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Das stille Volk

Am frühen Abend kommen wir an und die tiefstehende Sonne taucht das Ensemble in ein rötliches Licht.

Tausend lebensgroße Figuren mit Köpfen aus Grassoden und in Kleider gewandet stehen auf einer Wiese neben der Straße: Das Stille Volk heißt diese Installation des finnischen Künstlers Reijo Keila.

Der 1952 hier in der Nähe geborene Tänzer und Choreograf ist für seine raumgreifenden Tanzperformances bekannt. Er tanzt auf Mooren, in Wäldern, auf Straßen und Bühnen, seine kürzeste Performance ist nicht mal zwei Sekunden lang, die längste dagegen 164 Stunden.

Das Stille Volk begleitete den Künstler zu verschiedenen Performances. Seit 1994 hat es seinen festen Platz auf der Wiese neben der Europastraße 5 in der Nähe von Suomussalmi. „Jeder kann selbst interpretieren, was das fast tausendköpfige Stille Volk bedeutet“, steht auf einem Schild. „Eine fertige Antwort gibt es nicht.“

Der Wind fährt leicht in die Kleider. Bewegen sich die Figuren? Ich zupfe hier ein Hemd zurecht, richte dort eine Bluse. Einer Figur ist gar der Kopf heruntergefallen. Er liegt gleich zu ihren Füßen und ich stecke ihn ihr wieder auf. Zweimal im Jahr wird das Stille Volk von Anwohnern angezogen. Schön warm für den Winter, luftig für den Sommer.

Auf dem Weg hierher haben wir uns die tiefste Schlucht Finnlands angeschaut, die Julma Ölkky. Der See ist drei Kilometer lang und an seiner schmalsten Stelle ragen die Felswände rechts und links 50 Meter hoch. Entstanden ist der Canyonsee aus einem Riss in der Erde während der Entstehung der Erdoberfläche vor mehr als 2 Milliarden Jahren.

Es gibt einen Rundwanderweg vom Wanderparkplatz bis zur Schlucht. Auf einer 2017 gebauten Hängebrücke kann man den Canyon überqueren und dann auf der anderen Seite des Sees zurücklaufen. Aber ach! Gleich zu Beginn der Wanderung steht das Schild: Hängebrücke wegen Renovierung gesperrt. Wie schade ist das denn!

Trotzdem laufen wir los. Dass wir hin und zurück denselben Weg nehmen müssen, ist nicht so schlimm. Wir unterhalten uns unterwegs zudem sehr nett mit einem finnischen Paar, Rentner wie wir. Nur der Blick von der Brücke in den Canyon hinein und ein bisschen Bibbern auf der wackelnden Brücke entgehen uns leider.

Für die Nacht finden wir wieder ein traumhaftes Plätzchen. Mal sehen, ob wir hier zum Schlafen kommen. Es ist wolkenfrei und die Vorhersage für Polarlichter ist sehr gut.

Schatzsuche. Erfolgreich

Vorgestern hätten wir Gold waschen können, doch der Lotteriepreis war uns zu hoch. Heute wollen wir Edelsteine finden und in der Amethystmine, die wir heute Vormittag besuchen, ist ein Gewinn im Eintrittspreis bereits enthalten: Jeder darf einen selbst geschürften Edelstein, der in die eigene Faust passt, behalten.

Also nichts wie los! Wir schließen uns der ersten Führung um Elf an. Drei junge Frauen aus USA komplettieren unsere kleine Gruppe.

Kristiaan, unser Führer, erzählt uns sehr unterhaltsam eine halbe Stunde lang Vieles über diese Miene hier:

Europas einzige aktive Amethystmine befindet sich mitten im Nationalpark Pyhä-Luosto in Sápmi. Bereits vor 2.000 Millionen Jahren entstanden die Amethyste tief im Inneren der Berge. Die Mine wurde erst vor etwa 40 Jahren gegründet, seither wird hier in sehr kleinem Maßstab nach den Edelsteinen, die vor allem für Schmuck verwendet werden, geschürft. 14 Frauen und Männer arbeiten hier, die alles machen: Tickets verkaufen, Donuts backen („Daran verdienen wir am meisten“), das Café betreiben, die Führungen, die Schmuckherstellung und das Schürfen.

Dann dürfen auch wir ran. Jeder bekommt einen kleinen Pickel und ein Sieb sowie den Rat, im lockeren Erdreich zu buddeln, ohne dabei auf den Fels zu hauen. Ausschau halten sollen wir nach allem, was glänzt und wie Glas ausschaut.

Mit Feuereifer wühlen wir in der lockeren Erde. Alle werden fündig. Mein bester Stein ist recht klein, aber von tieflila Farbe und durchscheinend. Ein Glücksstein, sagt Kristiaan. Für noch mehr Glück erstehe ich im Laden noch ein Paar Amethystohrringe. Sicher ist sicher.

Schon auf der Herfahrt sind uns die nackten halbrunden Monolithen aufgefallen.

Diese tunturi gehören zu den ältesten der Erdgeschichte und galten lange Zeit als heilige Berge der Samen. Auf einen führt heutzutage eine Seilbahn hoch und diesen Luxus wollen wir uns heute gönnen. Einfache Fahrt, runter laufen wir.

Aber dann fängt es an zu regnen. Die Sicht wird von Minute zu Minute schlechter und wir sind uns einig: diesen Ausflug lassen wir ausfallen.

Stattdessen suchen wir uns einen gemütlichen Platz zum Mittagessen im Van.

Am Nachmittag queren wir den Polarkreis und verlassen damit nach neun Tagen Sápmi.

Wir rollen langsam auf der Via Karelia gen Süden, spannende weitere finnische Regionen liegen vor uns und für morgen ist wieder Sonne angesagt. Mit einer Rentierfamilie am Straßenrand und unserem idyllischen Übernachtungsplatz an einem kleinen Hafen, den wir uns mit einem finnischen Paar teilen, gleiten wir in einen ruhigen Abend.

Schatzsuche. Verschoben.

Eigentlich wollte ich heute auf Schatzsuche gehen. Edelsteine, nicht Gold, hatte ich im Visier. Doch dann haben wir die Zeit vertrödelt und so müssen wir die Schatzsuche auf morgen verschieben. Stay tuned!

Stattdessen haben wir heute ein paar andere Schätze abseits der Straße entdeckt.

Am schönsten: das Moor bei Sodankylä.

Auf einem vier Kilometer langen Rundweg, meist mit Bohlen ausgelegt, können wir tief in dieses Aapa-Moor eindringen. Soweit ich das verstehe, sind Aapa-Moore ein Moortyp, der nur hier im hohen Norden auf dem sog. Baltischen Schild, vorkommt. Es ist ein Natura 2000 Gebiet und besonders schützenswert.

Unterwegs bediene ich mich an den kulinarischen Schätzen, die in großen Mengen am Wegesrand zu finden sind.

Der größte Schatz im Städtchen Sodankylä ist die alte samische Holzkirche. Sie ist 350 Jahre alt und damit eine der ältesten Holzkirche in Finnland. Die Sámi hingen lange Naturreligionen und schamanistischen Praktiken an, so dass christliche Kirchen hier oben grundsätzlich nicht sehr alt sind.

Ein letztes Fundstück für heute ist eine kleine Schlucht, die der Fluss Kitinen bei Porttikoski in den Fels gegraben hat.

Und das war es dann mit der Schatzsuche für heute auch schon. Wir bringen uns am frühen Abend schon mal in die Pole Position für unser morgiges Abenteuer.

Herbstfroh

In der Früh hat es im Bus zehn Grad, draußen sieben. Wir machen schnell die Heizung an und gehen kurz raus, um ein paar Fotos zu machen. Immerhin scheint schon die Sonne.

Gestern Nacht war hier richtig was los auf unserem Hügel. Ein kleiner Reisebus und etliche PKW kamen mitten in der Nacht, die Fahrgäste begierig auf Nordlichter – wie wir. Aber die Ausbeute war trotz Rundumblick, trotz guter Werte, trotz der kurzen Wolkenauflockerung mager. Es gab einige Schlieren, die sehr schnell über den Himmel huschten, kaum Form und Farbe zu erkennen. Wir schlüpften irgendwann ins Bett, die meisten anderen Polarlichtjäger mussten wieder heimfahren. Heute Morgen habe ich 15 WoMos gezählt, die hier übernachtet haben.

Die Gegend hier scheint einige touristische Hotspots zu haben. Gleich im nächsten Ort ist einiges geboten.

Und im übernächsten auch. Hier kann man sich Iglus aus Glas mieten, um nachts ganz bequem vom Bett aus die Polarlichter zu genießen.

Wir fahren jetzt durch den Urho Kekkonen- Nationalpark. Im Goldgräberdorf Tankavaara halten wir an, nicht zum Goldschürfen, sondern für eine Wanderung durch den goldenen Herbst. Wenn auch ohne Sonne heute. Pünktlich zum Start fängt es an zu nieseln.

Heute wollen wir nur eine kleine Runde drehen, sechs Kilometer auf dem Kuukkeli-Trail. Ein hübsches Wort auf Finnisch für diesen Vogel, der auf Deutsch viel weniger schön Unglückshäher heißt. Am Freitag, den 13. auf dem Unglückshäherpfad wandern? Ob das gut geht?

Für uns ja, soviel sei schon verraten. Aber wie mag es den Menschen vor 80 Jahren ergangen sein, die hier am großen Schutzwall arbeiten mussten? Mit ihm sollten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs die Verbindungswege nach Norwegen gesichert werden. Im Sommer 1944 begannen 3000 deutsche Soldaten, Kriegsgefangene und Zivilisten hier in Tankavaara mit dem Bau von Bunkern und Feuerstellungen. Auf dem drei Kilometer langen Tankavaara War History Trail, der Teil unseres Unglückshähertrails ist, sind noch etliche davon zu sehen. Auf zahlreichen Informationstafeln finden wir Erklärungen und Erinnerungen an diesen Teil der deutsch-finnischen Geschichte.

Nachdenklich laufen wir weiter durch den Wald. 80 lange Jahre ist das jetzt her, doch durch den Ukraine-Krieg und auch durch die Erfolge der Rechtsradikalen in Deutschland und anderen Europäischen Staaten rückt die Bedrohung auf einmal sehr nah.

Unser Reiseführer hatte den guten Tipp, dass es auf unserem Kuukkeli-Trail eine Hütte samt Feuerstelle gebe und empfiehlt, Würstchen zum Grillen in den Rucksack zu packen. Wird gemacht.

Neugierig nähern wir uns der Hütte. Ob schon wer anders drin ist? Ob Feuerholz da ist?

Alles bestens. Ein kleines Feuer ist schnell entzündet, die Würstchen liegen bald auf dem Rost. Später gesellt sich noch ein junges finnisches Paar zu uns, das übers Wochenende hoch nach Sápmi gefahren ist.

Das Feuer tut gut, weil wir mittlerweile doch ziemlich nass sind. Als wir am Bus ankommen, machen wir wieder die Heizung an, hängen alles zum Trocknen auf und kochen uns noch einen heißen Kaffee.

Danach gehen wir noch rüber ins frühere Goldgräberdorf, wo es heute ein Museum, ein paar Blockhütten und eine Anlage gibt, in der man für 12 Euro selbst eine Runde Gold waschen darf.

Dieser Lotteriepreis ist uns zu hoch und wir fahren weiter an einen schönen See, an dem wir den Rest des Tages verbringen wollen.

Rundumblick

Der Höhepunkt des Tages ist ohne Zweifel unser Übernachtungsplatz in luftiger Höhe von (nur) 440 m. Wir sind also in etwa so hoch wie zuhause, aber es fühlt sich an, als seien wir auf irgendeinem Plateau in den Alpen.

Der Wind pfeift, wir haben einen Rundumblick vom feinsten, das Thermometer ist von 20 Grad in der Ebene auf 14 gefallen.

Die Erhebung heißt Kaunispää und liegt etwa 30 Kilometer südlich von Ivalo. Im Winter tummeln sich hier die Skifahrer, im Sommer die Mountainbiker. Jetzt im Herbst gibt es ein paar Touristen, die wie wir die Aussicht genießen.

Vergangene Nacht haben wir zwar neben der Straße aber trotzdem ganz idyllisch übernachtet. Irgendwo im Nirgendwo. „Nördlicher kommen wir auf dieser Reise nicht mehr“, stellt Achim fest und lässt nochmal die Drohne steigen.

Dann fahren wir zurück nach Inari, nochmal am See entlang in östlicher Richtung und folgen der Straße Richtung Süden. Aber nicht weit. Bald kommt der kleine Ort Ivalo und wir entdecken gleich hinterm Ortseingang einen breiten Sandstrand am gleichnamigen Fluss. Guter Platz für einen kleinen Spaziergang und unsere Mittagspause.

Wir halten noch ein paar Mal an, um die Herbstfarben einzufangen.

Und schwingen uns dann auf gut ausgebauter Straße in luftige Höhe zu unserem sehr besonderen Übernachtungsplatz.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass mit den Wolken dasselbe passiert wie gestern Nacht und sie sich auflösen. Dann könnten wir hier oben einen super Blick auf die Polarlichter haben.

Der Sonnenuntergang ist schon mal vielversprechend.

Im Herzen Sápmis

Um kurz nach Mitternacht abermals ein Weckruf: „Eva, komm, es gibt was zu sehen!“ Und ja! Diesmal sehe ich auch mit bloßem Auge Farbe am Himmel. Türkisfarbene Wolkenbänder wabern über den Himmel! Ich halte die Luft an und staune. Immer wieder ãndern die Polarlichter ihre Form, mal sehen sie aus wie ein Trichter, mal wie Tanzbänder, die durch die Luft gleiten. Über all dem Millionen von Sternen und Planeten. Ich erkenne unsere Milchstraße, den großen Wagen, die Plejaden, den Schwan, die Cassiopeia (Achim war ein guter Lehrer).

Achim fotografiert und fotografiert. Dass die Fotos so farbenprächtiger, so viel formenreicher sind als das, was man mit bloßem Auge sieht, stimmt mich fast ein wenig traurig. Außerdem trägt die Vielzahl der Fotos und Videos von Polarlichtern, die ich schon gesehen habe, zu einer Erwartungshaltung bei, die die Realität scheinbar nicht erfüllen kann. Es ist, wie wenn Du das erste Mal in Deinem Leben ein echtes Zebra siehst, aber ohne Streifen.

Aber wer weiß? Vielleicht werden wir in einer der nächsten Nächte auch einmal bunte Lichter mit bloßem Auge sehen können?

Um halb zwei krabbeln wir in die Betten und schlafen, trotz allem, beglückt ein.

Inari ist das Herz Sápmis. Die Rolle der samischen Kultur ist hier sehr groß: 30 Prozent der Einwohner sind Samen. Es ist Sitz des finnischen Sametings, der parlamentarischen Vertretung der Samen, hat eine samische Kirche mit dem Altarbild „Die Offenbarung Jesu Christi an das samische Volk‘ und es gibt das Samenmuseum, das wir gleich nach dem Frühstück besichtigen.

In der Ausstellung erfahren wir Vieles über die Sámi, das einzige indigene Volk in der EU. Ihr Leben zwischen Tradition und Moderne.

Wieder stoßen wir auf deutsche Geschichte: die Wehrmacht vertrieb gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die einheimischen Sámi und zerstörte sämtliche Dörfer, um den vorrückenden Russen nur ja nichts zu hinterlassen, was sie vielleicht brauchen könnten.

An Bord eines Katamaran schippern wir am Nachmittag zwei Stunden über den Inarisee mit seinen 3000 Inseln und Inselchen.

Und stellen fest: an Bord unseres Busses fühlen wir uns wesentlich wohler als an Bord eines Bootes. Das schaukelt so.

Eigentlich wollen wir, wie angeboten, etwas früher aussteigen, um zu einer Wildernis Church zu wandern. Wegen Wind und Wellen kann der Kapitän dort nicht anlanden. Also keine Wanderung, sondern Kaffee und eine Runde Geocaching.

Nicht vorenthalten will ich Euch den Schnappschuss des Nachmittags: Rentiere im Vorgarten.

Nordlichter!?

Die Flasche Sekt habe ich heute Morgen in den Kühlschrank gestellt. Falls wir heute Nacht die ersten Polarlichter unseres Lebens sehen sollten, wird sie geköpft (danke, Michael und Iftah!).

Gestern Nacht gegen eins flüstert Achim mir zu: „Eva, komm! Es gibt Lichter!“ Obwohl ich beim Insbettgehen noch gedacht hatte, dass ich niiiie mehr aufstehen könnte, springe ich aus dem Bett und bin im Nu draußen.

Leichte graue Schleier tanzen am sternklaren Himmel. Mehr ist mit bloßem Auge nicht zu entdecken. Achim hat seine Kamera aufs Stativ gestellt und auf den Bildern ist es schon farbiger.

Für kommende Nacht sind noch bessere Werte vorhergesagt. Wenn es sich nicht bewölkt, stehen unsere Chancen nicht schlecht, das Himmelsschauspiel auch ohne technisches Hilfsmittel zu bewundern.

Erstmal aber fahren wir nach dem Frühstück in das kleine Dorf Njurgulahti, unweit von unserem Wanderparkplatz. Wir versuchen, eine Bootstour auf dem Lemmenjoki zu ergattern. Ein Traum wäre eine Fahrt zum Canyon und den Wasserfällen, mal sehen, ob jetzt zum Ende der Saison noch jemand zu einem erschwinglichen Preis fährt.

Die Gegend hier ist auch berühmt für ihre Goldvorkommen. Am Lemmenjoki wird seit 1945 nach Gold geschürft, als Kriegsheimkehrer hierherkamen, um ihr Glück zu finden. Im Gebiet leben immer noch Goldwäscher, von denen ab und zu auch jemand fündig wird.

Boote sind zwar da, aber kein Käptn in Sicht.

Dann also weiter nach Inari, zum zweitgrößten See in Finnland. Kurz halten wir nochmal an Stromschnellen an, dann erreichen wir den Ort.

Gleich links fällt ein großes modernes Gebäude auf: es ist das Sajos, das Kulturzentrum der Samen. Es beherbergt das finnische Parlament der Samen, ein Archiv und eine Bücherei, einen großen Veranstaltungsraum mit über 400 Plätzen, Shop und Café.

Ein paar Schritte weiter, am aufwändig gestalteten und preisgekrönten Sápmi-Museum Siida, das wir morgen besuchen werden, erhaschen wir einen ersten Blick auf den Inari-See. Für uns ist er der nördlichste Punkt unserer Reise. Hier wollten wir her, um die Ruska, den finnischen Indian Summer, von Nord nach Süd zu begleiten und um die Nordlichter zu sehen.

Wir bummeln ein wenig am See entlang. Der Ort ist ganz klein. Hier wohnen 500 Menschen, es gibt eine Tankstelle, ein Hotel, ein Restaurant, zwei Supermärkte, leider kein Café. Mit zwei Coffee to go und drei Teilchen aus dem Supermarkt setzen wir uns auf eine Bank am See und genießen die Aussicht.

Einen Übernachtungsplatz am Wasser finden wir zehn Kilometer südlich des Ortes. Hier lassen wir uns heute Nacht überraschen. Polarlichter? Daumen drűcken, bitte!

(Fast) in der Wildnis

Eine kleine Holperstraße führt uns noch tiefer hinein in den Lemmenjoki-Nationalpark. Wir lenken unseren Bus auf den Wanderparkplatz in Lemmenjoki und sind erstmal baff: er ist voll! Es sind fast alles PKW mit finnischen Kennzeichen. Nicht zu fassen. Eine neunköpfige Frauengruppe mit großen Rucksäcken startet gemeinsam mit uns, biegt aber gleich rechts ab. Ein finnisches Paar überholt uns. Sie wollen fünf Tage unterwegs sein.

Wir haben einen 16 Kilometer Rundweg vor uns. Erneut tauchen wir in Wald und Moor ein und sind endlich allein. Unser heutiges Ziel birgt etwas Neues. Heute geht es hinauf aufs Fjell, wie hier die Höhenrücken genannt werden. Unserer heißt Joenkielinen und ist 530 Meter hoch.

Nach ein paar Kilometern erreichen wir diesen spektakulären Pausenplatz. In der Korta, vor der ich hier stehe, gibt es eine Feuerstelle, Holzpritschen zum Übernachten, Baumstämme zum Draufsitzen.

In einem Nebengebäude ist genügend gehacktes Holz für die Wanderer vorrätig. Was für ein Service!

Eine halbe Stunde später sehen wir unseren Hügel. Obwohl es nicht besonders hoch hinauf geht, fühlt es sich jetzt alpin an. Die 300 Höhenmeter müssen auch gegangen werden, wir sind jetzt oberhalb der Baumgrenze, der Weg ist steinig und der Wind pfeift ordentlich hier oben.

Deshalb genießen wir oben den 360 Grad-Blick nur kurz, machen ein Gipfelfoto und setzen unsere Runde mit dem Abstieg fort.

Etwas weiter unten machen wir Brotzeit und die letzten Kilometer schwächele ich ganz schön. Die Schultern tun mir weh (dabei trägt Achim schon eine ganze Weile auch meinen Rucksack), die Füße auch, ach, wann sind wir denn endlich da?

Nach sieben Stunden sind wir wieder am Bus und ich lege mich erstmal aufs Bett. Und was macht Achim? Abendbrot. Lecker.

Erste Wanderung in Sápmi

Nach München sind es von hier aus 2780 Kilometer. Ganz schön weit weg von Zuhause.

Rovaniemi steht für den Polarkreis, es ist das Tor nach Lappland und zugleich seine Hauptstadt. Die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht nahezu vollständig zerstört und von1945 bis 1952 nach Plänen des Architekten Alvar Aalto wieder aufgebaut. Als Grundriss für den neuen Ort wählte er ein Rentiergeweih.

Für viele ein touristisches Highlight ist das Weihnachtsmanndorf, in dem Santa Claus täglich  große und kleine Kinder empfängt. Sogar das nicht weit entfernte Polarkreiszentrum, an dem wir heute Nacht campiert haben, ist ganzjährig vom Weihnachtsmannfieber angesteckt.

Nach dem Frühstück entfliehen wir dem Rummel, um zu unserer ersten größeren Wanderung in finnisch Lappland aufzubrechen. Besser gesagt in Sápmi, denn so lautet die korrekte Bezeichnung für dieses Gebiet.

Wir fahren in die Arctic Circle Hiking Area. Hier gibt es verschiedene Wanderwege. Wir haben uns einen acht Kilometer langen Rundweg ausgesucht.

Gleich am Anfang werden wir gewarnt, dass duck boards in schlechtem Zustand gewesen seien und man sie deshalb entfernt hätte. Schulternzucken, Duckboards? Keine Ahnung. Egal, wir wollen los.

Wir queren den Fluss, dann geht es auf Bohlenwegen durch den Wald. Unter uns ist Moor.

Nicht nur hier sondern vielfach zumindest im Norden Finnlands gibt es Laavus, Unterstände, in denen Wanderer, Ausflügler oder Touristen verweilen können. Ausgestattet sind sie meist mit einer Feuerstelle, einem Grill, gehacktem Holz und einem Trockenclo. Heute ist Samstag und später, wieder in der Nähe des Parkplatzes, begegnen wir einheimischen Familien mit Picknickutensilien auf dem Weg zu den Laavus.

Für uns ist jetzt erstmal Schluss. Der Bohlenweg hört abrupt auf. Was heißt gleich nochmal duckboard? Bohlenweg! Mist.

Was stand auf dem Warnhinweis? „Wer weitergeht, wird sehr nasse Füße bekommen“. Hm. Was tun? Umkehren? Nein, auf keinen Fall. „Mehr als nasse Schuhe können wir ja nicht kriegen. Und die trocknen wieder“, sind wir uns einig. Also Hose hochkrempeln und rein ins Nass. Wattwandern ist auch nicht viel anders.

Etwa 20 Minuten waten wir durchs nasse Moor und freuen uns, dass wir nicht umgekehrt sind. Man kann hier ganz gut gehen, sinkt nicht tiefer ein als zu den Knöcheln und kalt ist es auch nicht. Die Sonne lugt immer mal wieder raus und es hat um die 20 Grad.

Zur Belohnung gibt es vor unserem heutigen Aussichtsturm (30 Stufen, null Vögel) eine kleine Brotzeit, angereichert mit Assamtee und einem Schuss Gin.

Beschwingt laufen wir die letzten vier Kilometer bis zum Parkplatz. Jetzt gibt es wieder einen schönen Bohlenweg und unsere Schuhe können schon ein bisschen trocknen.

Um die Stadt anzuschauen, sind wir zu faul. Aber Einkaufen geht noch.

Dann machen wir uns auf die Suche nach einem Laavu für heute Nacht. Das erste, das wir uns ausgeguckt hatten, ist schon besetzt.

Aber das zweite ist frei. Wir stehen direkt am Fluss, weit und breit kein Mensch. Nur ein paar Knotts, diese winiwinzigen Mücken – damit es nicht zu paradiesisisch wird. Aber wir wehren uns mit einer Mückenspirale und einem kleinen Feuerchen. In das wir Würste halten. Von denen die Knotts nix abkriegen. Ha!

Richtung Polarkreis

Unseren täglichen Turm gib uns heute. Er hat nur 29 Stufen und gibt den Blick frei auf Enten und Blesshühner. Einen Geocache gibt es auch im zweiten Stock.

Unsere Nacht im kleinen Inselhafen war ruhig und über die Sonne heute Morgen freuen wir uns sehr. Es hat 18 Grad, sie fühlen sich wegen der leichten Brise kühler an als die Tage zuvor.

Heute verlassen wir die Ostsee und fahren durchs Landesinnere Richtung Polarkreis nach Rovaniemi. Das sind noch 314 Kilometer. Als Tagesetappe ist uns das zu viel, so dass wir wohl unterwegs irgendwo nochmal übernachten. Mal sehen, was alles so kommt.

Am Vormittag kommt nicht mehr viel: ein bisschen was einkaufen und mit der Fähre zurück aufs Festland schippern. Tanken (1,61 Euro).

Zu Mittag probieren wir eine finnische Spezialität: Leipäjuusto („Brotkäse“) ist ein Käse, der traditionell aus dem Kolostrum der Kuh hergestellt wird, also der Milch, die diese direkt nach dem Kalben gibt. Er wird gebacken, gegrillt oder flambiert. Die Finnen geben ihn manchmal in eine Tasse und übergießen ihn mit Kaffee. Hauptsächlich wird Leipäjuusto aber mit Moltebeeren oder Preiselbeeren kalt oder gebacken aus dem Ofen gegessen.

Wir erwärmen ihn leicht in der Pfanne, legen ihn auf eine Scheibe Brot und essen ein bisschen Mirabellenmarmelade von Freundin Angie dazu. Lecker. Den kaufen wir wieder.

Die Hauptstraße haben wir schon lange verlassen, jetzt rollen wir auf kleinen Nebenstraßen nach Norden. Es gibt kaum noch Dörfer, ab und zu lugt ein Mökki, ein Sommerhaus, zwischen Bäumen hervor, manchmal eine namenlose Ansiedelung. Die Autos, die uns entgegen kommen, kann ich an einer Hand abzählen.

Meist folgen wir dem Lauf eines Flusses, ab und an passieren wir einen See. Immer ist Wald aus Birken, Kiefern und Fichten rechts und links von uns.

Dann trottet ein Rentier mitten auf der Straße und lässt sich von den Autos nicht aus der Ruhe bringen.

Wir beschließen, doch bis Rovaniemi durchzufahren. Es fährt sich sehr entspannt hier und es sind nur noch hundert Kilometer. Polarkreis, wir kommen!

Um kurz vor sechs sind wir da. Natürlich machen wir erstmal ein ausführliches Fotoshooting.