Archiv der Kategorie: Glücklich auf 8 qm

Blumen in Noto und Schokolade in Modica

„In Noto ist Blumenfest!“, schrieb Schwägerin Gabi neulich. Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Seit 1980 findet um den dritten Sonntag im Mai herum die Infiorata, statt. Im Herzen der barocken Altstadt auf der Via Nicolaci, einer der Prachtstraßen Notos, entstand am vergangenen Freitag ein farbenfroher Blumenteppich: 122 Meter lang und sieben Meter breit, der über 700 Quadratmeter bedeckt, mit 400.000 Blumen.

Lokale Künstlerinnen und Handwerker gestalteten Blumenbilder aus frischen Nelken, Gerbera, Rosen, Margeriten und anderen Blumen der Saison. Die Vorbereitungen beginnen bereits Tage zuvor, wenn die Umrisse auf den Boden gezeichnet werden.

Das Thema der Blumenkreationen ändert sich jedes Jahr, und das diesjährige Thema ist „Kunst fördert den Frieden„.

Sogar an einem Montag sind viele Besucherinnen und Besucher da, um sich die Blumenkunst anzuschauen. Gemeinsam steigen wir auf den Kirchturm, um die Pracht von oben zu bestaunen und laufen durch weitere geschmückte Straßen, in denen sich sogar die Guardia di Finanza und die Carabinieri mit Blumenarragements beteiligen.

Doch nun genug der Blumen. Ein Kaffee und eine Raviola (ein großer Keks aus Mürbeteig, etwa dreimal so groß wie ein Ravioli, gefüllt mit Schokolade) und dann weiter nach Modica.

Eine weitere Barockstadt, ebenfalls Weltkulturerbe, vor allem aber bekannt wegen ihrer Schokolade.

Alle paar Meter stößt man hier auf Schokoladenläden und Confiserien, die die ganz spezielle Modicaschokolade in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen herstellen.

Natürlich kosten wir und kaufen wir.

Statt Kaffee bestelle ich mir zur Nuss-Schokoladen-Torte eine Trinkschokolade zubereitet aus guter Modica-Schokolade, die nicht getrunken werden kann sondern gelöffelt werden muss.

Fast bekomme ich einen Zuckerschock, doch dann fällt mir ein, in dieser Schokolade ist ja fast nur Kakao und so gut wie gar kein Zucker. Trotzdem ist es nun mal gut mit den Schleckereien und wir fahren raus aufs Land. Da haben wir wieder unsere Ruhe und zum Ausgleich gibt es Tomaten mit Mozzarella und einen tollen Sternenhimmel.

Blau, blauer am blauesten

Wir sind mal wieder auf einem Campingplatz. Das bedeutet duschen, Haare waschen und ganz gemütlich draußen frühstücken. Gegen Elf fahren wir mit den Rädern am Meer entlang nach Süden. Wir wollen ins Naturreservat Vendicari.

Ausgedehnte Sumpfgebiete dienen den Zugvögeln als Zwischenstation auf ihrer Wanderung nach Afrika. Zahlreiche Vogelarten machen hier Pause: Stelzvögel, Graureiher, Störche, Flamingos, sowie die Stockente, Möwen, Kormorane und der Stelzenläufer. Leider sind wir viel zu spät. Die Vögel sind natürlich längst weitergezogen zu ihren Sommerquartieren. Aber wir erspähen immerhin Flamingos.

Auf der einen Seite liegen die Lagunen, eher gräulich, auf der anderen das Meer und das hat heute eine Farbe, an der wir uns nicht satt sehen können. Blau, blauer, am blauesten. „Da wirste betrunken von“, sagt mein Liebster.

Unsere kleine Wanderung führt uns durch die mediterrane Macchia, Kräuter, Disteln, jede Menge Grünzeug, das wir nicht kennen.

Unsere Augen können sich nicht satt sehen am Spiel der Farben. Ein starker Wind, der Scirocco, weht uns ins Gesicht. Fürs Picknick suchen wir Schutz hinter den Mauern einer Ruine.

Krönender Abschluss unseres Tags am Meer ist ein Bad am Strand im Naturreservat. Im ersten Moment schnappen wir, erhitzt wie wir sind, nach Luft, aber dann ist es Genuss pur.

Von alten Griechen, einem Elefanten und dem Besuch im Waschsalon

Wir haben gestern noch nicht alles gesehen in Syrakus. Während der griechischen Herrschaft entstanden hier weitere meisterhafte Bauwerke: das Griechische Theater war zur damaligen Zeit das größte Amphitheater mit 15.000 Sitzplätzen und einem Durchmesser von 140 Metern. Es wurde im 5. Jahrhundert vor Christus errichtet und glänzte durch seine hervorragende Akustik.

„Das Theater ist aus einem einzigen Felsen in 80 jähriger Arbeit Reihe für Reihe mit Hammer und Meißel herausgearbeitet worden“, erzählt eine Führerin neben mir einem deutschen Paar. Nicht zu fassen.

Den Römern aber war die Bühne zu klein für ihre blutigen Gladiatorenkämpfe. Was tun? Na, ganz einfach, ein weiteres Theater bauen.

In den Latomien, den Steinbrüchen aus antiker Zeit haben wir Spaß mit dem Ohr des Dionysios:  eine 60 Meter lange und 20 Meter hohe Höhle mit erstaunlicher Akustik. Klatschen, Stampfen Flüstern werden je nach Position als Echo oder laut übertragen. Von der Schulklasse über die jungen Pärchen bis hin zu den Senioren wird gepfiffen, gesungen, geklatscht.

Nicht nur vor Dionysos‘ Ohr, im gesamten archäologischen Park sind Skulpturen des polnischen Bildhauers Igor Mitoraj ausgestellt. Seit März 2024 bereichern 25 seiner großformatigen Skulpturen, die sich mit griechischer Mythologie beschäftigen, das gesamte Gelände.

Gegen Mittag kehren wir dem schönen Syrakus den Rücken zu und fahren die Küste entlang weiter nach Südwesten. Achim hatte auf maps einen Ort gesehen, zu dem er unbedingt wollte. Während wir in der Mittagshitze über Stock und Stein Richtung Meer balancieren, stöhne ich: „Wo Du mich immer hinführst!“

Als wir am Ziel sind, strahle ich: „Wo Du mich immer hinführst!“

Einen Elefanten im Meer sieht man nicht jeden Tag.

Zum Ausgleich führe ich meinen Liebsten später in den Waschsalon. Das ist nach mehr als vier Wochen mal dringend nötig. Gut ist, man hat ja Wartezeit im Waschsalon. Die wissen wir zu überbrücken und der Wirt heute weiß wirklich, wie Aperitif geht.

Sehr sympathisches Syrakus

In der Antike war Syrakus über mehrere Jahrhunderte die größte und mächtigste Stadt Siziliens und dessen kulturelles Zentrum. Cicero beschrieb sie in seinen Reden als „die größte und schönste aller griechischen Städte“. Damals hatte der Ort antiken Autoren zufolge eine Million Einwohner, heute rund 120 000.

Wir haben es nicht weit dorthin und ein Parkplatz ist rasch gefunden. Der älteste Teil der Stadt liegt auf der Insel Ortygia. Hier haben griechische Siedler aus Korinth um 730 v. Chr. die Stadt gegründet. Bald spielte Syrakus auch kulturell und wissenschaftlich eine bedeutende Rolle. Bekannte Dichter, Philosophen und Mathematiker ließen sich hier nieder, unter ihnen Aischylos, Platon und Archimedes.

Die Altstadt drohte nach dem Zweiten Weltkrieg zu verfallen. Viele Bewohner zogen in die modernen Wohnviertel auf dem Festland um. Durch umfangreiche Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten von 1990 an wurde die Altstadt wieder aufgewertet und belebt. Auf Ortygia befindet sich auch ein Großteil der historischen Bauten und Sehenswürdigkeiten.

Nur wenige Meter  vom Meer entfernt liegt die Süßwasserquelle, die zur Stadtgründung führte und im Laufe der Jahrhunderte den Widerstand gegen häufige feindliche Belagerung ermöglichte. Der Brunnen Fonte Aretusa ist mit Steinen eingefasst und wird von Papyrusstauden umrahmt.

Im 5. Jahrhundert v. Chr. bauten die Griechen ihren Athena-Tempel in die Mitte ihrer Stadt. Er soll damals schon prächtig mit Portalen aus Gold und Elfenbein und großen Gemälden geschmückt gewesen sein.

200 Jahre später haben die Christen ihre Kirche dem Tempel übergestülpt. Die wurde in weiten Teilen beim großen Erdbeben im 17. Jh. zerstört und in barocker Pracht wieder aufgebaut.

Wir bummeln durch die Gassen. Trotz Vorsaison ist hier schon ganz viel los. Aber alle sind entspannt und genießen das Ambiente. Viele Gassen und Hinterhöfe sind mit Pflanzen oder Blumen geschmückt.

Cafés und Restaurants locken mit ihren Angeboten.

Wir entdecken Kunstgalerien…

… steigen ins unterirdische Syrakus hinab, das von den Griechen angelegt wurde. Sie holten die Steine für den Hausbau aus dem Untergrund. Die Römer nutzten es später als Wasserreservoir, im Zweiten Weltkrieg diente es als Bunker und unterirdisches Lazarett.

… wandern zum normannischen Kastell mit einer modernen Skulptur…

… und zum Limoncello – Sprizz.

Zum Abendessen finden wir ein kleines Spezialitätenrestaurant, in dem es riesige und köstliche Portionen Antipasti und Pasta gibt. Aber kein Foto, schließlich sind wir nicht bei Insta 🙂

Regentag

Um halb acht donnert es. Nicht ein Schlag sondern ein dunkles bedrohliches Grummeln. Zwischendurch ein paar Blitze und es beginnt zu regnen. Wunderbar. Ich stehe auf, koche Kaffee und höre dem Regen zu.

Wir sind gestern vor Starkregen gewarnt worden. Auf dem Platz der Parkverwaltung stehen wir gut und sicher. Deshalb warten wir nun mal ab, was kommt. Bisher nicht viel.

Der Ruhetag gibt uns Zeit, unsere nächsten Tage auf Sizilien zu planen. Viel Spannendes wartet auf uns: die frühere Weltmetropole Syrakus, das Blumenfest in Noto (Danke für den Tipp, liebe Gabi!) und das Naturreservat Vendicari mit seiner üppigen Flora (vor allem jetzt im Frühjahr) und Fauna (mal sehen, ob wir tatsächlich Kraniche, Störche, Flamingos und Sichler sehen).

Nachdem ich den halben Reiseführer auswendig gelernt habe, stelle ich das Warmwasser an und gönne mir eine warme Dusche. Die hat zwar nicht den starken Wasserstrahl wie zuhause aber erfüllt trotzdem ihren Zweck.

Zur Kaffeetafel mit frischem Apfelkuchen treffen wir uns mit unseren Reisegefährten und besprechen die Route für die nächsten Tage. Ideen gibt es viele. Es wäre schön, wenn das Wetter dabei auch mitspielen würde. Unsere neuen Freunde fänden das auch angenehm.

Im Stillen aber bedanke ich mich beim heutigen Regen, ohne den wir diesen Ruhetag eher nicht gehabt hätten.

Durch die Schlucht zur Nekropole von Pantalica

Bis zu 5000 Höhlen haben die Menschen vom Volksstamm der Sikaner vor über 3000 Jahren in die Felsen bei Pantalica geschlagen. Ein paar davon wollen wir uns heute anschauen.

Extra für Camper wurde von der Verwaltung des Schutzgebietes ein idyllischer Stellplatz ausgewiesen. Rund um uns nur Felder, Obstbäume und riesige Rosmarinhecken. Wir dürfen hier kostenfrei übernachten und es gibt sogar Toiletten (sehr sauber).

Wir nähern uns der Nekropole, die beidseitig einer Schlucht liegt, die der Fluss Anapo in den Fels gefressen hat, mit den Fahrrädern.

Die Höhlen wurden ursprünglich als Grabstätten genutzt. Später, in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, wurden sie teils bewohnt oder zu Kapellen umgebaut. Die gesamte Anlage zählt seit 2005 zum Unesco Weltkulturerbe.

Am Eingang müssen wir uns namentlich und mit Telefonnummer registrieren, bekommen eine Telefonnummer und uns wird ein Shuttle für die nächsten eineinhalb Kilometer angeboten. Der Kleinbus ist aber schon von etlichen älteren italienischen Herren besetzt, so dass wir das Stück gehen.

Dann laufen wir eine Weile oberhalb der Schlucht.

Steigen eine Etage tiefer und stoßen auf die ersten Höhlen.

Nach ein paar Kilometern kommen wir zu einem kleinen Heimatmuseum. Wahrscheinlich war hier mal ein Bahnhof, denn früher fuhr der Lokalzug durch die Schlucht.

Schließlich steigen wir ganz hinab zum Fluss, machen Picknick und kraxeln auf der andere Seite wieder hoch. Um die Enden der Felswände zu sehen, müssen wir den Kopf in den Nacken legen. Der Fluss rauscht, Bienen summen, Frösche quaken.

Eine wirkliche Drei-Sterne-Wanderung. Doch der Höhepunkt, die Nekropole, kommt erst noch. Zwar hatten wir zwischendurch schon ein paar Höhlengräber gesehen, doch zu den größeren Ansammlungen kommen wir erst am Ende unserer Tour.

Nach elf Kilometern sind wir froh, dass uns der Shuttlebus aufpickt. Wir werden aus der Liste ausgetragen, steigen auf die Räder und sind drei Kilometer später wieder am Bus.

Für heute Nacht und morgen ist Starkregen angesagt. Falls das tatsächlich so sein sollte, nehmen wir uns einen Tag Auszeit und wettern in den Bussen ab. Ich hätte durchaus Lust dazu. Gemütlich lesen, spielen, schlafen, während der Regen aufs Dach trommelt. Na, mal sehen.

Auf der Blutorangenstraße

Um halb eins stehe ich auf und der Vulkan lodert noch. Nicht so intensiv wie in den Stunden zuvor, aber es brennt.

Um drei stehe ich auf und er hat noch ein glühendes Krönchen.

Um sechs stehe ich auf und dichte Rauchschwaden umgeben seinen Gipfel.

Beim Frühstück lassen wir unser nächtliches Erlebnis nochmal Revue passieren: Der Moment, als wir aus dem Bus gestiegen sind, unser erster Blick auf den Vollmond gegenüber fiel und unser zweiter auf den feuerspuckenden Berg  links neben uns. Wie wir von halb zehn bis halb zwölf in der Nacht seinem Feuerwerk zugeschaut haben: riesige rote Lohen, die aus mehreren Kratern in den Nachthimmel geschleudert wurden. Erst eine, später drei feuerrote Bahnen, auf denen die glühende Asche den Berg hinunterrutschte. Wie nach einer Weile der ganze Berg zu glühen schien. Unser erstes Erschrecken: sind wir hier sicher? Die Vulkanspotter, die plötzlich in ihren PKW mit ihren großen Kameras auftauchten und sich neben uns platzierten. Wir können es immer noch nicht fassen, dass wir dieses Spektakel erleben durften. Die Freude darüber ist riesig und die Bilder werden uns im Gedächtnis bleiben.

Doch heute verlassen wir die Gegend und fahren ein Stück nach Südwesten. Während bei der Tour gestern die angeblich besten Pistazien der Welt unser Thema waren, wollen wir heute zu den ebenso besten Blurorangen: auf die Via dell‘ Arancia Rossa.

Vermutlich brachten Araber die aus Asien stammenden Vitaminspender im Mittelalter nach Sizilien. Nach Ansicht der Einheimischen gedeihen die beliebtesten Sorten – Sanguinelle, Tarocco und Moro – so richtig nur im fruchtbaren Hügelgebiet am Fuß des Ätna, das vulkanische Böden und ein ganz spezielles Mikroklima hat. Von hier kommt ein Großteil der europäischen Ernte.

Entlang der Via dell‘ Arancia Rossa von Caltagirone nach Siracusa durchquert man uraltes Bauernland.

Wir steuern als erstes die Töpferstadt Caltagirone an. Sie ist zugleich eine der spätbarocken Städte, die 2002 zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Stadt wie einige andere im Noto-Tal von einem Erdbeben zerstört, danach aber wieder aufgebaut. Damals entstanden die barocken Bauwerke, für die Caltagirone und die anderen Städte der Gegend heute berühmt sind.

Schon im 15. Jahrhundert entwickelte sich Caltagirone zur Stadt der Töpferkunst. Von den damals dort lebenden 20.000 Menschen übten etwa 1000 den Beruf des Keramikers aus. Auch heute gibt es noch viele Werkstätten, vor allem sieht man ihre Arbeiten im Ort auf Schritt und Tritt. Überall leuchten Fliesen, Vasen, Teller, Tassen und Krüge in den buntesten Farben.

Sehr berühmt ist die 1606 erbaute Freitreppe Santa Maria del Monte. Ihre 142 Stufen wurden 1954 mit handgemalten Keramikkacheln verkleidet.

Schließlich fällt uns wieder ein Zufallsfund vor die Füße: eine Fotoausstellung im Kerker aus dem 18. Jahrhundert, durch den wir als einzige Gäste noch eine Führung bekommen. Auch hier sind moderne Keramiken ausgestellt.

Zufrieden lassen wir uns im Café vor dem Rathaus ein paar Dolci schmecken und fahren entlang der Orangenplantagen wieder zurück nach Osten.

Wir stoppen in Grammichele, das nach dem großen Erdbeben einen sechseckigen Grundriss bekam. Natürlich will Achim eine Luftaufnahme davon machen. Am besten vom zentralen Platz. Aber ob das erlaubt ist? Die beiden Polizistinnen, die hier arbeiten, zeigen sich einverstanden.

Hier möchte ich auch die Blutorangen kosten und einige Spezialitäten ausfindig machen. Das ist allerdings nicht so einfach. Wie ich von Lorenzo, der mit seinem Knoblauch-Kartoffelstand an der Straße steht, erfahre, ist die Ernte bereits seit einem Monat zu Ende. „Wenn Du nächsten Freitag kommst, bringe ich Dir eine ganze Steige“, bietet er mir an. 17 Jahre hat er in Dillingen gearbeitet und spricht immer noch sehr gut Deutsch.

Im Café Centrale frage ich nach dem Amaro di Arancia Rossa, dem Bitter aus Blutorangen. Gibt es und er ist sehr lecker. Vielleicht kann ich irgendwo noch ein Fläschchen auftreiben.

Der Vulkan lebt!

Erstmal nach Bronte. Hier gibt es die grünen Diamanten, Pistazien. Angeblich die besten der Welt. Mehr als die Hälfte der Dorfbewohner lebt bereits seit Generationen vom Pistazienanbau. Die Ernte ist immer noch reine Handarbeit. Die Bronteser verfeinern Süßes und Salziges mit ihren Pistazien.

Soweit die (angelesene) Theorie. Nun die Praxis. Was gibt es zu kaufen? Was zu schmecken? Und wie schaut überhaupt ein Pistazienbaum aus?

Zu kaufen gibt es Vieles: verschiedene süße Crèmes als Brotaufstrich mit unterschiedlich intensiv gerösteten Pistazien, herzhafte Crèmes als Pesto für Nudelgerichte, Nougat und Schokolade mit Pistazien, Likör, Seife und im Geschäft nebenan Salami und Käse mit Pistazien. Überall dürfen wir kosten. So lecker. Weil das alles auch nicht wenig kostet, können wir leider nicht alles kaufen, aber Crèmes für die Bordküche und als Mitbringsel, Bonbons und Käse nehmen wir gern mit.

Ein paar Häuser weiter, in der Pasticceria, kaufen wir noch Kaffee und Pistazientorte für ihn und -törtchen für sie.

Auf der Fahrt ins nächste Dorf entdecken wir schließlich die Pistazienbäume. Auf alter Lava gedeihen hier die Nussbäume, die nur alle zwei Jahre ihre leckeren Nüsse liefern. Dieses Jahr im Oktober ist es wieder soweit: alle freuen sich auf die 2025er Ernte. Große Plantagen erstrecken sich beidseits der Straße bis zum Nachbarort Adrano.

In Adrano biegen wir links ab. Von 630 Metern  schraubt sich eine kurvenreiche aber gute Straße auf 1900 Meter hoch. Von 24 Grad auf 11 Grad.

Hier oben sieht und spürt man schon die Gewalt des Vulkans.

Von der Station Rifugio Sapienza aus kann man mit der Seilbahn hoch auf 2500 Meter und noch weiter mit dem Allradbus auf 2900 Meter. Die immer noch fehlenden 500 Höhenmeter sind Alpinisten vorbehalten.

Das Wetter ist nicht gut genug und der Preis (52 Euro pro Person) gesalzen, so dass wir auf die Auffahrt verzichten. Lieber geht Achim auf den benachbarten Krater Silvestri superiori hoch, während wir drei anderen einmal gemütlich um den kleinen Krater  Silvestri inferiori gehen.

Es ist nicht schlimm, dass man den eigentlichen Gipfel des Ätna von hier nicht sieht, denn zum einen haben wir ihn jetzt zwei Tage lang immer wieder in voller Pracht bewundern dürfen und zum anderen hat das aktuelle Wetter mit seinen tief fliegenden Wolken auch einen großen Reiz.

Zum Übernachten erscheint es allerdings etwas ungemütlich und wir fahren ein bisschen den Berg runter und suchen uns ein ruhiges windgeschütztes Plätzchen an einem Lavafeld, das noch zu einem Abendspaziergang lockt.

Dann ab in die Busse und langsam Abschied nehmen vom Ätna. Morgen erkunden wir neue Gebiete.

Und dann bekommen wir noch ein Abschiedsgeschenk vom Ätna: Als wir gegen 21 Uhr die Bustür öffnen, trauen wir unseren Augen nicht: der Vulkan lebt! Er schleudert glühende Masse in die Luft! Ein Ausbruch, dem wir von unserem Schlafplatz aus sicher zuschauen können. Unglaublich.

Wandern auf dem Vulkan

Der erste Blick am Morgen gilt natürlich unserem mächtigen Nachbarn. Wolkenfrei präsentiert er sich um halb sieben. Die Sonne ist schon aufgegangen, hat unser Plätzchen hier oben auf 1100 Meter aber noch nicht erreicht. Also Foto machen und nochmal ins Bett.

Irgendwann erheben wir uns vom besten aller Frühstücksplätze. Wir sind hin und weg von der Szenerie, nicht nur wegen des Blicks auf den Vulkan, auch die Lava um uns herum, der Ginster, die Kamille und die rosa blühende Wolfsmilch betören uns (kann man das heute noch so formulieren?).

Irgendwann am Vormittag brechen wir auf zu einer Wanderung am Nordhang des Vulkans. Sie beginnt am Rifugio Piano dei Grilli bei Bronte. Auf dem Weg dorthin fahren wir durch riesige Lavafelder.

Mehrere Camper und etliche PKW parken dort schon, aber wir finden auch noch einen Platz. Durch ein Meer von Blüten wandern wir auf den Ätna zu.

Dann schiebt sich ein Nebenkrater, der Monte Ruvolo, in Sicht, den wir umrunden werden.

Ein breiter Lavastrom liegt zu unserer Linken.

Wir entdecken eine Grotte, ein Paghiaru (das ist ein Unterstand für Forstarbeiter) und verschiedene kleine Opferstätten, mit denen wohl um Gnade vor dem mächtigen Vulkan gebeten wird.

Warum das letzte Drittel des Weges durch einen Steineichenwald führt, der fast wie ein Park wirkt, gibt uns Rätsel auf. Eine niedrige Mauer aus Lavasteinen säumt ihn über viele Kilometer, wir laufen auf feiner schwarzer Asche zwischen den Bäumen durch. Wer hat die Mauer wozu gebaut?

Nach 15 Kilometern sind wir mit qualmenden Füßen zurück am Bus, der Ätna hat die Vorstellung für heute beendet und den Vorhang zugezogen, Achim lässt die Drohne steigen – da sieht man ein wenig von unserer Camperidylle – dann lassen wir uns die Linguine Frutti di Mare aus der Bordküche unserer Freunde schmecken.

Zum Ätna

Schwimmen gehen? Geht heute Morgen. Der Wind hat sich gelegt, das Wasser ist recht glatt und nicht zu kalt. Wenn wir uns in die richtige Richtung drehen, können wir den Ätna sehen.

Mit seinen 3400 Metern ist er der höchste aktive Vulkan Europas. Im Juni 2013 hat die UNESCO ihn in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen. Heute wollen wir uns seine Nordseite anschauen. Über eine kleine kurvige Straße fahren wir an der Ostflanke entlang. Die Fahrt ist erstmal ein bisschen abenteuerlich. Die Wohnbebauung hält lange an und wir passieren etliche sehr enge Ortsdurchfahrten. Dann stehen wir vor einer Straßensperrung und müssen uns eine neue Route suchen. Es geht sehr steil hoch, im ersten Gang. Und der Ätna hat sich zurückgezogen. Je näher wir ihm kommen, um so mehr zieht er die Vorhänge zu.

Auf einmal jedoch geht der Vorhang auf. Nicht der des Ätna sondern der für den italienischen Liedermacher Lucio Dalla. Der sitzt im Bergdorf Milo  mit seinem Freund und Kollegen Franco Battiato am Flügel. Battiato stammt aus der Gegend, genauer gesagt aus Catania, der Bologneser Dalla war regelmäßig in Milo zu Besuch, wie mir der Barista, bei dem wir Kaffee trinken, erzählt. Als ich ihm gestehe, dass ich ein großer Fan von Dalla bin, aber Battiato gar nicht kenne, ist er entsetzt: „Der ist viel berühmter als Lucio Dalla!“

Trotzdem bekommen wir vier Kaffee und drei Küchelchen. Für 8,50 Euro.

Kurz danach stoßen wir auf die ersten Lavafelder. Beidseits der Straße türmen sie sich auf.

Während in den unteren, sehr fruchtbaren Regionen Zitrusfrüchte, Oliven, Feigen, Wein, Mandeln und Pistazien gedeihen, wachsen in den mittleren Höhen, etwa ab 1500 Metern, Mischwälder mit Eichen, Birken und eher wenigen Kiefern.

Wir halten immer wieder an, um ein wenig Spazieren zu gehen, zu schauen, zu fotografieren. Dann entdecken wir einen Hinweis auf eine Höhle. Ein Schild erklärt, dass hier früher Schnee für den Sommer gehortet wurde. Ein überregionaler Kühlschrank quasi. Da kraxeln wir mal runter.

Während die uns umgebende Natur heute ihre mächtige, bedrohliche Seite zeigt, ist es die menschengemachte Kunst, die für friedliche, kreative Momente sorgt. In der Ätnagemeinde Linguaglossa gibt es ein Museum, in dem Werke der beiden Maler Francesco Messina (1900 – 1995) und Salvatore Incorpora (1920 – 2010) ausgestellt sind.

Messina wurde hier geboren, stellte bereits mit 22 Jahren auf der Biennale in Venedig aus und erhielt mit 34 den Lehrstuhl für Bildhauerei in Mailand.

Mir gefallen besonders seine Aktmalereien, männliche und weibliche, bei Frauen wurde er insbesondere von Tänzerinnen inspiriert, erzählt uns der junge Mann, der uns durch die Ausstellung führt.

Incorpora begann sein Kunststudium nach dem zweiten Weltkrieg in Neapel, zog dann nach Linguaglossa und begann hier zu unterrichten und künstlerisch zu arbeiten. Er behält den kleinen Ort am Fuße des Ätna zeitlebens als seine Basis, während er in Italien und Europaweit ausstellt.

Für uns gibt es also zwei spannende Künstler in Linguaglossa zu entdecken, allerdings keinen guten Platz zum Übernachten. Deshalb fahren wir ein Stück raus aus der Stadt in die Berge und finden glücklicherweise mal wieder einen Traumplatz. Allein, nur von Landschaft umgeben, mit Blick auf den Ätna samt Vollmond.