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Nordlichter!?

Die Flasche Sekt habe ich heute Morgen in den Kühlschrank gestellt. Falls wir heute Nacht die ersten Polarlichter unseres Lebens sehen sollten, wird sie geköpft (danke, Michael und Iftah!).

Gestern Nacht gegen eins flüstert Achim mir zu: „Eva, komm! Es gibt Lichter!“ Obwohl ich beim Insbettgehen noch gedacht hatte, dass ich niiiie mehr aufstehen könnte, springe ich aus dem Bett und bin im Nu draußen.

Leichte graue Schleier tanzen am sternklaren Himmel. Mehr ist mit bloßem Auge nicht zu entdecken. Achim hat seine Kamera aufs Stativ gestellt und auf den Bildern ist es schon farbiger.

Für kommende Nacht sind noch bessere Werte vorhergesagt. Wenn es sich nicht bewölkt, stehen unsere Chancen nicht schlecht, das Himmelsschauspiel auch ohne technisches Hilfsmittel zu bewundern.

Erstmal aber fahren wir nach dem Frühstück in das kleine Dorf Njurgulahti, unweit von unserem Wanderparkplatz. Wir versuchen, eine Bootstour auf dem Lemmenjoki zu ergattern. Ein Traum wäre eine Fahrt zum Canyon und den Wasserfällen, mal sehen, ob jetzt zum Ende der Saison noch jemand zu einem erschwinglichen Preis fährt.

Die Gegend hier ist auch berühmt für ihre Goldvorkommen. Am Lemmenjoki wird seit 1945 nach Gold geschürft, als Kriegsheimkehrer hierherkamen, um ihr Glück zu finden. Im Gebiet leben immer noch Goldwäscher, von denen ab und zu auch jemand fündig wird.

Boote sind zwar da, aber kein Käptn in Sicht.

Dann also weiter nach Inari, zum zweitgrößten See in Finnland. Kurz halten wir nochmal an Stromschnellen an, dann erreichen wir den Ort.

Gleich links fällt ein großes modernes Gebäude auf: es ist das Sajos, das Kulturzentrum der Samen. Es beherbergt das finnische Parlament der Samen, ein Archiv und eine Bücherei, einen großen Veranstaltungsraum mit über 400 Plätzen, Shop und Café.

Ein paar Schritte weiter, am aufwändig gestalteten und preisgekrönten Sápmi-Museum Siida, das wir morgen besuchen werden, erhaschen wir einen ersten Blick auf den Inari-See. Für uns ist er der nördlichste Punkt unserer Reise. Hier wollten wir her, um die Ruska, den finnischen Indian Summer, von Nord nach Süd zu begleiten und um die Nordlichter zu sehen.

Wir bummeln ein wenig am See entlang. Der Ort ist ganz klein. Hier wohnen 500 Menschen, es gibt eine Tankstelle, ein Hotel, ein Restaurant, zwei Supermärkte, leider kein Café. Mit zwei Coffee to go und drei Teilchen aus dem Supermarkt setzen wir uns auf eine Bank am See und genießen die Aussicht.

Einen Übernachtungsplatz am Wasser finden wir zehn Kilometer südlich des Ortes. Hier lassen wir uns heute Nacht überraschen. Polarlichter? Daumen drűcken, bitte!

(Fast) in der Wildnis

Eine kleine Holperstraße führt uns noch tiefer hinein in den Lemmenjoki-Nationalpark. Wir lenken unseren Bus auf den Wanderparkplatz in Lemmenjoki und sind erstmal baff: er ist voll! Es sind fast alles PKW mit finnischen Kennzeichen. Nicht zu fassen. Eine neunköpfige Frauengruppe mit großen Rucksäcken startet gemeinsam mit uns, biegt aber gleich rechts ab. Ein finnisches Paar überholt uns. Sie wollen fünf Tage unterwegs sein.

Wir haben einen 16 Kilometer Rundweg vor uns. Erneut tauchen wir in Wald und Moor ein und sind endlich allein. Unser heutiges Ziel birgt etwas Neues. Heute geht es hinauf aufs Fjell, wie hier die Höhenrücken genannt werden. Unserer heißt Joenkielinen und ist 530 Meter hoch.

Nach ein paar Kilometern erreichen wir diesen spektakulären Pausenplatz. In der Korta, vor der ich hier stehe, gibt es eine Feuerstelle, Holzpritschen zum Übernachten, Baumstämme zum Draufsitzen.

In einem Nebengebäude ist genügend gehacktes Holz für die Wanderer vorrätig. Was für ein Service!

Eine halbe Stunde später sehen wir unseren Hügel. Obwohl es nicht besonders hoch hinauf geht, fühlt es sich jetzt alpin an. Die 300 Höhenmeter müssen auch gegangen werden, wir sind jetzt oberhalb der Baumgrenze, der Weg ist steinig und der Wind pfeift ordentlich hier oben.

Deshalb genießen wir oben den 360 Grad-Blick nur kurz, machen ein Gipfelfoto und setzen unsere Runde mit dem Abstieg fort.

Etwas weiter unten machen wir Brotzeit und die letzten Kilometer schwächele ich ganz schön. Die Schultern tun mir weh (dabei trägt Achim schon eine ganze Weile auch meinen Rucksack), die Füße auch, ach, wann sind wir denn endlich da?

Nach sieben Stunden sind wir wieder am Bus und ich lege mich erstmal aufs Bett. Und was macht Achim? Abendbrot. Lecker.

Auf Schotterpiste in den Nationalpark

Heute schauen wir uns Finnland von oben an. Achims Drohne, ein kleiner See und der Tipp von Michael (Heimaufreisen) machen es möglich.

Der künstliche See Neitokainen in der Nähe von Kittilä wurde 1991 im Rahmen eines Bauprojekts ausgegraben. In der Gegend sollten Ferienhäuser und ein Hotel gebaut werden. Esko Sääskilahti, der für das Feriendorfprojekt verantwortliche Baumeister, beschloss, in der Mitte des Geländes einen Teich in Form von Finnland anzulegen. Er hat aber nur ein Zehntausendstel seiner Länge.

Allerdings mangelte es bald an Geld für das Bauvorhaben und die Pläne für die Ferienanlage gerieten in Vergessenheit. Heute erinnert nur noch der verlassene Neitokainen-See an die großen Pläne, dessen eigenartige Form den meisten Besuchern des Sees unbemerkt bleibt, da Finnland nur aus der Luft zu erkennen ist.

Nach diesem Abstecher kehren wir auf unsere ursprüngliche Route zurück. Heute wollen wir in den Lemmenjoki-Nationalpark. Er ist so groß wie das Saarland und gilt als das größte unbewohnte und straßenlose Wildmarkgebiet in Europa.

66 Kilometer Schotterpiste nehmen wir in Kauf, um dorthin zu gelangen.

Auf der Fahrt wird deutlich: die Ruska hat begonnen! Es gibt zwei gute Gründe für uns, im September nach Finnland zu fahren: die Ruska und die Polarlichter.

Das Wort Ruska hat seinen Ursprung im samischen Wort „ruške“, was „braun“ bedeutet. Allerdings ist Braun nur eine Farbe in der Ruska-Palette, wenn sich Finnland im September und Oktober in ein Meer aus gelben, roten und orangefarbenen Blättern verwandelt. Wegen dieses Indian Summer sind wir JETZT hier. Gerade zur richtigen Zeit.

Im Nationalpark steuern wir den ersten Wanderparkplatz an. Von hier aus gibt es einen Wanderweg zum Rentierscheidungsplatz von Sallivaara. Er ist 90 Jahre alt und gehört zu den größten in Sápmi.

Im Herbst treiben die Besitzer ihre Rentiere dort zusammen, zählen sie, markieren die neuen Kälber und wählen Tiere für den Verkauf aus.

Hin und zurück sind es zwölf Kilometer und es ist schon fünf, als wir loslaufen. Aber wir haben beide das Bedürfnis, uns zu bewegen. Wir laufen durch den üblichen Birken-Kiefern-Wald, rechts und links wachsen Blau und Preiselbeeren, der Weg ist naturbelassen, es geht über Stock und Stein.

Eine riesige Gatteranlage finden wir am Ziel vor. Ich habe gelesen, dass die Rentierscheidung im September stattfindet. Vielleicht haben wir ja Glück und können mal bei einer zusehen.

Heute halten sich die Tiere von der Anlage fern, leider auch von uns während der gut dreistündigen Wanderung. Wir sehen nur einmal schemenhaft welche weiter hinten zwischen den Bäumen.

Gern jedoch zeigen sie sich auf der Straße. Ist doch auch was.

Erste Wanderung in Sápmi

Nach München sind es von hier aus 2780 Kilometer. Ganz schön weit weg von Zuhause.

Rovaniemi steht für den Polarkreis, es ist das Tor nach Lappland und zugleich seine Hauptstadt. Die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht nahezu vollständig zerstört und von1945 bis 1952 nach Plänen des Architekten Alvar Aalto wieder aufgebaut. Als Grundriss für den neuen Ort wählte er ein Rentiergeweih.

Für viele ein touristisches Highlight ist das Weihnachtsmanndorf, in dem Santa Claus täglich  große und kleine Kinder empfängt. Sogar das nicht weit entfernte Polarkreiszentrum, an dem wir heute Nacht campiert haben, ist ganzjährig vom Weihnachtsmannfieber angesteckt.

Nach dem Frühstück entfliehen wir dem Rummel, um zu unserer ersten größeren Wanderung in finnisch Lappland aufzubrechen. Besser gesagt in Sápmi, denn so lautet die korrekte Bezeichnung für dieses Gebiet.

Wir fahren in die Arctic Circle Hiking Area. Hier gibt es verschiedene Wanderwege. Wir haben uns einen acht Kilometer langen Rundweg ausgesucht.

Gleich am Anfang werden wir gewarnt, dass duck boards in schlechtem Zustand gewesen seien und man sie deshalb entfernt hätte. Schulternzucken, Duckboards? Keine Ahnung. Egal, wir wollen los.

Wir queren den Fluss, dann geht es auf Bohlenwegen durch den Wald. Unter uns ist Moor.

Nicht nur hier sondern vielfach zumindest im Norden Finnlands gibt es Laavus, Unterstände, in denen Wanderer, Ausflügler oder Touristen verweilen können. Ausgestattet sind sie meist mit einer Feuerstelle, einem Grill, gehacktem Holz und einem Trockenclo. Heute ist Samstag und später, wieder in der Nähe des Parkplatzes, begegnen wir einheimischen Familien mit Picknickutensilien auf dem Weg zu den Laavus.

Für uns ist jetzt erstmal Schluss. Der Bohlenweg hört abrupt auf. Was heißt gleich nochmal duckboard? Bohlenweg! Mist.

Was stand auf dem Warnhinweis? „Wer weitergeht, wird sehr nasse Füße bekommen“. Hm. Was tun? Umkehren? Nein, auf keinen Fall. „Mehr als nasse Schuhe können wir ja nicht kriegen. Und die trocknen wieder“, sind wir uns einig. Also Hose hochkrempeln und rein ins Nass. Wattwandern ist auch nicht viel anders.

Etwa 20 Minuten waten wir durchs nasse Moor und freuen uns, dass wir nicht umgekehrt sind. Man kann hier ganz gut gehen, sinkt nicht tiefer ein als zu den Knöcheln und kalt ist es auch nicht. Die Sonne lugt immer mal wieder raus und es hat um die 20 Grad.

Zur Belohnung gibt es vor unserem heutigen Aussichtsturm (30 Stufen, null Vögel) eine kleine Brotzeit, angereichert mit Assamtee und einem Schuss Gin.

Beschwingt laufen wir die letzten vier Kilometer bis zum Parkplatz. Jetzt gibt es wieder einen schönen Bohlenweg und unsere Schuhe können schon ein bisschen trocknen.

Um die Stadt anzuschauen, sind wir zu faul. Aber Einkaufen geht noch.

Dann machen wir uns auf die Suche nach einem Laavu für heute Nacht. Das erste, das wir uns ausgeguckt hatten, ist schon besetzt.

Aber das zweite ist frei. Wir stehen direkt am Fluss, weit und breit kein Mensch. Nur ein paar Knotts, diese winiwinzigen Mücken – damit es nicht zu paradiesisisch wird. Aber wir wehren uns mit einer Mückenspirale und einem kleinen Feuerchen. In das wir Würste halten. Von denen die Knotts nix abkriegen. Ha!

Richtung Polarkreis

Unseren täglichen Turm gib uns heute. Er hat nur 29 Stufen und gibt den Blick frei auf Enten und Blesshühner. Einen Geocache gibt es auch im zweiten Stock.

Unsere Nacht im kleinen Inselhafen war ruhig und über die Sonne heute Morgen freuen wir uns sehr. Es hat 18 Grad, sie fühlen sich wegen der leichten Brise kühler an als die Tage zuvor.

Heute verlassen wir die Ostsee und fahren durchs Landesinnere Richtung Polarkreis nach Rovaniemi. Das sind noch 314 Kilometer. Als Tagesetappe ist uns das zu viel, so dass wir wohl unterwegs irgendwo nochmal übernachten. Mal sehen, was alles so kommt.

Am Vormittag kommt nicht mehr viel: ein bisschen was einkaufen und mit der Fähre zurück aufs Festland schippern. Tanken (1,61 Euro).

Zu Mittag probieren wir eine finnische Spezialität: Leipäjuusto („Brotkäse“) ist ein Käse, der traditionell aus dem Kolostrum der Kuh hergestellt wird, also der Milch, die diese direkt nach dem Kalben gibt. Er wird gebacken, gegrillt oder flambiert. Die Finnen geben ihn manchmal in eine Tasse und übergießen ihn mit Kaffee. Hauptsächlich wird Leipäjuusto aber mit Moltebeeren oder Preiselbeeren kalt oder gebacken aus dem Ofen gegessen.

Wir erwärmen ihn leicht in der Pfanne, legen ihn auf eine Scheibe Brot und essen ein bisschen Mirabellenmarmelade von Freundin Angie dazu. Lecker. Den kaufen wir wieder.

Die Hauptstraße haben wir schon lange verlassen, jetzt rollen wir auf kleinen Nebenstraßen nach Norden. Es gibt kaum noch Dörfer, ab und zu lugt ein Mökki, ein Sommerhaus, zwischen Bäumen hervor, manchmal eine namenlose Ansiedelung. Die Autos, die uns entgegen kommen, kann ich an einer Hand abzählen.

Meist folgen wir dem Lauf eines Flusses, ab und an passieren wir einen See. Immer ist Wald aus Birken, Kiefern und Fichten rechts und links von uns.

Dann trottet ein Rentier mitten auf der Straße und lässt sich von den Autos nicht aus der Ruhe bringen.

Wir beschließen, doch bis Rovaniemi durchzufahren. Es fährt sich sehr entspannt hier und es sind nur noch hundert Kilometer. Polarkreis, wir kommen!

Um kurz vor sechs sind wir da. Natürlich machen wir erstmal ein ausführliches Fotoshooting.

Strandtag

Zuerst mal ein gemütlicher Frühstückskaffee mit Heidi und Michael (instagram.com/heimaufreisen). Sie sind reisefroh wie wir und da gibt es eine Menge zu erzählen. Besonders fasziniert mich, dass Heidi jeden Morgen mit ihrer Freundin eine Stunde in der Eider schwimmt – wenn sie denn mal zuhause ist.

Das Wetter ist wieder großartig. Gut so, schließlich wollen wir heute ans Meer. In die Dünen. An den Strand.

Nach dem Abschied nehmen wir deshalb Kurs auf die Halbinsel Vattajanhietikko (bitte mal laut aussprechen!) und den winzigen Ort Othakari. Wir stromern ein wenig herum, außer uns ist nur ein junger Vater mit seinen beiden Kindern da. Ein Aussichtsturm, 60 Stufen rauf, 60 Stufen runter, zeigt uns die Einsamkeit des Inselchens.

Der nächste Strand bei Kalajoki soll der achtschönste des Landes sein. Da wir einen Mittagspausenplatz suchen und heute ja unser Strandtag sein soll, fahren wir hin, laufen durch die Dünen an den Strand, tapsen ein bisschen im Wasser rum, kochen Kaffee und machen Brotzeit.

Gestern Abend hatte sich Achim eine ganze Weile mit einem Fischer unterhalten. Auf Deutsch. Er empfahl uns eine kleine Straße weiter Richtung Norden, die wir am Nachmittag dann auch nehmen.

Sie ist auf jeden Fall abwechslungsreicher als die Europastraße, führt uns durch Wälder und an Stoppelfeldern vorbei und zu einer alten Holzkirche und einem mächtigen Fluss.

Am späten Nachmittag nehmen wir nicht mehr wie noch am Morgen mit einer Halbinsel vorlieb. Jetzt geht es richtig auf die Insel. Mit der Fähre, die uns kostenfrei hinüberbringt. Wir müssen eine halbe Stunde warten, währenddessen zieht Nebel auf.

Hailuoto heißt das kleine Eiland kurz vor Oulu, der nördlichsten Großstadt der Europäischen Union. Weniger als Tausend Menschen leben auf dieser Insel, die gerade erst vom Tourismus entdeckt wird und Meer, Strand, Dünen und Vogelschutzgebiete bietet. Und Nebel.

Wir fahren an den Weststrand und platzieren uns an einem kleinen Hafen. Und rechts davon ist er auch schon: unser dritter Strand für heute. Sonnen geht leider nicht.

Inselhopping

Unser erster Stopp ist heute kurz hinter Vaasa. Die Replot-Brücke mit rund einem Kilometer Länge will bestaunt werden. Sie wurde erst 1997 gebaut und bringt uns zu einer kleinen Inselgruppe namens Kwarken-Archipel.

Achim hat das gestern Abend als Zwischenstopp ausgesucht und wir sind gespannt.

Die UNESCO-Welterbestätte ähnelt einem Mosaik aus Wasser und Land. Interessant: die Erde hebt sich hier jedes Jahr um einen Zentimeter. Nacheiszeitliche Erhebungen.

Die Sonne scheint, die 20 Grad sind uns gerade recht und wir freuen uns über die gut ausgeschilderte vier Kilometer Rundwanderung.

An deren Ende ein 20 Meter hoher Aussichtsturm die Erhebung der vergangenen 2000 Jahre symbolisiert und einen wunderbaren Rundumblick bietet.

Etwa 70 Kilometer weiter nach Norden hinter Petersstad lädt uns die „Straße der sieben Brücken“ zu einem weiteren Inselhopping in die Schärenwelt ein.

Natürlich zählen wir mit, halten hier und da, gucken, fotografieren.

Als Nachtplatz haben wir uns zur Abwechslung einen kleinen See ausgesucht. Und bei 23 Grad Lufttemperatur kann ich endlich auch mal schwimmen gehen. Mir zur Seite Heidi aus Norddeutschland, unsere Nachbarin vom gestrigen Hafen.

Lagerfeuer, Würstchen, ein finnischer Traum geht gerade in Erfüllung.

Überraschungen in Rauma

Die Menschen hier in Rauma reden einen einzigartigen Dialekt. Es heißt, sie sprechen ein stimmhaftes  B, D und G, was man im Finnischen wohl nicht tut, andere Buchstaben hingegen lassen sie gern mal weg, und ihr Wortschatz beinhaltet nicht nur viele Wörter schwedischen Ursprungs, sondern – bedingt durch die Seefahrt – auch aus diversen anderen Sprachen. Schade, dass wir all das nicht hören können. Denn wer kein Finnisch kann, kann auch die Feinheiten des Dialekts nicht erfassen. Überrascht bin ich als Sprachenliebhaberin trotzdem.

Am Ortseingang von Rauma steht am Straßenrand ein Schild, das die Ankommenden im Rauma-Dialekt mit Ol niingon gotonas  („Fühle dich wie zu Hause“) begrüßt und bei der Ausfahrt Luanikast reissu („Gute Reise“) wünscht.

Auch das Schild vorm Café lockt die Gäste zweisprachig an. Oben, groß, der Rauma-Dialekt, ganz unten, ganz klein, Finnisch. Der Übersetzer hilft (teilweise) weiter: „Wenn es schneite, würde Gyll auch Donutkaffee trinken“. Gyll? Donutkaffee? Hm.

Schauen wir uns lieber die Altstadt an. Weltkulturerbe. 600 Holzhäuser sind in überraschend gutem Zustand.

In den Jahren 1640 und 1682 verwüsteten zwei verheerende Brände Rauma. Seitdem ist die Stadt aber von Feuersbrünsten verschont geblieben, was für eine Holzhausstadt eine Seltenheit ist.

Die gut sanierten Holzhäuser dienen heute als Wohnhäuser, beherbergen Geschäfte, Cafés und Restaurants.

Achim trifft vor dem Stadtmuseum überraschenderweise eine sehr kontaktfreudige Einheimische.

Nun müssen wir uns den profanen Dingen zuwenden: Ver- und Entsorgung. Das ist für Camper, die nicht auf Campingplätzen schlafen, stets eine Herausforderung. Bereist man ein Land zum ersten Mal, muss man also herausfinden, wie und wo man sein Abwasser loswerden, frisches Trinkwasser tanken, seine Toilette leeren und den Abfall entsorgen kann. In Finnland gibt es, so haben wir gehört, nicht so viele Möglichkeiten wie in manch anderen Ländern. Seit einiger Zeit sollen aber die ABC-Tankstellen diese Angebote haben. Also nichts wie hin.

Vor Ort ist es ein bisschen kompliziert: man muss sich im Imbiss den Schlüssel besorgen, kostet fünf Euro, dafür erklären die Verkäuferinnen super freundlich, wo wir lang müssen.

Nach dem Leeren des Clos wird natürlich das Becken gespült – ich trete auf den Fußhebel, von dem ich annehme, dass er dafür zuständig ist – und werde geduscht von hochspritzenden Wasserstrahlen! Iiigittttt! Zum Glück war es sauberes Wasser. Überraschend in jedem Fall.

Weiter geht es in den Supermarkt. Dass Bier hier erheblich teurer ist als in Deutschland, überrascht uns nicht. Der Preis gilt pro Flasche, eh klar.

Eine kleine, ein wenig peinliche Überraschung wartet an der Kasse auf uns. Der Gestik der Kassiererin entnehme ich, dass wir die Schlangengurke hätten abwiegen müssen. Wer kommt denn auf so was? Ich werde aber nicht weggeschickt. Sie schlüpft schnell hinter der Kasse hervor, läuft zur nächsten Waage und ist im Nu zurück. Niemand meckert. Die Verkäuferin lächelt mich freundlich an und wünscht einen schönen Tag.

Den haben wir und lassen ihn direkt am Meer in der Nähe des kleinen Örtchen Närpes etwas südlich von Vaasa ausklingen.

Ehe wir unseren kleinen Hafen für diese Nacht erreichen, gibt es noch eine letzte feine Überraschung für diesen Tag.

Statt Meer mehr Seen sehen

Finnland wird auch das Land der tausend Seen genannt. Tatsächlich reicht diese Zahl noch lange nicht. Es wurden nämlich 187.888 Seen gezählt, wobei alle mitgezählt wurden, die mindestens 500 Quadratmeter groß sind.

Nachdem wir den Großraum Helsinki verlassen haben, beginne ich zu zählen: auf unseren ersten zehn Kilometern fahren wir an vier Seen vorbei. Dabei ist der Süden des Landes seenarm im Vergleich zu anderen Regionen.

Auf kleineren Straßen schlängeln wir uns durchs Landesinnere Richtung Nordwesten. Heute steht uns der Sinn nicht nach Meer und Küste sondern nach Wald und Seen. Davon werden wir zwar auf den kommenden hunderten von Kilometern noch genug sehen, aber wir wollen heute unbedingt schon mal eine erste Kostprobe.

Mit etwa 5,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche fast so groß wie Deutschland gehört Finnland zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas. Der Großteil der Bevölkerung lebt im Süden des Landes, den wir jetzt langsam, langsam verlassen. Ihre Häuser sind hier aus Holz, zartgelb, hellgrün oder dunkelrot angestrichen, liegen zurückgesetzt von der Straße auf großen Grundstücken.

So auch das Geburtshaus des finnischen Dichters Elias Lönnrot (1802 – 1884). Auf seinen Reisen zeichnete er die mündlich überlieferte finnische Volksdichtung auf, auf deren Grundlage er das Nationalepos Kalevala verfasste. Damit legte er den Grundstein für eine finnischsprachige Literatur. Es zählt zu den wichtigsten literarischen Werken in finnischer Sprache und trug maßgeblich zur Entwicklung des finnischen Nationalbewusstseins  bei.

Erster Einkaufsstopp. Wir brauchen Brot. Achim liest „Shop“, schon hält er an. Wir landen bei Muurla Design Marketing, einer ehemaligen Glasbläserei, die heute viel Schnickschnack, aber tatsächlich auch Brot verkauft. Hätten wir gewusst, dass ein paar Kilometer weiter zwei große Supermärkte kommen… hätten wir nicht dieses leckere, leicht nach Anis schmeckende Brot gefunden. Mit Eichsfelder Mettwurst ein Genuss. Zeit für die Mittagspause. Wo? An einem See natürlich.

Nach insgesamt 200 Kilometern erreichen wir den See Pyhäjärvi, 25 Kilometer lang, acht Kilometer breit, und einem wunderbaren Plätzchen für uns zum Übernachten.

Das Abendlied liefern heute Gänse und Enten. Die Luft ist voll von ihrem Geschnatter. Die ersten Zugvögel scheinen sich für ihre Reise in den Süden zu sammeln. Für uns geht es weiter nach Norden.

Willkommen in Helsinki! Tervetuloa!

Vorgestern Nacht um zwei in der Früh legte unsere Fähre in Travemünde ab, 32 Stunden später landen wir in Finnlands Hauptstadt. Es ist Sonntag, der 1. September, meteorologischer Herbstanfang.

Rund fünf Wochen liegen vor uns, in denen wir eine große Runde durchs Land machen wollen: an der Westküste hoch, über den Polarzirkel nach Lappland an den Inarisee, Polarlichter und Indian Summer erleben. Über Karelien an der russischen Grenze und die Seenplatte wieder nach Süden.

Aber heute erstmal Helsinki.

Wir finden einen prima Stellplatz direkt am Wasser in der Nähe des Zoos (unserem Reiseführer sei das erste Mal gedankt). Mit den Rädern geht es fix ins Zentrum.

Am Hauptbahnhof suchen wir die Touristeninfo, vergeblich, stoßen stattdessen auf interessante Architektur: Das aus finnischem Granit gebaute Bahnhofsgebäude ist ein Blickfang. Rechts und links vom Haupteingang wachen wuchtige Lampenträger über das Geschehen.

Eine bedeutende Rolle spielt in Helsinki ein Berliner Architekt, Carl Ludwig Engel, der Anfang des 19. Jahrhunderts den Auftrag zur Stadtgestaltung erhielt (Helsinki war 1812 von Zar Alexander I. zur finnischen Hauptstadt gekürt worden). Seine neoklassizistischen Bauten prägen seither das Gesicht der Innenstadt. Das Stadttheater ist hierfür ein Beispiel.

Auch der gigantische Dom mit seiner ausladenden Freitreppe.

Auf der Esplanade, einem breiten Grünstreifen, flanieren Einheimische wie Touristen und wir stoßen auf eine interessante Fotoausstellung des irischen Konzeptkünstlers Kevin Abosch, der im vergangenen Frühjahr Tausende von Menschen in der finnischen Hauptstadt fotografierte und diese Bilder mit Hilfe künstlicher Intelligenz verfremdete.

Obwohl heute Sonntag ist, locken auf dem angrenzenden Marktplatz jede Menge Verkaufs- und Fressbuden.

Wir stärken uns erstmal mit dem finnischen Nationalgetrãnk Kaffee und leckeren Zimtröllchen.

Dann geht’s schon wieder aufs Schiff. Diesmal aber nur ein kleines, das uns in einer Viertelstunde rüberbringt zur Festungsinsel Suomenlinna.

Hier stromern wir ein, zwei Stündchen herum, genießen das schöne Wetter und stellen wieder einmal fest, dass 19 Grad im Norden wärmer sind als 19 Grad im Süden. Diese Erfahrung machen wir jedes Mal in Skandinavien.

Helsinki ist eine quirlige Metropole mit viel Grün und viel Wasser. Gute Radwege bringen uns am Abend wieder zurück zu unserem Camper.

Während die ersten Wahlergebnisse aus Thüringen und Sachsen via Internet eintrudeln, brate ich Kartoffeln mit Speck und Eiern. Ein Seelenessen als Medizin gegen traurig machende Nachrichten.