjahr) und Fauna (mal sehen, ob wir tatsächlich Kraniche, Störche, Flamingos und Sichler sehen).
Nachdem ich den halben Reiseführer auswendig gelernt habe, stelle ich das Warmwasser an und gönne mir eine warme Dusche. Die hat zwar nicht den starken Wasserstrahl wie zuhause aber erfüllt trotzdem ihren Zweck.
Zur Kaffeetafel mit frischem Apfelkuchen treffen wir uns mit unseren Reisegefährten und besprechen die Route für die nächsten Tage. Ideen gibt es viele. Es wäre schön, wenn das Wetter dabei auch mitspielen würde. Unsere neuen Freunde fänden das auch angenehm.
Im Stillen aber bedanke ich mich beim heutigen Regen, ohne den wir diesen Ruhetag eher nicht gehabt hätten.
Bis zu 5000 Höhlen haben die Menschen vom Volksstamm der Sikaner vor über 3000 Jahren in die Felsen bei Pantalica geschlagen. Ein paar davon wollen wir uns heute anschauen.
Extra für Camper wurde von der Verwaltung des Schutzgebietes ein idyllischer Stellplatz ausgewiesen. Rund um uns nur Felder, Obstbäume und riesige Rosmarinhecken. Wir dürfen hier kostenfrei übernachten und es gibt sogar Toiletten (sehr sauber).
Wir nähern uns der Nekropole, die beidseitig einer Schlucht liegt, die der Fluss Anapo in den Fels gefressen hat, mit den Fahrrädern.
Die Höhlen wurden ursprünglich als Grabstätten genutzt. Später, in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, wurden sie teils bewohnt oder zu Kapellen umgebaut. Die gesamte Anlage zählt seit 2005 zum Unesco Weltkulturerbe.
Am Eingang müssen wir uns namentlich und mit Telefonnummer registrieren, bekommen eine Telefonnummer und uns wird ein Shuttle für die nächsten eineinhalb Kilometer angeboten. Der Kleinbus ist aber schon von etlichen älteren italienischen Herren besetzt, so dass wir das Stück gehen.
Dann laufen wir eine Weile oberhalb der Schlucht.
Steigen eine Etage tiefer und stoßen auf die ersten Höhlen.
Nach ein paar Kilometern kommen wir zu einem kleinen Heimatmuseum. Wahrscheinlich war hier mal ein Bahnhof, denn früher fuhr der Lokalzug durch die Schlucht.
Schließlich steigen wir ganz hinab zum Fluss, machen Picknick und kraxeln auf der andere Seite wieder hoch. Um die Enden der Felswände zu sehen, müssen wir den Kopf in den Nacken legen. Der Fluss rauscht, Bienen summen, Frösche quaken.
Eine wirkliche Drei-Sterne-Wanderung. Doch der Höhepunkt, die Nekropole, kommt erst noch. Zwar hatten wir zwischendurch schon ein paar Höhlengräber gesehen, doch zu den größeren Ansammlungen kommen wir erst am Ende unserer Tour.
Nach elf Kilometern sind wir froh, dass uns der Shuttlebus aufpickt. Wir werden aus der Liste ausgetragen, steigen auf die Räder und sind drei Kilometer später wieder am Bus.
Für heute Nacht und morgen ist Starkregen angesagt. Falls das tatsächlich so sein sollte, nehmen wir uns einen Tag Auszeit und wettern in den Bussen ab. Ich hätte durchaus Lust dazu. Gemütlich lesen, spielen, schlafen, während der Regen aufs Dach trommelt. Na, mal sehen.
Um halb eins stehe ich auf und der Vulkan lodert noch. Nicht so intensiv wie in den Stunden zuvor, aber es brennt.
Um drei stehe ich auf und er hat noch ein glühendes Krönchen.
Um sechs stehe ich auf und dichte Rauchschwaden umgeben seinen Gipfel.
Beim Frühstück lassen wir unser nächtliches Erlebnis nochmal Revue passieren: Der Moment, als wir aus dem Bus gestiegen sind, unser erster Blick auf den Vollmond gegenüber fiel und unser zweiter auf den feuerspuckenden Berg links neben uns. Wie wir von halb zehn bis halb zwölf in der Nacht seinem Feuerwerk zugeschaut haben: riesige rote Lohen, die aus mehreren Kratern in den Nachthimmel geschleudert wurden. Erst eine, später drei feuerrote Bahnen, auf denen die glühende Asche den Berg hinunterrutschte. Wie nach einer Weile der ganze Berg zu glühen schien. Unser erstes Erschrecken: sind wir hier sicher? Die Vulkanspotter, die plötzlich in ihren PKW mit ihren großen Kameras auftauchten und sich neben uns platzierten. Wir können es immer noch nicht fassen, dass wir dieses Spektakel erleben durften. Die Freude darüber ist riesig und die Bilder werden uns im Gedächtnis bleiben.
Doch heute verlassen wir die Gegend und fahren ein Stück nach Südwesten. Während bei der Tour gestern die angeblich besten Pistazien der Welt unser Thema waren, wollen wir heute zu den ebenso besten Blurorangen: auf die Via dell‘ Arancia Rossa.
Vermutlich brachten Araber die aus Asien stammenden Vitaminspender im Mittelalter nach Sizilien. Nach Ansicht der Einheimischen gedeihen die beliebtesten Sorten – Sanguinelle, Tarocco und Moro – so richtig nur im fruchtbaren Hügelgebiet am Fuß des Ätna, das vulkanische Böden und ein ganz spezielles Mikroklima hat. Von hier kommt ein Großteil der europäischen Ernte.
Entlang der Via dell‘ Arancia Rossa von Caltagirone nach Siracusa durchquert man uraltes Bauernland.
Wir steuern als erstes die Töpferstadt Caltagirone an. Sie ist zugleich eine der spätbarocken Städte, die 2002 zum Weltkulturerbe erklärt wurden.
Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Stadt wie einige andere im Noto-Tal von einem Erdbeben zerstört, danach aber wieder aufgebaut. Damals entstanden die barocken Bauwerke, für die Caltagirone und die anderen Städte der Gegend heute berühmt sind.
Schon im 15. Jahrhundert entwickelte sich Caltagirone zur Stadt der Töpferkunst. Von den damals dort lebenden 20.000 Menschen übten etwa 1000 den Beruf des Keramikers aus. Auch heute gibt es noch viele Werkstätten, vor allem sieht man ihre Arbeiten im Ort auf Schritt und Tritt. Überall leuchten Fliesen, Vasen, Teller, Tassen und Krüge in den buntesten Farben.
Sehr berühmt ist die 1606 erbaute Freitreppe Santa Maria del Monte. Ihre 142 Stufen wurden 1954 mit handgemalten Keramikkacheln verkleidet.
Schließlich fällt uns wieder ein Zufallsfund vor die Füße: eine Fotoausstellung im Kerker aus dem 18. Jahrhundert, durch den wir als einzige Gäste noch eine Führung bekommen. Auch hier sind moderne Keramiken ausgestellt.
Zufrieden lassen wir uns im Café vor dem Rathaus ein paar Dolci schmecken und fahren entlang der Orangenplantagen wieder zurück nach Osten.
Wir stoppen in Grammichele, das nach dem großen Erdbeben einen sechseckigen Grundriss bekam. Natürlich will Achim eine Luftaufnahme davon machen. Am besten vom zentralen Platz. Aber ob das erlaubt ist? Die beiden Polizistinnen, die hier arbeiten, zeigen sich einverstanden.
Hier möchte ich auch die Blutorangen kosten und einige Spezialitäten ausfindig machen. Das ist allerdings nicht so einfach. Wie ich von Lorenzo, der mit seinem Knoblauch-Kartoffelstand an der Straße steht, erfahre, ist die Ernte bereits seit einem Monat zu Ende. „Wenn Du nächsten Freitag kommst, bringe ich Dir eine ganze Steige“, bietet er mir an. 17 Jahre hat er in Dillingen gearbeitet und spricht immer noch sehr gut Deutsch.
Im Café Centrale frage ich nach dem Amaro di Arancia Rossa, dem Bitter aus Blutorangen. Gibt es und er ist sehr lecker. Vielleicht kann ich irgendwo noch ein Fläschchen auftreiben.
Erstmal nach Bronte. Hier gibt es die grünen Diamanten, Pistazien. Angeblich die besten der Welt. Mehr als die Hälfte der Dorfbewohner lebt bereits seit Generationen vom Pistazienanbau. Die Ernte ist immer noch reine Handarbeit. Die Bronteser verfeinern Süßes und Salziges mit ihren Pistazien.
Soweit die (angelesene) Theorie. Nun die Praxis. Was gibt es zu kaufen? Was zu schmecken? Und wie schaut überhaupt ein Pistazienbaum aus?
Zu kaufen gibt es Vieles: verschiedene süße Crèmes als Brotaufstrich mit unterschiedlich intensiv gerösteten Pistazien, herzhafte Crèmes als Pesto für Nudelgerichte, Nougat und Schokolade mit Pistazien, Likör, Seife und im Geschäft nebenan Salami und Käse mit Pistazien. Überall dürfen wir kosten. So lecker. Weil das alles auch nicht wenig kostet, können wir leider nicht alles kaufen, aber Crèmes für die Bordküche und als Mitbringsel, Bonbons und Käse nehmen wir gern mit.
Ein paar Häuser weiter, in der Pasticceria, kaufen wir noch Kaffee und Pistazientorte für ihn und -törtchen für sie.
Auf der Fahrt ins nächste Dorf entdecken wir schließlich die Pistazienbäume. Auf alter Lava gedeihen hier die Nussbäume, die nur alle zwei Jahre ihre leckeren Nüsse liefern. Dieses Jahr im Oktober ist es wieder soweit: alle freuen sich auf die 2025er Ernte. Große Plantagen erstrecken sich beidseits der Straße bis zum Nachbarort Adrano.
In Adrano biegen wir links ab. Von 630 Metern schraubt sich eine kurvenreiche aber gute Straße auf 1900 Meter hoch. Von 24 Grad auf 11 Grad.
Hier oben sieht und spürt man schon die Gewalt des Vulkans.
Von der Station Rifugio Sapienza aus kann man mit der Seilbahn hoch auf 2500 Meter und noch weiter mit dem Allradbus auf 2900 Meter. Die immer noch fehlenden 500 Höhenmeter sind Alpinisten vorbehalten.
Das Wetter ist nicht gut genug und der Preis (52 Euro pro Person) gesalzen, so dass wir auf die Auffahrt verzichten. Lieber geht Achim auf den benachbarten Krater Silvestri superiori hoch, während wir drei anderen einmal gemütlich um den kleinen Krater Silvestri inferiori gehen.
Es ist nicht schlimm, dass man den eigentlichen Gipfel des Ätna von hier nicht sieht, denn zum einen haben wir ihn jetzt zwei Tage lang immer wieder in voller Pracht bewundern dürfen und zum anderen hat das aktuelle Wetter mit seinen tief fliegenden Wolken auch einen großen Reiz.
Zum Übernachten erscheint es allerdings etwas ungemütlich und wir fahren ein bisschen den Berg runter und suchen uns ein ruhiges windgeschütztes Plätzchen an einem Lavafeld, das noch zu einem Abendspaziergang lockt.
Dann ab in die Busse und langsam Abschied nehmen vom Ätna. Morgen erkunden wir neue Gebiete.
Und dann bekommen wir noch ein Abschiedsgeschenk vom Ätna: Als wir gegen 21 Uhr die Bustür öffnen, trauen wir unseren Augen nicht: der Vulkan lebt! Er schleudert glühende Masse in die Luft! Ein Ausbruch, dem wir von unserem Schlafplatz aus sicher zuschauen können. Unglaublich.
Der erste Blick am Morgen gilt natürlich unserem mächtigen Nachbarn. Wolkenfrei präsentiert er sich um halb sieben. Die Sonne ist schon aufgegangen, hat unser Plätzchen hier oben auf 1100 Meter aber noch nicht erreicht. Also Foto machen und nochmal ins Bett.
Irgendwann erheben wir uns vom besten aller Frühstücksplätze. Wir sind hin und weg von der Szenerie, nicht nur wegen des Blicks auf den Vulkan, auch die Lava um uns herum, der Ginster, die Kamille und die rosa blühende Wolfsmilch betören uns (kann man das heute noch so formulieren?).
Irgendwann am Vormittag brechen wir auf zu einer Wanderung am Nordhang des Vulkans. Sie beginnt am Rifugio Piano dei Grilli bei Bronte. Auf dem Weg dorthin fahren wir durch riesige Lavafelder.
Mehrere Camper und etliche PKW parken dort schon, aber wir finden auch noch einen Platz. Durch ein Meer von Blüten wandern wir auf den Ätna zu.
Dann schiebt sich ein Nebenkrater, der Monte Ruvolo, in Sicht, den wir umrunden werden.
Ein breiter Lavastrom liegt zu unserer Linken.
Wir entdecken eine Grotte, ein Paghiaru (das ist ein Unterstand für Forstarbeiter) und verschiedene kleine Opferstätten, mit denen wohl um Gnade vor dem mächtigen Vulkan gebeten wird.
Warum das letzte Drittel des Weges durch einen Steineichenwald führt, der fast wie ein Park wirkt, gibt uns Rätsel auf. Eine niedrige Mauer aus Lavasteinen säumt ihn über viele Kilometer, wir laufen auf feiner schwarzer Asche zwischen den Bäumen durch. Wer hat die Mauer wozu gebaut?
Nach 15 Kilometern sind wir mit qualmenden Füßen zurück am Bus, der Ätna hat die Vorstellung für heute beendet und den Vorhang zugezogen, Achim lässt die Drohne steigen – da sieht man ein wenig von unserer Camperidylle – dann lassen wir uns die Linguine Frutti di Mare aus der Bordküche unserer Freunde schmecken.
Schwimmen gehen? Geht heute Morgen. Der Wind hat sich gelegt, das Wasser ist recht glatt und nicht zu kalt. Wenn wir uns in die richtige Richtung drehen, können wir den Ätna sehen.
Mit seinen 3400 Metern ist er der höchste aktive Vulkan Europas. Im Juni 2013 hat die UNESCO ihn in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen. Heute wollen wir uns seine Nordseite anschauen. Über eine kleine kurvige Straße fahren wir an der Ostflanke entlang. Die Fahrt ist erstmal ein bisschen abenteuerlich. Die Wohnbebauung hält lange an und wir passieren etliche sehr enge Ortsdurchfahrten. Dann stehen wir vor einer Straßensperrung und müssen uns eine neue Route suchen. Es geht sehr steil hoch, im ersten Gang. Und der Ätna hat sich zurückgezogen. Je näher wir ihm kommen, um so mehr zieht er die Vorhänge zu.
Auf einmal jedoch geht der Vorhang auf. Nicht der des Ätna sondern der für den italienischen Liedermacher Lucio Dalla. Der sitzt im Bergdorf Milo mit seinem Freund und Kollegen Franco Battiato am Flügel. Battiato stammt aus der Gegend, genauer gesagt aus Catania, der Bologneser Dalla war regelmäßig in Milo zu Besuch, wie mir der Barista, bei dem wir Kaffee trinken, erzählt. Als ich ihm gestehe, dass ich ein großer Fan von Dalla bin, aber Battiato gar nicht kenne, ist er entsetzt: „Der ist viel berühmter als Lucio Dalla!“
Trotzdem bekommen wir vier Kaffee und drei Küchelchen. Für 8,50 Euro.
Kurz danach stoßen wir auf die ersten Lavafelder. Beidseits der Straße türmen sie sich auf.
Während in den unteren, sehr fruchtbaren Regionen Zitrusfrüchte, Oliven, Feigen, Wein, Mandeln und Pistazien gedeihen, wachsen in den mittleren Höhen, etwa ab 1500 Metern, Mischwälder mit Eichen, Birken und eher wenigen Kiefern.
Wir halten immer wieder an, um ein wenig Spazieren zu gehen, zu schauen, zu fotografieren. Dann entdecken wir einen Hinweis auf eine Höhle. Ein Schild erklärt, dass hier früher Schnee für den Sommer gehortet wurde. Ein überregionaler Kühlschrank quasi. Da kraxeln wir mal runter.
Während die uns umgebende Natur heute ihre mächtige, bedrohliche Seite zeigt, ist es die menschengemachte Kunst, die für friedliche, kreative Momente sorgt. In der Ätnagemeinde Linguaglossa gibt es ein Museum, in dem Werke der beiden Maler Francesco Messina (1900 – 1995) und Salvatore Incorpora (1920 – 2010) ausgestellt sind.
Messina wurde hier geboren, stellte bereits mit 22 Jahren auf der Biennale in Venedig aus und erhielt mit 34 den Lehrstuhl für Bildhauerei in Mailand.
Mir gefallen besonders seine Aktmalereien, männliche und weibliche, bei Frauen wurde er insbesondere von Tänzerinnen inspiriert, erzählt uns der junge Mann, der uns durch die Ausstellung führt.
Incorpora begann sein Kunststudium nach dem zweiten Weltkrieg in Neapel, zog dann nach Linguaglossa und begann hier zu unterrichten und künstlerisch zu arbeiten. Er behält den kleinen Ort am Fuße des Ätna zeitlebens als seine Basis, während er in Italien und Europaweit ausstellt.
Für uns gibt es also zwei spannende Künstler in Linguaglossa zu entdecken, allerdings keinen guten Platz zum Übernachten. Deshalb fahren wir ein Stück raus aus der Stadt in die Berge und finden glücklicherweise mal wieder einen Traumplatz. Allein, nur von Landschaft umgeben, mit Blick auf den Ätna samt Vollmond.
Was mag hier erst zur Hauptsaison los sein? Schon jetzt drängen sich die Touristen durch die Gassen, bieten Boutiquen, Andenkenläden, Imbissstände ihre Töpferwaren, Schmuckstücke, Kleidungsstücke, Foccacia, Arancini und Canoli an. Ein Gewirr von Stimmen liegt in der Luft.
Zugegeben, die Stadt, die sich von der Spitze des Monte Tauro bis hinunter ans Meer erstreckt („ein Balkon rund 200 Meter über der Küste“, schreibt unser Reiseführer) hat viel Charme. Ich erinnere mich, das wir unseren Aufenthalt hier auf unserer letzten Reise sehr genossen haben. Heute aber ist uns der Trubel zu viel.
Wir schlendern über die Flaniermeile, den Corso Umberto I, guckenlinks und rechts in die Gassen, landen auf der Piazza IX. Aprile mit ihren beeindruckenden Bauten und dem schönen Bodenbelag. Das berühmte Amphitheater haben wir schon ein andermal besichtigt. Das sparen wir uns heute.
Natürlich decken wir uns auch noch mit ortsüblichen Leckereien ein, hocken im Café und schauen den Leuten zu. Aber dann haben wir auch schon genug und machen uns auf den Rückweg zu unseren Autos.
Kurz danach sind Tisch und Stühle aufgestellt und wir genießen die Ruhe am Meer bei San Marco. Einen Campari und eine Partie Tavla später raffen wir uns noch zu einem kleinen Strandspaziergang auf.
Es weht eine ordentliche Brise und es ist dementsprechend frisch. Ob wir morgen Früh schwimmen gehen?
Dass wir am Ziel sind, erkennen wir an den drei geparkten Reisebussen inmitten der Einsamkeit der kalabresischen Berge. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir waren uns recht sicher, dass wir hier allein sein würden. Aber den Fehler zu denken, dass etwas nicht bekannt ist, nur weil wir es nicht kennen, mache ich nicht zum ersten Mal. Nur per Zufall (wir lieben Zufallsfunde!) erfahre ich heute Morgen von der Existenz des MuSaBa, des Museums Santa Barbara nahe dem Dorf Mammola im Süden Kalabriens.
Jetzt stehen wir vor dem Freilichtmuseum, das im Laufe von 55 Jahren vom italienisch-holländischen Paar Nik Spatani und Hiske Maas geschaffen wurde. 1969 begannen sie damit, ein altes Kloster in einen Ort der Kunst umzuwandeln. „Jahrelang haben wir biwakiert, ohne Licht oder Wasser, Fledermäuse aufgeschreckt und alles mit unseren Händen aufgebaut“, erzählt Hiske Maas in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.
Die Größe, die Vielfalt, die Farbigkeit, die unbändige Kreativität berauschen uns. Staunend wandeln wir umher.
Die Sixtinische Kapelle Kalabriens ist eines der Meisterwerke Spatanis, der in seiner Pariser Zeit Freund und Mitarbeiter von berühmten Persönlichkeiten wie Picasso, Le Corbusier, Jean Cocteau, Max Ernst oder Sartre war.
Ein 14 Meter langes dreidimensionales Gemälde, das den gesamten Raum des Gewölbes und der Apsis der alten Abtei St. Barbara einnimmt, stellt Jakobs Traum dar. Die Technik, mit der es hergestellt wurde, ist eine Erfindung von Spatari selbst: Die Silhouetten werden aus hellen Holzplatten geschnitten, bemalt und dann als Reliefs in der Luft hängend aufgetragen.
Das MuSaBa war und ist ein Treffpunkt für Kunstschaffende, Volontäre, NachwuchskünstlerInnen aus vielen Ländern.
In Reggio Calabria wollen wir das Schiff nach Sizilien nehmen. Vorher aber wollen wir uns noch ein paar weitere Zufallsfunde, die wir ebenfalls im Netz entdeckt haben, anschauen.
Die drei bunt bemalten Bronze-Skulpturen, die seit 2007 an der Uferpromenade in Reggio Calabria stehen, sind ein Werk der römischen Bildhauerin Paola Epifani (*1969), die unter dem Pseudonym Rabarama firmiert.
Sie heißen Trans–letter, Labyrinthitis und Co-stell-Action.
Erheblich jüngeren Datums ist das nur wenige Schritte entfernte Kunstwerk Opera, das hier 2020 von Edoardo Tresoldi installiert wurde: 46 Säulen aus Drahtgeflecht symbolisieren die griechische Vergangenheit der Stadt.
Die Uferpromenade von Reggio Calabria ist selbst eine Überraschung für mich. Auf der einen Seite wird sie von hervorragend erhaltenen Palästen gesäumt, auf der anderen Seite natürlich vom Meer, Blick auf Sizilien und den Ätna inbegriffen. Entlang der breiten Promenade zeigt uns die Natur, dass sie die Älteste aller Künste ist: ein Großblättriger Feigenbaum, riesiger Stamm, mit ausladender Krone und verschlungenen Wurzeln. Ein Feigenbaum? Mindestens 20 Giganten zeigen hier ihre Pracht.
Schließlich machen wir uns auf zum Hafen, kaufen Tickets nach Messina und können schon bald auf eine der Fähren, die hier häufig verkehren.
Ohne Wolken und auch ohne Rauch empfängt uns der Ätna. Um 18 Uhr landen wir auf Sizilien.
In einem der schönsten Abschnitte des MeeresschutzgebietsCapoRizzuto steht eine faszinierende Burg auf einer kleinen Insel, die nur durch einen schmalen Landstreifen mit dem Festland verbunden ist. Die Festung Le Castella wurde im 15. Jahrhundert erbaut. Sie beherbergte nie den örtlichen Adel, sondern diente als Unterschlupf für Soldaten, die gegen Invasoren vom Meer kämpften.
Wir haben unseren schönen Campingplatz am Strand heute Vormittag verlassen, fahren aufs benachbarte Cap und bestaunen nun das mächtige Bauwerk.
Vielleicht um dem Trutzigen, welches mit einer solchen Burg verknüpft ist, etwas Sanfteres entgegen zu setzen, gibt es am Eingang ein Schild: „Küssen ist obligatorisch“. Na gut, wenn das so ist.
Für uns ist nicht nur Küssen sondern auch ein leckerer Kaffee danach obligatorisch. Zum Glück gibt es hier ein paar nette Cafés.
Nach Stilo sind es gute hundert Kilometer Richtung Süden.
Das Bergdorf lockt Touristen mit seiner byzantinischen Kreuzkuppelkirche. Cattolica di Stilo ist ein imposanter Bau mit fünf Kuppeln auf lediglich 25 Quadratmetern. Das völlig intakte Gotteshaus aus dem 10. Jahrhundert ist eine der großen Sehenswürdigkeiten Kalabriens.
Seit 2006 steht Cattolica zusammen mit sieben weiteren byzantinischen Gebäuden auf einer Liste, um ins UNESCO-Welterbe aufgenommen zu werden.
Innen haben noch ein paar Fresken überlebt.
Auf dem Hinweg sind wir über die steil ansteigende Straße gelaufen, zurück finden wir einen abschüssigen Treppenweg durchs Dorf. Auf der belebten und vom männlichen Teil des Dorfes besuchten Piazza gibt es dann auch für uns noch ein Plätzchen.
Wir sind jetzt drei Wochen unterwegs und es wird mal Zeit fürs Nichtstun, süßes Nichtstun, wie man in Italien sagt.
Ich sage ja immer, Nichtstun geht nicht, es sei denn, man schaut seinem Kirschbaum beim Wachsen zu, wie meine Freundin Andrea zu sagen pflegt.
So tue ich also nicht nichts, sondern beginne den Tag mit Frühgymnastik am Strand und einem frischen Bad im Meer. Die Temperatur ist ganz okay, aber das Wasser ist recht kibbelig.
Frühstücken, ein bisschen Haushalt und einen Apfelkuchen backen gehören bei mir zum gemütlichen Busleben und dolce far niente dazu. Meerblick inklusive.
Dann kommt endlich mal wieder die Süddeutsche an die Reihe. Das dauert. Ein Mittagsschläfchen, Kaffee trinken, Tavla spielen – schon sind Dreiviertel des Tages rum. Ah ja, der Blick aufs Meer und dem Plätschern des Wassers lauschen, erhöhen den Genuss.
Auf unserem Campingplatz muss man zum Internet laufen, manchmal funktioniert es am Strand, manchmal oben an der Rezeption. Am Nachmittag gehe ich also zum Internet, Wordeln und Italienisch lernen, damit die streaks nicht abreißen. Außerdem ist der Blick hier schön.
Dann wage ich einen klitzekleinen Strandspaziergang… Weit komme ich nicht.
Die Nachrichten von der Kanzlerwahl wollen gelesen und bedacht werden.