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Das stille Volk

Am frühen Abend kommen wir an und die tiefstehende Sonne taucht das Ensemble in ein rötliches Licht.

Tausend lebensgroße Figuren mit Köpfen aus Grassoden und in Kleider gewandet stehen auf einer Wiese neben der Straße: Das Stille Volk heißt diese Installation des finnischen Künstlers Reijo Keila.

Der 1952 hier in der Nähe geborene Tänzer und Choreograf ist für seine raumgreifenden Tanzperformances bekannt. Er tanzt auf Mooren, in Wäldern, auf Straßen und Bühnen, seine kürzeste Performance ist nicht mal zwei Sekunden lang, die längste dagegen 164 Stunden.

Das Stille Volk begleitete den Künstler zu verschiedenen Performances. Seit 1994 hat es seinen festen Platz auf der Wiese neben der Europastraße 5 in der Nähe von Suomussalmi. „Jeder kann selbst interpretieren, was das fast tausendköpfige Stille Volk bedeutet“, steht auf einem Schild. „Eine fertige Antwort gibt es nicht.“

Der Wind fährt leicht in die Kleider. Bewegen sich die Figuren? Ich zupfe hier ein Hemd zurecht, richte dort eine Bluse. Einer Figur ist gar der Kopf heruntergefallen. Er liegt gleich zu ihren Füßen und ich stecke ihn ihr wieder auf. Zweimal im Jahr wird das Stille Volk von Anwohnern angezogen. Schön warm für den Winter, luftig für den Sommer.

Auf dem Weg hierher haben wir uns die tiefste Schlucht Finnlands angeschaut, die Julma Ölkky. Der See ist drei Kilometer lang und an seiner schmalsten Stelle ragen die Felswände rechts und links 50 Meter hoch. Entstanden ist der Canyonsee aus einem Riss in der Erde während der Entstehung der Erdoberfläche vor mehr als 2 Milliarden Jahren.

Es gibt einen Rundwanderweg vom Wanderparkplatz bis zur Schlucht. Auf einer 2017 gebauten Hängebrücke kann man den Canyon überqueren und dann auf der anderen Seite des Sees zurücklaufen. Aber ach! Gleich zu Beginn der Wanderung steht das Schild: Hängebrücke wegen Renovierung gesperrt. Wie schade ist das denn!

Trotzdem laufen wir los. Dass wir hin und zurück denselben Weg nehmen müssen, ist nicht so schlimm. Wir unterhalten uns unterwegs zudem sehr nett mit einem finnischen Paar, Rentner wie wir. Nur der Blick von der Brücke in den Canyon hinein und ein bisschen Bibbern auf der wackelnden Brücke entgehen uns leider.

Für die Nacht finden wir wieder ein traumhaftes Plätzchen. Mal sehen, ob wir hier zum Schlafen kommen. Es ist wolkenfrei und die Vorhersage für Polarlichter ist sehr gut.