Archiv der Kategorie: Marokko (Frühling 2023)

Zwei Monate Atlantik, Wüste und Gebirge

26. Stopp: Lac Tislit

Wir fahren nur wenige Kilometer, bis Schild und Schranke für eine mögliche Wintersperre auftauchen. Hier beginnt die Auffahrt zum Pass Tigherrhouzine, der auf fast 2700 m Höhe liegt. Die Straße ist gut und wir sind in Nullkommanichts oben. Allerdings sind wir in Tamatouchte, wo wir geschlafen haben, auch bei 1900 m gestartet.

Auf den nächsten etwa 40 Kilometern bis nach Imilchil bleiben wir auf einer Hochebene auf etwa 1800 Metern. Wie ein Luchs muss ich jetzt auf Schlaglöcher aufpassen. Ich fahre langsam, denn es gibt viel zu sehen und ab und zu laufen auch Schafe und Ziegen über die Fahrbahn. Achim kann aus der Nähe die schönen Bienenfresser fotografieren. Immer wieder kommen wir durch Dörfer und ich frage mich, ob es eine Form der Geschwindigkeitsbegrenzung ist, den Asphalt vor dem Ort enden und danach wieder beginnen zu lassen. Alle Häuser sind aus Lehm, Geschäfte sehen wir keine. Die Kinder spielen auf der Straße, winken uns zu, die Alten sitzen auf Mäuerchen, Steinen oder einfach auf dem Boden. Viele arbeiten auf den Feldern. Am Abend werden wir im Internet recherchieren, ob es in Marokko Reisfelder gibt (Ja, gibt es!), denn immer wieder kommen wir an Feldern mit grünen Setzlingen vorbei, die komplett unter Wasser stehen.

Schließlich erreichen wir Imichil, 1500 Einwohner, viele kleine Läden, in denen Lebensmittel, Teppiche und Allerlei für Haus und Hof verkauft wird. Wir stärken uns mit einem Kaffee und beim Bezahlen erfreue ich den Kellner mit einem freundlichen „Tanemirt“. Ich habe gelernt, dies heißt „Danke“ in der Sprache der Berber. Jedenfalls ernte ich jedesmal ein strahlendes Lächeln mit diesem kleinen Wort.

Bis zu unserem Tagesziel sind es nur noch sechs Kilometer. Der Bergsee Tislit liegt im Nationalpark Hoher Atlas auf 2100 m Höhe. Neueren Forschungen zufolge ist er (wie sein sieben Kilometer entfernter Nachbar Isli) durch einen Meteoriteneinschlag entstanden. In der Sprache der hier lebenden Berber bedeutet Tislit „See der Braut“ und Isli „See des Bräutigams“. Der Legende zufolge werden die beiden Seen aus den Tränen eines Paares gespeist, das wegen der Feindschaft zwischen ihren Familien nicht zusammenkommen konnte. Vielleicht wurde diese Geschichte aber auch durch die Tatsache angeregt, dass es in Ilmichil über Jahrzehnte hinweg im Herbst ein großes Fest gab, das zugleich als Heiratsmarkt diente.

Wir machen einen Spaziergang um den See herum, bewundern einmal mehr die ausgefallenen Bergformationen, spielen eine Runde Tavla und bewundern den Sonnenuntergang. In der Nacht lassen wir die Heizung auf kleinster Stufe laufen (bei weniger als drei Grad wird das Trinkwasser im Bus automatisch entleert). Wir messen am nächsten Morgen 4,6 Grad.

25. Stopp: Tamtatouchte

Wieder eine Überraschung am Morgen: „Ihr könnt die Dades-Schlucht ohne Vierradantrieb nur bis Tilmi fahren. Da hört der Asphalt auf und dann kommt Piste“, klärt uns unser Campingplatzbetreiber auf. „Wie? Und dann müssen wir die ganze Strecke von 60 Kilometern zurückfahren?“ So ist es wohl. Da aber der Weg das Ziel ist, nehmen wir nach dem Frühstück die zweite Hälfte der Dades-Schlucht unter die Räder und sind wieder rundum begeistert.

Gefaltete Felsen, fruchtbare Felder und immer wieder Dörfer, wo die Schlucht sich weitet und dafür Platz bietet.

Dann geht es in Kehren auf fast 3000 Meter hoch mit natürlich einzigartiger Aussicht.

Kurz vor Tilmi sehen wir ein Schild Vallée de Pommes (Apfeltal). Rechts und links der Straße gibt es jetzt Plantagen mit Apfelbäumen. Wir sind knapp unter 2000 Meter und noch blühen die Bäume hier nicht.

Wie alle Schulen in Marokko ist auch die in Tilmi bunt angemalt und wie überall schwirren die Kinder auf der Straße herum und winken uns zu. Auch „Stylo! Bonbon! Dirham“ hören wir immer wieder. Dann ist der Asphalt zu Ende, wir fahren zurück nach Msemrir, hocken uns in ein kleines Café und beratschlagen. Die normale Route führt durch die Dades-Schlucht zurück nach Boumalne im Süden, weiter Richtung Nordwesten nach Tinghir und dann nochmal durch die Todraschlucht Richtung Norden. Wir wollen nach Imilchil, weiter durch den Hohen Atlas mäandern. Ein Mann versteht wohl unsere Überlegungen in Sachen Route und fragt, warum wir nicht einfach davorn rechts abbiegen Richtung Tamtatouchte. “ Geht das denn mit unseren Autos?“, fragen wir zweifelnd. „Natürlich!“, behauptet er und zeigt uns ein Video, in dem seine gestrige Fahrt über die von ihm empfohlene Piste gezeigt wird. Freund Alain bleibt skeptisch, Achim findet es super. 38 Kilometer statt 130. Das bisschen Piste wird sich ja wohl fahren lassen. Während unsere Freund beschließen, die große Runde auf normaler Straße zu fahren, begleite ich Achim bei seinem kleinen Abenteuer. Die ersten acht Kilometer sind asphaltiert, dann wird es schottrig. Und rumpelig.

Die Landschaft mit ihren grün-rot schimmernden Bergen ist beeindruckend, die Strecke ebenso. Wir fahren hoch, wir fahren runter, es gibt tiefe Längs- und Querrinnen, wir fahren durch ein Flussbett (dem Fahrer bricht, glaube ich, der Schweiß aus. Die Beifahrerin ist längst verstummt.) Bloß kein Gegenverkehr, bitte! Felsbrocken müssen umkurvt werden, Schlaglöcher sowieso.

Geht es hier rechts oder links weiter? Achim läuft ein Stück hierhin, ein Stück dorthin, entscheidet sich für die linke Spur. Richtig gemacht!

Nach etwa 30 Kilometern atmen wir auf: hier wird die Trasse für eine neue Straße angelegt. Der Asphalt fehlt noch, aber erleichtert gleiten wir über den ebenen Untergrund. Aber, ach, bald schon ist der Spaß vorbei, wir werden von der neuen Trasse weggeleitet, müssen nebenan auf einem Feldweg weiterrumpeln.

Dann, die Nationalstraße ist fast schon in Sichtweite, die Krönung: locker aufgeschütteter Kies, ideal zum sliden. Aber Achim kommt nicht ins Rutschen, lenkt den Bus auch durch diese Hindernisstrecke sicher durch und eine Viertelstunde später checken wir auf dem winzigen Campingplatz Auberge Amazigh in Tamtatouchte ein.

Der Bus ist innen und außen mit rotem Staub bedeckt, wir machen ihn und uns ein bisschen sauber, trinken den leckeren Rosmarin-Beifußtee, den unser neuer Campingplatzbetreiber uns serviert und bestellen uns zum Abendessen leckere Putenspieße mit Pommes. Unsere Freunde treffen nach rund 150 Kilometern erst im Dunkeln ein. Auch ihnen wird zum Willkommen der gute Tee serviert.

Zu Achims Blogbeitrag kommt Ihr hier.

24. Stopp: Dades-Schlucht

Auch die Fahrt durch die 60 Kilometer lange Dades-Schlucht sorgt für viele Ahs und Ohs im Bus. Die Berge sind hier überwiegend rötlich und die Menschen haben ihre Bauten dem vielfach angepasst.

Wieder sorgt der Fluss für fruchtbares Land und jetzt im Frühling kontrastiert das intensive Grün fantastisch mit dem warmen Rot.

Während eines Spaziergangs durch die Oase entlang des Flusses entdecken wir zahlreiche Gerstenfelder, Pfirsich- und Quittenbäume und, so bisher noch nicht gesehen, viele Laubbäume wie Silberpappeln und Birken, aber auch große Flächen voller Oleander.

Eine besondere Attraktion des Dades-Tals sind die Affenpfotenfelsen, die mit ihrer außergewöhnlichen Form und Farbe bestechen.

Wir schaffen an diesem Tag nicht die komplette Strecke, weil wir uns auf unserem Campinplatz in der Todraschlucht am Vormittag viel Zeit gelassen, im Soukh von Thingir eingekauft, zweimal Kaffee mit Aussicht genossen und einen ausführlichen Spaziergang mit vielen Fotostopps gemacht haben. Gegen sechs erreichen wir einen kleinen Campingplatz in Ait Oudinar. Wir kochen mal wieder selbst, Spaghetti mit Thunfischsauce, Salat und sogar noch Schokoladeneis zum Nachtisch. Ich bin gespannt auf den weiteren Verlauf der Dades-Schlucht.

23. Stopp: Todra-Schlucht

Auch dieser Tag begann mit einem feinen Frühstück am Wadi. Dieses haben wir erst bei Tageslicht am Morgen entdeckt. Ebenso wie die Schraube im Reifen des Busses unserer Freunde. Achim hat die gute Idee, einen der recht häufig vorbeifahrenden Busse anzuhalten und nach der nächsten Autowerkstatt zu fragen. „In sieben Kilometern.“ Das sollte zu schaffen sein, denn der Reifen verliert nur ganz wenig Luft.

Eine dreiviertel Stunde später ist die viereinhalb Zentimeter lange Schraube entfernt, der Schlauch repariert und das Rad wieder montiert. Kostet 50 Dirham (5 Euro). Abermals sind wir erleichtert und sehr froh über die spontane Hilfe.

Jetzt steuern wir die Todraschlucht an, eine DER Sehenswürdigkeiten im Hohen Atlas. Ich war ja skeptisch, ob es die Fahrt wirklich wert ist, nachdem wir am Tag zuvor bereits durch die wunderschöne Schlucht bei Imiter gefahren sind. Doch zum einen ist es egal, welche Strecke im Hohen Atlas man fährt – jede ist ein Traum. Zum andern ist die Todraschlucht wirklich herrlich, obwohl es hier recht touristisch zugeht.

Wir fahren nochmals durch ein paar kleine Ortschaften, kommen an blühenden Obstgärten vorbei, beobachten die Bauern auf ihren saftig grünen Feldern, lernen Hasna kennen, die möchte, dass ich ein Foto von uns beiden mache. Dann wird es enger, aber es dauert noch 16 Kilometer, bis wir das Auto abstellen und die engste Stelle der Schlucht zu Fuß durchqueren.

Morgen wollen wir noch die benachbarte Dades- Schlucht anschauen, aber dann zieht es mich in die Einsamkeit der Berge.

22. Stopp: Tirga im Hohen Atlas

Was für ein Tag! Er beginnt mit einem prächtigen Frühstück, führt uns in eine Polizeistation und endet mit der Suche nach einem Stellplatz im Dunkeln. Doch der Reihe nach.

Meine lieben Mitreisenden lassen es sich nicht nehmen, mir einen wunderschönen Geburtstagstisch zum Frühstück aufzubauen: Tischdecke, Blümchen, Geschenke und alles, was die Bordküchen so hergeben an Schinken, Käse, Datteln, Oliven, Eier und Melonen. Ein Ständchen dazu und ich kann vergnügt ins neue Lebensjahr rutschen.

Zwei Stunden später fahren wir einen kleinen Pass hoch und bewundern die Schaffenskraft des Flusses Ziz, der kaum zu sehen ist aber für eine riesige Flussoase sorgt.

Bald danach lassen wir uns eine Bananenmilch und einen Eiskaffee (!) schmecken. Erstere vom Besitzer des Cafés La Vallée de Ziz gemixt, zweitere zur Hälfte ebenfalls von ihm, die leckere Einlage stammt aus Dorothees Bordküche bzw. dem Marjane-Supermarkt, dem sie vorher in Errachidia einen Besuch abgestattet hat. Wir klönen noch ein Stündchen mit zwei jungen Norwegern, die sich zu uns setzen, dann brechen wir auf und verlassen in Rich die Nationalstraße. Wir wollen auf einer kleinen Straße Richtung Berge.

Der Ort ist schnell durchquert, wir rollen gerade über die Ausfallstraße, als uns ein Polizeiwagen mit Blaulicht entgegenkommt und uns unmissverständlich zum Halten auffordert. Sofortige Gewissenserforschung: zu schnell gefahren? Stoppschild übersehen? Wir kurbeln die Fenster runter und ein freundlicher Polizist macht mich darauf aufmerksam, dass ich wohl meine Handtasche im Café habe liegen lassen. Was? Wo ist sie? Ich blicke mich im Bus um. Oh! Ja! Keine Handtasche! Er erklärt mir, dass wir mit ihm und seinem Kollegen zur Polizeistation in Rich fahren sollen, denn dorthin werde die Tasche gebracht. Wir folgen dem Polizeiauto, fahren die paar Kilometer zurück und sitzen bald darauf im Vorraum der Polizeistation von Rich. Sie sieht ähnlich aus wie die bei uns zuhause, die vier weiteren Polizisten und die eine junge Polizistin kümmern sich nicht weiter um uns. Vom Polizisten, der uns auf der Straße abgefangen hat, erfahren wir nun den Rest der Geschichte. Der Besitzer des Café-Restaurants La Vallée de Ziz (kurz hinter dem Tunnel Zaabal) hat meine Tasche entdeckt, die Polizei informiert und beschrieben, dass wir mit zwei Campervans, einem grauen und einem dunklen, unterwegs sind. Daraufhin ist ein Streifenwagen aus Rich zur Straße nach Midelt gefahren und der andere hat unsere R 706 nach Westen kontrolliert. Wie schön, dass er uns gefunden hat!

Dann kommt ein Mann von draußen rein, ich strahle ihn an, denn er hält meine Handtasche in der Hand. Ich werde von „unserem“ freundlichen Polizisten aufgefordert, den Inhalt zu kontrollieren. Der Pass, das allerwichtigste, steckt wohlbehalten in einer Innentasche, das Portemonnaie ist da und die Geldscheine, die ich gerade in Errachidia frisch hineingesteckt habe, sind auch da. Nach vielen „Shukran“ und „Merci“ (wie schön, dass ich noch eine Packung gleichen Namens im Bus hatte) verlassen wir beglückt die Polizeistation.

Wir haben gar nicht viel Zeit, bis es schon wieder aufregend wird. Erst führt der Weg uns über eine Hochebene, schöne Berge auch hier rechts und links. Marokko verwöhnt einen sehr.

Dann ziehen sich die Berge immer mehr zusammen, wachsen über sich selbst hinaus und bilden eine Schlucht wie es dramatischer nicht mehr geht. Dennoch läuft unten das schmale Palmenband, dass den Fluss begleitet, weiter und der Mensch hat dem Fels auch noch Platz für Häuser abgerungen. In unserer Landkarte ist hier kaum noch ein Ort eingezeichnet, doch alle paar Kilometer tauchen neue Dörfer auf, in denen die Alten uns nachblicken und die Kinder uns zuwinken. Einmal müssen wir wegen eines Rettungswagens stehenbleiben und die Kinder umringen den Bus und fordern Bonbons. Nein, nein, nein, gebe ich ihnen mit energischen Kopfschütteln zu verstehen und bin ganz froh, als wir weiterfahren können. Meistens aber sind die Kinder nur neugierig und aufgeregt.

Langsam wird es Abend und wir brauchen einen Platz für die zwei Busse. In der Schlucht ist kein Platz, in den Dörfern auch nicht, dann wird es dunkel. Es dauert nur noch ein Viertelstündchen, bis wir direkt neben der Straße einen großen, freien, ebenen Platz entdecken. Perfekt. Wir parken die Busse, ein Campari-Orange und viele leckere Snacks werden herbeigezaubert und der Geburtstag kann entspannt ausklingen.

Am nächsten Morgen sieht es hier so aus:

21. Stopp: Ziz-Tal

Auch an meinem zweiten Morgen in der Sandwüste lasse ich mir dieses Spektakel nicht entgehen und klettere kurz vor Sonnenaufgang um sechs aus dem Bett. Ich bin nicht die Einzige. Auf den Kämmen der Dünen stehen kleine Gruppen von Menschen oder Einzelne und schauen zu, wie die Sonne hinter einem spitzen Sandberg empor klettert und den Sand in warmes Licht taucht. Zum Glück hält sich die Zahl der motorisierten Wüstenfans zurzeit in Grenzen. Es hat angenehme 16 Grad, unter meinen nackten Füßen fühlt sich der Sand kalt an, was mir alles aber lieber ist als die 30 Grad tagsüber und kochendheißer Sand, den man barfuß gar nicht betreten kann.

Als die Sonne da ist, laufe ich noch ein Stück weiter zum Dromedar-Übernachtungsplatz. Hier wird gerade gefrühstückt.

Am Tag zuvor haben wir die Hãlfte des Tages beim Bus zugebracht und gelesen, geguckt und gelesen. Die andere Hälfte waren wir am Pool und haben gelesen und gedöst. Natürlich sind wir auch geschwommen. Zischsch hat’s gemacht, als wir ins kühle Wasser glitten.

Heute fahren wir weiter, denn wenn man nicht Quad fahren, Kamel reiten oder Dünen surfen möchte, kann man bei der Hitze tagsüber nicht viel unternehmen (die Einheimischen bezeichnen die 30 Grad natürlich nicht als „Hitze“).

Wir haben in unserer Landkarte einen Vermerk gefunden:  H. – J. Voth, Goldene Spirale, Stadt des Orion. Alle Einträge im Netz dazu, die ich finde, sind ein paar Jahre alt. So schrieb beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am 8. März 2018: „Aufsehen erregte der heute 78-Jährige mit selbst-finanzierten Großskulpturen auf der Marha-Ebene in Marokko: die „Stadt des Orion“ mit archaisch wirkenden Blöcken und Türmen; die „Goldene Spirale“, die sich wie ein Brunnen in den Sand schraubt; und eine „Himmelsleiter“, eine steile Rampe mit 52 Stufen ins Nirgendwo. Mitten in der Wüste und ganz ohne Ablenkung überwinterte und arbeitete Voth 25 Jahre lang, oft in den von ihm in traditioneller Lehmbauweise errichteten, mehrstöckigen Kunstgebäuden.“ Was man davon heute noch sehen kann und wie man dorthin kommt, wissen wir nicht. Wir machen uns auf die Suche.

Als erstes stoßen wir im Dorf Fezna auf Ali, der uns das Bewässerungssystem erläutert, das wir die ganze Zeit schon sehen. „Es wurde vor 1100 Jahren angelegt und bis vor 30 Jahren durchgängig benutzt“, erklärt er uns. Aber jetzt fließt hier kein Wasser mehr. Es ist der Moderne und dem Klimawandel zum Opfer gefallen. Über eine Strecke von 40 Kilometern wurde das Wasser in Kanälen, Foggaras, aus den Bergen hierher geleitet. Im Abstand von zehn Metern gibt es Schächte, sogenannte Khettara, durch die der Abraum beim Bau der Kanäle hochgezogen wurde.

Ali ist auch derjenige, der sofort Bescheid weiß, als ich ihn nach der Landart von Hannsjörg Voth frage. Er war noch ein Junge, als „Hans“ hier arbeitete und bietet uns an, ein Auto mit Vierradantrieb zu besorgen, um uns dorthin zu bringen. Es ist nur zehn Kilometer entfernt, aber er sagt, dass der Weg teils versandet und mit unserem Bus nicht erreichbar sei. Leider werden wir nicht handelseinig. Die 650 Dirham (65 Euro) hätten wir ja noch bezahlt, aber auf einmal tauchten nochmal 150 Dirham (15 Euro) pro Person auf, die wir vor Ort dem Wärter bezahlen müssten. Mein Einwand, dass auch intensive Internetrecherche keinerlei Hinweis auf ein solch geregeltes Einlasssystem geben würde, half nicht weiter. Wir cancelten deshalb die ganze Geschichte und schauten uns die Landart durchs Fernglas an. Sehr schade.

Dieses Foto der Stadt des Orion wurde von der Universität Siegen im Internet veröffentlicht

19./20. Stopp: Casa Bouaid und Merzouga

Nach unserer Wanderung am frühen Morgen gibt es in der Hütte bei unserem Schlafplatz noch ein gutes Frühstück mit Omelette, Olivenöl, Orangen und frisch gebackenem Brot. Dann fahren wir bei sengender Hitze und zwei Kaffeehausstopps in einem Rutsch 160 Kilometer weiter Richtung Osten bis zur Casa Bouaid, 30 Kilometer vor Rissani. Hier bietet die Berberfamilie Bouaid Campern an, auf ihrem Grundstück zu nächtigen. Wieviel man dafür bezahlen möchte, ist Ermessenssache. Erst seit Anfang des Jahres gibt es dieses Angebot und der älteste Sohn Abdelali kümmert sich um die Gästebetreuung. Er bewirtet einen mit Tee, zeigt den riesigen Obst- und Gemüsegarten und unterhält sich interessant und angeregt in sehr gutem Französisch mit uns. Von ihm erfahre ich, dass seine Großeltern noch Nomaden waren und seine Eltern die ersten aus der Familie, die Land gekauft haben und sesshaft geworden sind. Im Schlepptau hat er seine jüngeren Brüder Hamsa und Raschid, die ihm am nächsten Morgen helfen, uns mit frisch gebackenen Pfannkuchen und Minztee zu verwöhnen. Wir lassen uns Zeit, denn unser nächstes Ziel, Merzouga, liegt nur 80 Kilometer entfernt.

Auf dem Weg liegt Rissani, eine Stadt mit großer aber trauriger Geschichte: sie gilt als älteste Stadt Marokkos, wurde aber zweimal zerstört, zuletzt 1818. Das prächtige Hassantor empfängt die Besucher, gleich daneben liegt das Ministerium für Jugend und Erziehung, ebenfalls in einem stattlichen Gebäude. Auf den Straßen ist viel los, Jugendliche radeln von der Schule heim, Händler bieten ihre Waren auf der Straße und im überdachten Markt an.

Nach dem Einkaufen fahren wir weiter nach Süden und die Landschaft versandet zusehends. Und dann sehen wir sie: die berühmten Dünen von Erg Chebbi, 40 Kilometer lang, sieben breit, die höchsten bis zu 200 Metern aufragend. Seit zuhause freue ich mich hierauf und nun sind wir tatsächlich hier. In der Sandwüste.

Wir fahren auf den Campingplatz Haven la Chance und können tatsächlich bis an den Sand heranfahren. Vom Bus aus blicken wir in die Wüste, auf den fast goldfarbenen Sand, die gewellten Dünen. Erfrischung gibt es zwischendurch im Pool, dann gleich wieder zurück, Sand gucken. Als die Hitze gegen halb sechs etwas nachlässt, machen wir einen ersten Spaziergang in die Wüste hinein, hocken uns auf den Kamm einer Düne und schauen. Das Programm für morgen sieht nicht viel anders aus. So viel Wüstenatmosphäre wie möglich aufsaugen – und wenn es zu heiß wird, in den Pool springen. Ich freu mich drauf.

18. Stopp: Bab n‘ Ali

Es war auf dem Campingplatz in Tamnougalt, dass der einzige andere Camper, ein Franzose, uns Fotos von Bab n’Ali zeigte und uns die dringende Empfehlung gab, einen Abstecher dorthin zu machen. Man könne wunderbar in der Gite Pitons essen und anschließend dort übernachten. Das klingt gut und ich google mal „Wandern in Bab n‘ Ali“ und tatsächlich: Ich finde den Track für eine Rundtour von 10 Kilometern bei 250 Höhenmetern, der direkt neben der Gite losgeht. Gesagt, getan. Von Nekob aus sind es nur 25 Kilometer nach Norden und sofort tauchen wir ein in die einsame Bergwelt.

Bei der Hütte angekommen machen wir alles klar: jetzt fahren wir erst noch hoch auf den Pass, dann kommen wir zum Abendessen zurück und können mit den Bussen gegenüber auf dem Parkplatz übernachten.

Die Fahrt bietet einmal mehr atemberaubende Ausblicke.

Zum Abendessen erwartet uns ein dreigängiges Menu: Linsensuppe, Spieße mit Putenfleisch, Oliven, ein wunderbarer Salat mit eingelegtem Kürbis, Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Paprika und hart gekochten Eiern, allerliebst mit einem Zackenrand dekoriert. Als Nachspeise werden uns Orangen und kleine Bananen, reif und aromatisch, serviert.

Wir gehen früh ins Bett. Denn um halb sieben klingelt der Wecker. Wieder soll es 30 Grad geben und wir wollen die Frische des Morgens für die Wanderung nutzen.

Die besonderen Bergformationen, deren Abbilder im französischen Handy uns hierher gelockt hatten, haben wir schon am Vorabend gesehen, doch erst das Sonnenlicht des frühen Morgens lässt sie in ihrer vollen Schönheit erglänzen. Wir laufen einmal um den linken Zacken herum, sind vier Stunden unterwegs (drei in Bewegung, eine in Ruhe, also fotografierend, stehend staunend, rastend).

17. Stopp: Tamnougalt

Rein in die Wüste, raus aus der Wüste, zurück in die Berge – so könnte man die Route der beiden vergangenen Tage in Kurzform beschreiben. Von den Dünen bei Tinfou sind wir noch 70 km näher an die Sahara herangefahren. In zwei Stufen haben wir uns vorgearbeitet. Hoch auf 1000 Meter, eine leere Hochebene gequert, wieder runter, wieder hoch und schließlich runter nach Mhamid, ein kleiner Ort am Rande der Sahara.

Hier werden an jeder Ecke die „Sahara Services“ angeboten: Dromedarritt in die Wüste, 4×4-Fahrten mit und ohne Übernachtung im Berberbiwak, Sandsurfen. Ansonsten gibt es kleine Hotels, ein paar Campingplätze, winzige Läden, Hitze und Staub.

Uns hält es hier nur für einen Spaziergang und ein kleines Mittagessen, dann fahren wir dieselbe Strecke wieder zurück. Die Straße ist gut, die Landschaft nur scheinbar eintönig, wir haben genug zum Gucken und ein Stündchen später sitzen wir wieder in Zagora beim gleichen Joghurtverkäufer wie am Tag zuvor. Seine Frau wirft mir aus der Küche sogar eine Kusshand zu.

Dann lenken wir den Bus nach Norden, um das Draatal zu besuchen. Der Fluss hat es geschafft, hier eine grüne Schneise zu schlagen und der Mensch hat sich nicht nur in Häusern in dieser Region niedergelassen sondern viele Kasbahs, Wohnburgen, errichtet.

Die älteste ist die in Tamnougalt, wo wir uns  am Abend auf  einen kleinen Campingplatz in einem idyllischen Garten stellen. Sogar ein Pfau wohnt hier.

Die Kasbah besichtigen wir am nächsten Morgen.  Wir werden mit dem zweiten Mann, der sich als Führer anbietet, handelseinig. Für 50 Dirham schließt er uns die Tür zu einer Kasbah in der früheren Mellah, dem Viertel der Juden, auf. Er zeigt uns ein sehr schön gearbeitetes Fenster, die Überreste der Synagoge und die Dachterrasse, auf der man angenehm kühl  schlafen konnte. Bis Ende der 50er Jahre war diese Mellah bewohnt, erzählt er.

Die Kasbah, die er uns dann zeigt, sei im Besitz seiner Familie gewesen. 13 Menschen hätten hier zusammen gewohnt. Heute leben im gesamten Ksar, dem alten Dorf, noch 20 Personen, bis vor ein paar Jahrzehnten waren es etwa 150. Vieles ist inzwischen unbewohnbar, sieht aber mit seinen beeindruckenden Lehmbauten immer noch sehr eindrucksvoll aus. Renovierungsarbeiten seien im Gange und würden mit Hilfe der Gelder, die die Touristen für die Besichtigung zahlen, finanziert. Inshallah.

Auf der Nebenstraße fahren wir weiter Richtung Osten und sehen noch viele weitere Ksars und Kasbahs und die üppigen vom Draa geschaffenen Palmenbänder. Wir passieren lebendige Dörfer, kaufen Wasser, Kaffee und Kekse ein und bestaunen die neuen Bauten, die sich im Stil an die alte Architektur anpasst.

Etwa 30 km vor Nekob erreichen wir eine größere Straße und die Landschaft ändert sich wieder komplett. Wir haben das Flusstal verlassen und queren nun eine Hochebene, eine Steinwüste flankiert von Tafelbergen.

Nekob wird als Stadt der 45 Kasbahs bezeichnet und liegt auf 1000 Meter Höhe.  Es ist ruhig hier, denn heute ist der erste Tag des Ramadan und Einheimische sitzen jetzt natürlich nicht im Café.

Wir schlendern durch den Ort, sehen uns gefühlt ein Viertel aller Kasbahs an und fallen erschöpft auf den Kaffeehausstuhl und ruhen uns aus.

Danach geht es weiter Richtung Berge. Morgen wird wieder mal gewandert.

Es ist weit bis zur Sandwüste

Und noch ein Tag durch die Steinwüste. Wieder sind wir „nur“ ca. 150 Kilometer gefahren. Gucken und Staunen und Fotografieren. Und mal wieder einen Geocache suchen. Der ist in einem nahen Höhlengebiet versteckt. Eine Tropfsteinhöhle. Die Stalagtiten sehen aus als würden sie aus Schlamm gebildet sein. Hmm, da muss mir mal ein Geologe helfen. Geocache […]

Es ist weit bis zur Sandwüste