Archiv der Kategorie: Glücklich auf 8 qm

Mal wieder ein Ruhetag

Wir legen heute mal wieder einen Ruhetag ein. Nicht etwa weil wir körperlich erschöpft sind (wovon auch), sondern weil unsere Hirne und Herzen mal eine Pause brauchen. So viele Eindrücke müssen verarbeitet werden. Das geschieht zwar nicht binnen eines Tages, aber eine Verschnaufpause tut gut. Zudem wollen wir hier gar nicht weg. Es ist ein paradiesisches Plätzchen, das wir gestern gefunden haben.

Den Vormittag verquatschen wir mit Hans, der eigentlich sein Haus hier verkaufen und an den Baikalsee ziehen wollte (vor dem Ukraine-Krieg). Der Ende der 70er fünf Jahre mit dem Rucksack in Indien und Indonesien unterwegs war. Der hier am Meer sitzt und den Ameisen zuschaut. Der oft morgens auf seiner Terrasse ein Reh beobachten darf. Und der drüben auf der Insel seine Hängematte hat. Zu der er im Sommer mit seinem Kajak, bei Eis mit Schlittschuhen und bei Schnee mit den Langlaufskiern kommt.

Dann radeln wir zehn Kilometer bis ans Ende unserer Landzunge. Dort gibt es ein sehr einladendes Café, das bereits geschlossen ist. Ein paar Boote. Einen Geocache.

Am Nachmittag sitzen wir am Wasser und gucken.

Schließlich brechen wir doch noch zu einer kleinen Tour ins nächste Dorf, Isnäs, auf. Hier wohnen laut Hans ungewöhnlich viele Menschen, weil in den 70er Jahren ein Sägewerk gebaut wurde, das viele Arbeitsplätze schuf. Leider ist es schon lange konkurs.

Interessant auch die Geschichte vom Schafwirt Mikkele. Ihm gehört viel Land, sehr viel Land. Ein Großteil seiner Wiesen schmeckte seinen Schafen nicht, die Böden sind zu sauer. Wie er auf die Idee kam, einen Golfplatz zu bauen, wissen wir nicht. Aber finanziell muss er sich, so Hans, keine Sorgen mehr machen.

Wir müssen uns keine Sorgen um unser Abendessen heute machen: Als wir von unserer Tour nach Isnäs zurückkehren, steht Hans mit einer großen Tasche vor unserer Tür: Cordon Bleu, fränkischer Kartoffelsalat, Tomaten-, Gurken- und Krautsalat. „Lasst es Euch schmecken!“, sagt er und drückt mir die Tasche in die Hand. Habe ich schon erzählt, dass er Koch ist?

Vor Freude springe ich schnell nochmal in die Ostsee.

Sonntagsspaziergang bei Kaiserwetter

Schon mal bei Zarens zu Besuch gewesen? Wir. Heute Mittag. In Alexanders Angelhütte. Wobei man das Wort „Hütte“ nicht wörtlich nehmen sollte.

Auf seinen Wunsch hin wurde dem Zaren im benachbarten Finnland dieses Fischerhaus gebaut, in dem er gemeinsam mit seiner Familie dem harten Hofleben in St. Petersburg entfliehen und das Angeln, Holzhacken, Kochen und die Gesellschaft der anderen genießen konnte.

Von den sprudelnden Stromschnellen vor seiner Haustür heißt es, dass es sich hier um die besten Lachsangelplätze Finnlands handelte.

Die festliche Einweihungsparty der Fischerhütte fand am 15. Juli 1889 statt. Zu den Gästen gehörten die Königin von Griechenland und die Herzogin von Edinburgh. Im Gegensatz zu uns reiste der Zar in der Regel  nicht auf dem Land-, sondern auf dem Wasserweg in der Segelyacht seiner Gemahlin an, verbrachte die Tage im rustikalen Ambiente seiner Fischerhütte und zog sich abends angeblich in den vertrauten Luxus seiner Yacht zurück.

Von hier ist es nicht weit bis Kotka, wo im Hafen der älteste Eisbrecher der Welt, die Tarmo, liegt.

Fast wird er verdeckt von einem spektakulären Neubau, dem Merikeskus Vellamo. Wie eine gigantische Welle erhebt sich das Meereszentrum, in dem verschiedene maritime Museen untergebracht sind, im alten Hafen.

Nach einer intensiveren Stadtbesichtigung steht uns heute nicht der Sinn. Bei dem herrlichen Wetter zieht es uns wieder in die Natur. Der jüngste finnische Nationalpark Valkmusa hält einen freundlichen Rundweg durch Wald und Moor für uns bereit.

Für den Abend und die Nacht zieht es uns an die Küste. Die Spitze einer schmalen Halbinsel 20 Kilometer vor Porvoo haben wir als Tagesziel auserkoren. Und sind ein weiteres Mal hin und weg. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir uns ja wieder an einem See wähnen. Aber es ist die Ostsee, die hier eine Vielzahl von Inselchen birgt. Kanadagänse und Kraniche sehen und hören wir. Lange unterhalten wir uns am Ufer noch mit Hans, der in Franken geboren und aufgewachsen, aber als junger Mann bereits nach Finnland emigriert ist. Seit über 30 Jahren lebt er hier, zuerst in Helsinki, seit ein paar Jahren hier auf dem Land. Wie eng man hier mit der Natur lebt, schildert er anschaulich. Sehr eindrucksvoll zum Beispiel die Geschichte vom Elchbullen, der denselben Badestrand nutzt wie er.

Richtung Südküste

Finnland, Deine Straßen! Ich schrieb ja neulich schon, dass wir hier mehr Piste fahren als in Marokko oder Namibia. Ich korrigiere mich: mittlerweile sind wir hier mehr Piste gefahren als in beiden Ländern zusammen. Ich schrieb außerdem, dass die Naturstraßen hier meist in sehr gutem Zustand sind. Für unsere heutige Route trifft das leider nicht zu.

Wir haben eine kleine Straße parallel zur Europastraße gewählt und ich fahre munter vor mich hin. Plötzlich ist der Asphalt zu Ende und eine Piste beginnt. Macht nichts, sehr guter Zustand. Bis ein Baustellenschild kommt und sich die Fahrbahn in eine rutschige Schlammpiste verwandelt. Die ersten zehn Kilometer lenke ich den Bus sehr vorsichtig und sehr angespannt über die Rutschbahn. Die folgenden zehn Kilometer übernimmt dankenswerterweise Achim. Der hat die besseren Nerven.

Doch irgendwann ist der Schlamm vorbei, der Asphalt bedeckt wieder die Straße und ein abermals idyllisches Fleckchen lädt ein zum Fotografieren.

Die letzten Meisterschaften im Baumstammreiten fanden 1999 auf den Stromschnellen von Partakoski statt. Die früheren Flößer konnten dabei ihr Können unter Beweis stellen.

Zwei Kurven weiter das nächste Aha-Erlebnis. Völlig unverhofft, ohne große Ankündigung, liegt links von uns ein bisschen altes Gemäuer auf einer Wiese. „Halt mal an!“

Die Drohne zeigt uns, was hier wirklich zu sehen ist: die alte Festung von Kärnäkoski aus dem Jahr  1793, als die Russen das Terrain hier gegen die Schweden verteidigt haben. Insbesondere St. Petersburg wurde durch ein ganzes System von Festungen geschützt. (Eine Kurve weiter ist der offizielle Parkplatz mit guten Informationstafeln.)

Vom höchsten Punkt der Festung aus hat man überdies einen gigantischen Ausblick auf das Seengeflecht.

Noch besser geht’s natürlich mit der Drohne.

Immer noch in der Saimaa-Region tingeln wir weiter nach Süden. Vielleicht bis ans Meer, vielleicht auch nicht.

Bei der Mittagspause, kurz vor Lapeeranta, sehen wir, dass es gemütliche 100 Kilometer bis zur Hafenstadt Hamina am finnischen Meerbusen sind. Also los!

Auf immer kleiner werdenden Straßen (asphaltiert), leider ohne Meerblick, erreichen wir gegen halb fünf unseren Stellplatz im historischen Hafen. Ein paar alte Schiffe, zum Beispiel dieser Eisbrecher, liegen hier auf dem Altenteil.

Wir machen noch einen Spaziergang ins Zentrum, das auf einem sternenförmigen Grundriss erbaut wurde. In der Mitte steht das Rathaus, wo sich die Straßen der Altstadt mit ihren bunten Holzhäusern, Museen, und Kirchen treffen. Belebte Straßen, Cafés, Restaurants oder Kneipen sucht man jedoch selbst an einem Samstagabend vergeblich, dafür muss man wohl im Sommer kommen.

Wo richtig was los ist, ist bei uns im Hafen. Leider auch nicht so, wie man es sich wünscht. Autos kommen, drehen eine Ehrenrunde und fahren wieder. Noch eins und noch eins und noch eins. Aber wir sind optimistisch: Bestimmt werden auch hier bald die Bürgersteige hochgeklappt.

Wir verästeln uns

Ich wette, der Ringelrobbe ist das Wetter zu schlecht. Bisher hat sie sich jedenfalls nicht gezeigt.

Heute Nacht war es im Bus sehr unruhig. Ich träumte vom Abbruch einer Hangkante, wurde vom trommelnden Regen wach und überlegte mir wechselweise, ob die Kante, auf der wir stehen, oder eine der Kiefern, unter denen wir stehen, ebenfalls abbrechen könnten. Um halb vier stand ich auf, guckte aus dem Fenster, sah nichts, nur tiefschwarze Nacht.

Kurz danach wurde auch Achim wach. Er habe seltsame Gerüche wahrgenommen, nach Lagerfeuer und nach Essen. Wir besprechen kurz die Lage und gehen zurück ins Bett. Um sechs werde ich wieder wach, weil Achim aufsteht. Nach einer Stunde kommt er zu mir: „Ich fahre den Bus mal etwas höher. Gleich gießt es so richtig und wir stehen eh schon im Schlamm“.

Also parken wir um und frühstücken. Vielleicht gibt es ja heute mal ein Nachmittagsschläfchen?

Der Saimaa, dessen Verästelungen wir heute den ganzen Tag folgen, ist Finnlands größter und Europas viertgrößter Süßwassersee und das nicht als zusammenhängende Wasserfläche wie man es gewohnt ist, sondern als Seenlandschaft mit knapp 14.000 Inseln, Halbinseln und Fjorden.

Die Landschaft hat sich ziemlich verändert. Oftmals sind rechts und links des Weges Felsen im Wald zu sehen und wir staunen, wie die Kiefern aus ihnen herauswachsen.

Im Wasser sind nun immer wieder Oser zu sehen, schmale, manchmal langgezogene Rücken aus Sand und Kies, Überbleibsel der Eiszeit. DIE Saimaa-Kulisse.

Mittags erreichen wir die Kleinstadt Mikkeli. Unser erster Weg führt wie üblich zum Marktplatz. Wegen des Regens ist es trostlos hier.

Stimmt nicht! Trost ist schon da: endlich bekomme ich hier Piirakka, Brötchen mit eingebackenen Fischen. Lecker.

Wir bewundern noch die stattliche Kathedrale und gehen zurück zum Bus.

In Mikkeli gibt es auch einen großen Supermarkt mit guter Auswahl und so erledigen wir gleich unseren Wocheneinkauf. Als wir wenig später am heutigen Übernachtungsplatz im Sporthafen von Ristiina ankommen und alles in der Bordküche verstauen, wundern wir uns: Tonic! Wo kommt das denn her und was machen wir denn damit bloß? 🙂

Herbstlichter

Unser erster Stopp heute ist auch ein Zufallsfund aus dem Internet: Kummakivi. Auf Deutsch: Seltsamer Stein. Der riesige Felsblock liegt mit einer sehr kleinen Grundfläche auf einem halbrunden Stein.

Forscher gehen davon aus, dass der Felsen vor 11000 bis 12000 Jahren durch bewegte Eismassen an seine jetzige Stelle gelangte. Das Gewicht des Steins schätzen sie auf 500 Tonnen.

Von hier aus kann man eine kleine Rundwanderung durch den Wald machen. Gummistiefel schaden dabei nicht.

Der Tag heute ist grau und es regnet viel. Und doch ist es nicht richtig grau, denn die Ruska sorgt für Farbe. Wie riesige Laternen erhellen die gelben Birken den Weg.

Ihre weißen Stämme, das grüne Moos, die weißen Flechten und ab und zu ein roter Pilz sind weitere Farbtupfer.

An manchen Stellen wirken sogar die Stämme der Kiefern rötlich.

Vor uns schwingt sich jetzt die elegante Saimaa-Brücke über eine der zig Verästelungen des größten Sees des Landes. In Puumala parken wir im Hafen direkt unter der Brücke. Im Sommer muss hier einiges los sein. Es gibt dreimal so viele Sommerhäuser wie ganzjährig bewohnte Häuser. Hinzu kommen noch die Tagestouristen. Heute sind wir wieder allein hier. Alle Lokale und Büdchen sind geschlossen, aber wir können auf dem Premiumparkplatz in der ersten Reihe stehen.

Ein gläserner Lift bringt uns 24 Meter hoch aufs Brückenniveau, von wo wir die Szenerie von oben betrachten können.

Es sind nur wenige Schritte bis zum kleinen Yachthafen. Auch hier ist nichts los, aber es gibt einen Wasserhahn, mit dem wir unseren Wassertank auffüllen können.

Eine halbe Stunde später finden wir einen abermals idyllischen Übernachtungsplatz, diesmal am Ufer des Saimaa.

Heute Abend und auch morgen werden wir Ausschau nach dieser Dame halten:

Die Chancen stehen zwar nicht gut, denn es gibt nur noch etwa 400 Exemplare von der Saimaa-Ringelrobbe. Aber ich habe doch neulich Amethyst, den Glücksstein, gefunden.

Wo sich Fuchs und Elch gute Nacht sagen

Heute Morgen habe ich mich dann doch getraut. Erst mit Gabriele Fastner und Seeblick geturnt, dann rein ins Nass. Ha! Oh! Schnappatmung. Ich liebäugele ja schon seit längerem mit Winterbaden…

Nach dem Frühstück setzen wir uns ganz dicht ans Wasser in die Sonne. Zwei Jacken und eine Decke, aber wundervoll.

Ob wir heute hier bleiben oder weiterfahren? Keine Ahnung. Erstmal noch ein bisschen dem Plätschern zuhören und den Singschwänen zuschauen.

Dann entdeckt Achim frische Spuren im Sand: vom Fuchs (oberes Bild) und vom Elch! Da ist er sicher.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir nächtliche Tierbesuche verschlafen. Sehr bedauerlich war es einmal in der Türkei. Wegen der Hitze haben wir nicht im Zelt sondern am Strand geschlafen und am nächsten Morgen lagen rings um unseren Schlafplatz Schalen der Eier, aus denen während der Nacht Wasserschildkröten geschlüpft waren. Auch die frischen Spuren zum Meer konnten wir deutlich erkennen.

Am frühen Nachmittag fahren wir mit den Rädern ins nächste Dorf. Zu einem ITE-Künstler. Was das ist, haben wir auch erst gestern Abend gelernt. Der Begriff stammt von den drei finnischen Wörtern “Itse Tehty Elämä, was frei übersetzt selbst bestimmtes Leben bedeutet. Veijo Rönkkönen (1944 – 2010) schuf in 50 Jahren rund um sein (Eltern-)haus 560 Skulpturen aus Beton.

Das Lebenswerk des berühmtesten finnischen ITE-Künstlers befindet sich in Parikkala an der Europastraße 6, einen Kilometer Luftlinie von der russischen Grenze entfernt. ITE  ist Kunst, die in Finnland im alltäglichen Umfeld geschaffen wird. ITE-Künstler sind Autodidakten, meist wirken sie außerhalb der etablierten Kunstwelt.

Veijo Rönkkönen arbeitete Zeit seines Lebens in einer nahegelegenen Papierfabrik. Seine freie Zeit widmete er seinem Garten, der mit den Jahren zu einem wichtigen Teil des von ihm geschaffenen Kunstumfelds wurde.

Er fertigte alle Figuren an Ort und Stelle an. Sie stehen heute noch dort, wo er sie erschaffen hat.

Beglückt von unserem Besuch in diesem magischen Garten, den Achim zufällig dieser Tage im Internet entdeckt hat, radeln wir wieder heim. Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir den Bus. Dann beginnt es zu stürmen und zu regnen und es scheint uns, als ob sich das Wetter ebenfalls von seiner magischen Seite zeigen wolle.

Eine Burg, eine Kirche und viel kaltes Wasser

Olavinlinna ist eine mittelalterliche Burg in der Stadt Savonlinna. Sie gilt als die am besten erhaltene Mittelalterburg in Nordeuropa. Auch hier sind wir, gemeinsam mit einem jungen Mann aus Japan, allein. Die Saison ist sehr kurz, maximal drei Sommermonate. Wir schlendern ein wenig durch die Jahrhunderte alten Mauern, gucken raus aufs Wasser, von dem die Burg umgeben ist und trotz Windes klappt es mit einem Drohnenfoto.

1912 wurde die Burg durch die Sopranistin Aino Ackté als Veranstaltungsort für Opernfestspiele entdeckt und nach 37-jähriger Pause 1967 durch den deutsch-österreichischen Tenor Peter Klein wiederbelebt. Seitdem finden die Festspiele jedes Jahr im Juli im Burghof statt.

Der Ort selbst ist auf Inselchen verteilt, hat mindestens einen kleinen Sandstrand und eine idyllische Wasserfront. Dass die Saison vorbei ist, hat natürlich seine zwei Seiten: wenig Touristen, kein Gedränge, keine Park- oder Stellplatzsorgen. Andererseits hat auch vieles zu, zum Beispiel die Kioske am Marktplatz, in denen man zur Saison leckere gebratene Fischlein bekommt.

Einen sehr besonderen Platz suchen wir zum Mittagessen auf. Unsere karelischen Piroggen essen wir im Schatten der größten Holzkirche der Welt, wie gesagt wird. Sie steht in Kerimäki, ist 180 Jahre alt und bietet Platz für 5000 (!) Gläubige. Warum sie diese Dimension hat? Ziel des Architekten Anders Granstedt war, dass die Hälfte der Bewohner des Ortes auf einmal in die Kirche passen könnte.

Am Nachmittag fahren wir durch selten schöne Landschaft,über einen natürlichen Höhenrücken, der straßenbreit ist, rechts ein See, links ein See.

Die Sonne scheint und bei 18 Grad spiele ich mit dem Gedanken, wenigstens mal die Füße ins Wasser zu stecken. Oder gar eine Runde zu schwimmen? Da vorn kommt eine Badestelle. Lass uns mal anhalten! Ich messe die Wassertemperatur: 15 Grad. Na, das ist doch einen Versuch wert. Badeanzug an und rein.

Uiuiui! Das sind niemals 15 Grad! Fünf, vielleicht zehn. Nach ein paar Zügen bin ich wieder draußen. Trotzdem: Herrlich!

An unserem Übernachtungssee verzichte ich allerdings auf eine Wiederholung des Experiments. Da haben wir auch viiieeeel Besseres zu tun.

Dass unsere bisherigen Stellplätze hier in Finnland noch zu toppen sind, hätte ich nicht gedacht.

Stadtbummel im Regen

Heute stehen zwei Städte auf unserem Programm. Kuopio ist die deutlich größere von beiden: 150 000 Einwohner. Dummerweise ist Montag und es regnet.

Als wir am Aussichtsturm ankommen, sind Mütze, Handschuh, Schal und Regenschirm angesagt. Bei acht Grad fühlt sich das gut an. Wir dürfen uns nicht beklagen, es ist erst der zweite Regentag in drei Wochen.

Allerdings beschließen wir, uns die 15 Euro für die Fahrt auf die Aussichtsplattform bei dem Wetter zu schenken. Denn die Sicht ist natürlich mies.

Also weiter in die Stadt. Wir finden einen Parkplatz beim Hafen und laufen etwa fünf Minuten bis ins Zentrum. Zuerst sehen wir den Dom.

Gleich daneben fällt uns ein üppiges Gebäude in verschiedenen Baustilen auf. Hier sind eine große Bibliothek mit Lesesälen und einem Raum der Begegnung sowie das Museum untergebracht. Aktuell wird die Ausstellung „Affen! Die Geschichte der Primaten“ gezeigt und wir könnten mehr als 60 Affen in ihrem eigenen Lebensraum kennenlernen und erfahren, wie sie sich bewegen, was sie fressen, wie sie kommunizieren und wie viel Affe in uns steckt. Wenn nicht Montag wäre. Und auch hier viele Museen am Montag zu sind.

Also weiter zum Marktplatz, der, laut einem Eintrag bei Wikipedia, „zu den lebhaftesten seiner Art in Finnland gehört“. Liegt es am Regen? An der Uhrzeit (es ist Mittag)? Am Montag diesmal wohl nicht. Jedenfalls sind wir die einzigen Kunden.

Hübsch anzusehen, das Rathaus an der Nordseite des Platzes. Es wurde in den Jahren 1882 bis 1885 im Stil der Neorenaissance errichtet.

Nicht viel aber etwas mehr los ist in der im Jugendstil errichteten Markthalle, in der etwa 30 Geschäfte überwiegend regionale Produkte anbieten.

Durch ein paar Nebenstraßen bummeln wir zurück zum Auto.

Hier am Hafen ist die Stadt selbst bei schlechtem Wetter recht charmant. Im Zentrum fehlte mir die „pittoreske Altstadt“. Urkundlich wurde der Ort bereits im 16. Jahrhundert erstmals erwähnt und er wurde während des Krieges fast nicht beschädigt. Seltsam, dass es so wenig alte Bausubstanz gibt. Die moderne Architektur gibt sich hier auch eher zweckmäßig.

Bei der Mittagspause im Hafen beraten wir, wie wir weitermachen. Montag und Regen. Das bedeutet für die nächste Stadt, Varkaus, die wir heute besuchen wollten: das ehemals höchste Wohngebäude Finnlands, das im Verbund mit einem Wasserturm gebaut wurde, wird uns heute keine Aussicht bieten und das Museum der mechanischen Musik hat heute geschlossen. „Wie als Statussymbol präsentiert man den Gästen stolz die Industrie im Zentrum der Stadt“, heißt es in unserem Reiseführer. Beherzt streichen wir Varkaus von unserer Liste und beschließen, in die Natur zurückzukehren.

Wir dringen jetzt tiefer ein in die finnische Seenplatte, die größte Europas. Noch mehr Seen? Geht das denn überhaupt? Gemäß der offiziellen finnischen Zählung gibt es in der Seenplatte rund 42 000 Seen. Ein Teppich aus Wasser, Inselchen und Dämmen auf einer Fläche von 100 000 Quadratkilometern.

Unser neues Tagesziel heißt Rantasalmi. Es liegt an einem der zigtausend Seen und führt uns vor Augen, wie sehr Finnland uns in den letzten drei Wochen verwöhnt hat. Der Platz, auf dem wir nächtigen werden, hätte uns auf unseren anderen Reisen SEHR gefallen. Hier aber zucken wir mit den Achseln. Ja, passt schon.

Bei Mönchen und Nonnen

Als ich heute Morgen die Nase aus dem Bus stecke, hat es zwei Grad. Aber die Sonne scheint und der kleine Teich, den ich durch die lichten Kiefern sehe, hat eine weiße Nebelhaube. Ich lausche. Ein Vogel singt ein Lied, das ich noch nie gehört habe. Aber Bird net. Es ist ein Moorschneehuhn! Das animiert Achim zum Aufstehen. Und ein Drohnenfoto vom sonnigen Herbstmorgen gibt es auch noch vor dem Frühstück.

Gut, dass wir gestern Abend noch diesen zauberhaften Platz gefunden haben. Eigentlich hatten wir vor, einfach auf dem Wanderparkplatz beim Koli stehen zu bleiben. Aber der war uns zu duster und ohne jegliche Aussicht. Entlang des Sees gab es idyllische Plätze, aber „No Camping!“ – Schilder. Doch Park4Night hilft weiter und kennt diesen Platz an einem Laavu, dem typischen finnischen Wanderunterstand mit Feuerstelle und sogar Trockenclo.

Ich glaube, hier in Finnland sind wir schon mehr Piste gefahren als in Marokko oder Namibia. Allerdings sind die Naturstraßen hier meist in sehr gutem Zustand und wir rollen fröhlich gen Süden, als ich aus dem Augenwinkel eine Schar Singschwäne im Feld rechts entdecke. Der Singschwan ist Finnlands Nationalvogel und wir freuen uns, diese Tiere mit den Ferngläsern beobachten zu können. Doch damit noch nicht genug. „Kraniche! Da rechts stehen Kraniche!“, entdeckt Achim. Es ist das erste Mal, dass wir diese Tiere in ihrem nordischen Sommerquartier sehen.

Bald erreichen wir das Kloster Valamo. Die Mönche stammen aus dem gleichnamigen Kloster im heute russischen Teil Kareliens.

Die Vorgeschichte reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Damals sollen Sergei und Herman, ein griechischer und ein karelischer Mönch, auf der Insel Valaam im Ladogasee (heute Russland) gestrandet sein. Dort legten sie den geistigen Grundstein für eines der prunkvollsten und über Jahrhunderte mächtigsten Klöster des orthodoxen Christentums. Als russischer Vorposten wurde jenes „Athos des Nordens“ im Jahre 1611 von den Schweden völlig zerstört. Doch nach der Rückeroberung Kareliens durch Zar Peter I. entwickelte sich die Ladoga-Insel bald zum bekanntesten Wallfahrtsort Nordrusslands. 1000 Mönche und Novizen haben damals dort gelebt.

1940 fiel die Ladoga-Insel an die UdSSR. Die Mönche hatten gerade noch Zeit, ihre Kunstschätze zu verladen und den geschlagenen finnischen Truppen nachzuziehen. Sie erwarben ein Gut in Finnisch-Karelien, bauten es um und nannten es nach ihrer alten Heimat Uusi Valamo, Neu-Valamo (Quelle: Berliner Zeitung).

Gemeinsam mit ein paar finnischen Sonntagsausflüglern schauen wir uns die Anlage und vor allem die Kirche an, die zwar erst 1977 im byzantinisch-russischen Stil erbaut wurde, aber wertvolle Ikonen und einen reich verzierten Hochaltar birgt.

Ein kurzer Spaziergang bringt uns zum orthodoxen Friedhof mit seinen alten karelischen Grabhäusern. Über diese Bestattungstradition habe ich noch nichts herausgefunden. Das muss ich daheim an einem kalten Wintertag recherchieren.

Ganz anderer Natur ist unsere nächste Station an diesem Sonntag: Die Schleuse am Varistaipale-Kanal hilft Bootsfahrern mit vier Stufen 14 Höhenmeter zu überwinden. Damit ist sie die größte in Finnland.

Unser letzter Besichtigungspunkt des Tages ist das Kloster Lintuala. Die Nonnen hier haben ein ähnliches Schicksal wie die benachbarten Mönche. Auch ihre ursprüngliche Heimat liegt in Russland und sie sind ebenfalls nach dem Winterkrieg von dort geflohen und haben im finnischen Teil Kareliens eine neue Heimat gefunden.

Heute Nachmittag ist kein Mensch hier zu sehen, weder eine der Nonnen noch Gäste. Auch der Geschenkeladen, in dem die Nonnen ihre selbstgefertigten Kerzen verkaufen, und das gemütliche Café neben dem Klostergarten sind geschlossen.

Jetzt wird es Zeit, dass wir uns einen Schlafplatz suchen. Es gibt einen Campingplatz in der Nähe, aber wir wollen lieber frei irgendwo stehen und deshalb fahren wir noch 40 Kilometer Richtung Kupio, das wir uns morgen anschauen wollen.

„Fantastisch!“, sind wir uns einig. Hier bleiben wir heute Nacht. Sitze umdrehen, Heizung an, Gin Tonic und Tavla raus. Der Abend kann beginnen.

Das hätten wir mal lieber bleiben lassen. 5 : 0 verloren.

Immer das Gleiche?

Die Szenerie ändert sich zur Zeit ja nur minimal: Wälder und Seen. Seen und Wälder. Keine pittoresken Altstädte (unser running gag seit unseren Spanienreisen), keine Museen oder Kunstwerke (außer Heimat- und Militärmuseen und wenn es mal was anderes gibt, wie das Atelier der Holzbildhauerin Eva Ryynäen gleich hier um die Ecke, dann ist es seit 15. September geschlossen).

Dennoch: wenn wir irgendwo langfahren, rechts und links die weißen Birken mit ihren gelben Blättern und wir erspähen einen See, bricht jedes Mal wieder das große Entzücken aus: „Guck mal, der See dort!“ Begeisterung. Anhalten. Gucken. Foto machen.

Irgendwie schaut es eben doch nicht immer gleich aus. Mal ist das Licht anders, mal glitzert es auf dem See, mal sieht es ganz besonders nach Ruska aus. Und so gondeln wir auch heute weiter durch die karelische Landschaft und schauen, was der Tag uns so bringt.

Erstmal werden wir von einem jungen Mann, mit dem wir nach dem Frühstück vorm Auto ins Gespräch kommen, in die Irre geleitet. Wenn wir weiterfahren, sagt er, können wir auf weitere Inselchen gelangen und am Ende gibt es wieder eine Fähre – und so was wie einen Fjord! „Das schaut aus wie in Norwegen“, strahlt der Finne. Wer sind wir, dass wir solch guten Ratschlägen nicht Folge leisten. Also auf der Hauptstraße links statt rechts abgebogen und ja, der erste Damm, der zweite, eine Brücke. Herrlich! Ich wundere mich, warum diese tolle Route nicht im Reiseführer steht. Fünf Minuten später weiß ich es: der Weg wird immer schmaler (O-Ton Achim: „Den Feldweg wäre ich nicht mehr weitergefahren!“ und dann ist er zu Ende. Vor uns das Wasser, aber kein Damm, keine Brücke und erst recht keine Fähre. Glücklicherweise gibt es einen Platz, auf dem ich den Bus wenden kann.

Einmal über alle Inselchen, ich glaube, es sind insgesamt sieben oder acht, zurück aufs Festland, dann das Trinkwasser an der Tankstelle auffüllen und Einkaufen.

Im nächsten Ort, Juuka, soll es  ein Viertel mit alten Holzhäusern und ein gutes Café geben. Das wollen wir uns anschauen.

Die Holzhäuser werden gerade mit EU-Mitteln restauriert, in einem von ihnen ist das Café, das zugleich ein Geschenke- und ein Secondhand-Laden ist.

Die Mango-Papaya-Torte und auch die Mokkatorte schmecken sehr gut, einziger Nachteil: die Stücke sind sehr klein. Gut, dass wir noch Apfelkuchen im Bus haben.

So gestärkt fahren wir weiter nach Koli und erklimmen den gleichnamigen Berg, Hügel, keine Ahnung, die Erhebung ist 357 Meter hoch und bietet fraglos einen traumhaften Ausblick.  Die vielen Inselchen im See und das tiefe Blau des Wassers sind nicht nur tausendfach fotografiert worden (im Sommer treten sich hier die Touristen auf die Füße). Auch viele finnische Maler haben dieses Motiv auf ihren Leinwänden verewigt.