Archiv der Kategorie: Radtouren

Verliebt, verlobt, verheiratet – Weserradweg, Tag 4

Vom Kanuclub Rinteln bis zur Porta Westfalica sind es 32 Flusskilometer. Wir lassen keine Windung aus. Und derer gibt es viele.

Hier thront das monumentale Kaiser-Wilhelm-Denkmal über der Weser und markiert den Übergang vom Weserbergland in die norddeutsche Tiefebene.

Hier im Freilichttheater haben wir uns vor 42 Jahren verlobt. Schön, wieder da zu sein und schön feststellen zu dürfen: Das haben wir richtig gemacht!

Wenig später kommen wir in Minden zum größten doppelten Wasserstraßenkreuz der Welt, das mit Schiffen befahren werden kann.


Der Mittellandkanal wird hier in fast 400 Meter langen Trogbrücken über die Weser geführt. Sie  befinden sich ca.13 Meter über der Weser. Die alte Kanalbrücke wurde zwischen 1911 bis 1914 gebaut, im Jahr 1998 kam noch eine zweite für die größeren Frachtschiff hinzu.

Mithilfe der Weserschleuse können sich die Schiffe von der Weser in den Kanal hieven lassen.

Weiter geht es über die Westfälische Mühlenstraße durch die nun ganz ebene Flusslandschaft.

Leider nur noch knappe 50 Kilometer, denn unser Zeltplatz in Stolzenau markiert zugleich unseren Endpunkt auf dem Weserradweg. Morgen biegen wir ab Richtung Südosten, um etwa 60 Kilometer nach Hannover zu fahren. Von dort aus geht es mit dem Zug nach Hause.

Fazit: von uns bekommt der Weserradweg eine 1 mit ****.  Sehr gut ausgeschildert führt er großenteils am Wasser entlang durch reizvolle Landschaft und interessante Ortschaften. Die Infrastruktur für Radreisende, egal ob sie zelten oder in Pensionen oder Hotels übernachten, ist perfekt. Ganz große Empfehlung! Zumindest für die 300 Kilometer, die wir gefahren sind.

Lügengeschichten und andere Legenden – Weserradweg, Tag 3

Münchhausen reitet auf einer Kanonenkugel über eine belagerte Stadt, inspiziert die feindlichen Stellungen und steigt kurzerhand auf eine in die Gegenrichtung fliegende Kugel um.

Münchhausen zieht sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Münchhausen holt sein in den Schnee gefallenes Messer mittels eines gefrorenen Harnstrahls zu sich herauf.

Wir sind in Bodenwerder. Hier wurde Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen 1720 geboren.

Die dem Baron zugeschriebenen Erzählungen gehören in die Tradition der Lügengeschichten, die weit in die Literatur des klassischen Altertums und in das frühe orientalische Erzählgut zurückreicht.

Die Stadt ehrt ihren berühmten Sohn durch viele Brunnen, Denkmäler und Namensgebungen.

In der hübschen Fachwerkstadt kommt keiner an Münchhausen vorbei, egal ob er einen Kaffee trinkt oder in die Apotheke geht.

Wenige Kilometer weiter wird uns die Geschichte der diebischen Treidelschiffer aufgetischt, die dem Wirt den Sonntagsbraten stahlen, woraufhin er ihnen beim nächsten Mal seinen alten Kater, geschlachtet, unterjubelte. Der Hajener Bildhauer Jan D. Ehlers hat die Erzählung in Szene gesetzt.

In den Bereich der Lügengeschichten fällt auch die Legende vom sauberen und billigen Atomstrom, an die das Industriedenkmal bei Grohnde erinnert.

Unser Tageskilometerzähler zeigt 40 an, als wir die Stadt Hameln erreichen. Auf dem Weg hierher bläst uns der Nordwind ins Gesicht, aber in einem der zahlreichen Cafés in der Altstadt können wir uns erholen und an die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln, eine der bekanntesten deutschen Sagen, denken. Sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es wird geschätzt, dass mehr als eine Milliarde Menschen sie kennen. Selbst in fernen Ländern gehört sie häufig zum Schulunterrichtsstoff; besonders in Japan und in den USA ist sie sehr beliebt.

Seit 2014 gehört sie sogar zum immateriellen Kulturerbe. Dabei ist die Sage ja wirklich gruselig: Der von der Stadt um seinen Lohn betrogene Rattenfänger rächt sich, indem er alle Kinder der Stadt mit seinem Flötenspiel aus der Stadt lockt und sie spurlos verschwinden lässt. Sie kehren niemals zurück.

Mir machen in Hameln nicht die Ratten oder deren Fänger sondern die Wespen zu schaffen. Eine von ihnen sticht mir in die Lippe. Zum Glück bin ich nur gegen wortbrüchige Stadtväter, nicht gegen Bienengift allergisch.

Am Abend sind wir beim Kanuclub Rinteln zu Gast. Heute sind wir nicht allein, vier Zelte stehen hier, direkt am Wasser mit Blick auf die Rintelner Kirchtürme.

Wolkig bis heiter – Weserradweg, Tag 2

Der Wetterbericht hatte uns schon vorgewarnt, dass es heute Vormittag regnen würde. Um kurz nach Vier wurde ich das erste Mal wach, als der Wind durch die Baumwipfel tobte und der Regen aufs Zeltdach trommelte. Ich hörte noch das Halbfünf-Läuten, der Regen nieselte nur noch leicht und schläferte mich wieder ein.

Um kurz vor Sieben bin ich wieder wach. Ich habe gut geschlafen, kein Wunder bei der riesigen Luftmatratze, die ich durch die Gegend fahre. Einziges Problem ist die Unterlage für den Kopf, denn zusammengelegte Kleidung ersetzt doch kein vernünftiges Kissen. Aber diese Reise dient ja auch dazu, meine Komfortzone mal für ein paar Tage zu verlassen.

Gerade will ich aufstehen, da fängt es wieder an zu regnen. Na gut, dann bleibe ich noch liegen und lese.

Bei der nächsten Regenpause schäle ich mich aus dem Zelt. Wir sind allein auf dem Platz und dürfen, so der alte Herr, der uns gestern Abend empfangen hat, gern die überdachte Terrasse eines der abwesenden Dauercampers für ein Frühstück im Trockenen benutzen.

Um kurz vor Zehn brechen wir auf. Das Zelt kommt nass in die Packtaschen, das muss heute Nachmittag trocknen. Es regnet gerade nicht, aber vorsichtshalber packe ich mich regenfest ein.

Erster Stopp nach wenigen Kilometern ist die Klosterkirche in Lippoldsberg, ein Muss, wie Freund Michael sagt. Das harmonische, komplett erhaltene romanische Ensemble, in dem über 500 Jahre Benediktinerinnen lebten, beeindruckt auch uns.

Bad Karlshafen, Flusskilometer 45, ist  im Stil des Weserbarock  mit symmetrisch angelegten Straßenzügen in weiten Teilen eindrucksvoll erhalten. Als Hauptbau macht sich, direkt am historischen Hafenbecken gelegen, das ehemalige Pack- und Lagerhaus (heute Rathaus) mit mächtigem Walmdach und zentralem Dachreiter bemerkbar; es wurde 1715 bis 1718 erbaut und diente dem Landgrafen bei Besuchen als repräsentative Unterkunft.

Dann kommt die Sonne raus und es gibt Kaffee und Kuchen bei strahlendem Sonnenschein.

Wir radeln 20 Kilometer weiter bis Höxter, eine weitere farbenfrohe Fachwerkstadt am Fluss.

Jetzt ist es nicht mehr weit zu einem UNESCO-Kulturerbe: Corvey, ein berühmtes Kloster aus dem 9. Jahrhundert mit einem Barockschloss mit großer Bibliothek.

Auch die letzten 27 Kilometer des Tages führen direkt an der Weser entlang, die sich gemütlich durch die Lande schlängelt, gesäumt von Hügeln, Feldern, Wiesen, Pappeln und Weiden, besucht von Kühen, Schafen, Störchen, Reihern und Radfahrenden. Es gibt auch Apfelbäume und Brombeerhecken, wo wir uns ein bisschen mit Vitaminen fürs morgige Frühstück eindecken.

Um zum Zeltplatz zu kommen, müssen wir in Grave die Flussseite wechseln. Eine solarbetriebene Fähre holt uns über.

Und wieder haben wir eine Zeltwiese direkt am Fluss für uns alleine.

Fürs Abendessen und danach gibt es eine Bank mit Tisch. Einen kleinen Plausch mit dem Juniorchef und ein Bierchen. Das haben wir uns nach 78 Kilometern auch verdient, vor allem Achim, der immer noch ohne Unterstützung fährt.

Wo Werra sich und Fulda küssen – Weserradweg, Tag 1

„Wo Werra sich und Fulda küssen,

sie ihren Namen büßen müssen,

und hier entsteht durch diesen Kuss,

deutsch bis zum Meer, der Weserfluss.“

So steht es, leicht nationalbewusst, geschrieben auf dem Weserstein in Hannoversch-Münden (Landkreis Göttingen). Seit 1899 liegt er auf der Flussinsel Tanzwerder und wir tun das, was man hier so macht als Auftakt zu unserer fünftägigen Radtour entlang der Weser.

In fünf Tagen werden wir es nicht bis zur Mündung des Flusses in die Nordsee schaffen, aber mehr Zeit haben wir gerade leider nicht.

Wie zuletzt vor zwei Jahren sind wir wieder mit dem Zelt unterwegs. „So lange wir es schaffen, wollen wir das noch machen“, haben wir damals gesagt.

Erste Station ist natürlich Hannoversch-Münden selbst, die Drei-Flüsse-Stadt mit den vielen Fachwerkhäusern, von der der große Forscher und Reisende Alexander von Humboldt gesagt haben soll, sie zähle zu den sieben schönst gelegenen Städten der Welt. Schriftlich überliefert ist dieses Zitat allerdings nicht.

Der 506 Kilometer lange Weser-Radweg zählt zu den beliebtesten Radwegen Deutschlands und hat es in der ADFC-Radreiseanalyse 2022 auf Platz 1 des Rankings geschafft. Die Route folgt der Weser vom Weserbergland bis an die Nordsee und kommt ohne größere Steigungen aus, weshalb das Radeln ohne Anstrengungen möglich ist. Auf insgesamt acht Etappen führt der Weser-Radweg an Weserauen entlang über sanfte Bergkuppen und durch üppige Täler. Dazwischen locken hübsche Städtchen, alte Schlösser und Klöster zum Bummeln ein.

Auf unserer Anreise von Göttingen nach Hannoversch-Münden (SEHR hügelig) sehen wir noch nichts vom Fluss, aber dann!

Umgeben von den Hügeln des Weserberglandes bleiben wir meist am Wasser, ab und zu verlässt der Radweg aber den Fluss und wir müssen irgendwelche kleinen Hügel erklimmen.

Wir machen eine kurze Pause, um die romanische Kirche der alten Klosteranlage Bursfelde zu besichtigen.

Kaffee und Kuchen gibt es hier heute leider nicht (meine Schwiegereltern waren hier früher öfters zum Sonntagskaffee). Wir müssen noch ein paar Kilometer weiter radeln, bis wir dieses Juwel finden.

Es gibt leckere Waffeln mit Zimteis und Pflaumenkompott, dann nehmen wir die letzten sechs Kilometer in Angriff. Wir landen auf der Campingwiese von Familie Dietrich in Oedelsheim.

Der Weser-Radweg führt direkt am Grundstück vorbei und wir setzen uns auf eine Bank, schauen aufs Wasser und freuen uns, dass es den ganzen Tag endlich mal nicht geregnet hat und es abends um Sieben sogar noch 22 Grad hat.

Auf dem Donauradweg

Vom Zeltplatz sind es 14 Kilometer bis zur Mündung des Lech. Auf dem Bild kommt der Lech von links. Wir machen ein Abschiedsbild und heißen unseren dritten Fluss, die Donau, willkommen. An ihr werden wir die kommenden zwei Tage entlang radeln.

Oft führt der Donauradweg über die Deichkrone, warm, aber mit toller Aussicht. Wenn wir dann vom Fluss weggeleitet werden und in den Wald eintauchen, ist das erfrischend wie ein kühles Bad.

Bald ist Neuburg an der Donau erreicht und ein paar Kilometer weiter eine Brotzeitbank mit Flussblick.

In der zweiten Hälfte der Tagesetappe ist von der Donau nicht mehr viel zu sehen. Wir fahren auf ca. 20 Kilometern durch eines der bedeutendsten Auwaldgebiete an der deutschen Donau. Hier sind Biber und Eisvogel, Gelbbauchunke und  Hirschkäfer sind zuhause. Die Ausweisung als Natura2000-Gebiet ist ein Ausdruck für die Bedeutung dieses Naturschatzes auch auf europäischer Ebene.

Um die Renaturierung der Donau zu unterstützen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wurde das Auenzentrum Neuburg/Donau gegründet. Es hat seinen Sitz im Jagdschloss Grünau, das mitten in den Donauauen liegt.

Erst in Ingolstadt kommen wir wieder direkt an den Fluss und zelten auf dem Campingplatz am Auwaldsee.

In der Nacht spielt der Himmel vierstimmig Trommel. Aus allen Himmelsrichtungen donnert es, mal piano, mal fortissimo. Wir stehen unter einer Vielzahl von hohen Bäumen und ich male mir abwechselnd aus, dass ein starker Ast abbricht und auf unser Zelt fällt oder aber der Blitz einschlägt. Wo ist das nächste feste Gebäude, in das wir uns bei einem Orkan retten können? Dann fängt es an zu regnen und ich schlafe ein.

Da wir heute nur rund 40 Kilometer bis Bad Gögging auf dem Zettel haben, nehmen wir unterwegs ein paar Geocaches mit.

Um halb drei erreichen wir unseren Zeltplatz bei Bad Gögging. Nichtsmehrtun ist nun angesagt.

Morgen fahren wir über den Abensradweg 80 Kilometer nach Süden Damit schließt sich unser Kreis und wir sind wieder zu Hause.

„Das müssen wir unbedingt wiederholen“, sind wir uns einig. Es gefällt uns sehr, mit so wenig Utensilien auf Reisen zu sein. Ununterbrochen draußen zu sein. Immer wieder Neues zu erleben und sich darauf einstellen zu müssen. Ja, und auch die Herausforderung anzunehmen, die das Schlafen im Zelt und das Sitzen auf dem Boden für uns mit sich bringen.

In zwei Wochen allerdings steigen wir erstmal wieder in unseren Campingbus ein und fahren nach Norddeutschland. Dann geht es auch hier im Blog weiter.

Vom Lech zur Donau

Als ich wach werde, höre ich eine ganze Weile den Regentropfen zu, die auf unser Zelt trommeln. Doch die Wetterapp beruhigt mich: gleich wird es aufhören und der Rest des Tages wieder sonnig bei höchstens 27 Grad. Während Achim noch neben mir schnorchelt, schlüpfe ich in meinen Badeanzug. Um acht gibt es Brötchen, da bleibt noch Zeit, eine große Runde im See zu schwimmen.

Wir folgen für weitere 40 Kilometer dem Lauf des Lech, meistens durch den angenehm kühlen Auwald. In Ellgau finden wir einen Fahrradladen, in dem Achim neue Clicks für seine Radschuhe bekommt. Er hat unterwegs zwei Schrauben verloren. Beim Edeka füllen wir unsere Vorräte auf: Kaffee, Margarine, Schinken. Wir müssen jeden Tag aufs neue einkaufen, weil nicht zu viel in unsere Gepäcktaschen passt. Fürs Abendessen suchen wir uns kleine Steaks und Tomatensalat aus. Wozu habe ich schließlich die kleine Pfanne eingepackt?

Unseren Campingplatz erreichen wir schon um zwei und als erstes trocknen wir unser Zelt. Kaffee kochen, Schwimmen gehen (ja, wir haben schon wieder einen Platz am See) und dann schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren nach Donauwörth.

Die Touristeninfo versorgt uns mit einem Faltblatt über einen kleinen historischen Spaziergang und so laufen wir vom Rathaus über die Reichsstraße („eine der schönsten Straßen Süddeutschlands“) zum Münster „Zu unserer lieben Frau“. Auf der Orgelempore studiert der Kirchenchor gerade eine Messe ein. Ob sie von Egk ist, dem berühmten Komponisten, der nicht nur in jedem zweiten Kreuzworträtsel vorkommt sondern auch aus Donauwörth stammt?

Nach eineinhalb Stunden Stadtbummel gibt es noch ein Eis, dann radeln wir zurück. Ehe wir unsere Steaks braten, gibt es noch ein kleines Backgammonmatch. Auf dem Bild davor sieht es so aus, als ob ich schon wüsste, wer gewinnt.

Auf dem Lechradweg

Der Lechradweg führt uns ins hübsche Landsberg. Kurz bummeln wir durch das mittelalterliche Städtchen, dann zieht es uns wieder an den Fluss. Wir können uns heute viel Zeit lassen. 60 Kilometer liegen vor uns, allermeist völlig eben und bei angenehmen Temperaturen.

Wir trödeln durch die Gegend, halten oft an, um Fotos zu machen, setzen uns auf eine Bank, um Fischer und Vögel zu beobachten.

Meistens führt der Radweg direkt am Wasser entlang, manchmal müssen wir das Ufer verlassen, weil ein Kraftwerk oder eine Halbinsel zu umfahren sind. Dann gleiten wir durch Wiesen und Felder. Gestern wäre das sehr strapaziös gewesen, weil es hier nur wenig Schatten gibt.

Später gibt es dann natürlich das inzwischen schon obligatorische Picknick am Fluss, bei dem wir von blauen Jungfern regelrecht umschwärmt werden. Dabei wird rege für den Nachwuchs gesorgt und mein lieber Mann verblüfft mich einmal mehr mit Spezialwissen.

„Die perfekte Haltung beim Paarungsakt ist die Herzform“, sagt er. Und es scheint tatsächlich so zu sein. Etliche Pärchen haben sich so arrangiert, dass sie herzförmig aneinander kleben.

Nach dem kleinen Exkurs in Biologie erreichen wir bald Augsburg. Die Stadt lassen wir heute mal links liegen. Wir waren schon oft hier. Unser Sohn hat hier studiert. Schön, wie das Leben mit dem Fluss hier zum Alltag gehört. Es wird gegrillt und gejoggt, geradelt und geschwommen, Ball gespielt und Yoga gemacht.

Unser Campingplatz liegt ein wenig außerhalb der Stadt. Die Zeltwiese liegt am Badeteich. Mehr brauch ich nicht.

Ammer-Amper-Radweg

Unsere Kinder haben sich das Wohnmobil ausgeliehen. Also wechseln wir das Verkehrsmittel und steigen für eine Woche um aufs Rad. Auf den Gepäckträger kommt das Zelt, in die Taschen die Schlafsäcke und die Campingküche. Es ist erst zwei Jahre her, dass wir das letzte Mal im Zelt geschlafen haben, also sind wir optimistisch, dass es uns auch diesmal wieder Spaß machen wird.

Vor drei Tagen sind wir bei angenehmen 20 Grad in Neufahrn gestartet, der Ammer-Amper-Radweg ist bei Haimhausen schnell erreicht. Er bringt uns zu unserem ersten Campingplatz in Utting am Ammersee.

Das Thermometer bleibt bei unter 25 Grad, so dass die 70 Kilometer angenehm zu radeln sind. Nach dem Anlegebier bauen wir das Zelt auf, die Handgriffe sitzen noch erstaunlich gut. Der Campingkocher wärmt uns den mitgebrachten Linseneintopf, dann genießen wir die Abendstimmung am Ammersee.

Am nächsten Morgen springe ich als erstes ins Wasser. Ui, der See ist deutlich kälter als unserer daheim.

Nach dem Frühstück packen wir gemütlich zusammen. Wir können uns Zeit lassen, denn heute werden es nur etwa 50 Kilometer. Gegen Mittag erreichen wir das nächste Highlight: die Stoa 169. „Mitten im bayerischen Pfaffenwinkel befindet sich nahe am Flussufer der Ammer auf einer landwirtschaftlich genutzten Wiese unweit des Dorfes Polling eine offene Säulenhalle: die STOA169. Künstlerinnen und Künstler aller Kontinente wurden ausgewählt, je eine Säule zu gestalten. Gleich einem Archiv der zeitgenössischen Kunst tragen die Säulen das gemeinsame Dach der STOA169“, heißt es zur Erklärung auf der dortigen Website.

Initiator dieses Kunstwerks ist der deutsche Maler Bernd Zimmer, der sich von den Säulenhallen hinduistischer Tempel inspirieren ließ. Er sagt zu seinem Projekt: „Eine Halle, getragen von über hundert individuell gestalteten Säulen, geschaffen von Künstlerinnen und Künstlern aller Kontinente, wird zum Zeichen von Grenzenlosigkeit, friedlicher Koexistenz und der Achtung der Freiheit des Anderen.“

Von der Stoa radeln wir noch ein halbes Stündchen, bis wir einen schönen Picknickplatz an der Ammer finden.

Unser Campingplatz am Abend begeistert uns in mehrfacher Hinsicht: Beim Einchecken bekommen wir aus einer Werbeaktion zwei Bier und eine Flasche Rübenkraut geschenkt, es gibt einen Badeteich, eine Tischtennisplatte, für die wir an der Rezeption Schläger und Bälle bekommen und einen Kicker, auch umsonst. Uns wird nicht langweilig an diesem Abend.

Am nächsten Morgen, unserem dritten Tag, brechen wir früh auf, 33 Grad werden erwartet. Weiter geht es auf dem Ammer-Amper-Radweg und nach etwa 25 Kilometern erreichen wir bei Schongau den Lech. Ihm wollen wir die nächsten beiden Tage nach Norden bis Donauwörth folgen.

Wir entdecken einen Hinweis auf einen Badestrand. Raus aus den Klamotten, rein ins kühle Nass, so kann man die Hitze ertragen. Noch ein kurzes Mittagsschläfchen im Schatten, dann sind wir fit für die zweite Hälfte unserer Tour.

Und wie froh bin ich über mein E-Bike. Denn es ist mittlerweile nicht nur furchtbar heiß sondern wird auch zunehmend hügelig. Rauf, runter, Achim muss ab und zu auch mal schieben und immer mal wieder liegt ein Baum im Weg, ein Überbleibsel vom Sturm vor ein paar Tagen.

Verschwitzt und müde erreichen wir gegen sechs den Campingplatz bei Landsberg. Heute gibt es leider keinen See, aber eine Dusche und Couscous mit Gemüse aus der Campingküche. Nach Sonnenuntergang wird es angenehm frisch und nach und nach zeigen sich die Sterne am Himmel.

Siebter und letzter Tag an der Ems (von Papenburg nach Emden)

An diesem Tag kommen wir – indirekt – gleich am Vormittag mit drei Tragödien in Kontakt.

In der Lokalzeitung stand ein Artikel über den Geschäftsführer einer hiesigen Entsorgungsfirma, der zusammen mit zwei Freunden zum Aufräumen nach Ahrweiler gefahren war. Dort ist die Masse an Sperrmüll noch ein großes Problem und so bot er an, den Müll im Emsland zu entsorgen, wo es freie Kapazitäten gibt. In Papenburg zum Beispiel, wo wir am Morgen mit den Rädern vorbei kommen. Wie furchtbar, dass die Menschen alles durch die Flut verloren haben. Hier landet nun ihr Hab und Gut.

Hier wird Müll aus Ahrweiler geschreddert

Eine Tragödie ist es auch für die Beschäftigten von Deutschlands größtem Schiffsbauunternehmen, der Meyer-Werft in Papenburg, dass die Geschäftsführung 650 Arbeitsplätze abbauen will. In der Belegschaft, die knapp 4000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zählt, herrscht deshalb große Unruhe. Wegen des Stillstands der Kreuzfahrtbranche durch die Corona-Pandemie steckt die Werft in der Krise.

Kreuzfahrtschiffgigant (r.) in der Meyer-Werft in Papenburg

Die Folgen des dritten Unglücks sehen wir weitere Kilometer später: die Eisenbahnbrücke in Weener wurde 2015 von einem Binnenschiffer zerstört. Der Unglücksfrachter rammte die längste Eisenbahn-Klappbrücke Deutschlands – und setzte damit die Bahnstrecke von Leer nach Groningen für Jahre außer Betrieb. Ein Desaster für die Pendler.

Ein Desaster für uns könnte das Wetter sein. Ist es aber nicht, denn wir sind wasserfest eingepackt.

Hier in Ostfriesland, wo wir inzwischen sind, wurde die Ems eingedeicht. Die Nordsee mit ihren Tiden macht sich bemerkbar. So radeln wir heute also hinterm Deich und nützen hin und wieder eine Lücke, um einen Blick auf den Fluss zu erhaschen. Ab und zu gibt es einen kurzen Schauer, aber während unserer Mittagspause in Leer und unserem Stadtbummel dort bleibt es trocken.

Deichpflege an der Ems
Rathaus in Leer
Buntes Coloniale-Haus

Am Nachmittag geht es dann mit richtigem Nordseewetter los. Mal Sonne, mal Regen, einmal sogar Hagel und ganz viel Wind.

Nach 60 Kilometern setzen wir kurz vor Emden mit der Fähre über, erreichen die Dollart genannte Meeresbucht, wo sich die Ems von uns verabschiedet, um in die Nordsee weiterzufließen.

Auf der Fähre kurz vor Emden

Hier in Emden ist für uns das Ende unserer einwöchigen Radtour erreicht. Das Gesamtpaket, also sehr nette ReisebegleiterInnen, viel Interessantes am Wegesrand, lecker Essen und Trinken, war super. Den Emsradweg per se würde ich nicht unbedingt empfehlen. Ich glaube, da gibt es schönere Strecken (Elbe, Werra, Altmühl, Saale, Unstrut, um nur einige zu nennen). Aber die letzten beiden Tage waren auch landschaftlich nah an der Ems sehr fein.

Sechster Tag an der Ems (von Haren nach Papenburg)

Ehemaliges Besucherzentrum in der Transrapidversuchsanlage Emsland

Vor etlichen Jahren sind einige Mitglieder der Grünen in meinem Heimatsee hinausgeschwommen und haben mit einem Flatterband die geplante Trasse des Transrapid mitten durch den Mühlsee aufgezeigt. Es gab noch weitere gute Argumente gegen den hirnrissigen Plan, den Münchner Hauptbahnhof mit dem Airport mittels Transrapid zu verbinden.

Transrapidtrasse

Heute nun stehe ich vor der Transrapidversuchsanlage Emsland, auf der die Magnetschwebebahn zehn Jahre im Einsatz war.

Der norddeutsche Ingenieur Hermann Kemper hatte in den 30er Jahren „eine Schwebebahn mit räderlosen Fahrzeugen“ entwickelt. Doch erst 1983 wird die Teststrecke im Emsland in Betrieb genommen, um die Technik auf Herz und Niere zu prüfen. Doch die beteiligten Industriekonzerne Thyssen-Krupp und Siemens  verkaufen den vermeintlichen Verkaufsschlager  nur einmal nach Schanghai, alle anderen Pläne scheitern.

Ein Unfall auf der Teststrecke im September 2006, bei dem 26 Menschen ums Leben kamen, trug zum endgültigen Aus bei. Heute rosten Transrapid und Trasse vor sich hin.

Wir radeln weiter an der Ems. Heute fast nur am Fluss. Ganz großartig! Gegen drei und nach 52 Kilometern erreichen wir bereits unsere Unterkunft sechs Kilometer südlich von Papenburg.

Nach einer kleinen Pause radeln wir ohne Gepäck in die Stadt und schauen uns um. Das Rathaus, ein Kanal, auf dem Schiffe liegen, ganz viel Blumenschmuck, eine Windmühle, all das verströmt ein sehr angenehmes Flair.

Wir schauen auch noch in die Kirche und sind überrascht, hier die laut Kirchenführer  mit über 90 Registern und knapp 7.000 Pfeifen größte und eindrucksvollste Orgel ganz Niedersachsens zu entdecken.

Die Nähe zur See drückt sich nun auch schon in der Speisekarte aus, die wir bald studieren: Scholle Finkenwerder Art und Labskaus. Es sind nur noch 60 Kilometer bis nach Emden, wo die Ems in den Dollart mündet und unsere Radtour morgen endet.