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​Bonjour sister, comment ça va?

In Ländern mit niedrigem Lohnniveau profitieren wir Ausländer, wenn wir die für uns sehr günstigen Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Deshalb hätte ich das „Rei in der Tube“ auch zuhause lassen können. Denn hier bringt man seine Wäsche zur „laundry“, also in die Wäscherei. Jeder ist irgendwo Stammkunde. Meine französische Kollegin Caro wird von dem Mann,  der ihre Wäsche macht, stets mit einem freundlichen „Bonjour sister, comment ça va?“ begrüßt.
Wenn ich einmal die Woche zu Wäscherin meiner Wahl komme, grüßt sie mit einem freundlichen „Namaste! How are you?“ Dann zieht sie ihre kleine Handwaage aus der Schublade und hängt meinen Wäschebeutel daran auf. Der Preis ist überall derselbe: 100 Rupien, also etwa 80 Cent pro Kilo. Am Abend des darauffolgenden Tags kann ich meine sauberen Sachen wieder abholen.


Gegenüber vom Rainbow Children Home ist eine kleine Nähstube. Als erstes habe ich mir dort eine Kurta nähen lassen (8 Euro). Dann ging der Reißverschluss meines Schlafsacks kaputt (3 Euro), danach habe ich die seit ewigen Zeiten kaputten Reißverschlüsse an meinem Webpelz und an meiner Handtasche richten lassen (jeweils 1,50 Euro).

Auch der Juwelier um die Ecke hat mir große Freude bereitet. Ich bin es mittlerweile gewohnt, dass irgendein Kind an mir dran hängt, mein Medaillon öffnet und fragt: „Your husband?“  (Mamita fügt seit ein paar Tagen noch an: „What’s his name? Achim?“) So dass ich auch nicht besonders achtgegeben habe, als der zweijährige Sajan sich das Medaillon anschaute. Erst als er urplötzlich weglief, sah ich die Bescherung: Er hatte beide Seiten so fest auseinandergebogen, dass sie verzogen waren und sich das Medaillon nicht mehr schließen ließ. Eines der älteren Mädchen wusste Rat und brachte mich ins nahegelene Schmuckgeschäft. Der Besitzer begutachtete den Schaden und wies mich an, am nächsten Nachmittag wiederzukommen. Er wolle es versuchen.

Ich habe mich so gefreut, als er mir meinen Talisman heile zurückgab – und dann auch nur zwei Euro dafür verlangte.

Tja, diese wirklich erschwinglichen Dienstleistungen werde ich in Deutschland wohl auch vermissen.

​Nepal ist bunt

… und wir haben im Verlauf der letzten Wochen dazu beigetragen, zumindest das Rainbow Children Home noch farbiger zu machen.

Ein normaler Schultag sieht für uns Volontäre so aus: zwischen acht und neun kommen wir ins Heim, trinken erstmal einen Tee und plaudern dabei ein wenig mit jedem, der gerade das Bedürfnis dazu hat. Dann frühstücken wir mit den Kindern, das heißt, wir essen Dal Bhat, Reis mit Linsen und anderem Gemüse. Die Kleinen begleiten wir in die gegenüberliegende Schule, dann wird gefegt: die beiden Klassenräume, die Flure und der Speisesaal. Und schließlich wird gemalert. Mein Sohn fragte mich neulich schon, ob denn überhaupt noch eine Wand frei sei.

Ehrlich, wir sind auch ein bisschen stolz darauf.

Auch unsere funkelnagelneue Küche, die demnächst bezugsfertig ist, bekommt einen farbigen Anstrich. Das hat aber ein Profi gemacht.


Doch nicht nur bei uns ist Farbe gefragt.

Auch die anderen Häuser sind vielfach bunt angestrichen.

Im Tempel sind die Altäre mit vielen Farben geschmückt.

Ebenso die Auslagen in den Geschäften.


Und die Kopfbedeckungen.


Dieses Mandala ist unsere letzte Malarbeit. Wir werden es morgen beenden. Am Freitag reist Caro ab. Und auch meine Tage in Pokhara sind gezählt.

Shivas Geburtstag

Heute feiern die Hindus Shivas Geburtstag. Zur Feiertag des Tages bekomme ich gleich in der Früh ein schönes Geschenk: Das Wetter zeigt sich von einer sehr viel besseren Seite als gestern und beschert mir wunderbaren Bergblick zum Sonnenaufgang.

Allein bin ich nicht in der morgendlichen Idylle. Mindestens zwei Schulklassen sind mit mir gemeinsam auf der Aussichtsterrasse und genießen das Schauspiel. Warum ab sieben Uhr der gesamte Platz mit Musik beschallt wird, entzieht sich meiner Kenntnis.

Um acht sitze ich im Taxi, schnell heim, duschen und ab ins „Rainbow“. Das vielstimmige „Good morning, Eva!“ werde ich demnächst sicherlich vermissen.

Nach dem Dal Bhat schmeißen sich die  Mädchen in Schale und gemeinsam ziehen wir los, einen nahe gelegenen Tempel zu besuchen und Shiva unsere Geburtstagsgrüße zu überbringen.

Shiva ist einer der wichtigsten Götter im Hinduismus und an seinem Geburtstag ist ntürlich wieder einmal die Schule geschlossen, viele Geschäfte haben zu, die meisten Menschen müssen nicht zur Arbeit.

Heute hat aber nicht nur Shiva Geburtstag, auch Indrani darf heute feiern. Sie wird 15. Nach dem Tempelbesuch ziehen Caro und ich mit ihr los, um ihr ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Unterwäsche hat sie sich gewünscht und die soll sie auch bekommen. Anschließend gehen wir noch zum Momoessen bei Piya.

Am Abend wird dann dank Shiva kräftig gefeiert. Zuckerrohr wird hierfür bereits am Nachmittag überall verkauft.

Wenn es dann dunkel ist, werden auf Plätzen oder an Tempeln große Feuer entzündet und lange Zuckerrohrstangen hineingehalten. Wenn sie heiß genug sind, zieht man sie raus, knallt das heiße Ende mit voller Wucht auf den Boden und wummmmm, explodiert das Ganze. Ein riesen Spaß für Jung und Alt.

Unsere Großen dürfen rübergehen in den kleinen Park nebenan und zuschauen. Die Kleinen sind glücklich, weil sie das Zuckerrohr futtern dürfen.

Übrigens ist Shivaratri der einzige Tag im Jahr, an dem in Nepal legal Marihuana geraucht oder sonstwie zu sich genommen werden darf. Gern überrascht man angeblich auch schon mal seine Freunde mit einem kleinen Kuchen, der nicht nur Eier und Mehl enthält.

​Die Hoffnung stirbt zuletzt

Schon als ich in der Früh aus dem Fenster schaue, ist klar: ob ich für meinen geplanten Sarangkot-Ausflug mit Himalayasicht bei Sonnenuntergang und – aufgang den erhofften klaren Blick haben würde, ist äußerst zweifelhaft. Kein Berg zu sehen. Alles diesig und in Wolken.
Optimistisch packe ich trotzdem meinen Rucksack mit dem bisschen, das ich für eine Nacht brauche. An dieser Stelle mal ein bisschen Werbung für einen Kollegen: Mit im Gepäck mein EBook mit dem neuesten Kalpenstein „Gipfelträumer“. Köstlich. (Vor allem die Szene mit der Entbindung im Zelt! Hab laut gelacht beim Lesen.)
Ich laufe den See entlang und erreiche nach 20 Minuten ein Restaurant, in dem ich auf einer hübschen Dachterrasse erstmal frühstücke.
Dann geht es zwei Stunden den Berg hinauf. Die 1500 Meter, auf denen das Bergdörfchen Sarangkot, das normalerweise besten Himalayablick bietet, müssen ja erreicht werden.


Kurz vor dem Ziel komme ich an einer Lehmhütte vorbei und bekomme, ehe ich mich versehe, einen Tee in die Hand gedrückt und einen Platz auf einer niedrigen Holzbank angeboten.
Die Frauen, drei etwa in meinem Alter, zwei junge und ein Baby, sind gut drauf. Sie singen, tanzen und texten mich auf nepalisch zu. Der Tee schmeckt nach angebrannter Milch und ihre vermeintliche Gastfreundschaft lassen sich die Damen auch bezahlen. Ist aber okay.

Ich erreiche das Dorf, quere die Straße und bin nach wenigen Minuten am Paraglider – Startplatz. Müßig schaue ich den Mutigen eine Weile zu.


Schließlich mache ich mich auf, mir ein Zimmer zu suchen. Kein leichtes Unterfangen, denn nahezu alles hat zu. Schließlich werde ich in der Himalaya Crown Lodge fündig und genieße den Nachmittag lesend auf meinem kleinen Balkon. Ohne Aussicht. Sowohl Berge als auch See sind im Dunst verborgen.
Gegen vier Uhr mache ich mich auf zum Tempel. Seit ich hier bin, höre ich von dort Stimmen und Musik. Meine Wirtin hat sich auch mit der Bemerkung verabschiedet, dass sie jetzt dorthin geht. Ich kann nicht wirklich einordnen, was ich sehe. Eine bunte Bühne, auf der mehrere Schauspieler  agieren. Die Sprecher sitzen hinter ihnen. Ich glaube, dass hier die Geschichte einer der zahlreichen hinduistischen Gottheiten erzählt wird. Morgen ist Shivas Geburtstag und ein wichtiger Feiertag.



Ich schaue eine Weile zu, gehe weiter und zahle unverdrossen 50 Rupien Eintritt (den Tarif für Ausländer, etwa 40 Cent) für die Aussichtsterrasse. Es ist so bizarr, dass es schon wieder witzig ist. Da die Aussicht mich nicht lange gefangen nimmt, schlendere ich zurück ins Dorf und bestelle mir ein spätes Mittagessen, Omelette mit Gemüse, und lasse die Stimmung auf mich wirken.

Pünktlich um kurz vor sechs finde ich mich zum „Sonnenuntergang“ wieder beim Aussichtsturm ein. Die meisten Menschen sind mittlerweile zurück ins Tal gefahren. Nur meine Wirtin schreitet gemeinsam mit ein paar Nachbarn beim Tempel um ein Feuer und zündet Räucherstäbchen an.

Ich wickele meinen „Lotte Choco Pie“ aus und versuche mir den Himalaya, wie ich ihn vorgestern von dieser Stelle aus sah, vorzustellen.

Vielleicht habe ich ja wenigstens mit dem Sonnenaufgang morgen früh Glück?

​Kurta, Sari und Hippies

Was trägt frau zurzeit in Nepal? Sehr beliebt ist die Kurta, eine Art Tunika, die bis zur Mitte des Schienbeins reicht, eng anliegt und an den Seiten bis hoch zum Po geschlitzt ist. Deshalb werden darunter meist farblich passende Leggings oder aber eine weite Hose ähnlich einer Pumphose getragen. Es gibt die Kurta jetzt im Winter aus festen wärmenden Baumwollstoffen oder in der Sommeredition aus leichtem Kunststoffgewebe.

Bei feierlichen Anlässen, auch bei besonderen geschäftlichen Meetings, wickelt sich die nepalische Frau gerne in einen Sari, eine Kunst für sich. Auf dem Foto unten sieht man das Oberteil von Gomas sehr elegantem Sari bei einer Geburtstagsfeier im Kinderheim.

Das untere Foto zeigt eine Gruppe von Frauen in Saris unterwegs zu einer religiösen Zeremonie.

Bei den Frauen, die es weniger traditionell mögen,  sind – wie bei den Männern im Übrigen auch – Outdoor-Outfits angesagt. Um es schön warm zu haben, wird die Trekkingjacke aber auch gerne mal über der Kurta getragen.

Was hier das Straßenbild im touristischen Teil der Stadt ansonsten prägt, sind die Neohippies. Sie sehen aus wie ihre Väter und Mütter in den 60er und 70er Jahren – nur die Haare sind meist kürzer.

Was mich am meisten in Sachen Kleidung hier fasziniert, ist die Begeisterung für Kopfbedeckungen. Egal ob Mütze, Schal oder Kopftuch, irgendwas braucht der Mensch hier auf dem Kopf. Nicht aus modischen Gründen sondern wegen der Kälte. ABER: warme Füße braucht hier kein Mensch. Die meisten rennen barfuß rum. Wenn der Kopf schön warm ist, reicht das.

Atemberaubend

Schon bei der Anfahrt präsentiert der Himalaya seine schönsten Seiten. Gestochen scharf ist der Blick auf die Annapurnakette.

Wir sind heute mit neun etwas älteren Kindern zum Sarangkot unterwegs , DEM Aussichtsberg bei Pokhara, 1500 Meter hoch. Wie immer fahren wir mit dem öffentlichen Bus. Nach zweimaligem Umsteigen sitzen wir gegen elf in dem Bus, der uns auf den Berg bringen soll. Schade, dass es schon so spät ist, denn die Gefahr, dass Wolken aufziehen, wächst mit jeder halben Stunde. Aber die Mädels haben wieder ewig gebraucht.

Der Bus füllt sich zusehends, der Mittelgang wird von einer in bunte Saris gewandete sehr munteren Frauengruppe besetzt.

Nach einer Dreiviertelstunde, in der sich der Bus tapfer den Berg hinaufgequält hat, ist das Ende der Straße erreicht. Über einen steilen Pfad wandern wir weiter nach oben und passieren zunächst den Startplatz der Paraglider. Im Tandem schwingen sie sich hier in die Lüfte, lassen sich bei guter Thermik Richtung Berge ziehen, um dann sanft dem See und dem Tal entgegenzugleiten. Ich weiß nicht, ob ich mich nicht vielleicht doch trauen sollte. Es sieht schon sehr verlockend aus.

Zehn Minuten später erreichen wir das Dorf Sarangkot mit zahlreichen Gästehäusern, Lokalen und Verkaufsständen. Am Ende schließlich eine große Aussichtsplattform, die man gegen eine geringe Eintrittsgebühr betreten kann.

Wie befürchtet sind schon viele Wolken aufgezogen, so dass Annapurna Süd und Fishtail fast verborgen sind. Annapurna East ist aber noch atemberaubend schön. Auch die Kinder halten es fast eine Stunde lang aus, einfach dazusitzen und den wundervollen Anblick zu genießen.

Ehe wir uns an den zweistündigen Abstieg machen, gibt es noch Chowmein, also gebratene Nudeln, zum Mittagessen und natürlich ein Gruppenfoto.

Und ich nehme mir vor, an meinem nächsten freien Tag, also übermorgen, hinaufzuwandern, dort zu übernachten und am nächsten Morgen mit dem Taxi nach Hause zu fahren. Mit viel Glück kann ich auf diese Weise Sonnenuntergang und -aufgang erleben.

Reisebekanntschaften

Auf Reisen lernt man ja viele interessante Menschen kennen. Und was die alle(s) machen! Da sind die zwei Monate, die ich hier stationär in Pokhara verbringe, ein Klacks dagegen.

Caro aus Frankreich zum Beispiel, 26 Jahre jung, verbringt ja gerade ein vierwöchiges Volontariat gemeinsam mit mir im Rainbow Children Home. Vorher war sie vier Wochen in einem Waisenhaus in Kapstadt und dann noch drei Wochen auf Safari in Namibia und Botswana. Wenn nächste Woche ihre Zeit hier in Pokhara rum ist, fährt sie weiter nach Sri Lanka, wo sie in Colombo vier Wochen lang jungen Mönchen in einem Kloster Englisch beibringt.
Ihre Freundin Nino ist gerade zu Besuch. Sie hat als nächstes Indien auf dem Programm. Es folgen Vietnam, Kambodscha und ich weiß nicht mehr, was noch alles. Ein halbes Jahr will sie unterwegs sein. Allein. Das Mädel ist 20.

Magda und Rino kommen aus Spanien bzw. Italien und gönnen sich ebenfalls ein halbes Jahr Auszeit. Bisher haben sie in einer Art Landkommune in Trento gelebt. Nun wollen sie sich neu orientieren. Dazu gehört auch ihre symbolische Hochzeit, die sie hier gefeiert haben. Sie haben sich gemeinsam mit uns zwei Wochen lang um unsere Kinder gekümmert, uns auf Ausflügen unterstützt, viele tolle Spielideen gehabt und auch beim Putzen Hand angelegt.

Nun sind sie noch für ein paar Wochen in Indien und ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen in Spanien, Italien oder Deutschland.


Enoch ist Gomas Bruder und im Heim Ansprechpartner für uns Volontäre. Er hat einen Shop, in dem er die Produkte des Rainbow Handicraft Shops verkauft und organisiert außerdem Trekkingtouren. Einen Teil des Erlöses führt er ans Kinderheim ab. Wer dies unterstützen und hier zum Trecken gehen möchte, dem sei http://www.enochtrekking.com empfohlen. Für mich organisiert er gerade eine vier- bis fünftägige Wanderung auf dem sog. Royal Treck. Sonntag in einer Woche soll es losgehen.

Überdies ist er Mitglied bei der Daari-Gang. In Nepal hat sie Hunderte von Mitgliedern, hier in Pokhara rund 60. Jeder trägt einen üppigen Bart und ist ehrenamtlich in sozialer Arbeit engagiert, vor allem um die Bildung von Kindern zu verbessern.


Und dann haben wir heute am See noch eine junge Chinesin kennengelernt, die uns beim Fußballspielen zugeschaut hat. In einer Spielpause schnappte sie sich den Ball, dribbelte kunstvoll mit ihm übers Feld, hievte ihn auf ihren Nacken und ließ ihn kontrolliert über ihren ganzen Körper rollen. Mirchen ist 26, Sportlehrerin und Fußballtrainerin. Unsere Jungs waren schwer beeindruckt.

Während ich dies im Café am See schreibe, kommt ein Mann an meinen Tisch und sagt auf Englisch zu mir, dass ein Freund diese Kärtchen drucke und ihn gebeten habe, sie überall zu verteilen: „Everything is working out perfectly.“

Ommmm



Der Duft gebratener Zwiebeln steigt mir in die Nase. Hmmm, sehr lecker. Ein Hahn kräht, Hunde bellen und ein Motorrad fährt mit röhrendem Motor vorbei. „Konzentriert Euch auf die Geräusche, die uns umgeben“, fordert Adriana uns auf. Caro und ich besuchen heute ihre Yogastunde im Hinterhof eines Restaurants am See. Neulich waren wir hier zum Abendessen und haben die Tafel mit den Yogaangeboten entdeckt. Die junge Brasilianerin ist erst seit einer Woche in Nepal. Sie lebt seit geraumer Zeit in Indien und kam eigentlich nur nach Nepal, um ihr Visum zu erneuern. Auch ihr gefällt es in Pokhara sehr gut, so dass sie beschloss, ein wenig länger zu bleiben. Der Job als Yogalehrerin im Umbrella – Café war schnell gefunden.

Umsichtig leitet sie uns durch eine kurze Eingangsmeditation, durch die verschiedenen Positionen, motiviert uns, auf unseren Atem zu achten und auf unseren Körper zu hören.
Ich mag es sehr, wie sie uns anleitet, dennoch vermisse ich zwischendurch meinen vorherigen Lehrer (ja, der, der mich neulich versetzt hat und dem ich noch gram bin. Pah!). Er hat jede zweite Übung mit einem „Beautiful! You do so beautiful!“ begleitet. Das war doch recht nett fürs Selbstbewusstsein.
Nach eineinhalb Stunden beenden wir die Sitzung mit drei gemeinsamen „Ommmm!“

Draußen einigen wir uns darauf, uns nächstes Mal in ihrem Guesthouse auf der Dachterrasse zu treffen. Das hat zwei Vorteile: sie muss von den 500 Rupien nicht einen Teil ans Café abführen und mir passt 19 Uhr besser als 11 Uhr am Vormittag. Das hat heute nämlich ein bisschen was von Schwänzen.

Nach dem Yoga genieße ich das frühsommerliche Wetter bei einem köstlichen Salat am See. Nachdem mein Körper nun fünf Wochen Zeit hatte, sich an die hiesigen Bakterien zu gewöhnen, werde ich jetzt dem Travelermotto „Peel it, cook it, fry it or forget it“ untreu.

Nachtleben

Vor ein paar Tagen fragte Freund Gerd per E-Mail, was denn eigentlich mit dem Nachtleben in Pokhara sei. Ich antwortete etwas ironisch, dass wir hier jede Nacht bis in die Morgenstunden hinein  auf den Tischen tanzen würden und der Champagner in Strömen flösse.

Bisher haben wir nahezu alle Abende damit verbracht, dass wir zum Essen gingen und dann  gegen neun oder zehn zuhause waren. Ausnahmen waren die Kinoabende im Moviegarden und der eine Abend, an dem wir mit Magda und Rino beim Tumba versackt sind. Wenn wir an diesen Abenden gegen 11 nach Hause gingen, war kein Mensch mehr unterwegs. Die Lokale haben geschlossen, die Geschäfte die Eisenrolladen hinunter gelassen. Es ist dunkel. Die Bürgersteige sind hochgeklappt. (Man muss dich aber nicht fürchten. Es ist völlig sicher hier.)

Heute nun DIE Entdeckung: Das Upbeat. Hier gibt es anscheinend recht häufig Livemusik. Wir kamen zufällig auf unserem Heimweg hier vorbei und die Rockmusik gefiel uns. Also rein und ein Bier bestellt.

Auffällig die Gitarren. Nepalesische Instrumente? Klingen sehr gut. Ich sehe ein Plakat: Heute findet hier eine Jamsession statt, bei der in Nepal gebaute Instrumente präsentiert werden.


Wenige Minuten später gesellt sich eine junge Französin zu uns und erzählt: Sie und ihr Mann Tom sind vor einigen Wochen mit einer aus einer alten Zigarrenkiste selbstgebauten Gitarre hier in Pokhara gelandet. Sie lernten rasch andere Musiker kennen, die sie beknieten, für sie auch solche Instrumente anzufertigen. Im letzten Monat haben sie fünf gebaut und heute Abend war nun Premiere. Unter dem Label „Das Tom“ (die beiden stammen aus dem Elsass) wird das erste Mal öffentlich auf ihnen gespielt. Musiker und Publikum sind begeistert. Toller Sound, super Stimmung. Es gibt also doch ein Nachtleben hier, auch wenn es um halb sieben beginnt und um 10 endet.

 

 

Schutzengel



Heute habe ich einen guten Schutzengel gehabt. Um kurz vor zehn fuhren unser Fahrer Moti, Goma, Caro und ich zur Farm. Unsere Straße runter, rechts rein in die Hauptstraße, plötzlich ein Knall. Caro wird zu mir auf die linke Seite geschubst, wir drehen uns um, um zu schauen, was passiert ist. Ich dachte, wir seien über etwas Großes drübergefahren. Im gleichen Moment gerät unser Auto ins Schlingern. Ich denke: Reifen geplatzt! Der nächste Knall und das Auto steht.

Goma reagiert als Erste. Sie springt aus dem Auto, während Caro und ich überhaupt nicht verstehen, was da eigentlich gerade geschehen ist. Wir steigen aus und sind im Nu von einer Menschenmenge umringt. Erst nach einigen Momenten sehen wir Goma, die sich um eine offenbar verletzte Person kümmert. Unser Fahrer sitzt blass auf dem Bordstein und hat sichtlich Mühe, Haltung zu bewahren. Goma und der verletzte Mann steigen in ein Auto und fahren davon. Was ist denn bloß passiert?

Wir sehen drei demolierte Fahrzeuge: ein Taxi, rund 50 Meter entfernt, das war wohl unser erster Zusammenstoß. Seltsam, denn das Taxi parkt am rechten Straßenrand. Und bei Linksverkehr hätten wir es gar nicht touchieren dürfen. Und direkt neben uns einer dieser altertümlichen Traktoren, die uns schon die ganze Zeit faszinieren und unser sehr derangiertes Auto. Nach dem ersten Zusammenstoß sind wir einige Meter über die Straße geschlittert, haben den Traktor gestreift (dessen Fahrer verletzt wurde) und sind kurz vor dem Gehweg zum Stehen gekommen.


Schnell ist auch die Polizei zur Stelle und nach ca. einer Viertelstunde werden wir mit unserem Fahrer zur nächsten Polizeistation gebracht. Mit im Auto auf einmal Agni, Gomas Schwager, der sein Geschäft um die Ecke hat. Da er gut Englisch spricht, klärt sich nun der für uns doch sehr mysteriöse Vorgang auf. Moti ist schwindelig geworden und hat deshalb die Kontrolle über den Wagen verloren. „Lasst uns froh sein, dass dies hier und nicht an der Uferstraße oder am Berg passiert ist“, sagt Agni. Und erst da fährt uns der Schreck richtig in die Glieder.


Auf der Polizeistation werden wir in einen Warteraum gebeten und nach etwa 20 Minuten kommt Agni, um uns zu sagen, dass wir doch keine Aussage zu machen brauchen. Er bietet uns an, mit ihm im Taxi zurückzufahren. Moto muss leider noch hier bleiben, bis geklärt ist, wie es dem verletzten Treckerfahrer geht. Im Laufe des Tages wird sich herausstellen, dass es ihm wieder gut geht. Er hatte einen kleineren Schnitt in der Lippe, der für das Blut, das wir in seinem Gesicht gesehen hatten, sorgte. Ansonsten sind wir alle mit dem Schrecken davon gekommen.

Caro und ich haben erstmal den Schongang eingelegt, auf das Taxi verzichtet und einen großen Spaziergang gemacht. Hier etwas eingekauft, dort einen Cappuccino getrunken, da den Bruder von Goma in seinem Geschäft, drüben ihre Schwester in deren Laden besucht. Dann noch ein leckeres Mittagessen und ein wenig Ausruhen in unseren Zimmern und wir waren wieder auf dem Damm.

Am Abend treffen wir Goma, die den ganzen Tag mit den (finanziellen) Folgen des Unfalls beschäftigt war, aber auch dies mit stoischer Gelassenheit zu nehmen scheint. Meine Frage, ob es nicht angebracht sei, dass sich Moti einer ärztlichen Untersuchung unterzieht, um die Ursache für seinen Schwächeanfall herauszufinden,  bejaht sie. Ich bin gespannt. Und froh, dass uns nichts passiert ist.