Schon in der Nacht beginnt es, wie vorhergesagt, zu regnen. Bei schönem Wetter wären wir heute ins Ebrodelta weitergefahren. So aber beschließen wir, Herrn Picasso einen Besuch abzustatten, uns die Fotos von August Sander, die im Palau de la Virreina an der Rambla ausgestellt sind, anzuschauen und in einer der Markthallen ein paar katalanische Spezialitäten fürs Abendessen einzukaufen.
Aber erstmal wach werden, frühstücken und bloggen.



Gegen Mittag sind wir startklar und machen uns auf den Weg in die Stadt.
August Sander (1876 – 1964) gilt als einer der wichtigsten Photographen des 20. Jahrhunderts – und ich habe mich mit seinen Bildern absolut unwohl gefühlt. Mit seinem hier ausgestellten Mammutwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ wollte er Fotogeschichte schreiben.

Über Jahrzehnte hinweg trug der Photograph zahllose Porträts von Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen zusammen, wobei die Grundeinteilung Der Bauer, Der Handwerker, Die Frau, Die Stände, Die Künstler, Die Großstadt und Die letzten Menschen stets unverändert blieb. Er wollte mit seinen Bildern zeigen, dass die Physiognomie von Menschen gleichen Standes sich ähnelt und ein Bauer auch ohne Zubehör wie Land, Tier, Gerätschaft als solcher erkennbar ist. Nun, ich frage mich, wozu? Ich mag diesen Gedankenansatz nicht und die Bilder finde ich, pardon, langweilig. Sie erzählen keine Geschichten, ziehen mich nicht in ihren Bann.

Als ich dann in einer Vitrine eine Ausgabe der Schweizer Kulturzeitschrift „Du“ mit dem Titel „August Sander fotografiert: Deutsche Menschen“ sehe und im nächsten Ausstellungsraum unter dem Titel „Die letzten Menschen“ Behinderte gezeigt werden, reicht es mir vollends.

Später im Café gibt das Internet uns widersprüchliche Informationen: die einen sehen Sanders Ansatz wie ich in der Nähe nationalsozialistischen Gedankenguts. Eine andere Quelle berichtet, dass er zwar kein Berufsverbot hatte, die Nazis aber Teile seiner Werke beschlagnahmt haben.
Wie freue ich mich, dass im selben Haus noch eine andere Ausstellung gezeigt wird: „Womankind“ der Peruanerin Maria Maria Acha-Kutscher. Auch von ihr können wir ein Langzeitprojekt betrachten. Ein Jahr lang fotografierte sie jeden Tag eine Frau, so dass nun 365 kleine Fotos wie in einem Bilderbuch zu betrachten sind. Das ist spannend.




Nach so viel Kunst (und Aufregung über Kunst) brauchen wir erstmal einen Cafe con leche und ein bisschen Kuchen. Doch dann geht es tapfer weiter. Barcelona ohne das Picasso-Museum geht ja schließlich nicht, oder? Geht doch! Als wir nämlich die lange Schlange vorm Eingang sehen, machen wir auf dem Absatz kehrt, denn nur einmal umdrehen und zehn Schritte in die nächste Gasse rein, haben wir das wunderbare MEAM entdeckt, das Museu Europeu d‘ Art Modern.



Diesmal sind wir wirklich begeistert. Zeitgenössische KünstlerInnen zeigen ihre Bilder und Skulturen in einem herrlichen Palast aus dem 18. Jahrhundert. Die gesamte Atmosphäre ist spannend, anregend und lädt zum Verweien ein. Sorry, Picasso, wir treffen uns bestimmt nächstes Mal!

