Am schlimmsten ist es immer, wenn wir nach dem Abendessen aufstehen: jeder Knochen und Muskel im Leib tut weh und wir haben das Gefühl, keinen Schritt mehr laufen zu können. Morgens ist es besser. Dennoch müssen wir uns jedesmal erst wieder „einlaufen“. Nach einer Viertelstunde ist alles wieder geschmeidig(er) und dann kann es losgehen.
In der Früh macht sich stets eine prickelnde Vorfreude breit: Was wird der neue Tag bringen? Wird er voller Sensationen sein wie der gestrige beispielsweise? Oder wird er uns eher ein meditatives Dahingleiten durch Wälder und Felder bescheren? Was werden wir erleben? Wen werden wir treffen?
Heute sind wir um halb zehn startklar. Mit uns zusammen verlässt eine kleine Pilgergruppe das hübsche mittelalterliche Städtchen. Zwischen den einzelnen Strophen des „Gegrüßet seist du, Maria!“ spielt eine kleine Blechbläsergruppe ein paar Takte, dann bitten die Frauen und Männer um Gottes Gnade für sich „und unser Frankenland“.

Nach 500 Metern trennen sich unsere Wege, wir folgen dem Lauf der Wiesent und der Leinleiter und erfreuen uns an den Details am Wegesrand, dem hübsch angelegten „Ebsermare“, der Wanderhilfe für Fische, dem Geburtshaus von Johann Georg Lahner, dem Erfinder der Frankfurter Würstl, oder der angekündigten „Comedy auf dem Dorf“. „Liebreizend“ ist der Begriff, der mir in den Sinn kommt, während ich durch diese kleinen fränkischen Dörfer wandere.


Nach dem steilen Anstieg zum Hummerstein wird die Landschaft ruhig. Leicht wellig, Getreidefelder, Wald und Flüsschen. Wir laufen meist nebeneinander, manchmal bleibt Achim stehen, um zu fotografieren und ich gehe weiter, um nicht aus dem Tritt zu kommen. Mal reden wir miteinander, mal hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach. Die sind zumindest bei mir nicht tiefschürfend. Nicht politisch, nicht philosophisch, eher banal. „Ob es noch weit ist bis zur nächsten Bank?“, „Ah, wie ich mich auf die Dusche freue!“, „Wieviel Kilometer wir wohl schon gelaufen sind?“


Am späten Nachmittag (nach einer Brotzeit mit köstlichem fränkischen Kartoffelsalat und Fleischpflanzerl und Eiscafé bzw. Kuchen im Café in Heiligenstadt) gibt es auf einem kurzen Streckenabschnitt noch ein landschaftliches Highlight: hier hat sich die Leinleiter tief in den karstigen Fels gegraben und dabei ein Tal gebildet, das heute von Magerwiesen gesäumt ist. Wir stoßen auf einen Schäfer mit seiner großen Herde und für einen Moment verwechsele ich einen Keine-Ahnung-Baum mit einem Olivenbaum.

Von da an geht’s bergab mit mir. Wir sind jetzt rund 23 Kilometer gelaufen und ich bin müde! Aber bis zu unserer Unterkunft in Huppendorf, einem Brauereigasthof, sind es leider immer noch fünf Kilometer. Mehr als eine Stunde. Meine Fußsohlen brennen, meine Knie tun weh, ich bin erschöpft – und werde von Kilometer zu Kilometer stumpfsinniger und schlechter gelaunt. Gestern hat mir eine interessante Begegnung Aufschwung für die letzten Kilometer gegeben: der an dieser Stelle sehr schmale Pfad war durch einen umgefallen Baum blockiert. Auf der anderen Seite wartete ein wohl querschnittsgelähmter junger Mann in seinem handangetriebenen Liegerad. Er bat uns, den Baum anzuheben oder beiseite zu räumen, damit er passieren könne. Wie lange er wohl schon gewartet hat, dass hier in dieser gottverlassenen Gegend jemand kommt. Sofort hörte ich auf, mich darüber zu beklagen, dass ich noch vier Kilometer bis zum Tagesziel laufen müsse – und war froh, dass ICH sie laufen konnte.
Um 19 Uhr, nach mehr als 28 Kilometern und 720 Höhenmetern, erreichen wir den Brauereigasthof Huppendorfer. Duschen, Wäsche waschen und dann ab in den Biergarten zu Hausbier und Brotzeitplatte.

Heute haben wir die Einhundertkilometermarke geknackt: Insgesamt sind wir in den letzten fünf Tagen 114 Kilometer gelaufen. 15 Wandertage liegen noch vor uns.
Nicht ganz unerwarteterweise gibt es hier auf dem Lande kein Netz (Braucht Heimat kein Netz, liebe Staatsregierung?), deswegen kommt dieser Blog leider verspätet.




























