Archiv der Kategorie: Glücklich auf 8 qm

Asphaltkapelle, grüner Tempel und nochmal Kunst am Kanal

Heute wollen wir es nochmal wissen. Das Amberger Kongresszentrum ist nur fünf Gehminuten vom Stellplatz entfernt und nach dem Frühstück starten wir Versuch Nummer zwei, uns die Bilder der Ostbayerischen Fotomeisterschaften anzusehen. Aber vergebens. Türen zu, kein Mensch da. Na, dann fahren wir halt weiter.

Wir haben gelesen, dass es 15 Kilometer  östlich von Amberg die weltweit einzige Kapelle gibt, die ausschließlich aus Asphalt gebaut wurde. Der hiesige Künstler Wilhelm Koch entwarf sie ursprünglich für  die 13. Oberbayerischen Kulturtage, die 2001 in Altötting stattfanden.

Seit 2002 steht die Kapelle am Waldrand der kleinen Ortschaft Etsdorf. Bunte Glasfenster durchbrechen die Schwärze des Asphalts.

Alle zwei Jahre schmücken die Menschen aus Etsdorf die Decke der Kapelle mit Unmengen von Weihnachtskugeln. Aber nur in den geraden Jahren. Wir können uns nur das Foto anschauen, das sie in der Kapelle ausgehängt haben.

Gut, dass mit uns ein Einheimischer vor Ort ist. Ihn können wir nach einem weiteren Projekt des Künstlers fragen. Er zeigt uns den Platz am gegenüberliegenden Hügel.

Basierend auf Plänen von Wilhelm Koch entstand hier ein Baukunstwerk von BürgerInnen für BürgerInnen als Denkmal für 2500 Jahre Demokratie und für den europäischen Gedanken. Einweihung soll im Mai kommenden Jahres sein.

Das Motiv der Säulenhalle wird in Form eines Hains aus 47 Säuleneichen, stellvertretend für die 47 Länder Europas, aufgegriffen.

Noch nie zuvor hatten wir von diesem Künstler, von seinen Kunstwerken gehört und freuen uns riesig, dass wir sie entdeckt haben.

Zum Abschluss unserer kleinen Winterreise fahren wir nochmal an den Ludwig-Donau-Main-Kanal. Auf dem Hinweg hatten wir bereits Hinweisschilder auf einen weiteren Skulpturenweg gesehen. Hier wurden ab 2014 sechs groß dimensionierte Objekte von regionalen und internationalen KünstlerInnen aus Holz, Stahl und Stein gestaltet, zum Beispiel die „Himmelsleiter“ von Hubert Maier.

Oder „Die Erde ist keine vollkommene Kugel“ von  Ute Lechner und Hans Thurner.

Leider finden wir keine Karte, die uns maßstabgetreu die Position der Kunstwerke verrät. Unseren Versuch, das dritte zu finden, brechen wir nach einem viertelstündigen Spaziergang am Kanal ab und verschieben die Entdeckung der weiteren vier Objekte auf den Sommer, wenn wir die Räder dabei haben. Stattdessen kochen wir im Bus Kaffee, verzehren die letzten Lebkuchen und Stollenreste und machen uns auf den Heimweg.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch und ein gesundes, friedvolles und fröhliches neues Jahr!

Zur Glaskathedrale

Eine „Kathedrale der Arbeit“ und zugleich einen der bedeutendsten Industriebauten des 20. Jh. schuf Walter Gropius (1883–1969) für das einstige Rosenthal-Glaswerk in Amberg. Als letztes Werk des weltweit tätigen Architekten und Bauhaus-Gründers ist sie ein herausragendes Beispiel für dessen Gestaltungsgrundsatz „Form follows function“. Bis heute wird in der 1970 fertiggestellten Halle Glas hergestellt.

Von unserem Stellplatz aus sind es knapp drei Kilometer bis dorthin. Erst laufen wir an der Vils entlang, dann ein nicht so schönes Stück an der Bundesstraße und schließlich gelangen wir durch ein Neubaugebiet in ein Gewerbegebiet, in dem dieser imposante Beton-Glasbau thront.

Unsere Fotos müssen wir durch die Maschen eines hohen Zaunes machen. Die Pförtnerin zeigt kein Erbarmen. Eintritt aufs Gelände nur für Beschäftigte oder im Rahmen einer Führung.

Mit dem Bus wollen wir zurück in die Stadt. In einer Viertelstunde soll er kommen. Wir setzen uns an der Bushaltestelle in die Sonne und ich blogge. Prima. Äh. Jetzt sitzen wir hier schon über 20 Minuten. Aber der Bus kommt nicht. Na gut, dann laufen wir eben doch. Wir gehen los, eine Minute später brettert er an uns vorbei! Gemein!

Tja, und so geht es erstmal weiter. Im Kongresszentrum sollen nämlich die Bilder der Ostbayerischen Fotomeisterschaft gezeigt werden. Täglich 9 bis 16 Uhr. Wollen wir uns anschauen. Ist aber geschlossen. Pfffft.

Dann also weiter in die Altstadt. Da ist nichts geschlossen und Einheimische wie Touristen bevölkern die Fußgängerzone und Gassen.

Vorbei an prunkvollen Häusern,

bunten Häusern,

kleinen Häusern,

sehr alten Häusern,

Gotteshäusern,

einem als Stadttheater genutzten früheren Gotteshaus,

dem Rathaus.

Alles eingerahmt von der alten Stadtmauer.

Würde ich einen Reiseführer verfassen, schriebe ich wahrscheinlich: „Pittoreske Altstadt!“.

Zwei Stück Torte später suchen und finden wir keinen (!) Geocache und machen bis zum Abendessen Siesta im Bus.

Später müssen wir natürlich noch die oberpfälzische Küche testen. Hmmmm, ja, lecker!

Kurze winterliche Auszeit

Wir müssen Probe fahren. Unser Bus macht uns Sorgen. Die eine Werkstatt diagnostiziert einen defekten Dieselpartikelfilter sowie nicht richtig arbeitende Injektoren, Kostenvoranschlag 8000 Euro (sic!). Eine andere Werkstatt meint:  Marderschaden. Schlauch repariert, keine Fehlermeldungen mehr, 500 Euro. Die haben wir sehr gerne bezahlt und nun müssen wir den Bus bewegen und schauen, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Zwischen Weihnachten und Silvester fahren wir deshalb für drei Tage los und haben uns Amberg ausgeguckt. Die Stadt liegt 170 Kilometer nördlich von uns und lockt mit einer mittelalterlichen Altstadt, interessanten Ausstellungen und Museen.

Als wir in der Früh die letzten Sachen in den Bus packen, hat es draußen minus drei Grad. Im Bus haben wir vorsorglich die Heizung auf kleiner Stufe über Nacht laufen lassen, so dass wir immerhin 13 Grad haben.

Gegen zehn Uhr überqueren wir bereits die Donau und dann dauert es nicht mehr lange, bis sich die Sonne durch den Nebel kämpft. Ein Schild „Skulpturenpfad“ verlockt uns etwa 50 Kilometer vor dem Ziel zu einem kleinen Abstecher.

Entlang des historischen Ludwig-Donau-Main-Kanals schmücken die Kunstwerke des Skulpturenpfads Mühlhausen die Uferlandschaft.

Die Skulpturen entstehen bei den alle zwei Jahren stattfindenden Bildhauer-Symposien „Kunst am Klenzebau“.

Eine Besonderheit der Kunstwerke ist das Material: Zur Fertigung der Skulpturen werden nur Steine verwendet, die bereits im Ludwig-Donau-Main-Kanal verbaut waren.

Das Wahrzeichen der Stadt Amberg empfängt uns bei strahlendem Sonnenschein:  die „Stadtbrille“  ist ein spätmittelalterlicher Wassertorbau, der die Vils auf eine Länge von 46 Metern überspannt. Wegen des tollen Lichts spurtet Achim gleich los, während ich es mir erstmal im Bus gemütlich mache und Kaffeewasser aufsetze.

Nach dem Kaffee gehen wir an der Vils entlang in die Altstadt.

Das Luftmuseum empfängt uns mit allerlei Skurrilem, Verspieltem und Kunstvollem wie einer Luftdusche,

einem Luftflipper

oder der filigranen Installation Jellyblossoms von Rudolf Finisterre in der alten gotischen Kapelle des Museumsbaus.

Ein Stündchen haben wir noch Zeit fürs Stadtmuseum und seine Sonderausstellung der Werke des Amberger Künstlers Michael Matthias Prechtl. „Ich versuche Kunst ins Leben zu bringen und Leben in die Kunst“, sagte er.

Uns gefallen seine Bilder wie „Das utopische Paar – Wolf und Schaf“

oder „Das Dreikönigstreffen“, in dem drei gar nicht so heilige Könige aus drei Jahrhunderten in einer fränkischen Landschaft stehen: Louis Armstrong, der King of Jazz, der Sonnenkönig Ludwig XIV. und der bayerische Märchenkönig Ludwig II.

Es ist schon dunkel, als wir am Fluss entlang zum Bus zurück bummeln. Die „Stadtbrille“ muss ich natürlich bei dem Licht auch noch mal fotografieren.

Im Bus drehen wir die Heizung hoch und bald ist es kuschelig warm.

Im Bett wird mir nachher dank einer Schaffellunterlage, einer Wärmflasche und meinem Liebsten auch nicht kalt werden. So weit sind wir aber noch nicht. Gin Tonic und ein Backgammonspiel, ein leckeres Abendessen (Hackfleischbällchen mit Erdnüssen in Currysauce, von gestern übrig geblieben) und mein Buch warten auch noch auf mich.

Wir freuen uns so, wieder mal eine Nacht im Bus zu verbringen!

Zu guter Letzt nochmal ganz viel Kunst

Anfang der 90er Jahre begann der Schweizer Künstler Daniel Spoerri in der südlichen Toskana, ca. 60 km südlich von Siena, einen Skulpturenpark anzulegen. Derzeit sind 113 Installationen von 55 Künstlern auf dem etwa 16 ha großen Gelände zu erwandern. Nichts wie hin.

Wir entdecken Spoerris Rekonstruktion des Hotelzimmers »Chambre No 13«, das er Anfang der 1960er Jahre in der Rue Mouffetard in Paris bewohnte. Es besteht ganz aus Bronze. Jedes Detail, vom Bett über die Zigaretten und den Wein bis hin zum Müsli.

Die Installation »Dies Irae« von Olivier Estoppey mit drei Trommlern und über hundert Betongänsen zieht schon von Weitem die Blicke auf sich, ebenso der begehbare »Labyrinthische Mauerweg« von Daniel Spoerri.

Viele Kunstwerke entdeckt man per Zufall hinter einem Busch oder wenn man um eine Ecke biegt wie die Versponnene Leserin, die Daniel Spoerri nach einer Zeichnung von Roland Topor anfertigte.

Interaktion ausdrücklich erwünscht ist bei J.R. Sotos Klangskulptur, mein Lieblingsobjekt in Spoerris toskanischem Skulpturengarten. 400 Aluminiumröhren verschiedener Dicke hängen in einem Kubus, den man einzeln und ganz langsam betreten soll. Das Klangerlebnis ist einzigartig. Ich würde am liebsten gar nicht mehr aufhören, darin herumzugehen.

Der Tag begann mit einem Bad in den Schwefelquellen von Saturnia.

Und er endet mit einem Bad im Trasimenischen See.

Morgen fahren wir zurück ins Po-Delta, wo wir vor acht Wochen unsere Reise durch Italien begannen. Von dort aus geht es nach Hause. So viel haben wir erlebt. Nun sind wir voller Eindrücke, Erlebtem, Emotionen. Es wird Zeit für uns heimzukommen, unser rollendes Zuhause gegen das feste auszutauschen und das Leben mit Familie und Freunden wieder aufzunehmen und zu genießen.

Grazie Italia e arrivederci!

Heiße Quellen in der Toskana

Flugs fahren wir auf der Autobahn an Rom vorbei, schon ist Florenz ausgeschildert. Man merkt: wir sind auf dem Heimweg. Gestern Abend waren wir auf einem offiziellen Stellplatz für Wohnmobile in einem abgeschiedenen Dorf. Wir standen mit drei Campern dort, es war leise, wir hatten einen schönen Blick auf den alten Ort und vor allem: es war sicher und wir haben unseren Schreck verdauen und fantastisch schlafen können. Für die Heimfahrt haben wir uns eine schöne Route ausgedacht, nicht zu schnell, nicht zu langsam, mit einigen schönen Spots zwischendrin.

Der erste heute sind die Etruskergräber bei Sorano in der Maremma. Die berühmteste  Ausgrabung ist erst 1925 mit der Tomba Ildebranda, einer Miniaturausgabe der ãgyptischen Pharaonengräber gemacht worden.

Weit über das Tal blickend ist aus dem gelben Tuffstein ein Tempel samt 12 Säulen gehauen worden. Bis auf eine stehen nur noch Strümpfe, doch das nimmt der majestätischen Anlage aus dem 4. bis 3. Jh. v. Chr. nichts von ihrer Würde.

Es ist von hier nicht mehr weit bis Saturnia. Mit den Rädern fahren wir vom Stellplatz aus zum Thermalbad unter freiem Himmel, 24 Stunden geöffnet, Eintritt frei.

Saturnia ist eine der ältesten Thermen der Toskana. Hier hatten schon die alten Römer ihren Spaß.

Das 38 Grad heiße Quellwasser fließt durch natürliche Sinterterrassen. Sehr malerisch.

Es ist gar nicht so einfach, von einem Becken ins andere zu klettern. Aber es macht alles so viel Spaß, dass wir beschließen, morgen vor dem Frühstück nochmal herzukommen. Dann können wir auch nochmal aus einer anderen Perspektive fotografieren.

Polizei, Werkstatt und viele bemalte Häuser

Das war ohne Übertreibung die schlechteste Nacht dieser Reise. Bis in die frühen Morgenstunden kamen Autos auf unseren Parkplatz, drehten eine Runde, stoppten kurz, fuhren wieder weg. Um Drei kam auch mal die Polizei vorbei, aber das hat uns auch nicht wirklich beruhigt. Natürlich waren wir um Sieben, als der Wecker klingelte, im Tiefschlaf. Pünktlich um acht standen wir dann vor dem Polizeirevier, um unsere Anzeige wegen des versuchten Autodiebstahls aufzugeben.

Es dauert zehn Minuten, bis ein zuständiger Beamter uns am Eingang abholt und mit in sein Büro nimmt. Verschwenderisch ist man nicht bei den Carabinieri. Altes, einfaches Mobiliar, die Höhe des Bildschirms wird durch einen Bücherstapel reguliert, der Drucker ist in einem der Nebenräume. Mit meinem nicht sehr guten Italienisch gelingt es mir, den Sachverhalt zu schildern. Ob ich dabei so erschöpft wirke? Jedenfalls kommt der Kollege vom Nachbarschreibtisch rüber und schenkt uns vier Bonbons.

Wir erfahren außerdem, dass er aus Sizilien kommt, aus Bronte, der Pistazienstadt, und er von seinem Küchenfenster aus viele Ätnaausbrüche beobachtet hat.

Unser Sachbearbeiter stammt von der Insel Ischia und hat einen Freund, der seit 20 Jahren in München lebt. Sehr nett plaudernd hangeln wir uns durchs Protokoll, bis ich schließlich meine Unterschrift darunter setzen kann. Mit vielen guten Wünschen für eine sichere Weiterfahrt werden wir entlassen.

Nun steht der zweite Tagesordnungspunkt an: die Werkstatt.

Der beginnt gemütlich im Café nebenan, denn wir müssen ein halbes Stündchen auf Giovanni, den Besitzer, warten.

Giovanni kommt, guckt und diagnostiziert: der Bremsbelag ist alt und muss ersetzt werden. Er hat ihn leider nicht auf Lager, bestellt ihn und um halb drei können wir wiederkommen, dann wird sofort repariert.

Bis dahin gehen wir einkaufen, schauen uns die Wallfahrtskirche Santuario di Mia Madonna e Mia Salvezza an, die durch ihre Bauweise in Form einer Jurte auffällt und suchen uns ein ruhiges und schattiges Plätzchen für unsere Siesta.

Unter den Bäumen bei der Kirche finden wir es.

Das Café neben der Werkstatt kennen wir ja schon und um 16 Uhr ist alles erledigt.

Noch zu Hause hatte Achim ein Ziel ausgemacht, das ganz hier in der Nähe ist und das wir jetzt ansteuern: Valogno, das Dorf der Kunst.

Die Geschichte von Valogno hätte wie die vieler anderer italienischer Dörfer verlaufen können: sehr klein, unbewohnt und zunehmend verlassen und unbekannt. Dank des Projekts von Giovanni Casale, der aus Rom in sein geliebtes Dorf zurückkehrte, um den visionären Traum des „Risveglio di Valogno“, des Erwachens, zu verwirklichen.

Vor etwa 15 Jahren gründete er gemeinsam mit seiner Frau Dora einen Verein. Sie knüpften Kontakte zu lokalen und nationalen Künstlern und es gelang, den Fassaden von über 40 Häusern mit Wandmalereien und Kunstinstallationen neues Leben einzuhauchen.

Das Dorf hat sich im Laufe der Jahre zu einer Kunstgalerie entwickelt. Tatsächlich kehren nicht nur Auswanderer für den Urlaub zurück, sondern auch Touristen wie wir, einfach neugierig, kommen hierher und bummeln durch die Gassen wie durch ein Bilder- oder Märchenbuch.

Zu den bedeutendsten Wandgemälden zählen das Frida Kahlo gewidmete, welches in riesigem Format am Eingang des Ortes zu finden ist, und der Lebensbaum in Weiß, Blau und Gold, vor dem es ein gutes Omen ist, sich etwas zu wünschen. Das tun wir nach den gestrigen Erlebnissen ganz besonders gern.

Es knirscht – gewaltig!

Nicht zwischen uns, auch nicht zwischen uns und Italien, sondern zwischen unseren Bremsbelägen. Schon seit vorgestern Nachmittag. Aber gestern war Sonntag, da haben auch in Italien die Werkstätten zu. Und heute ist Feiertag. Nationalfeiertag. Gut, dass wir am Morgen noch nicht wissen, dass die knirschenden Bremsen zu den kleineren Problemen des heutigen Tages zählen.

Auf Großstadt haben wir keine Lust mehr, sei sie auch noch so schön. Deshalb bringen wir uns schon mal in die Pole-Position für eine Autowerkstatt, in der wir morgen Früh unsere Bremsen anschauen lassen wollen. Der Weg aus der Stadt heraus ist stressig. Alle zieht es ans Meer.

Wir steuern den ersten Campingplatz an. Den gibt es nicht mehr. Kommen an einem Schild vorbei, bremsen, biegen ab: „Wir haben nur noch Bungalows und akzeptieren keine Camper mehr“.  Weder bei Maps noch bei Park4Night sind hier in der Gegend Stell- oder Campingplätze verzeichnet. Nur ein Lido, also ein bewirtschafteter Strandabschnitt neben dem anderen, zu denen die Roller und PKW aus dem Großraum Neapel heute am Feiertag strömen.

Um in Ruhe unsere Lage zu überdenken, steuern wir einen nahegelegenen Parkplatz bei einem archäologischen Park an, Achim verfährt sich – und wir landen auf einem großen ruhigen Parkplatz an einem Rudersee, Lago di Patria, See des Vaterlands wörtlich übersetzt. Das passt doch zum Nationalfeiertag.

Unverhofft kommt oft – der alte Spruch bewahrheitet sich einmal mehr. Hier bleiben wir.

Wir essen noch eine Kleinigkeit, sehen uns im Internet nach weiteren Werkstätten in der Nähe um und holen schließlich die Räder vom Ständer und starten zu einer kleinen Radtour um den See.

Gleich beim ersten Café halten wir an. Restaurant und Cafeteria steht draußen dran. Drinnen gibt es keinen Kaffee, dafür aber Kaffeeeis bei 100 Dezibel Loungemusik. Die Leute um uns herum trinken fröhlich ihren Alkohol und fahren dann mit ihren Autos und ihren Rollern weiter.

Wir steigen schon bald wieder auf unsere Fahrräder. Der Eishappen ist rasch gelöffelt und die Musik doppelt zu laut. Eine Weile geht die kleine Straße am See entlang, dann stößt sie auf die große und wir teilen uns das Terrain mit vielen Ausflüglern im Auto. Doch Hilfe naht: „SUISSE Café“ steht in großen Lettern am Straßenrand. Drunter: „Pasticceria“. Unser Lieblingswort in Italien. Und ja, hier sind wir richtig. Das Angebot ist so vielfältig und groß, dass wir uns fragen, wer das denn alles essen soll. Gerade werden zwei neue große Torten zu den etlichen bereits vorhandenen in die Kühlung gestellt. Im großen Garten sind wir die einzigen Kunden.

Der archäologische Park nebenan ist wohl nicht nur vorübergehend geschlossen. Es gibt keine Hinweisschilder mehr, keinen Eingang, alles ist eingezäunt. Dabei sind hier noch die Überreste der antiken Stadt Liternum zu sehen, leider nicht mehr zu besichtigen.

Dann eben nicht, fahren wir halt an den Strand. Zwischen all den Lidos mit Liegestühlen, Sonnenschirmen und lauter Musik gibt es ein knapp fußballfeld großes Fleckchen mit einem spiaggia libera, einem kostenlosen Fleckchen zum Sonnen und Schwimmen. Mit uns sind ein paar Familien und einige Pärchen dort. Ein Fischer bietet seine Meeresfrüchte zum Kauf an. Mit einer Trillerpfeife kündigt sich der Eismann an und ist schnell von großen und kleinen Schleckermäulern umringt. Das Wasser ist warm genug, dass wir beide (!) schwimmen gehen.

Gegen Sechs radeln wir zurück zum Bus und sind gespannt, ob die Camper, denen wir vorhin den Tipp mit unserem Parkplatz gegeben haben, sich zu uns gesellt haben. Haben sie. Sie stehen direkt neben uns. Ich gehe rüber zum Hallo-Sagen und werde recht aufgeregt begrüßt. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Die Beiden hatten sich gerade neben uns gestellt, als sie sich wundern, dass jemand in unserem Bus auf dem Fahrersitz sitzt. Seltsam. Ob wir zu Dritt unterwegs sind, überlegen sie. Petra ist das nicht geheuer. Auf unserer anderen Seite steht ein schwarzer PKW dicht an uns dran, sieht sie, als sie um unseren Camper rumgeht. Sie steigt sogar aufs Mäuerchen und schaut in unseren Bus. Niemand zu sehen.

Ein Bild des möglichen Täterautos mit der Dashcam von Petra und Reinhard aufgenommen

Das alles erzählen sie uns aufgeregt, als wir ankommen. Schnell schauen wir nach: Achims Kameratasche liegt auf dem Boden zwischen den Sitzen, meine Handtasche samt Portemonnaie, die Tablets, die Ferngläser, alles DA! Nichts geklaut. ABER: Die Abdeckung vom Zündschloss finde ich auf dem Boden im Bus. Sprich: der Dieb hat versucht, das Auto zu starten und ist wohl durch Petra gestört worden! Draußen am Türschloss sieht man auch Einbruchsspuren.

Wir können es gar nicht fassen, was für ein Glück wir gehabt haben! Lange noch besprechen wir mit Petra und Reinhard den Vorfall, dann fahren wir zur nächsten Polizeistation. Um zu erfahren, dass wir morgen Früh um Acht wiederkommen sollen, um unsere Anzeige aufzugeben. Pünktlich. Da haben wir ja morgen einen vollen Terminkalender.

Bella Napoli

Neapel hat die größte Altstadt Europas, seit 1995 gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe. Unser Plan für heute: ohne Plan durch die Gassen streifen und uns von der Atmosphäre einhüllen lassen. Ob heute, am Sonntag, weniger los ist als gestern Abend? Wir waren mal außerhalb der Öffnungszeiten im Souk von Fez unterwegs. Da war es gespenstisch ruhig, keine Einheimischen, keine Touristen.

Nach einem gemütlichen Frühstück und einer Dusche im Camper laufen wir los.

Wir haben es nicht weit bis zum Viertel Sanità, das voller Gässchen, Kirchen, Kapellen, Palazzi, Cafés und viel Maradona-Verehrung ist. Der SSC Neapel ist gerade italienischer Meister geworden. Auch das muss gefeiert werden. Mit vielen Fähnchen und Bildern. Hier sind die Einheimischen unterwegs, kaum Touristen.

Ein Blick in die Hinterhöfe offenbart (ehemalige) Kostbarkeiten.

Dass heute Sonntag ist, merkt man nicht. Die Via dei Vergini ist eine einzige Marktstraße mit Obst, Gemüse, Fisch, Klamotten und Plastikkram.

Dem Internet sei Dank gelangen wir zur Pasticceria Popella mit ihren Fiocci di Neve, Schneeflocken. Es gibt sie in drei Varianten: mit Ricotta, Schokolade oder Pistaziencrème gefüllt. Ich kann nicht sagen, welche mir am besten geschmeckt hat. Eine so lecker wie die andere.

Zum Centro Storico ist es jetzt nicht mehr weit und es ist mindestens so viel los wie gestern Abend. Keine sonntägliche Ruhe. Die finden wir im kühlen Dom, in dem ich jetzt sitze, meine Beine ausruhe und blogge.

Was für eine Überraschung ist die Fassade! Was ist denn da aufgeklebt? Eine Informationstafel klärt auf: der französische Künstler JR hat gemeinsam mit Menschen aus verschiedenen neapolitanischen Vierteln 606 Menschen auf ein eigens für den Dom gestaltetes mural appliziert.

Das muss ich mir gleich noch mal genauer anschauen.

Wir stürzen uns wieder ins Getümmel, diesmal Richtung Metrostation Toledo. Sie wurde von dem spanischen Architekten Óscar Tusquets entworfen und 2012 eingeweiht.

Entlang der Rolltreppen beeindruckt das Spiel aus Lichtern und unerwarteten Formen. Medien zufolge gehört sie zu den schönsten U-Bahn-Stationen Europas.

Wir fahren rauf und runter, machen Fotos und kaufen uns eine Tageskarte. Obwohl es schon vier Uhr ist, lohnt es sich noch.

Wie in einigen anderen Ländern Europas, außer Deutschland, sind die öffentlichen Verkehrsmittel hier günstig: Wir zahlen für ein Tagesticket 5,50 Euro. Da wir müde gelaufen sind, fahren wir für den Rest des Tages lieber. Zuerst mit der Standseilbahn hinauf zum Castel Sant‘ Elmo. Von hier oben hat man eine fantastische Aussicht auf die Stadt und den Vesuv.

Den schauen wir uns am Abend von unten, von der Strandpromenade, an und ich freue mich, dass ich endlich in Neapel bin. Das war schon lange ein Wunsch von mir, der nun endlich in Erfüllung ging. Und ich schließe mich gern dem Slogan an: Bella Napoli, schönes Neapel. Du gefällst mir sehr!

Nach Neapel

Es sind runde 300 Kilometer bis Neapel. Heute trennen sich, zumindest vorläufig, unsere Wege: unsere Freunde zieht es an die Amalfiküste und nach Pompeji, uns nach Neapel.

Vorher fahren wir noch gemeinsam über die spektakuläre Straße entlang der Costa Maratea, an deren Ende ein kleiner Skywalk gebaut wurde.

Ein Abschiedsfoto, ein letzter gemeinsamer Kaffee am Meer, dann fährt jeder seiner Wege. Vielleicht treffen wir uns die Tage ein bisschen weiter nördlich wieder.

Wir fahren durch die Berge auf die Autobahn und verlassen sie bald wieder, um an einem Fluss ein kleines Mittagessen zuzubereiten. Eier mit Schinken gehen immer.

Vorbei am Vesuv, majestätisch zu unserer Rechten, erreichen wir Bella Napoli um sechs Uhr.

Wir verschnaufen einen Moment und suchen uns dann den Bus Nr. 204 ins Zentrum. Das Thermometer zeigt 25 Grad, einem Abendspaziergang steht nichts im Wege. Wir sind gespannt.

An der Piazza Dante steigen wir aus. Dort beginnt das Centro storico, die Altstadt. Ein Menschenauflauf ohne gleichen schiebt sich durch die Gassen. Eine Bar neben der nächsten Pizzeria. Beim Aperitif müssen wir die Füße einziehen, damit sie nicht unter den Roller kommen. Damit wir uns wie zuhause fühlen, zieht immer mal wieder ein Flugzeug über unsere Köpfe. Fast jede Hauswand ist beklebt oder bemalt.

Was das Abendessen angeht betätige ich mich einmal mehr als Forschungsreisende: im Reiseführer stand, dass die frittierte Pizza eine Spezialität der neapolitanischen Küche sei. Dann muss ich sie natürlich probieren – obwohl mir klar war, dass das nichts wűrde. Zu viel, zu fett, aber immerhin gute leckere Füllung. Was tut man nicht alles für die Forschung.

Trutziges Tropea und kunstvolles Cosenza

Um viertel nach Sechs ist es vorbei mit der Idylle. Der Balkenmäher übertönt das Meeresrauschen und den Grashalmen neben unserem Bus wird der Garaus gemacht. Um sieben sind sie dann wohl kurz genug. Das war unsere Nacht auch.

Frühstück gibt es mit Aussicht.

Beim vorletzten Happen kommt der Fischverkäufer mit dem gestern Abend bestellten Thunfisch vorbei. „Aus dem Meer! Ganz frisch aus dem Meer!“, lockt er. Der Fisch sieht gut aus und 15 Euro fürs Kilo sind ein fairer Preis.

Dann schauen wir uns die Stadt an, an deren Strandpromenade wir genächtigt haben: Tropea, imposant auf einem Felsen über dem Meer thronend.

Sehr malerisch liegt das Kirchlein Santa Maria dell’Isola auf einer Klippe vor dem Zentrum der kleinen Stadt.

Die Stadt selbst, so trutzig sie auf dem Fels liegt, ist hell und heiter. Touristen flanieren, shoppen, sitzen im Café. Ein schöner Urlaubsort.

Ein Stück weiter die Küste entlang nach Norden haben vor langer Zeit schiffbrüchige Matrosen ein Gelübde abgelegt: „Wenn wir diesen Orkan überleben, bauen wir hier, wo wir mit unserem kaputten Schiff an Land gespült wurden, eine Kapelle.“ Das war im 17. Jahrhundert, heute gehen wir über Treppen von der Straße zum Strand hinunter und sehen die in den Felsen gehauene Kapelle Piedigrotta.

Etwa 200 Jahre später erweiterten ortsansässige Künstler die Grotte stufenweise mit Spitzhacke, Stemmeisen und Hammer, schufen so drei kleine Kirchenschiffe und viele Statuen und Szenen aus der Bibel.

Unser heutiges Tagesziel ist die Stadt Cosenza, etwa 80 Kilometer nördlich von hier im Landesinneren gelegen. Hier gibt es wieder viel Kunst im öffentlichen Raum. Die aus Cosenza stammende Familie Bilotti hat der Stadt ihre Sammlung von Werken internationaler Künstler geschenkt, die in der Fußgängerzone, dem Corso Mazzini, aufgestellt wurden.

Wir spazieren durch dieses Freilichtmuseum und entdecken einen Teil der insgesamt 20 Werke. Leider fehlt an etlichen Kunstwerken die Beschilderung, so dass ich nicht immer weiß, von wem es ist und wie die Künstlerin oder der Künstler das Werk nennt.

Cosenza wurde während des zweiten Weltkriegs stark zerstört, was man an der Architektur der Fußgängerzone deutlich spüren kann.

Aber sie ist belebt, viele Einheimische sind hier unterwegs.

Ob dieses Kunstwerk das kostbarste ist, weiß ich nicht, aber es ist ein echter Salvatore Dalì.

Zum Schluss besuchen wir noch die Altstadt von Cosenza, im 4. Jahrhundert v. Chr. durch den Volksstamm der Bruttii gegründet.

Im Jahre 410 soll Alarich, der König der Westgoten, hier nach der Plünderung Roms gestorben und mit seiner Beute im Flussbett des Busento begraben worden sein. August von Platen schrieb 1820 darüber die Ballade „Das Grab im Busento“ (Danke für den Hinweis eines aufmerksamen Lesers).

Nächtlich am Busento lispeln, bey Cosenza, dumpfe Lieder,
Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wieder!