Archiv der Kategorie: Finnland (Herbst 2024)

Polarlichter und Indian Summer

Herbstlichter

Unser erster Stopp heute ist auch ein Zufallsfund aus dem Internet: Kummakivi. Auf Deutsch: Seltsamer Stein. Der riesige Felsblock liegt mit einer sehr kleinen Grundfläche auf einem halbrunden Stein.

Forscher gehen davon aus, dass der Felsen vor 11000 bis 12000 Jahren durch bewegte Eismassen an seine jetzige Stelle gelangte. Das Gewicht des Steins schätzen sie auf 500 Tonnen.

Von hier aus kann man eine kleine Rundwanderung durch den Wald machen. Gummistiefel schaden dabei nicht.

Der Tag heute ist grau und es regnet viel. Und doch ist es nicht richtig grau, denn die Ruska sorgt für Farbe. Wie riesige Laternen erhellen die gelben Birken den Weg.

Ihre weißen Stämme, das grüne Moos, die weißen Flechten und ab und zu ein roter Pilz sind weitere Farbtupfer.

An manchen Stellen wirken sogar die Stämme der Kiefern rötlich.

Vor uns schwingt sich jetzt die elegante Saimaa-Brücke über eine der zig Verästelungen des größten Sees des Landes. In Puumala parken wir im Hafen direkt unter der Brücke. Im Sommer muss hier einiges los sein. Es gibt dreimal so viele Sommerhäuser wie ganzjährig bewohnte Häuser. Hinzu kommen noch die Tagestouristen. Heute sind wir wieder allein hier. Alle Lokale und Büdchen sind geschlossen, aber wir können auf dem Premiumparkplatz in der ersten Reihe stehen.

Ein gläserner Lift bringt uns 24 Meter hoch aufs Brückenniveau, von wo wir die Szenerie von oben betrachten können.

Es sind nur wenige Schritte bis zum kleinen Yachthafen. Auch hier ist nichts los, aber es gibt einen Wasserhahn, mit dem wir unseren Wassertank auffüllen können.

Eine halbe Stunde später finden wir einen abermals idyllischen Übernachtungsplatz, diesmal am Ufer des Saimaa.

Heute Abend und auch morgen werden wir Ausschau nach dieser Dame halten:

Die Chancen stehen zwar nicht gut, denn es gibt nur noch etwa 400 Exemplare von der Saimaa-Ringelrobbe. Aber ich habe doch neulich Amethyst, den Glücksstein, gefunden.

Wo sich Fuchs und Elch gute Nacht sagen

Heute Morgen habe ich mich dann doch getraut. Erst mit Gabriele Fastner und Seeblick geturnt, dann rein ins Nass. Ha! Oh! Schnappatmung. Ich liebäugele ja schon seit längerem mit Winterbaden…

Nach dem Frühstück setzen wir uns ganz dicht ans Wasser in die Sonne. Zwei Jacken und eine Decke, aber wundervoll.

Ob wir heute hier bleiben oder weiterfahren? Keine Ahnung. Erstmal noch ein bisschen dem Plätschern zuhören und den Singschwänen zuschauen.

Dann entdeckt Achim frische Spuren im Sand: vom Fuchs (oberes Bild) und vom Elch! Da ist er sicher.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir nächtliche Tierbesuche verschlafen. Sehr bedauerlich war es einmal in der Türkei. Wegen der Hitze haben wir nicht im Zelt sondern am Strand geschlafen und am nächsten Morgen lagen rings um unseren Schlafplatz Schalen der Eier, aus denen während der Nacht Wasserschildkröten geschlüpft waren. Auch die frischen Spuren zum Meer konnten wir deutlich erkennen.

Am frühen Nachmittag fahren wir mit den Rädern ins nächste Dorf. Zu einem ITE-Künstler. Was das ist, haben wir auch erst gestern Abend gelernt. Der Begriff stammt von den drei finnischen Wörtern “Itse Tehty Elämä, was frei übersetzt selbst bestimmtes Leben bedeutet. Veijo Rönkkönen (1944 – 2010) schuf in 50 Jahren rund um sein (Eltern-)haus 560 Skulpturen aus Beton.

Das Lebenswerk des berühmtesten finnischen ITE-Künstlers befindet sich in Parikkala an der Europastraße 6, einen Kilometer Luftlinie von der russischen Grenze entfernt. ITE  ist Kunst, die in Finnland im alltäglichen Umfeld geschaffen wird. ITE-Künstler sind Autodidakten, meist wirken sie außerhalb der etablierten Kunstwelt.

Veijo Rönkkönen arbeitete Zeit seines Lebens in einer nahegelegenen Papierfabrik. Seine freie Zeit widmete er seinem Garten, der mit den Jahren zu einem wichtigen Teil des von ihm geschaffenen Kunstumfelds wurde.

Er fertigte alle Figuren an Ort und Stelle an. Sie stehen heute noch dort, wo er sie erschaffen hat.

Beglückt von unserem Besuch in diesem magischen Garten, den Achim zufällig dieser Tage im Internet entdeckt hat, radeln wir wieder heim. Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir den Bus. Dann beginnt es zu stürmen und zu regnen und es scheint uns, als ob sich das Wetter ebenfalls von seiner magischen Seite zeigen wolle.

Eine Burg, eine Kirche und viel kaltes Wasser

Olavinlinna ist eine mittelalterliche Burg in der Stadt Savonlinna. Sie gilt als die am besten erhaltene Mittelalterburg in Nordeuropa. Auch hier sind wir, gemeinsam mit einem jungen Mann aus Japan, allein. Die Saison ist sehr kurz, maximal drei Sommermonate. Wir schlendern ein wenig durch die Jahrhunderte alten Mauern, gucken raus aufs Wasser, von dem die Burg umgeben ist und trotz Windes klappt es mit einem Drohnenfoto.

1912 wurde die Burg durch die Sopranistin Aino Ackté als Veranstaltungsort für Opernfestspiele entdeckt und nach 37-jähriger Pause 1967 durch den deutsch-österreichischen Tenor Peter Klein wiederbelebt. Seitdem finden die Festspiele jedes Jahr im Juli im Burghof statt.

Der Ort selbst ist auf Inselchen verteilt, hat mindestens einen kleinen Sandstrand und eine idyllische Wasserfront. Dass die Saison vorbei ist, hat natürlich seine zwei Seiten: wenig Touristen, kein Gedränge, keine Park- oder Stellplatzsorgen. Andererseits hat auch vieles zu, zum Beispiel die Kioske am Marktplatz, in denen man zur Saison leckere gebratene Fischlein bekommt.

Einen sehr besonderen Platz suchen wir zum Mittagessen auf. Unsere karelischen Piroggen essen wir im Schatten der größten Holzkirche der Welt, wie gesagt wird. Sie steht in Kerimäki, ist 180 Jahre alt und bietet Platz für 5000 (!) Gläubige. Warum sie diese Dimension hat? Ziel des Architekten Anders Granstedt war, dass die Hälfte der Bewohner des Ortes auf einmal in die Kirche passen könnte.

Am Nachmittag fahren wir durch selten schöne Landschaft,über einen natürlichen Höhenrücken, der straßenbreit ist, rechts ein See, links ein See.

Die Sonne scheint und bei 18 Grad spiele ich mit dem Gedanken, wenigstens mal die Füße ins Wasser zu stecken. Oder gar eine Runde zu schwimmen? Da vorn kommt eine Badestelle. Lass uns mal anhalten! Ich messe die Wassertemperatur: 15 Grad. Na, das ist doch einen Versuch wert. Badeanzug an und rein.

Uiuiui! Das sind niemals 15 Grad! Fünf, vielleicht zehn. Nach ein paar Zügen bin ich wieder draußen. Trotzdem: Herrlich!

An unserem Übernachtungssee verzichte ich allerdings auf eine Wiederholung des Experiments. Da haben wir auch viiieeeel Besseres zu tun.

Dass unsere bisherigen Stellplätze hier in Finnland noch zu toppen sind, hätte ich nicht gedacht.

Stadtbummel im Regen

Heute stehen zwei Städte auf unserem Programm. Kuopio ist die deutlich größere von beiden: 150 000 Einwohner. Dummerweise ist Montag und es regnet.

Als wir am Aussichtsturm ankommen, sind Mütze, Handschuh, Schal und Regenschirm angesagt. Bei acht Grad fühlt sich das gut an. Wir dürfen uns nicht beklagen, es ist erst der zweite Regentag in drei Wochen.

Allerdings beschließen wir, uns die 15 Euro für die Fahrt auf die Aussichtsplattform bei dem Wetter zu schenken. Denn die Sicht ist natürlich mies.

Also weiter in die Stadt. Wir finden einen Parkplatz beim Hafen und laufen etwa fünf Minuten bis ins Zentrum. Zuerst sehen wir den Dom.

Gleich daneben fällt uns ein üppiges Gebäude in verschiedenen Baustilen auf. Hier sind eine große Bibliothek mit Lesesälen und einem Raum der Begegnung sowie das Museum untergebracht. Aktuell wird die Ausstellung „Affen! Die Geschichte der Primaten“ gezeigt und wir könnten mehr als 60 Affen in ihrem eigenen Lebensraum kennenlernen und erfahren, wie sie sich bewegen, was sie fressen, wie sie kommunizieren und wie viel Affe in uns steckt. Wenn nicht Montag wäre. Und auch hier viele Museen am Montag zu sind.

Also weiter zum Marktplatz, der, laut einem Eintrag bei Wikipedia, „zu den lebhaftesten seiner Art in Finnland gehört“. Liegt es am Regen? An der Uhrzeit (es ist Mittag)? Am Montag diesmal wohl nicht. Jedenfalls sind wir die einzigen Kunden.

Hübsch anzusehen, das Rathaus an der Nordseite des Platzes. Es wurde in den Jahren 1882 bis 1885 im Stil der Neorenaissance errichtet.

Nicht viel aber etwas mehr los ist in der im Jugendstil errichteten Markthalle, in der etwa 30 Geschäfte überwiegend regionale Produkte anbieten.

Durch ein paar Nebenstraßen bummeln wir zurück zum Auto.

Hier am Hafen ist die Stadt selbst bei schlechtem Wetter recht charmant. Im Zentrum fehlte mir die „pittoreske Altstadt“. Urkundlich wurde der Ort bereits im 16. Jahrhundert erstmals erwähnt und er wurde während des Krieges fast nicht beschädigt. Seltsam, dass es so wenig alte Bausubstanz gibt. Die moderne Architektur gibt sich hier auch eher zweckmäßig.

Bei der Mittagspause im Hafen beraten wir, wie wir weitermachen. Montag und Regen. Das bedeutet für die nächste Stadt, Varkaus, die wir heute besuchen wollten: das ehemals höchste Wohngebäude Finnlands, das im Verbund mit einem Wasserturm gebaut wurde, wird uns heute keine Aussicht bieten und das Museum der mechanischen Musik hat heute geschlossen. „Wie als Statussymbol präsentiert man den Gästen stolz die Industrie im Zentrum der Stadt“, heißt es in unserem Reiseführer. Beherzt streichen wir Varkaus von unserer Liste und beschließen, in die Natur zurückzukehren.

Wir dringen jetzt tiefer ein in die finnische Seenplatte, die größte Europas. Noch mehr Seen? Geht das denn überhaupt? Gemäß der offiziellen finnischen Zählung gibt es in der Seenplatte rund 42 000 Seen. Ein Teppich aus Wasser, Inselchen und Dämmen auf einer Fläche von 100 000 Quadratkilometern.

Unser neues Tagesziel heißt Rantasalmi. Es liegt an einem der zigtausend Seen und führt uns vor Augen, wie sehr Finnland uns in den letzten drei Wochen verwöhnt hat. Der Platz, auf dem wir nächtigen werden, hätte uns auf unseren anderen Reisen SEHR gefallen. Hier aber zucken wir mit den Achseln. Ja, passt schon.

Bei Mönchen und Nonnen

Als ich heute Morgen die Nase aus dem Bus stecke, hat es zwei Grad. Aber die Sonne scheint und der kleine Teich, den ich durch die lichten Kiefern sehe, hat eine weiße Nebelhaube. Ich lausche. Ein Vogel singt ein Lied, das ich noch nie gehört habe. Aber Bird net. Es ist ein Moorschneehuhn! Das animiert Achim zum Aufstehen. Und ein Drohnenfoto vom sonnigen Herbstmorgen gibt es auch noch vor dem Frühstück.

Gut, dass wir gestern Abend noch diesen zauberhaften Platz gefunden haben. Eigentlich hatten wir vor, einfach auf dem Wanderparkplatz beim Koli stehen zu bleiben. Aber der war uns zu duster und ohne jegliche Aussicht. Entlang des Sees gab es idyllische Plätze, aber „No Camping!“ – Schilder. Doch Park4Night hilft weiter und kennt diesen Platz an einem Laavu, dem typischen finnischen Wanderunterstand mit Feuerstelle und sogar Trockenclo.

Ich glaube, hier in Finnland sind wir schon mehr Piste gefahren als in Marokko oder Namibia. Allerdings sind die Naturstraßen hier meist in sehr gutem Zustand und wir rollen fröhlich gen Süden, als ich aus dem Augenwinkel eine Schar Singschwäne im Feld rechts entdecke. Der Singschwan ist Finnlands Nationalvogel und wir freuen uns, diese Tiere mit den Ferngläsern beobachten zu können. Doch damit noch nicht genug. „Kraniche! Da rechts stehen Kraniche!“, entdeckt Achim. Es ist das erste Mal, dass wir diese Tiere in ihrem nordischen Sommerquartier sehen.

Bald erreichen wir das Kloster Valamo. Die Mönche stammen aus dem gleichnamigen Kloster im heute russischen Teil Kareliens.

Die Vorgeschichte reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Damals sollen Sergei und Herman, ein griechischer und ein karelischer Mönch, auf der Insel Valaam im Ladogasee (heute Russland) gestrandet sein. Dort legten sie den geistigen Grundstein für eines der prunkvollsten und über Jahrhunderte mächtigsten Klöster des orthodoxen Christentums. Als russischer Vorposten wurde jenes „Athos des Nordens“ im Jahre 1611 von den Schweden völlig zerstört. Doch nach der Rückeroberung Kareliens durch Zar Peter I. entwickelte sich die Ladoga-Insel bald zum bekanntesten Wallfahrtsort Nordrusslands. 1000 Mönche und Novizen haben damals dort gelebt.

1940 fiel die Ladoga-Insel an die UdSSR. Die Mönche hatten gerade noch Zeit, ihre Kunstschätze zu verladen und den geschlagenen finnischen Truppen nachzuziehen. Sie erwarben ein Gut in Finnisch-Karelien, bauten es um und nannten es nach ihrer alten Heimat Uusi Valamo, Neu-Valamo (Quelle: Berliner Zeitung).

Gemeinsam mit ein paar finnischen Sonntagsausflüglern schauen wir uns die Anlage und vor allem die Kirche an, die zwar erst 1977 im byzantinisch-russischen Stil erbaut wurde, aber wertvolle Ikonen und einen reich verzierten Hochaltar birgt.

Ein kurzer Spaziergang bringt uns zum orthodoxen Friedhof mit seinen alten karelischen Grabhäusern. Über diese Bestattungstradition habe ich noch nichts herausgefunden. Das muss ich daheim an einem kalten Wintertag recherchieren.

Ganz anderer Natur ist unsere nächste Station an diesem Sonntag: Die Schleuse am Varistaipale-Kanal hilft Bootsfahrern mit vier Stufen 14 Höhenmeter zu überwinden. Damit ist sie die größte in Finnland.

Unser letzter Besichtigungspunkt des Tages ist das Kloster Lintuala. Die Nonnen hier haben ein ähnliches Schicksal wie die benachbarten Mönche. Auch ihre ursprüngliche Heimat liegt in Russland und sie sind ebenfalls nach dem Winterkrieg von dort geflohen und haben im finnischen Teil Kareliens eine neue Heimat gefunden.

Heute Nachmittag ist kein Mensch hier zu sehen, weder eine der Nonnen noch Gäste. Auch der Geschenkeladen, in dem die Nonnen ihre selbstgefertigten Kerzen verkaufen, und das gemütliche Café neben dem Klostergarten sind geschlossen.

Jetzt wird es Zeit, dass wir uns einen Schlafplatz suchen. Es gibt einen Campingplatz in der Nähe, aber wir wollen lieber frei irgendwo stehen und deshalb fahren wir noch 40 Kilometer Richtung Kupio, das wir uns morgen anschauen wollen.

„Fantastisch!“, sind wir uns einig. Hier bleiben wir heute Nacht. Sitze umdrehen, Heizung an, Gin Tonic und Tavla raus. Der Abend kann beginnen.

Das hätten wir mal lieber bleiben lassen. 5 : 0 verloren.

Immer das Gleiche?

Die Szenerie ändert sich zur Zeit ja nur minimal: Wälder und Seen. Seen und Wälder. Keine pittoresken Altstädte (unser running gag seit unseren Spanienreisen), keine Museen oder Kunstwerke (außer Heimat- und Militärmuseen und wenn es mal was anderes gibt, wie das Atelier der Holzbildhauerin Eva Ryynäen gleich hier um die Ecke, dann ist es seit 15. September geschlossen).

Dennoch: wenn wir irgendwo langfahren, rechts und links die weißen Birken mit ihren gelben Blättern und wir erspähen einen See, bricht jedes Mal wieder das große Entzücken aus: „Guck mal, der See dort!“ Begeisterung. Anhalten. Gucken. Foto machen.

Irgendwie schaut es eben doch nicht immer gleich aus. Mal ist das Licht anders, mal glitzert es auf dem See, mal sieht es ganz besonders nach Ruska aus. Und so gondeln wir auch heute weiter durch die karelische Landschaft und schauen, was der Tag uns so bringt.

Erstmal werden wir von einem jungen Mann, mit dem wir nach dem Frühstück vorm Auto ins Gespräch kommen, in die Irre geleitet. Wenn wir weiterfahren, sagt er, können wir auf weitere Inselchen gelangen und am Ende gibt es wieder eine Fähre – und so was wie einen Fjord! „Das schaut aus wie in Norwegen“, strahlt der Finne. Wer sind wir, dass wir solch guten Ratschlägen nicht Folge leisten. Also auf der Hauptstraße links statt rechts abgebogen und ja, der erste Damm, der zweite, eine Brücke. Herrlich! Ich wundere mich, warum diese tolle Route nicht im Reiseführer steht. Fünf Minuten später weiß ich es: der Weg wird immer schmaler (O-Ton Achim: „Den Feldweg wäre ich nicht mehr weitergefahren!“ und dann ist er zu Ende. Vor uns das Wasser, aber kein Damm, keine Brücke und erst recht keine Fähre. Glücklicherweise gibt es einen Platz, auf dem ich den Bus wenden kann.

Einmal über alle Inselchen, ich glaube, es sind insgesamt sieben oder acht, zurück aufs Festland, dann das Trinkwasser an der Tankstelle auffüllen und Einkaufen.

Im nächsten Ort, Juuka, soll es  ein Viertel mit alten Holzhäusern und ein gutes Café geben. Das wollen wir uns anschauen.

Die Holzhäuser werden gerade mit EU-Mitteln restauriert, in einem von ihnen ist das Café, das zugleich ein Geschenke- und ein Secondhand-Laden ist.

Die Mango-Papaya-Torte und auch die Mokkatorte schmecken sehr gut, einziger Nachteil: die Stücke sind sehr klein. Gut, dass wir noch Apfelkuchen im Bus haben.

So gestärkt fahren wir weiter nach Koli und erklimmen den gleichnamigen Berg, Hügel, keine Ahnung, die Erhebung ist 357 Meter hoch und bietet fraglos einen traumhaften Ausblick.  Die vielen Inselchen im See und das tiefe Blau des Wassers sind nicht nur tausendfach fotografiert worden (im Sommer treten sich hier die Touristen auf die Füße). Auch viele finnische Maler haben dieses Motiv auf ihren Leinwänden verewigt.

Vom vergeblichen Versuch, karelische Köstlichkeiten zu probieren

Wie tief man in der Wildnis ist, spürt man selber ja kaum. Sicher, man weiß, wieviel Kilometer man von der letzten asphaltierten Straße gefahren ist oder, von einem Blick auf die Landkarte, wie weit es bis zum nächsten Ort ist. Aber wirklich sehen kann man es nicht. Es sei denn, man schaut von oben. Was Achim natürlich tut. Seht Ihr unseren Bus?

Heute gibt es nur ein kleines Frühstück, denn zum Mittagessen wollen wir ein Louna ausprobieren, ein Mittagsbuffet. Da wir in Karelien sind, werden wir die hiesigen Spezialitäten verkosten.

Wir fahren ins sogenannte Bomba-Haus. Es ist der (fast) originalgetreue Nachbau des Blockhauses, das der karelische Bauer Jegor Bombin 1855 am Ufer des Suojärvi im heute russischen Teil Kareliens für seinen Sohn Dimitri aus langen Rundhölzern gebaut hat. Das ursprüngliche Haus hatte 27 Zimmer. Da es zu hundert Prozent aus Holz war, haben die Erben es irgendwann auseinander genommen und das Holz unter sich aufgeteilt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde beschlossen, das Haus in der Nähe von Nurmes wieder aufzubauen. Es soll den traditionellen karelischen Baustil repräsentieren und diente, zumindest in den Anfangsjahren, den Vertriebenen als Sehnsuchtsort.

Drumherum entstanden mehrere kleinere, aber durchaus stattliche Holzhäuser und eine Kapelle, kurzum ein karelisches Dorf.

Unser Reiseführer (Annegret und Uwe Rohland: Mit dem Wohnmobil nach Finnland) empfiehlt das Mittagsbuffet im Bomba-Haus. Das Internet auch. „Hier gibt es vor allem eine Vielzahl an Vorspeisen zu probieren: Heiß geräucherter und gebeizter Lachs, eine ganze Reihe von ungewöhnlich gewürzten, süß bis sauer eingelegten Heringshappen, Salate, lauwarme mit Milchreis gefüllte Pirogge mit der dazugehörigen Eibutter.“ Waldpilzsuppe, Felchentopf mit kleinen Fischen drin, gebackener Fisch mit Dill-Zwiebel-Sauce, Karelischer Fleischeintopf – das sind die Hauptspeisen. Lange denke ich darüber nach, warum der Autor des Buches eigenen Angaben zufolge den Nachtisch ausgelassen hat, was es wohl zum Dessert gab und was ich wohl tun werde.

Doch dann die herbe Enttäuschung: das Restaurant bietet derzeit gar keinen Mittagstisch an und öffnet erst um 17 Uhr! Wir können es, als einzige potentielle Gäste weit und breit, gut verstehen. Aber es ist so schade!

Wir versuchen im benachbarten Ort Nurmes ein Restaurant zu finden und entdecken zwei sehr hübsche Häuser. Das eine, im ehemaligen Bahnhof, bietet ein Mittagsbuffet an, allerdings klingt das nicht sehr karelisch: Chili sin Carne, Tofuburger, Spaghetti…

Das andere hat ein kleines Salatbuffet, dazu gibt es Frikadellen mit Bratensauce und Kartoffeln. Nö. Brauchen wir jetzt auch nicht.

Also suchen wir uns wie üblich einen schönen Platz und bedienen uns aus der Bordküche: finnischen Joghurt mit frischen Früchten und Nüssen, Kaffee und natürlich den Apfelkuchen, den ich gestern gebacken habe. Auch nicht karelisch, aber die Piroggen sind uns gerade ausgegangen.

Zum Nachtisch finden wir noch einen Geocache und dann fahren wir weiter am Ufer des Pielinen-See, dem fünftgrößten finnischen See, entlang und machen uns auf zum Inselspringen.

Die erste kleine Insel im erreichen wir über eine Fähre. Sie fährt unermüdlich hin und her und kostet nichts. Die 400 Meter sind in wenigen Minuten erledigt.

Auf die zweite und dritte Insel kommt man über einen Damm.

Zwei Brücken bringen uns zur vierten Insel, nach Paalasmaa, wo wir auf dem höchsten Punkt neben dem Aussichtsturm mit einem tollen Ausblick auf den See parken.

Wieder wandern

Heute gehen wir wieder wandern. Bis zum Hiidenportti-Nationalpark sind es gut 50 Kilometer mit dem Auto. Eine Wanderrunde von zehn Kilometern zur namengebenden Teufelspforte wartet dort auf uns.

Grillwürste, Senf und Brot landen im Rucksack, denn auf halber Strecke soll es eine Feuerstelle geben. Was haben die Finnen nur für schöne Ideen! Achim hat dieser Tage übrigens in Erfahrung gebracht, dass es die Forstverwaltung ist, die für reichlich Brennholz an den öffentlichen Feuerstellen sorgt. So soll verhindert werden, dass die Leute selbst Bäume fällen, um Lagerfeuer zu machen.

Wir rumpeln über eine 15 Kilometer Piste mit tollen Ansichten, bis wir den Wanderparkplatz erreichen, auf dem wir heute Nacht wohl auch schlafen werden.

Hier im Nationalpark sind die Kiefern richtig alt, zwei bis dreihundert Jahre. Die Sonne scheint, bei angenehmen 18 Grad laufen wir los.

Gegen Mittag wird unsere Waldeinsamkeit jäh gestört: Motorengeräusche. Flugzeuge. Seltsam. Es werden immer mehr, dann ist klar: es muss sich um eine militärische Übung handeln. Wir sehen die Flugzeuge nicht, hören sie nur. Nicht so laut, dass es weh tut, aber eindringlich genug.

Was man hier alles sehen könnte, laut Infotafel: Bären, Wölfe, Luchse und Vielfraße. Was wir tatsächlich sehen, stimmt uns auch nachdenklich. Google lense meint, das sei vom Bären… Hihi, glaube ich nicht. Aber wer weiß?

Kurz vor dem Ziel bildet der Fluss Porttijoki eine beeindruckende Schlucht, an der wir etwa einen Kilometer lang laufen.

Dann kommen wir zu des Teufels Pforte, zu der wir bequem über eine Holztreppe absteigen können.

Nach so viel Aufregung und Anstrengung freuen wir uns auf den Pausenplatz. Wir sind nicht die Einzigen hier. Finnische Wandererinnen haben auch schon ihre Würste übers Feuer gelegt. Für unsere ist aber auch noch Platz.

Der Rückweg ist dann ein wenig anstrengend. Wieder geht es über Wurzeln und Steine, da werden die Fußgelenke ordentlich strapaziert.

Zurück am Bus trinken wir Kaffee und dann eröffne ich die mobile Backstube: Brot und Apfelkuchen. Das erste Mal auf dieser Reise.

Weiter auf der Via Karelia

Die Via Karelia ist eine touristische Route im Osten Finnlands, tausend Kilometer lang, von Sápmi bis runter zum finnischen Meerbusen. Wir folgen ihr seit vorgestern. Auch auf unserer gestrigen Radtour sind wir kurz auf sie gestoßen.

Heute wollen wir ein Stück weiter Richtung Süden fahren.

Am Ortsausgang von Suomussalmi, wo wir gestern Kaffee trinken waren, stoßen wir auf das vom finnischen Architekten Alvar Aalto entworfene Flammenmonument. Es ist eine der vielen Gedenkstätten für die Winterkriegsschlachten (1939-40) in dieser Gegend.

Damals griff die sowjetische Rote Armee Finnland mit Bombern von Estland aus an und  auf der gesamten Grenzlinie im Osten drangen Soldaten ins Land. Die Finnen leisteten erbitterten Widerstand und konnten den Angriff zunächst stoppen. Erst nach umfassenden Umgruppierungen und Verstärkungen konnte die Rote Armee im Februar 1940 eine entscheidende Offensive beginnen und die finnischen Stellungen durchbrechen. Am 13. März 1940 beendeten die Parteien den Krieg mit dem Friedensvertrag von Moskau. Finnland konnte seine Unabhängigkeit wahren, musste aber erhebliche territoriale Zugeständnisse machen, insbesondere große Teile Kareliens abtreten (Quelle: Wikipedia).

Wenige Kilometer weiter stoßen wir auf ein weiteres Denkmal: Die Steine auf dem Feld symbolisieren die finnischen und russischen gefallenen Soldaten.

Die Skulptur in der Mitte breitet schützend ihre Arme über das Steinfeld aus. Oben hãngen 105 Glöckchen, für jeden Kriegstag eins, die im Wind leise bimmelnd zum Frieden mahnen.

Aus der Luft ist zu erkennen, dass die Felder so angelegt sind, dass sich zwei ineinandergreifende Kreise ergeben. Wohl ein weiteres Symbol für Frieden.

Hundert Kilometer weiter südlich liegt ein Finnisch-Russischer Freundschaftspark unter dem Motto „Natur kennt keine Grenzen“. Nach sechs Kilometern holpriger Piste erreichen wir den Lentua-See im Zentrum dieses Naturparks, der sich über beide Länder erstreckt.

Hier wartet noch eine kleine Mutprobe auf mich: entlang der Stromschnellen, die der See hier bildet, führt ein schmaler Bohlenweg. Natürlich gehen wir den auch.

Dann steuern wir das erste Mal auf dieser Reise einen Campingplatz an. Wir müssen mal waschen und in den Orten der letzten Woche gab es keine Waschsalons. Der Campingplatz bei Kuhmo, unweit der Stromschnellen, soll eine Waschmaschine haben.

Hat er und ruckzuck ist unsere Wäsche drin. Dann bleibt uns Zeit zum Nichtstun, Route planen und auf den See gucken.

In diesem kleinen Häuschen ist von 18 bis 19 Uhr Damensauna angesagt. Ich bin dabei. Im Badeanzug, wie es sich hier gehört. Wir sind zu zweit, meine Saunapartnerin sorgt für reichlich Aufguss und zum Abkühlen geht’s natürlich in den See. Wie herrlich ist das denn!

Achim geht derweil fotografieren. Genauso schön.

(Kurz vorm Steg: das bin ich im Wasser.)

Radeln in Karelien

Um halb sieben werde ich von einem Schwan geweckt, der auf dem See ein Solo singt. Zu früh, mein Freund! Ich drehe mich nochmal um und schlafe weiter.

Um neun krabbele ich aus dem Bett. So spät bin ich noch kein einziges Mal während dieser Reise aufgestanden. An den Polarlichtern lag es nicht, denn es war bald klar, dass es in der Nacht leider wieder keine geben würde.

Aber wir sind gerade etwas planlos. Wenn wir weiter nach Süden fahren, fahren wir der Ruska davon. Jetzt ist schon zu merken, dass die Herbstfärbung der Blätter hier noch nicht so weit fortgeschritten ist wie weiter nördlich. Andererseits wollen wir neue Gegenden entdecken. Nach Osten geht nichts, da kommt gleich die russische Grenze. Nach Westen? Vielleicht. Oder einen Tag hier bleiben? Der Platz, an dem wir stehen, wäre dazu prima geeignet. Gestern Abend konnten wir keine Entscheidung treffen. Nach dem Frühstück sehen wir weiter.

Jetzt aber erstmal raus aus den Federn zu einer kleinen Runde Frühgymnastik mit Seeblick. Schon lange nicht mehr gemacht.

Später gibt es Frűhstück, ein Geburtstagsfrühstück. Mit Ham and Eggs und Video von daheim: unser wunderbarer Enkel wird heute sechs Jahre alt!

Mittags holen wir endlich mal die Räder vom Träger und brechen auf zu einer kleinen Geocache-Kaffeehaus-Runde. Dick eingemummelt, denn diesmal fühlen sich die 14 Grad ziemlich frisch an.

Wir fahren nur zwei Kilometer auf der nur mäßig befahrenen E5 und biegen dann auf eine Landstraße ab, auf der kaum noch ein Auto unterwegs ist. Rechts und links wie üblich Birken, Kiefern und ab und zu ein See.

Der erste Cache ist nach zehn Kilometern rasch gefunden, allerdings hole ich mir gleich mal einen nassen Fuß beim Stapfen durchs moorige Unterholz. Egal, trocknet wieder. Erstaunlich: den Cache hat heute Vormittag schon jemand gefunden. Achim hat seine Finnischkenntnisse erweitert und trägt, wie man das hier so macht, ins Logbuch ein: „Kiitos kätköstä!“ („Danke für den Cache!“ ).

Es werden insgesamt fünf Caches und 30 Kilometer, bis wir im Café am See ein paar der hiesigen Köstlichkeiten probieren können. Bisher gab es in unserer Bordküche stets die hiesigen Korvapuusti, sehr leckere Zimtschnecken.

Wie die heutigen Törtchen heißen, weiß ich leider nicht. Aber hier liest ja mindestens eine Finnin mit. Vielleicht kann sie es uns verraten?