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Stadt und Strand

Heute wollen wir an die Nordsee. Uns den Wind um die Ohren pfeifen lassen. Leider heute auch den Regen.

Auf dem Weg liegt Alkmaar, berühmt für seinen Käsemarkt. Da er heutzutage vor allem für die Touristen da ist, findet die Show nur noch in den Sommermonaten statt. Ob wir da viel verpassen? Im Internet habe ich heute Morgen gelesen, dass der Platz abgesperrt wird, die Zuschauer in Fünferreihen stehen und man von hinten entsprechend wenig sieht.

Die Waage, auf der die großen Käselaibe ausgewogen werden, kann man auf dem Platz auch in der kühlen Jahreszeit besichtigen. Seit 1365 wird hier in Alkmaar Käse gewogen.

Am Markttag geht das Treiben bereits um 7 Uhr morgens los.  Unter den wachsamen Augen des Marktmeisters platzieren sogenannte Setter rund 30.000 Kilo Gouda-Käse in langen Reihen auf dem Platz. Pünktlich um 10 Uhr ertönt die Glocke. Dies ist das Zeichen dafür, dass der Käsemarkt beginnt.

Vielleicht würde ich mir das Spektakel doch gern mal anschauen. Alkmaar kommt eh auf die Liste der zu wiederholenden Ausflüge. Denn auch der Bummel durch die Altstadtgassen und entlang der Grachten macht ohne Regenschirm mehr Spaß. Ein andermal. Zu einer wärmeren Jahreszeit.

Wir fahren weiter nach Egmond aan Zee auf einen Campingplatz. Frei stehen ist hier in Holland nicht erlaubt, an der sehr touristischen Küste wohl auch kaum möglich. Stellplätze für WoMos sind ebenfalls eher rar. Wir kochen Kaffee und packen uns wasserdicht ein. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn aktuell ist es trocken. Ab an den Strand.

Ein breites Dünenband begleitet hier den Strand. Just in dem Moment, in dem Achim seine Drohne rausholt, beginnt es zu regnen.

Wir laufen noch etwa eine halbe Stunde durch die Dünen und den Regen, bis wir wieder am Bus sind. Spannend: in den ortsnahen Dünenbereichen gibt es jede Menge Schrebergärten, in denen auf großen Flächen Gemüse angebaut wird. Hier und da bieten die GärtnerInnen den Spaziergängern ihre Waren in hölzernen Buden zum Verkauf an. Davon kann ich leider keine Fotos machen. Der Regen ist mittlerweile zu stark.

Im Camper wird’s jetzt eng mit den nassen Klamotten. Nachdem alles irgendwie aufgehängt ist, machen wir es uns gemütlich. Wenn man im Trockenen sitzt, klingt das Trommeln des Regens auf dem Wagendach sehr heimelig.

Bei Sonnenschein die Küste runter

Wir fahren weiter nach Süden und nehmen dabei kleine Straßen so nah an der Küste wie möglich. Richtig ans Wasser kommt man allerdings nur, wenn man einen Abstecher macht.

Entweder sehen wir von weitem etwas Interessantes: „Guck mal dahinten! Was ist das denn?“ Im Näherkommen erkennen wir zwei Figuren, die aufs Meer hinausschauen. Wachten op hoog water, Warten aufs Hochwasser heißt das Kunstwerk.

Oder es gibt einen Hinweis bei google maps wie auf diesen Waadfisker, den Fischer im Watt, der uns an den Deich lockt und zu einem Blick aufs Wattenmeer verhilft.

Das ist für diese Reise wohl auch der letzte, denn weiter südlich gibt es keine vorgelagerten Inseln und somit auch kein Wattenmeer mehr.

Aber jetzt erstmal zu Albert Hijn, einem holländischen Supermarkt. Hier findet man so typische Leckereien wie Schokoladen- und bunte Zuckerstreusel, Lakritze, Spekulatiusbruch, Pudding mit Keksbrösel u. v. a. m. Normale Sachen gibt es auch, aber wer will die schon?

Die Lage am Meer verlieh dieser Stadt eine wichtige Handelsposition. Auf diese Weise bekam Harlingen im Jahre 1234 bereits das Stadtrecht. Im Laufe der Jahrhunderte nahm der Wohlstand zu. Das kann man an den über 500 monumentalen Gebäuden, die Harlingen zählt, erkennen.

Aber auch die schlichteren Bürgerhãuser und die kleinen und großen Häfen und Kais haben ihren Reiz.

Hier bekomme ich auch eine weitere Spezialität: Kibbeling, ein niederländisches Fischgericht. Fischfilet wird in mundgerechte Häppchen geschnitten, mit Backteig überzogen und dann frittiert. Remouladensauce dazu und das ganze in ein weiches weißes Brötchen gepackt. Bestes Junkfood.

Der nächste Höhepunkt des Tages ist die Fahrt über den Afsluitdijk, den Abschlussdeich. Der 32 Kilometer lange Damm wurde in den 30er Jahren gebaut und ist eines der wichtigsten niederländischen Objekte zur Landgewinnung und zum Küstenschutz. Er machte aus der gezeitenabhängigen Zuiderzee das Binnengewässer Ijsselmeer.

In der Mitte des Dammes gibt es einen Parkplatz. Ein idealer Platz für den Nachmittagskaffee. Neben uns drehen sich rund hundert Windräder.  Sie bilden den weltweit größten Windpark in einem Binnengewässer. Hier werden 1,5 Terrawattstunden Strom erzeugt. Damit können 500 000 Haushalte versorgt werden.

Zum Schlafen haben wir einen Platz im Binnenland gefunden. Die kleine Ortschaft Oosthuizen bietet zwei Stellplätze für Camper an einem Kanal an. So stehen wir wieder am Wasser, sind glücklich, dass das Wasser von oben heute ausgefallen ist und sind gespannt auf den morgigen Tag.

Am Lauwersmeer

Gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang öffne ich die Bustür. Klingt früher als es ist: es ist schon zwanzig nach acht.

An drei Seiten sind wir auf unserem Stellplatz von Wasser umgeben. Da schmeckt das Frühstück doppelt so gut.

Wir fahren heute nicht weiter sondern drehen mit dem Rad eine 50-Kilometer-Runde ums Lauwersmeer, eine ehemalige Meeresbucht, die 1969 durch einen Deich von der Nordsee getrennt wurde. Mit dem Deichschluss konnte das Wasser der namensgebenden Lauwers nicht mehr direkt in die Nordsee fließen. Dadurch wurde das Wasser brackig und die Natur veränderte sich, eine neue Flora und Fauna entstand. Um dieses Gebiet zu schützen, wurde 2003 der Nationalpark Lauwersmeer eingerichtet.

Natürlich gibt es hier viele Vögel. Entsprechend viele Vogelkijkhuter, Vogelbeobachtungshütten, wurden rund um das Binnenmeer errichtet. Ob es wohl mal einen Designwettbewerb dafür gegeben hat? Wahrscheinlich, denn jede Station sieht anders aus.

Sollte es einen Wettbewerb geben, wer an einem halben Tag die meisten Vogelkijkhuter besucht, haben wir den heute gewonnen. Wir waren auf ALLEN. Und haben Falken und Bussarde und Gänse gesehen. Die gibt es tausendfach, weil sie hier überwintern. Die Luft ist voll mit ihrem Geschnatter.

Vogelgucker sind übrigens freundliche und kommunikative Menschen. Wenn man sich in einem solchen Beobachtungsstand trifft, grüßt man sich natürlich erstmal freundlich. Dann fragen die Neuankömmlinge, was es denn zu sehen gibt. Die Antwort erfolgt in diesem Fall auf Holländisch. Da die deutschen Besucher dessen nicht mächtig sind, wird die Übersetzungsapp gezückt und nach dem deutschen Wort gesucht. Slechtvalk  so heißt der Wanderfalke, Bergeend die Brandgans. Die fremdklingenden Worte werden wie eine Praline vorsichtig probiert und langsam im Mund gewendet. Dann lässt man die anderen am optischen Equipment teilhaben. Das Spektiv ist schon auf den Falken eingestellt. „Komm, guck mal hier durch!“

Teile des Naturschutzgebietes sind als Sternenpark, als dark sky park, deklariert. Hier ist es besonders dunkel und deshalb kann man besonders gut Sterne gucken (wenn das Wetter mitspielt). Auch für die Sternegucker wurden Beobachtungshütten gebaut und mit hölzernen Kopfstützen versehen, damit man es sich nachts gemütlich machen kann.

Wir sind im Uhrzeigersinn ums Lauwersmeer gefahren und erreichen den Damm, der uns von der Nordsee trennt, am Ende unserer Tour. Auf der ganzen Strecke sind wir immer wieder an Schleusen vorbei gekommen, kleinen, größeren, alten, neuen. Hier an der empfindlichsten Stelle sind die Schleusentore hochhausgroß. Bei Sturmflut werden die Schotten dicht gemacht. Das dem Meer abgetrotzte Land will man sich nicht wieder abnehmen lassen.

Zum Abendessen gibt es heute Blumenkohl und es ist mal wieder ein traumhafter Kochplatz, an dem ich ihn zubereiten darf.

Von Kunst und Watvögeln. Die Seehunde kriegen wir (hoffentlich) morgen

Der Wetterbericht hatte recht. Als ich um halb acht wach werde, regnet es nicht mehr. Ich schlüpfe in eine warme Hose und den Anorak und verlasse leise den Bus. Als wir gestern ankamen, haben wir wenig von unserer Umgebung wahrgenommen, weil es in Strömen geregnet hat.

Wir stehen hinterm Deich neben dem kleinen Hafen von Termunterzijl. So eine Idylle am frühen Morgen! Eine kleine Treppe führt auf den Deich hinauf und von hier kann man die gesamte Bucht, den so genannten Dollart, überblicken. Im Nieselgrau, weit hinten, zeichnet sich Emden ab.

Zwei Ziele haben wir für unsere heutige Radtour ausgeguckt: die Zeehondenkijkwand (Seehundebeobachtungswand) und de Kiekkaasten (Guckkasten), der ebenfalls am Rande des Watts liegt und von dem aus man die Wasservögel gut beobachten kann.

Abgelenkt von ein paar Geocaches auf der Fahrt am Deich entlang und einem kräftigen Schauer fahren wir an den Zeehonden vorbei und merken das leider erst drei Kilometer später. Bei dem Gegenwind haben wir keine Lust zurückzufahren. Egal, wir kommen auf dem Rückweg hier wieder lang.

Dafür tauchen nun am Wegesrand in kurzen Abständen zwei Kunstwerke auf. Zuerst der Hongerige Wolf. Der niederländische Bildhauer Arie Berkulin schuf es 1987. Es besteht aus zehn senkrecht stehenden Sandsaugrohren, die bei der Erhöhung des Deichs im selben Jahr benutzt wurden. Der Künstler will damit die stete Bewegung des Landes zum Meer hin veranschaulichen.

Auch das nächste Fundstück am Wegesrand ist schon von weitem sichtbar: das Kunstwerk von Martin Borchert Waaiboei (Windboje) ist nicht weniger als acht Meter hoch und steht an der holländisch-deutschen Grenze. Das Kunstwerk entstand 1996 und steht lose auf dem Deich, wo es sich mit dem Wind bewegt. Es ist einer Kirchturmspitze mit einer Nadel aus Blattgold nachempfunden und erinnert seit 1996 an die in der Bucht untergegangenen Dorfkirchen. Durch die Entstehung des Dollart und durch Einbrüche des Emsufers sind mindestens 20 Kirchspiele und 10 bis 15 weitere Dörfer sowie drei Klöster untergegangen

Wir stellen die Räder ab und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Kiekkaaste. Er ist die einzige außendeichs gelegene Vogelbeobachtungshütte der Niederlande. Von hier lassen sich die Wattflächen des Dollart betrachten.

In der Ferne machen wir ein paar Rotschenkel aus, die drei jungen Ornithologinnen mit ihrem Spektiv neben uns entdecken noch eine ganze Horde Alpenstrandläufer und natürlich sehen wir alle Arten von Möwen, Gänsen und Enten.

Auf dem Rückweg nehmen wir den Asphaltweg direkt am Wasser, was zugleich bedeutet, dass wir etwa alle 200 Meter absteigen müssen, um ein Gitter aufzumachen. Damit sollen die Schafe, die hier den Deich pflegen, in bestimmten Abschnitten gehalten werden.

Als wir bei der Seehundbank ankommen, sehen wir die Bescherung: es ist Flut. Keine Möglichkeit für Seehunde also, sich auf dem Strand zu tummeln. Mist, das hatten wir vor zwei Stunden nicht bedacht. Vielleicht hätten wir da noch Glück gehabt. Wir werfen einen Blick in den Tidenkaklender: Morgen ist um 12 Uhr Niedrigwasser. Also werden wir uns nach dem Frühstück nochmal auf den Weg machen. Für heute ist es dann auch genug. Ich nehme noch die günstige Gelegenheit wahr, dass es hier eine Waschmaschine gibt und schmeiße unsere Schmutzwäsche hinein und Achim macht noch ein schönes Drohnenfoto von unserem idyllischen Stellplatz.

Am Dollart

Wat’n Wetter im Watt. Sturmtief Wolfgang sorgt für Wind und Regen an der Nordseeküste. Interessant: während es an der Ostsee zu starken Überflutungen kommt, gibt es im Wattenmeer ein äußerst seltenes Niedrigwasser. Die Fähren zu den ostfriesischen Inseln sind für heute allesamt abgesagt und auch die Elbfähre bei Glückstadt kann nicht fahren.

Wir ziehen unsere Regensachen und Gummistiefel an und machen einen kleinen Spaziergang zur Aussichtsplattform auf einer ehemaligen Bohrinsel im Dollart, eine große Bucht zwischen Deutschland und Holland. Der Hinweg mit Rückenwind ist okay, auf dem Rückweg verstecke ich mich hinter Achim, weil der Wind uns den Regen ins Gesicht peitscht.

Als wir wieder trocken sind und der Kaffee ausgetrunken ist, umrunden wir den Dollart, kommen nach Holland und stellen unseren Bus in den kleinen Hafen von Termunterzijl zum Abwettern. Füße hoch, Musik an, rausgucken aufs Wasser. Für morgen verspricht der Wetterbericht leichte Wetterbesserung.

Viele Schlösser und noch mehr Radwege im Münsterland

Auf der Fahrt vom Stettiner Haff nach Göttingen schaue ich mir im Internet an, wie man eigentlich von Göttingen aus an die holländische Nordsee, Ziel unserer nächsten Kleeblattreise, fahren kann. Dabei springt mir Münster ins Auge. Und eine Werbung der dortigen Touristeninfo für den 100-Schlösser-Radweg. Er ist 1000 km lang und da das für die Meisten zu weit ist, wurde er in vier Abschnitte aufgeteilt, die einen jeweils zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend führen. So viele Schlösser auf einem Fleck kenne ich von der Loire. Dass es dies hier auch gibt, wusste ich nicht. Die Entscheidung fällt schnell: das schauen wir uns an.

Da der Wetterbericht für das Wochenende Regen ansagt, schieben wir einen Tag in der Stadt Münster ein. Hier gibt es interessante Museen, in denen man trocken bleibt.

Fahrradstadt Münster

Schön, wenn sich der Wetterbericht zu unseren Gunsten irrt. In der Nacht regnet es noch kräftig, aber einem Morgenlauf entlang des Dortmund-Ems-Kanals steht schon nichts mehr im Wege. Nach einem leckeren Frühstück schwingen wir uns auf die Räder, um die Stadt zu erkunden. Münster ist DIE Fahrradstadt in Deutschland, so dass wir sicher und bequem vom Stellplatz am Kanal rüber ins Zentrum fahren können.

Der Dom
Der Prinzipalmarkt

Ich habe wegen der elf Grad, die wir nur haben, Anorak, Schal und Handschuhe an, aber die Sonne strahlt mittlerweile vom Himmel und setzt den Dom und den Prinzipalmarkt ins rechte Licht.

Botanischer Garten
Das Schloss

Wir bummeln durch den botanischen Garten und zum Schloss. Es gehört zu den letzten großen Schlossanlagen, die im 18. Jahrhundert in Deutschland gebaut wurden. Johann Conrad Schlaun, der berühmteste Barockbaumeister Westfalens, errichtete das Gebäude. Das Schloss brennt im Zweiten Weltkrieg fast vollständig aus, nur einige Möbel, Türen und Wandfelder sind kostbare „Überlebende“. Heute ist das Schloss der Sitz der Universität.

Museum Kunst und Kultur

Erst gegen Mittag zieht es uns ins Museum für Kunst und Kultur, das 2014 erbaut wurde und tausend Jahre Kunst beherbergt. Es gibt interessante An-und Ausblicke.

Aus dem Museum zum Dom geblickt
Lambertikirche mit Himmelsleiter

In der Lambertikirche gibt es am Nachmittag ein Orgelkonzert. Der spanische Organist Juan Maria Pedrero (*1974) spielt Werke seines Landsmanns Juan Cabanilles (1644 – 1712) sowie von Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Reger. Zuvor und währenddessen bewundern wir die Installation „Die Himmelsleiter“ der jungen österreichischen Künstlerin Billi Thanner, die außen am Kirchturm und innen vor der Orgel befestigt ist.

Münster gefällt uns sehr gut. Wir lassen den abwechslungsreichen Besichtigungstag am Aasee bei einem Feierabendbier ausklingen. Was gibt es zu feiern? Den Tag.

Wanderung zur Wasseruhr in Tata

Verwirrung am Morgen. Die Busuhr zeigt viertel nach sechs, als ich wach werde. Passt gut, denn wegen der Hitze, die hier tagsüber herrscht, hatten wir uns einen frühen Start für unsere Wanderung zur historischen Wasseruhr vorgenommen. Als ich wenig später auf mein Handy schaue, zeigt dies zwanzig nach fünf an. Draußen ist es noch dunkel, was für beide Urzeiten zutrifft. Achims Armbanduhr zeigt zwanzig nach sechs, sein Handy zwanzig nach fünf wie meins. Dann fällt der Groschen: Zeitumstellung. Wir haben ja gewusst, dass hier in Marokko zum Fastenmonat Ramadan, der am 22. März beginnt, die Uhr um eine Stunde zurückgestellt wird, aber wann genau wussten wir nicht. Heute Nacht. Jetzt wissen wir ’s.

Und so brechen wir tatsächlich um kurz vor sieben bei noch frischen 12 Grad zu unserer Wanderung auf.

Wir wollen zur historischen Wasseruhr im Dorf Agadir-Lehne. Das ist eine Stunde von uns entfernt und der Weg führt durch üppige Palmengärten. Ich habe gelesen, dass diese Gärten auf drei Ebenen bewirtschaftet werden: Ganz oben thronen die Fächer der Palmen und spenden darunter stehenden Obstbäumen wie Granatapfelbäumen lichten Schatten. Auf dem Boden wächst Grünfutter oder Getreide. Fast durchgängig sind die Gärten von übermannshohen Lehmmauern eingefasst.

Immer wieder treffen wir auf Frauen, die mit Sicheln den Klee schneiden und auf Handkarren nach Hause transportieren. Jede grüßt uns freundlich. „Guten Morgen!“, ruft uns ein Mann auf einem Fahrrad zu. „Der Park wird erst am Abend geöffnet“, erklärt er, weil wir neugierig durchs Gitter schauen. „Danke! Vielleicht kommen wir dann später nochmal.“ Vom Ort Tata hierher läuft man mindestens eine halbe Stunde. Ob hier viel los ist am Abend? Es sieht jedenfalls sehr hübsch aus und Spielgeräte für Kinder erspähe ich auch.

Bald erreichen wir das Lehmhaus, in dem den Beschreibungen zufolge die Wasseruhr sein soll. Alles ist zugesperrt, niemand da. Draußen sieht man Wasser durch verschiedene Kanäle fließen. Es ist hier ein noch kostbareres Gut als bei uns zuhause, weil es noch rarer ist. Die Zuteilung auf die einzelnen Felder ist nach einem eingespielten System geregelt. Jeder bekommt alle paar Tage für einen bestimmten Zeitraum Wasser zur Bewässerung seiner Felder.

Im Dorfladen erkundigen wir uns nach der Wasseruhr und dem Wasserwächter. Mit Hilfe unserer Handys und einer Übersetzungsapp erfahre ich, dass das Messsystem bei den Unwettern im Februar zerstört wurde und erst wieder repariert werden müsse. Wie schade!

Wir hocken uns vors Wasserhaus, vertilgen unser mitgebrachtes Frühstück und stöbern ein wenig im Internet. Bei Marokko erfahren lesen wir, was wir uns leider aktuell nicht anschauen können: In einem Pavillon sitzt der Wasserwärter und passt auf die Wasseruhr auf. In einer mit einer Glocke geschlossenen und einer Decke abgedeckten Schüssel schwimmt der Tanast, eine Kupferschale mit einem kleinen Loch unten, durch welches das Wasser langsam eintritt. Nach 45 Minuten ist die Schüssel voll und gleitet dadurch mit einem leichten Scheppern zum Boden des Behälters. Der Wächter macht in ein an der Abdeck-Glocke hängendes Seil einen Knoten und fixiert damit den Ablauf einer Zeiteinheit.“ Man muss sich bekanntlich immer etwas fürs nächste Mal aufheben. Vielleicht ist die Wasseruhr bis dahin repariert.

Auf dem Rückweg nach Tata kommen wir an einem großen Wasserreservoir, dem Neubau einer Moschee und einer hübsch angemalten Schule vorbei.

Den Rest des Tages verbringen wir am und im Bus, Lesen, auf den Fluss gucken, Schlafen, Apfelkuchen backen (und essen natürlich).

Erst gegen Abend ziehen wir nochmal los, um das Wadi zu erkunden. Auf der gegenüber liegenden Seite des Flusses ist ein Lehmdorf auf einen Fels gebaut. Wir laufen ein bisschen das Flussbett hinunter auf der Suche nach einem Damm oder einer Furt. Gibt es aber nicht. Zum außen rum laufen sind wir heute zu faul. Wir verschieben also auch diese Exkursion auf nächstes Mal.

Nicht auf nächstes Mal verschiebe ich die Zubereitung des Berber-Omelettes. Sieht prima aus und schmeckt auch so. Da ich keine Tajine habe, habe ich es in unserer beschichteten Pfanne gebacken. Einwandfrei.

14. Stopp: Tata

Genau im richtigen Moment mache ich die Bustür auf. Die Sonne geht auf. In der Nacht habe ich die Sterne durchs Oberlicht gesehen. Es war absolut still. Mein Schlaf war leicht wie oft, wenn wir ganz allein irgendwo stehen, aber ich bin dennoch entspannt und frisch, als ich um sieben wach werde. Das Thermometer zeigt 11 Grad und ich stelle die Heizung an. So wird das Frühstück gemütlicher.

Gegen zehn sind wir startklar und freuen uns auf die Weiterfahrt Richtung Wüste. Doch über die nächsten 100 Kilometer haben uns die Berge des Anti-Atlas noch fest im Griff. Die Straße ist überwiegend gut, nur an wenigen Stellen fehlt der Asphalt.

„Gott, Vaterland, König“, die Schrift auf dem Berg ist der Wahlspruch Marokkos. Für die nächsten zwei Stunden fahren wir durch eine traumhafte Landschaft. Erst auf unserer kleinen Nebenstraße, dann auf der R 109, die uns nach Tata bringen soll. Die Berge haben hier die unterschiedlichsten Formen und Farben. Wir können uns gar nicht satt sehen und halten alle paar Kilometer an, um zu fotografieren. Immer wieder entdecken wir eine noch nicht gesehene Formation, die unbedingt geknipst werden muss.

Vorsicht! Esel, Ziegen, Dromedare! Offenbar nähern wir uns der Wüste. Esel und Ziegen haben wir schon viele auf dieser Reise gesehen, Dromedare bislang nicht. Ich freu mich schon drauf.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Tata und checken auf dem Campingplatz Hyatt ein. Hier ist erstaunlich wenig los. Drei französische Wohnmobile und wir. So können wir direkt am Rande des Wadi stehen und im Laufe des Nachmittags den Jungs beim Baden zugucken. Eine schöne Abkühlung bei 30 Grad.

Nach dem Kaffee und einem Mittagsschlaf gehen wir in den Ort. Schön gestaltete Häuser, Arkadengänge, unzählige kleine Geschäfte, Werkstätten und ein großer Platz. Viele Menschen gehen ihren Besorgungen nach, sitzen im Kaffeehaus, kaufen ein. Schön anzuschauen die Frauen in der hiesigen blauen Tracht mit schwarzem Tuch.

Wir kaufen Obst, Gemüse, Eier, Milch und Brot ein. Suchen vergeblich frischen Käse und leckere Kekse, finden stattdessen Merguez, Würste aus Lamm- und Rinderhackfleisch mit Kreuzkümmel und Harissa gewürzt, die Achim am Abend grillt. Ich mache einen Salat dazu und die Frösche am Fluss geben ein großes Konzert.

13. Stopp: Irgendwo zwischen Titeki und Talbourte

Das erste Berber-Omelette meines Lebens esse ich in der Schlucht von Ait Mansour, 20 Kilometer südlich von Tafraoute. So so gut! Zwiebeln in der Tajine anschmoren und gewürfelte Tomaten dazugeben. Mit Kreuzkümmel, Salz und frischem Koriander würzen. Zehn Minuten bei geschlossenem Deckel schmoren lassen. Währenddessen die Eier (drei pro Person!) luftig aufschlagen und zu der Tomatenmasse geben. Zehn Minuten stocken lassen (der Deckel ist wieder drauf). Zum Schluss eine Handvoll Oliven und nochmal etwas frischen Koriander drübergeben. Frisches Brot dazu reichen und direkt aus der Tajine essen. Messaoud, der Besitzer des kleinen Restaurants, auf dessen Dachterrasse wir sitzen, verrät uns das Rezept und ganz sicher werde ich es bald nachkochen.

Wir bleiben auf dem Parkplatz neben seinem Lokal stehen und laufen ein kleines Stündchen durch die Schlucht. Es ist eine schmale Straße, aber es gibt kaum Autos, so dass man hier sehr entspannt gehen kann. Ein paar Hunde lassen sich gern streicheln und begleiten uns ein Stück des Weges.

Die Gorges d’Ait Mansour ist das Bett eines Wildbachs. Gesäumt wird es über eine Länge von 10 Kilometern von nackten roten Felsen und üppigen Palmen. Hin und wieder stoßen wir bei unserer Wanderung auf ein kleines Straßencafé, queren ein Dorf mit Moschee und Schule.

Die starken Regenfälle im Februar haben auch hier für Schäden gesorgt. Die Häuser und die Straße wurden zum Glück nicht geschädigt, wohl aber wurden etliche Palmen von der Wucht des aus dem Bett getretenen Wassers umgeworfen.

Eine schöne Bergstraße führt uns zurück nach Tafraoute.

Nordöstlich erstreckt sich das Ammelntal, in dem man immer wieder Bergdörfer an den Felshängen in mehr oder weniger luftiger Höhe entdeckt.

Wir folgen ihm über die R105, um über einen Schlenker in nördlicher Richtungen (via Igherm) auf gut ausgebauter Straße ins südlich gelegene Tata am Rande der Sahara zu gelangen. Auf einmal sehen wir ein Schild: nach Tata rechts rum. Wir halten, studieren unsere digitalen und papiernen Landkarten, fragen beim Ladenbesitzer nach („Oui, Tata, à droite. Ja, nach Tata rechts rum.“ Das ist vielversprechend. Wenn mit dieser Route alles klar geht, sparen wir uns schätzungsweise rund 100 Kilometer.

Wir biegen also ab und tauchen ein in eine noch einsamer Bergwelt. „Unglaublich!“, ist das Wort des Abends.

Die Straße ist schmal, aber es gibt so gut wie keinen Gegenverkehr. Wir sind umgeben von nahezu kahlen welligen Bergen, ganz selten wächst hier mal ein Baum. Nach fast 30 Kilometern Natur pur wird es Zeit, einen Schlafplatz zu finden. Es geht auf halb acht zu, bald wird es dunkel. Stell- oder Campingplätze sucht man hier vergeblich. Wir beäugen das Terrain und halten Ausschau nach einer abgeflachten Straßenkante (die überragt hier das Bankett gern mal um 20 cm) und einem ebenen Platz neben der Straße. Bald werden wir fündig. Die Sonne geht gerade unter, als wir uns inmitten der Berge positionieren. Als wir nach dem Abendessen nochmal nach draußen schauen, umgibt uns tiefstes Dunkel. Und Millionen von Sternen.

12. Stopp: Tafraoute

Wir liegen noch im Bett, als ich höre, dass sich jemand am Wohnmobil zu schaffen macht. Auf der Beifahrerseite. Lächelnd drehe ich mich noch einmal um und döse weiter vor mich hin, denn ich weiß, es ist kein Einbrecher und auch keine Ziege sondern der Bäcker, der uns wie verabredet Baguette, Fladenbrot und Croissants ans Auto hängt. Was für ein toller Service!

Es ist nicht der einzige Service, den die Einheimischen den Touristen hier zukommen lassen. Bei den Massen von WoMos, die hier aufkreuzen, sicherlich eine gute Einnahmequelle.

Immer wieder taucht jemand auf und bietet eine Ware oder eine Dienstleistung an: zwei Jungen verkaufen Eier und frische Pfannkuchen von der Oma. Das Frischwasser für den Bus wird bis an den Einfüllstutzen geliefert. Ein Künstler präsentiert seine Bilder, ein anderer bietet an, sie auf die Wohnmobile zu malen – wie wir unterwegs an einigen Bussen gesehen haben, funktioniert diese Geschäftsidee außerordentlich gut. Kamele, Palmen und Dünen schmücken so manches WoMo (wir zögern noch). Ein Mann bietet professionelle Autowäsche an, eine Frau fragt, ob sie uns am Abend Harira, marrokanische Linsensuppe, und eine große Tajine vorbeibringen kann. Wir willigen freudig ein. Dann packen wir die Rucksäcke und wandern los. Unser Ziel in etwa sechs Kilometern Entfernung sind die Rochers Peints, die bunten Steine von Tafraoute. Aber nicht nur die bunten sondern alle Felsformationen hier sind sehenswert. Hier gilt wirklich “ Der Weg ist das Ziel“ bei so viel Schönem, das wir unterwegs sehen. Obwohl, ich finde es nicht nur schön. Vielmehr leide ich schon bald leise (bis halblaut murrend) vor mich hin.

Es ist Mittag, die Sonne knallt, es ist heiß (30 Grad, schätze ich) und es gibt keinen Schatten. Meine Füße kochen in den Bergschuhen, ich fühle mich schlapp und überhitzt. Falsche Uhrzeit für eine solche Tour.

Ich zwinge mich, die Landschaft und die Architektur, alt wie neu sehenswert, zu genießen. Der Duft des weißen Ginsters ist durchdringend, Arganbäume und Palmen stehen dekorativ in der ansonsten leeren Landschaft, die von den Felsen dominiert wird.

Nach einem Fußmarsch von gut zwei Stunden sind wir endlich da. Der belgische Künstler Jean Verame hat hier 1984 Felsbrocken in allen Größen bunt angemalt. Sie bilden einen interessanten Kontrast zu den rötlich-braunen Natursteinen drumherum.

Das Projekt war durchaus umstritten. Uns gefällt es gut, ebenso wie einigen Einheimischen, die selbst zu Pinsel und Farbe griffen, als die Originalfarben zu verblassen drohten. Merci, Shukran, Danke auch dafür.