Archiv der Kategorie: Nepal (Winter 2018)

Als Volontärin im Rainbow Children Home, Pokhara

​Die Hoffnung stirbt zuletzt

Schon als ich in der Früh aus dem Fenster schaue, ist klar: ob ich für meinen geplanten Sarangkot-Ausflug mit Himalayasicht bei Sonnenuntergang und – aufgang den erhofften klaren Blick haben würde, ist äußerst zweifelhaft. Kein Berg zu sehen. Alles diesig und in Wolken.
Optimistisch packe ich trotzdem meinen Rucksack mit dem bisschen, das ich für eine Nacht brauche. An dieser Stelle mal ein bisschen Werbung für einen Kollegen: Mit im Gepäck mein EBook mit dem neuesten Kalpenstein „Gipfelträumer“. Köstlich. (Vor allem die Szene mit der Entbindung im Zelt! Hab laut gelacht beim Lesen.)
Ich laufe den See entlang und erreiche nach 20 Minuten ein Restaurant, in dem ich auf einer hübschen Dachterrasse erstmal frühstücke.
Dann geht es zwei Stunden den Berg hinauf. Die 1500 Meter, auf denen das Bergdörfchen Sarangkot, das normalerweise besten Himalayablick bietet, müssen ja erreicht werden.


Kurz vor dem Ziel komme ich an einer Lehmhütte vorbei und bekomme, ehe ich mich versehe, einen Tee in die Hand gedrückt und einen Platz auf einer niedrigen Holzbank angeboten.
Die Frauen, drei etwa in meinem Alter, zwei junge und ein Baby, sind gut drauf. Sie singen, tanzen und texten mich auf nepalisch zu. Der Tee schmeckt nach angebrannter Milch und ihre vermeintliche Gastfreundschaft lassen sich die Damen auch bezahlen. Ist aber okay.

Ich erreiche das Dorf, quere die Straße und bin nach wenigen Minuten am Paraglider – Startplatz. Müßig schaue ich den Mutigen eine Weile zu.


Schließlich mache ich mich auf, mir ein Zimmer zu suchen. Kein leichtes Unterfangen, denn nahezu alles hat zu. Schließlich werde ich in der Himalaya Crown Lodge fündig und genieße den Nachmittag lesend auf meinem kleinen Balkon. Ohne Aussicht. Sowohl Berge als auch See sind im Dunst verborgen.
Gegen vier Uhr mache ich mich auf zum Tempel. Seit ich hier bin, höre ich von dort Stimmen und Musik. Meine Wirtin hat sich auch mit der Bemerkung verabschiedet, dass sie jetzt dorthin geht. Ich kann nicht wirklich einordnen, was ich sehe. Eine bunte Bühne, auf der mehrere Schauspieler  agieren. Die Sprecher sitzen hinter ihnen. Ich glaube, dass hier die Geschichte einer der zahlreichen hinduistischen Gottheiten erzählt wird. Morgen ist Shivas Geburtstag und ein wichtiger Feiertag.



Ich schaue eine Weile zu, gehe weiter und zahle unverdrossen 50 Rupien Eintritt (den Tarif für Ausländer, etwa 40 Cent) für die Aussichtsterrasse. Es ist so bizarr, dass es schon wieder witzig ist. Da die Aussicht mich nicht lange gefangen nimmt, schlendere ich zurück ins Dorf und bestelle mir ein spätes Mittagessen, Omelette mit Gemüse, und lasse die Stimmung auf mich wirken.

Pünktlich um kurz vor sechs finde ich mich zum „Sonnenuntergang“ wieder beim Aussichtsturm ein. Die meisten Menschen sind mittlerweile zurück ins Tal gefahren. Nur meine Wirtin schreitet gemeinsam mit ein paar Nachbarn beim Tempel um ein Feuer und zündet Räucherstäbchen an.

Ich wickele meinen „Lotte Choco Pie“ aus und versuche mir den Himalaya, wie ich ihn vorgestern von dieser Stelle aus sah, vorzustellen.

Vielleicht habe ich ja wenigstens mit dem Sonnenaufgang morgen früh Glück?

​Kurta, Sari und Hippies

Was trägt frau zurzeit in Nepal? Sehr beliebt ist die Kurta, eine Art Tunika, die bis zur Mitte des Schienbeins reicht, eng anliegt und an den Seiten bis hoch zum Po geschlitzt ist. Deshalb werden darunter meist farblich passende Leggings oder aber eine weite Hose ähnlich einer Pumphose getragen. Es gibt die Kurta jetzt im Winter aus festen wärmenden Baumwollstoffen oder in der Sommeredition aus leichtem Kunststoffgewebe.

Bei feierlichen Anlässen, auch bei besonderen geschäftlichen Meetings, wickelt sich die nepalische Frau gerne in einen Sari, eine Kunst für sich. Auf dem Foto unten sieht man das Oberteil von Gomas sehr elegantem Sari bei einer Geburtstagsfeier im Kinderheim.

Das untere Foto zeigt eine Gruppe von Frauen in Saris unterwegs zu einer religiösen Zeremonie.

Bei den Frauen, die es weniger traditionell mögen,  sind – wie bei den Männern im Übrigen auch – Outdoor-Outfits angesagt. Um es schön warm zu haben, wird die Trekkingjacke aber auch gerne mal über der Kurta getragen.

Was hier das Straßenbild im touristischen Teil der Stadt ansonsten prägt, sind die Neohippies. Sie sehen aus wie ihre Väter und Mütter in den 60er und 70er Jahren – nur die Haare sind meist kürzer.

Was mich am meisten in Sachen Kleidung hier fasziniert, ist die Begeisterung für Kopfbedeckungen. Egal ob Mütze, Schal oder Kopftuch, irgendwas braucht der Mensch hier auf dem Kopf. Nicht aus modischen Gründen sondern wegen der Kälte. ABER: warme Füße braucht hier kein Mensch. Die meisten rennen barfuß rum. Wenn der Kopf schön warm ist, reicht das.

Atemberaubend

Schon bei der Anfahrt präsentiert der Himalaya seine schönsten Seiten. Gestochen scharf ist der Blick auf die Annapurnakette.

Wir sind heute mit neun etwas älteren Kindern zum Sarangkot unterwegs , DEM Aussichtsberg bei Pokhara, 1500 Meter hoch. Wie immer fahren wir mit dem öffentlichen Bus. Nach zweimaligem Umsteigen sitzen wir gegen elf in dem Bus, der uns auf den Berg bringen soll. Schade, dass es schon so spät ist, denn die Gefahr, dass Wolken aufziehen, wächst mit jeder halben Stunde. Aber die Mädels haben wieder ewig gebraucht.

Der Bus füllt sich zusehends, der Mittelgang wird von einer in bunte Saris gewandete sehr munteren Frauengruppe besetzt.

Nach einer Dreiviertelstunde, in der sich der Bus tapfer den Berg hinaufgequält hat, ist das Ende der Straße erreicht. Über einen steilen Pfad wandern wir weiter nach oben und passieren zunächst den Startplatz der Paraglider. Im Tandem schwingen sie sich hier in die Lüfte, lassen sich bei guter Thermik Richtung Berge ziehen, um dann sanft dem See und dem Tal entgegenzugleiten. Ich weiß nicht, ob ich mich nicht vielleicht doch trauen sollte. Es sieht schon sehr verlockend aus.

Zehn Minuten später erreichen wir das Dorf Sarangkot mit zahlreichen Gästehäusern, Lokalen und Verkaufsständen. Am Ende schließlich eine große Aussichtsplattform, die man gegen eine geringe Eintrittsgebühr betreten kann.

Wie befürchtet sind schon viele Wolken aufgezogen, so dass Annapurna Süd und Fishtail fast verborgen sind. Annapurna East ist aber noch atemberaubend schön. Auch die Kinder halten es fast eine Stunde lang aus, einfach dazusitzen und den wundervollen Anblick zu genießen.

Ehe wir uns an den zweistündigen Abstieg machen, gibt es noch Chowmein, also gebratene Nudeln, zum Mittagessen und natürlich ein Gruppenfoto.

Und ich nehme mir vor, an meinem nächsten freien Tag, also übermorgen, hinaufzuwandern, dort zu übernachten und am nächsten Morgen mit dem Taxi nach Hause zu fahren. Mit viel Glück kann ich auf diese Weise Sonnenuntergang und -aufgang erleben.

Reisebekanntschaften

Auf Reisen lernt man ja viele interessante Menschen kennen. Und was die alle(s) machen! Da sind die zwei Monate, die ich hier stationär in Pokhara verbringe, ein Klacks dagegen.

Caro aus Frankreich zum Beispiel, 26 Jahre jung, verbringt ja gerade ein vierwöchiges Volontariat gemeinsam mit mir im Rainbow Children Home. Vorher war sie vier Wochen in einem Waisenhaus in Kapstadt und dann noch drei Wochen auf Safari in Namibia und Botswana. Wenn nächste Woche ihre Zeit hier in Pokhara rum ist, fährt sie weiter nach Sri Lanka, wo sie in Colombo vier Wochen lang jungen Mönchen in einem Kloster Englisch beibringt.
Ihre Freundin Nino ist gerade zu Besuch. Sie hat als nächstes Indien auf dem Programm. Es folgen Vietnam, Kambodscha und ich weiß nicht mehr, was noch alles. Ein halbes Jahr will sie unterwegs sein. Allein. Das Mädel ist 20.

Magda und Rino kommen aus Spanien bzw. Italien und gönnen sich ebenfalls ein halbes Jahr Auszeit. Bisher haben sie in einer Art Landkommune in Trento gelebt. Nun wollen sie sich neu orientieren. Dazu gehört auch ihre symbolische Hochzeit, die sie hier gefeiert haben. Sie haben sich gemeinsam mit uns zwei Wochen lang um unsere Kinder gekümmert, uns auf Ausflügen unterstützt, viele tolle Spielideen gehabt und auch beim Putzen Hand angelegt.

Nun sind sie noch für ein paar Wochen in Indien und ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen in Spanien, Italien oder Deutschland.


Enoch ist Gomas Bruder und im Heim Ansprechpartner für uns Volontäre. Er hat einen Shop, in dem er die Produkte des Rainbow Handicraft Shops verkauft und organisiert außerdem Trekkingtouren. Einen Teil des Erlöses führt er ans Kinderheim ab. Wer dies unterstützen und hier zum Trecken gehen möchte, dem sei http://www.enochtrekking.com empfohlen. Für mich organisiert er gerade eine vier- bis fünftägige Wanderung auf dem sog. Royal Treck. Sonntag in einer Woche soll es losgehen.

Überdies ist er Mitglied bei der Daari-Gang. In Nepal hat sie Hunderte von Mitgliedern, hier in Pokhara rund 60. Jeder trägt einen üppigen Bart und ist ehrenamtlich in sozialer Arbeit engagiert, vor allem um die Bildung von Kindern zu verbessern.


Und dann haben wir heute am See noch eine junge Chinesin kennengelernt, die uns beim Fußballspielen zugeschaut hat. In einer Spielpause schnappte sie sich den Ball, dribbelte kunstvoll mit ihm übers Feld, hievte ihn auf ihren Nacken und ließ ihn kontrolliert über ihren ganzen Körper rollen. Mirchen ist 26, Sportlehrerin und Fußballtrainerin. Unsere Jungs waren schwer beeindruckt.

Während ich dies im Café am See schreibe, kommt ein Mann an meinen Tisch und sagt auf Englisch zu mir, dass ein Freund diese Kärtchen drucke und ihn gebeten habe, sie überall zu verteilen: „Everything is working out perfectly.“

Ommmm



Der Duft gebratener Zwiebeln steigt mir in die Nase. Hmmm, sehr lecker. Ein Hahn kräht, Hunde bellen und ein Motorrad fährt mit röhrendem Motor vorbei. „Konzentriert Euch auf die Geräusche, die uns umgeben“, fordert Adriana uns auf. Caro und ich besuchen heute ihre Yogastunde im Hinterhof eines Restaurants am See. Neulich waren wir hier zum Abendessen und haben die Tafel mit den Yogaangeboten entdeckt. Die junge Brasilianerin ist erst seit einer Woche in Nepal. Sie lebt seit geraumer Zeit in Indien und kam eigentlich nur nach Nepal, um ihr Visum zu erneuern. Auch ihr gefällt es in Pokhara sehr gut, so dass sie beschloss, ein wenig länger zu bleiben. Der Job als Yogalehrerin im Umbrella – Café war schnell gefunden.

Umsichtig leitet sie uns durch eine kurze Eingangsmeditation, durch die verschiedenen Positionen, motiviert uns, auf unseren Atem zu achten und auf unseren Körper zu hören.
Ich mag es sehr, wie sie uns anleitet, dennoch vermisse ich zwischendurch meinen vorherigen Lehrer (ja, der, der mich neulich versetzt hat und dem ich noch gram bin. Pah!). Er hat jede zweite Übung mit einem „Beautiful! You do so beautiful!“ begleitet. Das war doch recht nett fürs Selbstbewusstsein.
Nach eineinhalb Stunden beenden wir die Sitzung mit drei gemeinsamen „Ommmm!“

Draußen einigen wir uns darauf, uns nächstes Mal in ihrem Guesthouse auf der Dachterrasse zu treffen. Das hat zwei Vorteile: sie muss von den 500 Rupien nicht einen Teil ans Café abführen und mir passt 19 Uhr besser als 11 Uhr am Vormittag. Das hat heute nämlich ein bisschen was von Schwänzen.

Nach dem Yoga genieße ich das frühsommerliche Wetter bei einem köstlichen Salat am See. Nachdem mein Körper nun fünf Wochen Zeit hatte, sich an die hiesigen Bakterien zu gewöhnen, werde ich jetzt dem Travelermotto „Peel it, cook it, fry it or forget it“ untreu.

Nachtleben

Vor ein paar Tagen fragte Freund Gerd per E-Mail, was denn eigentlich mit dem Nachtleben in Pokhara sei. Ich antwortete etwas ironisch, dass wir hier jede Nacht bis in die Morgenstunden hinein  auf den Tischen tanzen würden und der Champagner in Strömen flösse.

Bisher haben wir nahezu alle Abende damit verbracht, dass wir zum Essen gingen und dann  gegen neun oder zehn zuhause waren. Ausnahmen waren die Kinoabende im Moviegarden und der eine Abend, an dem wir mit Magda und Rino beim Tumba versackt sind. Wenn wir an diesen Abenden gegen 11 nach Hause gingen, war kein Mensch mehr unterwegs. Die Lokale haben geschlossen, die Geschäfte die Eisenrolladen hinunter gelassen. Es ist dunkel. Die Bürgersteige sind hochgeklappt. (Man muss dich aber nicht fürchten. Es ist völlig sicher hier.)

Heute nun DIE Entdeckung: Das Upbeat. Hier gibt es anscheinend recht häufig Livemusik. Wir kamen zufällig auf unserem Heimweg hier vorbei und die Rockmusik gefiel uns. Also rein und ein Bier bestellt.

Auffällig die Gitarren. Nepalesische Instrumente? Klingen sehr gut. Ich sehe ein Plakat: Heute findet hier eine Jamsession statt, bei der in Nepal gebaute Instrumente präsentiert werden.


Wenige Minuten später gesellt sich eine junge Französin zu uns und erzählt: Sie und ihr Mann Tom sind vor einigen Wochen mit einer aus einer alten Zigarrenkiste selbstgebauten Gitarre hier in Pokhara gelandet. Sie lernten rasch andere Musiker kennen, die sie beknieten, für sie auch solche Instrumente anzufertigen. Im letzten Monat haben sie fünf gebaut und heute Abend war nun Premiere. Unter dem Label „Das Tom“ (die beiden stammen aus dem Elsass) wird das erste Mal öffentlich auf ihnen gespielt. Musiker und Publikum sind begeistert. Toller Sound, super Stimmung. Es gibt also doch ein Nachtleben hier, auch wenn es um halb sieben beginnt und um 10 endet.

 

 

Schutzengel



Heute habe ich einen guten Schutzengel gehabt. Um kurz vor zehn fuhren unser Fahrer Moti, Goma, Caro und ich zur Farm. Unsere Straße runter, rechts rein in die Hauptstraße, plötzlich ein Knall. Caro wird zu mir auf die linke Seite geschubst, wir drehen uns um, um zu schauen, was passiert ist. Ich dachte, wir seien über etwas Großes drübergefahren. Im gleichen Moment gerät unser Auto ins Schlingern. Ich denke: Reifen geplatzt! Der nächste Knall und das Auto steht.

Goma reagiert als Erste. Sie springt aus dem Auto, während Caro und ich überhaupt nicht verstehen, was da eigentlich gerade geschehen ist. Wir steigen aus und sind im Nu von einer Menschenmenge umringt. Erst nach einigen Momenten sehen wir Goma, die sich um eine offenbar verletzte Person kümmert. Unser Fahrer sitzt blass auf dem Bordstein und hat sichtlich Mühe, Haltung zu bewahren. Goma und der verletzte Mann steigen in ein Auto und fahren davon. Was ist denn bloß passiert?

Wir sehen drei demolierte Fahrzeuge: ein Taxi, rund 50 Meter entfernt, das war wohl unser erster Zusammenstoß. Seltsam, denn das Taxi parkt am rechten Straßenrand. Und bei Linksverkehr hätten wir es gar nicht touchieren dürfen. Und direkt neben uns einer dieser altertümlichen Traktoren, die uns schon die ganze Zeit faszinieren und unser sehr derangiertes Auto. Nach dem ersten Zusammenstoß sind wir einige Meter über die Straße geschlittert, haben den Traktor gestreift (dessen Fahrer verletzt wurde) und sind kurz vor dem Gehweg zum Stehen gekommen.


Schnell ist auch die Polizei zur Stelle und nach ca. einer Viertelstunde werden wir mit unserem Fahrer zur nächsten Polizeistation gebracht. Mit im Auto auf einmal Agni, Gomas Schwager, der sein Geschäft um die Ecke hat. Da er gut Englisch spricht, klärt sich nun der für uns doch sehr mysteriöse Vorgang auf. Moti ist schwindelig geworden und hat deshalb die Kontrolle über den Wagen verloren. „Lasst uns froh sein, dass dies hier und nicht an der Uferstraße oder am Berg passiert ist“, sagt Agni. Und erst da fährt uns der Schreck richtig in die Glieder.


Auf der Polizeistation werden wir in einen Warteraum gebeten und nach etwa 20 Minuten kommt Agni, um uns zu sagen, dass wir doch keine Aussage zu machen brauchen. Er bietet uns an, mit ihm im Taxi zurückzufahren. Moto muss leider noch hier bleiben, bis geklärt ist, wie es dem verletzten Treckerfahrer geht. Im Laufe des Tages wird sich herausstellen, dass es ihm wieder gut geht. Er hatte einen kleineren Schnitt in der Lippe, der für das Blut, das wir in seinem Gesicht gesehen hatten, sorgte. Ansonsten sind wir alle mit dem Schrecken davon gekommen.

Caro und ich haben erstmal den Schongang eingelegt, auf das Taxi verzichtet und einen großen Spaziergang gemacht. Hier etwas eingekauft, dort einen Cappuccino getrunken, da den Bruder von Goma in seinem Geschäft, drüben ihre Schwester in deren Laden besucht. Dann noch ein leckeres Mittagessen und ein wenig Ausruhen in unseren Zimmern und wir waren wieder auf dem Damm.

Am Abend treffen wir Goma, die den ganzen Tag mit den (finanziellen) Folgen des Unfalls beschäftigt war, aber auch dies mit stoischer Gelassenheit zu nehmen scheint. Meine Frage, ob es nicht angebracht sei, dass sich Moti einer ärztlichen Untersuchung unterzieht, um die Ursache für seinen Schwächeanfall herauszufinden,  bejaht sie. Ich bin gespannt. Und froh, dass uns nichts passiert ist.

Halbzeit

Heute in einem Monat bin ich wieder daheim und ich freue mich schon riesig darauf. Ich habe jetzt Halbzeit und versuche mal, eine kleine Zwischenbilanz.
„Was fehlt dir hier am meisten?“, fragte Kollegin Caro mich in der Mittagspause, als wirin einem koreanischen LokalKimchiprobiert haben.
Meine Liebsten und Lieben. Das ist klar. Das Joggen am Morgen, ein gutes Frühstück (mit gutem Brot, Käse, Schinken, Ei, Obst. Ja, ich nehme auch noch ein bisschen Lachs und Orangensaft ☺️). Mein Klavier und meinChor. Das mit der warmen Dusche lasse ich jetzt mal beiseite. Mehr eigentlich nicht.

Hab ich etwas gelernt? Ja.

Mir ist einmal mehr sehr bewusst geworden, wie privilegiert wir leben. Wie hoch unser Lebensstandard ist und wie fraglich, ob wir all das wirklich brauchen. Und wie wenig dankbar ich oft dafür bin, weil ich es als Selbstverständlichkeit nehme.

Ich denke, dass ich etwas geduldiger geworden bin. Nicht alles muss sofort passieren, auch mit den Plänen kann ich mir mehr Zeit lassen. Ich weiß, dass ich noch ein paar Tage zum Trecken gehen möchte, aber ich muss nicht jetzt auf den Tag genau festlegen, wann. „Wenn die Sicht am Morgen wieder gut ist“, reicht mir als Anhaltspunkt gerade völlig aus.

Wenn wir einen Ausflug machen, weiß ich inzwischen, dass wir fast eine Stunde brauchen, bis alle angezogen sind, bis alle da sind. Es stört mich ebenso wenig wie der Umstand, dass es im Lokal eine Weile dauert, bis das Essen kommt und dass die Speisen, die man gerne zusammen essen möchte, getrennt voneinander kommen. Wenn ich das partout nicht möchte, muss ich es ausdrücklich sagen. Meistens ist es mir aber egal.

Ich glaube auch, dass die Zeit hier ein sehr gutes Training für mehr Toleranz ist. Höflichkeitsformen wie „Danke. Bitte. Entschuldigung. Auf Wiedersehen“ stehen hier nicht sehrhochim Kurs. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen. Natürlich auch an das Rotzen und Spucken (ich bin sicher, dass man hier meine Art, die Nase zu putzen, nicht mag. Deshalb versuche ich, das auch immer diskret zu erledigen.)

Meistens, zugegebenermaßen nicht immer, bin ich recht entspannt, wenn die Dinge hier nicht so laufen wie wir es von Zuhause gewohnt sind: wenn beispielsweise der Strom ausfällt, kein Wasser da ist (blöd war’s allerdings, als es neulich versiegte und ich den Kopf noch voller Shampoo hatte), die Verabredungen nach „Nepali-Time“ (= plus ein bis zwei Stunden) erfolgen. Als mich mein Yogalehrer neulich allerdings komplett versetzt und auch auf meine Nachrichten zwei Tage nicht reagiert hat, war von fernöstlicher Gelassenheit bei mir nichts zu spüren. Da war ich einfach nur sauer.

Ich freue mich, dass ich das hier erleben darf. Dass ich in eine doch sehr andere Welt eintauchen kann und bin erstaunt, wie schnell diese dann doch mit den Wochen ganz alltäglich werden kann.

Ich habe eine Weile gebraucht zu kapieren, dass ich die Älteste auf weiter Flur bin. Für unsere Kleinen bin ich zum Teil die Ama, die Großmutter. Und doch habe ich zu den anderen Volontären, die in den Zwanzigern sind, einen guten Draht.

Ich sehe, was alles möglich ist und bin neugierig, was ich hier in Nepal, daheim und in anderen Teilen dieser Welt noch erleben werde. Getreu meinem Motto: „Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste.“

Samstag ist Waschtag

Für die Jüngeren unter uns: als noch nicht jede Wohnung, jedes Haus mit Gas- oder Ölheizung ausgestattet war, sondern im Badezimmer ein Kohleofen stand, der für heißes Wasser sorgte, war es auch bei uns üblich, (nur) am Samstag zu baden und zu waschen.

Hier ist der Samstag der einzige freie Tag in der Woche, Sonntags ist kein Feiertag. Und so wird der Samstag genutzt, um sich und seine Sachen zu waschen. Ich schrieb es ja nun schon des öfteren: eine Memme darf man hier nicht sein. Duschen und Haare waschen passieren hier mit kaltem Wasser. Die älteren Kinder nutzen dafür ein kleines Bad neben ihren Zimmern. Die Kleinen waschen sich im Freien, dort, wo auch die Wäsche gewaschen wird. Entweder wird gleich der Schlauch hergenommen oder das Wasser wird mit einem Becher aus einem Trog geschöpft. Als Shampoo dient ein Stück Seife.

Die Kleidungsstücke werden anschließend gleich von Hand eingeseift und gewaschen. Für die kleinen übernehmen die großen Mädchen die Wäsche. Da ich heute Marmita beim „Duschen“ helfen durfte, habe ich mich danach an ihre Wäsche gemacht. Zum Trocknen steigt man aufs Dach und wenn, wie in unserem Fall schon alle Wäscheleinen besetzt sind, hängt man die Wäsche über die Brüstung. Gut, dass es nicht windig ist.

Es war eine Freude, die frisch gewaschenen und sauber gekleideten Kinder zu sehen, als wir uns um fünf alle versammelt haben, um in den Kinogarten zu gehen. Einige der älteren Mädchen legen schon viel Wert auf ihr Aussehen. Sie frisieren und schminken sich und ziehen ihre besten Kleider an, wenn wir ausgehen.

Sport von früh bis spät

Ein wenig übertrieben ist diese Überschrift, ich gebe es zu. Denn ganz in der Früh, um kurz nach acht, lädt mich Goma heute zum Frühstück in ein hübsches Restaurant am See ein. Wie ich zu dieser außerordentlichen Ehre komme, weiß ich nicht (sie ist ein eher distanzierter Typ, der uns Volontäre nicht gerade hätschelt). Aber egal. Ich freue mich und wir verbringen eine interessante Stunde miteinander, in der sie viel über sich, die Kinder und das Heim erzählt. Darüber werde ich bald in einem eigenen Beitrag nochmal ausführlicher berichten.

Doch nun zum Sport. An einer der Schulen, die unsere Kinder besuchen, ist heute Sportfest, das in einem großen Park am See ausgetragen wird. Schon am Vorabend fragen uns einige Jungs, ob wir zum zugucken und anfeuern kommen. Das ist doch Ehrensache! Begleitet von Sagar und Kamal machen wir uns um 11 Uhr auf den Weg. Die beiden müssen heute nicht zur Schule, weil an ihrer Schule wieder ein Feiertag ist (sollten deutsche SchülerInnen hier mitlesen, werden sie sicherlich neidisch). Als wir angekommen, rennt uns Baban entgegen. „Come, come!“ Seine Fußball-Mannschaft ist im Finale und das Endspiel geht gleich los.

1 : 0! Super! Nach dem erfolgreichen Spiel schauen wir, was sonst noch so auf dem Programm steht. 500-Meter-Lauf, Sackhüpfen, Tauziehen. Außerdem binden sich die Kinder paarweise mit einem ein Tau an den Fesseln zusammen und müssen nach dem Startschuss 50 Meter um die Wette rennen. Bei einem weiteren Laufspiel hat jedes Kind einen Löffel mit einer Murmel drauf im Mund.

Anders als daheim sind hier die Verpflegungsstände. In eine Tüte wird eine frei wählbare Mixtur aus Kartoffelstückchen, Zwiebeln, Mais, Reisflakes und vielem mehr gegeben. Die Jungs lassen uns probieren. Schmeckt gar nicht schlecht und ist jedenfalls erheblich gesünder als Chips, Flips und Würstchen.

Nach zwei Stunden haben wir genug gesehen und machen uns auf den Heimweg. Wir laden Sagar und Kamal zum Mittagessen ein und begeistert bestellen sie sich Momos und Limo. Auch für sie eine angenehme Abwechslung zum ewigen Dal Bhat.

Nachdem wir die Jungs wieder daheim abgeliefert haben, gönnen Caro und ich uns erstmal eine Mittagspause. Kaffee und ein kurzes Schläfchen. Als ich gegen vier wieder im Heim auftauche, hocken alle vor dem Fernseher, außer Marmita. So nutze ich die Gunst der Stunde und mache mit ihr einen Spaziergang zum See. Zuerst schauen wir in unserem Garten vorbei und begrüßen die Kuh. Dann trinken wir ein Lassi am Ufer.

Zurück erwartet mich Anjeli schon mit den Badmintonschlägern. Mit wechselnden Partnern spiele ich auf der Straße bis weit nach Einbruch der Dunkelheit. Die Straßenlampe liefert spärliche Beleuchtung, aber wir treffen trotzdem noch ab und zu den Ball.