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Von Teppichen und Marmor

Das ist es, was das planlose Reisen so reizvoll macht: du stößt auf Neues, Unbekanntes, bei dem du dir erstaunt die Augen reibst. Denn bis vor wenigen Minuten hattest du nicht den Hauch einer Ahnung davon.

Zufällig war ich gestern Abend auf einen Internet-Eintrag über das Teppichmuseum in Arraiolos gestoßen, wo wir übernachtet haben. Heute Morgen machen wir uns auf den Weg und stoßen schon nach wenigen Minuten auf einen Platz.

An dem einem Ende wird auf der Wand der Kirche die Färbertradition des Ortes dokumentiert. Hier auf dem Dorfplatz wurde früher in großen Trögen, die in die Erde eingelassen waren, die Wolle gefärbt.

Am anderen Ende des Platzes liegt das Teppichmuseum. Wir hatten ein kleines, in die Jahre gekommenes Haus erwartet. Weit gefehlt! Im ehemaligen Krankenhaus der Stadt wurde 2013 ein großes, modernes und professionell geführtes Museum eröffnet.

Warum, überlegen wir, und erfahren per Film, Flyer und Exponaten, dass die Teppiche aus der einstigen Grafschaft Arraiolos weit über ihre Grenzen hinaus berühmt sind für ihre Farbenvielfalt, ihre Akkuratesse, und ihre Langlebigkeit. Seit rund 500 Jahren werden hier Teppiche in besonderer Weise hergestellt: es werden Stoffe aus Leinen oder Hanf gewebt, mit Ornamenten bemalt und dann mit Schurwolle bestickt.

Eine Stickerin führt den Museumsgästen diese traditionelle Handwerkskunst live vor. Erfahrene Stickerinnen schaffen hauptberuflich bis vier Quadratmeter pro Monat, nebenberuflich arbeitende, gerade einmal die Hälfte, erfahren wir.

Inspiriert von der Schönheit der Teppichkunst klettern wir in unseren Bus, um schon nach wenigen Kilometern wieder verblüfft zu werden von dem, was wir draußen erspähen.

Wir passieren gerade den Ort Borba. Borba, Borba, da war doch was mit Marmor, grübeln wir. Schaut ganz danach aus. Wir fahren an etlichen Abraumhalden vorbei, aus denen immer wieder Marmorstücke hervorblitzen.

Eine Recherche im Netz bringt uns auf die richtige Spur: Wir befinden uns in einem der wichtigsten Marmorabbaugebiete Europas.

Im Dreieck Estremoz – Borba – Vila Viçosa wird auf 40 mal 12 Kilometern in über 100 Steinbrüchen ein feinkristalliner, homogener Marmor gewonnen, dessen Farbspektrum von Weiß über Crèmerosé bis zu intensivem Rosa reicht.

Seine Verwendung findet der Alentejo-Marmor in der hochwertigen Innenarchitektur, aber auch im Haus bzw. Palastbau.

Brunnen aus Marmor in Borba
Fürstenpalast mit Marmorfront in Vila Viçosa

Frankreichs Sonnenkönig orderte den Stein für den Bau seines Schlosses in Versailles hier, in den Park-Kolonnaden am Potsdamer Platz in Berlin ist der hiesige Marmor ebenso präsent wie in der japanischen Zentralbank in Tokio.

Marmormuseum in Vila Viçosa

Ehrensache, dass wir noch das Marmormuseum in Vila Viçosa besuchen, wo wir nicht nur nichts zahlen müssen sondern auch noch eine Privatführung erhalten.

Auch Künstlerinnen und Künstler kommen ins Alentejo, um sich die Steine für ihre Werke auszusuchen. Einige sind im Museum ausgestellt.

Zum Museum gehört auch ein Marmorbruch, den man sich anschauen kann. Aber inzwischen regnet es in Strömen. Wir warten eine halbe Stunde (ich schreibe derweil diese Zeilen), aber es lässt nicht nach, so dass wir auf einen Besuch verzichten. Zum Glück gibt es im Museum ein Modell.

Wir verabschieden uns von unserer freundlichen Führerin, rennen zum Auto und fahren bei Wind und Regen 30 Kilometer nach Norden, Richtung spanische Grenze.

In Elvas, UNESCO-Weltkulturerbe, gibt es einen Stellplatz, von dem aus wir schon eins der morgigen Highlights sehen.

Am Tag, als der Regen kam…

… scheint am Vormittag die Sonne und wir könnten sehr entspannt unsere Besichtung von Evora fortsetzen. Doch der dräuende Regen, mindestens für die nächsten drei Tage, vielleicht länger, null Stunden Sonne, bei unter zehn Grad, setzt uns mental etwas zu. Während wir uns die Sehenswürdigkeiten ansehen, haben wir leider die ganze Zeit das bevorstehende schlechte Wetter im Kopf. Keine Ahnung, was wir tun wollen, geschweige denn werden.

1537 wurde mit dem Bau des 18 Kilometer langen Aquäduktes begonnen, der die Menschen in Evora mit Wasser versorgen sollte. Schon fünf Jahre später wurde er mit einem großen Festakt eingeweiht.

In einigen Straßen der Altstadt ist zu sehen, wie der Aquädukt im Laufe der Zeit zu Wohnzwecken umgestaltet wurde: in die Bögen der Wasserleitung wurden Häuser gebaut.

Skurilles gibt es in der Capela dos Ossos zu sehen: in der kleinen Kapelle im Zentrum der Stadt sind die Innenwände mit Knochen und Schädeln von Mönchen gesäumt.

Wer sich davon erholen möchte bzw. muss, kann sich anschließend das Krippenmuseum anschauen oder auf der Aussichtsterrasse den Blick auf die Altstadt genießen.

Noch scheint sogar die Sonne.

Zu Mittag gönnen wir uns eine hiesige Spezialität: Bifana, warme krosse Brötchen mit einem kleinen Schnitzel belegt. Sehr lecker und sehr preiswert (2,50 Euro), nicht auf die Faust sondern in einem hübschen kleinen Lokal.

Kurz bevor wir unseren Camper erreichen, geht der Regen los. Heftig, aber dank Schirm kommen wir noch einigermaßen trocken ins Innere.

Der Steinkreis bei Almendres, etwa 20 Kilometer westlich von hier, steht noch auf unserer Liste. Wenn es nicht regnen würde, wäre es ein schöner Spaziergang durch einen Korkeichenwald vom Infozentrum bis zu den Menhiren. Bei dem Wetter wollen wir aber nicht laufen und fahren die vier Kilometer lieber mit dem Auto. Sandpiste, die sich mit lehmigem Untergrund abwechselt, tiefe Schlaglöcher, große Pfützen und ausgewaschene Spuren. Kein Vergnügen.

Der Steinkreis, der erst in den 60er Jahren entdeckt wurde und etwa 6000 Jahre alt ist, darf leider derzeit nicht betreten werden. Der Untergrund soll sich erholen, um die Stabilität der Steine zu gewährleisten. Sehr verständlich, für uns aber ist es sehr schade.

Wir haben immer noch keine Idee, was wir die nächsten Tage machen wollen und steuern im strömenden Regen einen Parkplatz am Rande des  Dorfes Araiolos an. Oben thront eine Burg, wenn ich rechts aus dem Fenster schaue, blicke ich auf leicht wellige Landschaft voller Wiesen und Korkeichen. Im Hintergrund erheben sich die Berge der Serra de São Mamede.

Und dann, unglaublich aber wahr, spitzt zum Abendbrot die Sonne raus.

Gerade entdecke ich, dass es hier im Ort, fünf Minuten entfernt, ein Museum gibt, das den berühmten Teppichen von Arraiolos gewidmet ist. Das klingt doch schon mal nach einem guten Start in den morgigen Tag.

Ins Landesinnere

Mit einer weiteren spektakulären Klippenwanderung haben wir uns gestern vom Atlantik verabschiedet. Wann wir das nächste Mal ans Meer kommen, ist noch nicht sicher.

Uns zieht es jetzt ins Landesinnere.  Aktuell stehen wir in Milfontes. Stellt man sich von hier ausgehend ein V vor, ist an der Spitze des linken Beinchens Lissabon, an der des rechten Evora. Da wollen wir als nächstes hin.

Auf dem Weg dorthin gibt es einen Stausee, an dem wir einen Spaziergang machen möchten. Auf der Suche nach einem geeigneten Parkplatz, von dem aus wir starten können, halte ich kurz an einer Bushaltestelle. Ein Mann gestikuliert und deutet auf das Heck unseres Campers. Achim steigt aus, schaut nach, kommt zurück: „Wo hast du denn den Verschluss für den Trinkwassertank hingelegt?“ Mist! Den hatte ich auf die Räder gelegt und keiner hat am Schluss des Wassertankens mehr ans Verschließen gedacht. Beim ersten Ruckler ist der Verschluss bestimmt runtergefallen. Also zurück zum Campingplatz (etwa 20 Kilometer), alles absuchen, an der Rezeption nachfragen, nichts.

Also muss ein Provisorium her. Sieht doch ganz gut aus, oder?

Jetzt also zurück zum Stausee. Kaum stehen wir, rauscht eine 20 Mann starke Gruppe Biker auf den Parkplatz. Ob Achim ein Foto von ihnen machen könnte. Nichts lieber als das. „Benzin reden“ fällt mangels gemeinsamer Sprache leider aus.

Dann geht es los. Portugal zeigt sich erneut im prächtigen Frühlingskleid. Unser Weg führt durch ein Meer von weißen Zistrosen.

Auch auf der Weiterfahrt sind wir begeistert von der teils recht hügeligen Strecke, die uns auf kleinen Straßen vorbei an riesigen Wiesen mit gelben Blüten, Hahnenklee weiß Plantnet, Korkeichenwäldern und Olivenplantagen durch die Region mit den wenigsten EinwohnerInnen Portugals führt.

Angekommen in Evora, der Hauptstadt der Region Alentejo, finden wir den letzten Platz auf dem Stellplatz und schauen uns noch die Stadt mit Kathedrale, römischem Tempel, großen und kleinen Plätzen, Gassen und moderner Kunst an. Morgen geht’s weiter mit der Stadtbesichtigung.