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22. Stopp: Tirga im Hohen Atlas

Was für ein Tag! Er beginnt mit einem prächtigen Frühstück, führt uns in eine Polizeistation und endet mit der Suche nach einem Stellplatz im Dunkeln. Doch der Reihe nach.

Meine lieben Mitreisenden lassen es sich nicht nehmen, mir einen wunderschönen Geburtstagstisch zum Frühstück aufzubauen: Tischdecke, Blümchen, Geschenke und alles, was die Bordküchen so hergeben an Schinken, Käse, Datteln, Oliven, Eier und Melonen. Ein Ständchen dazu und ich kann vergnügt ins neue Lebensjahr rutschen.

Zwei Stunden später fahren wir einen kleinen Pass hoch und bewundern die Schaffenskraft des Flusses Ziz, der kaum zu sehen ist aber für eine riesige Flussoase sorgt.

Bald danach lassen wir uns eine Bananenmilch und einen Eiskaffee (!) schmecken. Erstere vom Besitzer des Cafés La Vallée de Ziz gemixt, zweitere zur Hälfte ebenfalls von ihm, die leckere Einlage stammt aus Dorothees Bordküche bzw. dem Marjane-Supermarkt, dem sie vorher in Errachidia einen Besuch abgestattet hat. Wir klönen noch ein Stündchen mit zwei jungen Norwegern, die sich zu uns setzen, dann brechen wir auf und verlassen in Rich die Nationalstraße. Wir wollen auf einer kleinen Straße Richtung Berge.

Der Ort ist schnell durchquert, wir rollen gerade über die Ausfallstraße, als uns ein Polizeiwagen mit Blaulicht entgegenkommt und uns unmissverständlich zum Halten auffordert. Sofortige Gewissenserforschung: zu schnell gefahren? Stoppschild übersehen? Wir kurbeln die Fenster runter und ein freundlicher Polizist macht mich darauf aufmerksam, dass ich wohl meine Handtasche im Café habe liegen lassen. Was? Wo ist sie? Ich blicke mich im Bus um. Oh! Ja! Keine Handtasche! Er erklärt mir, dass wir mit ihm und seinem Kollegen zur Polizeistation in Rich fahren sollen, denn dorthin werde die Tasche gebracht. Wir folgen dem Polizeiauto, fahren die paar Kilometer zurück und sitzen bald darauf im Vorraum der Polizeistation von Rich. Sie sieht ähnlich aus wie die bei uns zuhause, die vier weiteren Polizisten und die eine junge Polizistin kümmern sich nicht weiter um uns. Vom Polizisten, der uns auf der Straße abgefangen hat, erfahren wir nun den Rest der Geschichte. Der Besitzer des Café-Restaurants La Vallée de Ziz (kurz hinter dem Tunnel Zaabal) hat meine Tasche entdeckt, die Polizei informiert und beschrieben, dass wir mit zwei Campervans, einem grauen und einem dunklen, unterwegs sind. Daraufhin ist ein Streifenwagen aus Rich zur Straße nach Midelt gefahren und der andere hat unsere R 706 nach Westen kontrolliert. Wie schön, dass er uns gefunden hat!

Dann kommt ein Mann von draußen rein, ich strahle ihn an, denn er hält meine Handtasche in der Hand. Ich werde von „unserem“ freundlichen Polizisten aufgefordert, den Inhalt zu kontrollieren. Der Pass, das allerwichtigste, steckt wohlbehalten in einer Innentasche, das Portemonnaie ist da und die Geldscheine, die ich gerade in Errachidia frisch hineingesteckt habe, sind auch da. Nach vielen „Shukran“ und „Merci“ (wie schön, dass ich noch eine Packung gleichen Namens im Bus hatte) verlassen wir beglückt die Polizeistation.

Wir haben gar nicht viel Zeit, bis es schon wieder aufregend wird. Erst führt der Weg uns über eine Hochebene, schöne Berge auch hier rechts und links. Marokko verwöhnt einen sehr.

Dann ziehen sich die Berge immer mehr zusammen, wachsen über sich selbst hinaus und bilden eine Schlucht wie es dramatischer nicht mehr geht. Dennoch läuft unten das schmale Palmenband, dass den Fluss begleitet, weiter und der Mensch hat dem Fels auch noch Platz für Häuser abgerungen. In unserer Landkarte ist hier kaum noch ein Ort eingezeichnet, doch alle paar Kilometer tauchen neue Dörfer auf, in denen die Alten uns nachblicken und die Kinder uns zuwinken. Einmal müssen wir wegen eines Rettungswagens stehenbleiben und die Kinder umringen den Bus und fordern Bonbons. Nein, nein, nein, gebe ich ihnen mit energischen Kopfschütteln zu verstehen und bin ganz froh, als wir weiterfahren können. Meistens aber sind die Kinder nur neugierig und aufgeregt.

Langsam wird es Abend und wir brauchen einen Platz für die zwei Busse. In der Schlucht ist kein Platz, in den Dörfern auch nicht, dann wird es dunkel. Es dauert nur noch ein Viertelstündchen, bis wir direkt neben der Straße einen großen, freien, ebenen Platz entdecken. Perfekt. Wir parken die Busse, ein Campari-Orange und viele leckere Snacks werden herbeigezaubert und der Geburtstag kann entspannt ausklingen.

Am nächsten Morgen sieht es hier so aus:

19./20. Stopp: Casa Bouaid und Merzouga

Nach unserer Wanderung am frühen Morgen gibt es in der Hütte bei unserem Schlafplatz noch ein gutes Frühstück mit Omelette, Olivenöl, Orangen und frisch gebackenem Brot. Dann fahren wir bei sengender Hitze und zwei Kaffeehausstopps in einem Rutsch 160 Kilometer weiter Richtung Osten bis zur Casa Bouaid, 30 Kilometer vor Rissani. Hier bietet die Berberfamilie Bouaid Campern an, auf ihrem Grundstück zu nächtigen. Wieviel man dafür bezahlen möchte, ist Ermessenssache. Erst seit Anfang des Jahres gibt es dieses Angebot und der älteste Sohn Abdelali kümmert sich um die Gästebetreuung. Er bewirtet einen mit Tee, zeigt den riesigen Obst- und Gemüsegarten und unterhält sich interessant und angeregt in sehr gutem Französisch mit uns. Von ihm erfahre ich, dass seine Großeltern noch Nomaden waren und seine Eltern die ersten aus der Familie, die Land gekauft haben und sesshaft geworden sind. Im Schlepptau hat er seine jüngeren Brüder Hamsa und Raschid, die ihm am nächsten Morgen helfen, uns mit frisch gebackenen Pfannkuchen und Minztee zu verwöhnen. Wir lassen uns Zeit, denn unser nächstes Ziel, Merzouga, liegt nur 80 Kilometer entfernt.

Auf dem Weg liegt Rissani, eine Stadt mit großer aber trauriger Geschichte: sie gilt als älteste Stadt Marokkos, wurde aber zweimal zerstört, zuletzt 1818. Das prächtige Hassantor empfängt die Besucher, gleich daneben liegt das Ministerium für Jugend und Erziehung, ebenfalls in einem stattlichen Gebäude. Auf den Straßen ist viel los, Jugendliche radeln von der Schule heim, Händler bieten ihre Waren auf der Straße und im überdachten Markt an.

Nach dem Einkaufen fahren wir weiter nach Süden und die Landschaft versandet zusehends. Und dann sehen wir sie: die berühmten Dünen von Erg Chebbi, 40 Kilometer lang, sieben breit, die höchsten bis zu 200 Metern aufragend. Seit zuhause freue ich mich hierauf und nun sind wir tatsächlich hier. In der Sandwüste.

Wir fahren auf den Campingplatz Haven la Chance und können tatsächlich bis an den Sand heranfahren. Vom Bus aus blicken wir in die Wüste, auf den fast goldfarbenen Sand, die gewellten Dünen. Erfrischung gibt es zwischendurch im Pool, dann gleich wieder zurück, Sand gucken. Als die Hitze gegen halb sechs etwas nachlässt, machen wir einen ersten Spaziergang in die Wüste hinein, hocken uns auf den Kamm einer Düne und schauen. Das Programm für morgen sieht nicht viel anders aus. So viel Wüstenatmosphäre wie möglich aufsaugen – und wenn es zu heiß wird, in den Pool springen. Ich freu mich drauf.

18. Stopp: Bab n‘ Ali

Es war auf dem Campingplatz in Tamnougalt, dass der einzige andere Camper, ein Franzose, uns Fotos von Bab n’Ali zeigte und uns die dringende Empfehlung gab, einen Abstecher dorthin zu machen. Man könne wunderbar in der Gite Pitons essen und anschließend dort übernachten. Das klingt gut und ich google mal „Wandern in Bab n‘ Ali“ und tatsächlich: Ich finde den Track für eine Rundtour von 10 Kilometern bei 250 Höhenmetern, der direkt neben der Gite losgeht. Gesagt, getan. Von Nekob aus sind es nur 25 Kilometer nach Norden und sofort tauchen wir ein in die einsame Bergwelt.

Bei der Hütte angekommen machen wir alles klar: jetzt fahren wir erst noch hoch auf den Pass, dann kommen wir zum Abendessen zurück und können mit den Bussen gegenüber auf dem Parkplatz übernachten.

Die Fahrt bietet einmal mehr atemberaubende Ausblicke.

Zum Abendessen erwartet uns ein dreigängiges Menu: Linsensuppe, Spieße mit Putenfleisch, Oliven, ein wunderbarer Salat mit eingelegtem Kürbis, Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Paprika und hart gekochten Eiern, allerliebst mit einem Zackenrand dekoriert. Als Nachspeise werden uns Orangen und kleine Bananen, reif und aromatisch, serviert.

Wir gehen früh ins Bett. Denn um halb sieben klingelt der Wecker. Wieder soll es 30 Grad geben und wir wollen die Frische des Morgens für die Wanderung nutzen.

Die besonderen Bergformationen, deren Abbilder im französischen Handy uns hierher gelockt hatten, haben wir schon am Vorabend gesehen, doch erst das Sonnenlicht des frühen Morgens lässt sie in ihrer vollen Schönheit erglänzen. Wir laufen einmal um den linken Zacken herum, sind vier Stunden unterwegs (drei in Bewegung, eine in Ruhe, also fotografierend, stehend staunend, rastend).

17. Stopp: Tamnougalt

Rein in die Wüste, raus aus der Wüste, zurück in die Berge – so könnte man die Route der beiden vergangenen Tage in Kurzform beschreiben. Von den Dünen bei Tinfou sind wir noch 70 km näher an die Sahara herangefahren. In zwei Stufen haben wir uns vorgearbeitet. Hoch auf 1000 Meter, eine leere Hochebene gequert, wieder runter, wieder hoch und schließlich runter nach Mhamid, ein kleiner Ort am Rande der Sahara.

Hier werden an jeder Ecke die „Sahara Services“ angeboten: Dromedarritt in die Wüste, 4×4-Fahrten mit und ohne Übernachtung im Berberbiwak, Sandsurfen. Ansonsten gibt es kleine Hotels, ein paar Campingplätze, winzige Läden, Hitze und Staub.

Uns hält es hier nur für einen Spaziergang und ein kleines Mittagessen, dann fahren wir dieselbe Strecke wieder zurück. Die Straße ist gut, die Landschaft nur scheinbar eintönig, wir haben genug zum Gucken und ein Stündchen später sitzen wir wieder in Zagora beim gleichen Joghurtverkäufer wie am Tag zuvor. Seine Frau wirft mir aus der Küche sogar eine Kusshand zu.

Dann lenken wir den Bus nach Norden, um das Draatal zu besuchen. Der Fluss hat es geschafft, hier eine grüne Schneise zu schlagen und der Mensch hat sich nicht nur in Häusern in dieser Region niedergelassen sondern viele Kasbahs, Wohnburgen, errichtet.

Die älteste ist die in Tamnougalt, wo wir uns  am Abend auf  einen kleinen Campingplatz in einem idyllischen Garten stellen. Sogar ein Pfau wohnt hier.

Die Kasbah besichtigen wir am nächsten Morgen.  Wir werden mit dem zweiten Mann, der sich als Führer anbietet, handelseinig. Für 50 Dirham schließt er uns die Tür zu einer Kasbah in der früheren Mellah, dem Viertel der Juden, auf. Er zeigt uns ein sehr schön gearbeitetes Fenster, die Überreste der Synagoge und die Dachterrasse, auf der man angenehm kühl  schlafen konnte. Bis Ende der 50er Jahre war diese Mellah bewohnt, erzählt er.

Die Kasbah, die er uns dann zeigt, sei im Besitz seiner Familie gewesen. 13 Menschen hätten hier zusammen gewohnt. Heute leben im gesamten Ksar, dem alten Dorf, noch 20 Personen, bis vor ein paar Jahrzehnten waren es etwa 150. Vieles ist inzwischen unbewohnbar, sieht aber mit seinen beeindruckenden Lehmbauten immer noch sehr eindrucksvoll aus. Renovierungsarbeiten seien im Gange und würden mit Hilfe der Gelder, die die Touristen für die Besichtigung zahlen, finanziert. Inshallah.

Auf der Nebenstraße fahren wir weiter Richtung Osten und sehen noch viele weitere Ksars und Kasbahs und die üppigen vom Draa geschaffenen Palmenbänder. Wir passieren lebendige Dörfer, kaufen Wasser, Kaffee und Kekse ein und bestaunen die neuen Bauten, die sich im Stil an die alte Architektur anpasst.

Etwa 30 km vor Nekob erreichen wir eine größere Straße und die Landschaft ändert sich wieder komplett. Wir haben das Flusstal verlassen und queren nun eine Hochebene, eine Steinwüste flankiert von Tafelbergen.

Nekob wird als Stadt der 45 Kasbahs bezeichnet und liegt auf 1000 Meter Höhe.  Es ist ruhig hier, denn heute ist der erste Tag des Ramadan und Einheimische sitzen jetzt natürlich nicht im Café.

Wir schlendern durch den Ort, sehen uns gefühlt ein Viertel aller Kasbahs an und fallen erschöpft auf den Kaffeehausstuhl und ruhen uns aus.

Danach geht es weiter Richtung Berge. Morgen wird wieder mal gewandert.

16. Stopp: Bei den Dünen von Tinfou

Der Sand ist kalt und feucht, als ich bei Sonnenaufgang auf den Scheitel der Düne hochstapfe. Die Sonne hat es noch nicht über den Bergkamm geschafft, meine Reisegefährten und die meisten Beduinen unten in ihren Zelten schlafen noch. Einige Vögel zwitschern schon, in der Ferne höre ich einen LKW, ein Dromedar schreit. Feine Spuren von Nebeltrinkerkäfern (PS: ein paar Tage später durch Beobachtung gelernt) durchziehen die Oberfläche der Düne.

Als wir am Nachmittag zuvor hier ankamen, war es heiß (auch für diesen Tag sind über 30 Grad angesagt), bei den Beduinenzelten war einiges los. Männer pflockten ihre Dromedare an, brachten ihnen Futter, luden die vorbeikommende Touristin auf einen Tee ein und fotografierten sie mit ihrem Lieblingskamel. Die Dame wurde mir vorgestellt, doch ich habe ihren Namen leider vergessen.

Die Dünen von Tinfou sind nur klein, aber ich bin hingerissen von den vielen Dromedaren, die ich hier aus nächster Nähe anschauen und auch streicheln darf. „Ein Dromedar mag es nicht besonders, wenn man es am Hals krault“, erklärt mir sein Besitzer. „Aber die Nase streicheln, das lieben sie.“

Unser letzter Stopp war Foum Zguid. Von dort aus sind wir 150 Kilometer hierher gefahren. Hohe Tafelberge im Hintergrund, karger Boden, vor allem mit Steinen durchsetzt, immer wieder etwas Sand dazwischen, säumen die gut ausgebaute N12. In dieser Ödnis ist es den Menschen gelungen, Felder anzulegen und Gemüse zu ziehen. Sogar Melonen werden hier angebaut. Noch ist ihre Erntezeit aber nicht gekommen.

Die erste Stadt auf unserem Weg ist Zagora. Entlang der Hauptstraße stehen prächtige Gebäude, Verwaltung und Militär, der Soukh, Geschäfte, Cafés. In den Seitengassen sind die Werkstätten, weitere Läden und einfachere Häuser zu finden. Wir kaufen Melonen (leider noch nicht von hier sondern aus Agadir) und probieren Joghurt mit Granatapfelsirup. Sehr fein.

Unser nächster Halt ist das Töpferdorf Tamegroute. Männer heizen mit getrockneten Palmwedeln die Öfen ein und bringen sie auf 1000 Grad. Wer diese harte Arbeit macht, darf am nächsten Tag bei leichterer Arbeit ausruhen, wird uns erzählt. Die Kooperative hat das so geregelt. Wir streichen durch die Gassen unterhalb der Töpfereien, fragen uns, wie es sein muss, hier zu leben. Durch eine geöffnete Tür schaue ich in eine Küche. Eine gut gekleidete junge Frau kommt mir aus einer dunklen Sackgasse freundlich grüßend entgegen.

Wieder im Tageslicht kaufen wir eine schöne Schale ein, trinken Kaffee und essen einen kleinen frisch gegrillten Spieß mit Rindfleischstückchen.

Dann fahren wir die letzten sechs Kilometer bis zum Hotel Sahara Sky bei den Dünen von Tinfou. Hier haben wir am Abend eine Verabredung mit Patrick zum Sternegucken. Fritz Koring hat hier vor über zehn Jahren die einzige private Sternwarte Nordafrikas eröffnet. Auf der Dachterrasse seines Hotels sind hochwertige Teleskope installiert. Patrick, aus Belgien, ist der Haus- und Hofastronom und entführt uns in der Nacht zu den Sternen unserer Milchstraße und weiterer Galaxien. Milliarden von Sternen funkeln am schwarzen Nachthimmel, ich werde ganz schwindelig, wenn ich durchs Fernglas schaue. Eine Sternschnuppe bekomme ich zuguterletzt auch noch geschenkt.

Es ist weit bis zur Sandwüste

Und noch ein Tag durch die Steinwüste. Wieder sind wir „nur“ ca. 150 Kilometer gefahren. Gucken und Staunen und Fotografieren. Und mal wieder einen Geocache suchen. Der ist in einem nahen Höhlengebiet versteckt. Eine Tropfsteinhöhle. Die Stalagtiten sehen aus als würden sie aus Schlamm gebildet sein. Hmm, da muss mir mal ein Geologe helfen. Geocache […]

Es ist weit bis zur Sandwüste

Wanderung zur Wasseruhr in Tata

Verwirrung am Morgen. Die Busuhr zeigt viertel nach sechs, als ich wach werde. Passt gut, denn wegen der Hitze, die hier tagsüber herrscht, hatten wir uns einen frühen Start für unsere Wanderung zur historischen Wasseruhr vorgenommen. Als ich wenig später auf mein Handy schaue, zeigt dies zwanzig nach fünf an. Draußen ist es noch dunkel, was für beide Urzeiten zutrifft. Achims Armbanduhr zeigt zwanzig nach sechs, sein Handy zwanzig nach fünf wie meins. Dann fällt der Groschen: Zeitumstellung. Wir haben ja gewusst, dass hier in Marokko zum Fastenmonat Ramadan, der am 22. März beginnt, die Uhr um eine Stunde zurückgestellt wird, aber wann genau wussten wir nicht. Heute Nacht. Jetzt wissen wir ’s.

Und so brechen wir tatsächlich um kurz vor sieben bei noch frischen 12 Grad zu unserer Wanderung auf.

Wir wollen zur historischen Wasseruhr im Dorf Agadir-Lehne. Das ist eine Stunde von uns entfernt und der Weg führt durch üppige Palmengärten. Ich habe gelesen, dass diese Gärten auf drei Ebenen bewirtschaftet werden: Ganz oben thronen die Fächer der Palmen und spenden darunter stehenden Obstbäumen wie Granatapfelbäumen lichten Schatten. Auf dem Boden wächst Grünfutter oder Getreide. Fast durchgängig sind die Gärten von übermannshohen Lehmmauern eingefasst.

Immer wieder treffen wir auf Frauen, die mit Sicheln den Klee schneiden und auf Handkarren nach Hause transportieren. Jede grüßt uns freundlich. „Guten Morgen!“, ruft uns ein Mann auf einem Fahrrad zu. „Der Park wird erst am Abend geöffnet“, erklärt er, weil wir neugierig durchs Gitter schauen. „Danke! Vielleicht kommen wir dann später nochmal.“ Vom Ort Tata hierher läuft man mindestens eine halbe Stunde. Ob hier viel los ist am Abend? Es sieht jedenfalls sehr hübsch aus und Spielgeräte für Kinder erspähe ich auch.

Bald erreichen wir das Lehmhaus, in dem den Beschreibungen zufolge die Wasseruhr sein soll. Alles ist zugesperrt, niemand da. Draußen sieht man Wasser durch verschiedene Kanäle fließen. Es ist hier ein noch kostbareres Gut als bei uns zuhause, weil es noch rarer ist. Die Zuteilung auf die einzelnen Felder ist nach einem eingespielten System geregelt. Jeder bekommt alle paar Tage für einen bestimmten Zeitraum Wasser zur Bewässerung seiner Felder.

Im Dorfladen erkundigen wir uns nach der Wasseruhr und dem Wasserwächter. Mit Hilfe unserer Handys und einer Übersetzungsapp erfahre ich, dass das Messsystem bei den Unwettern im Februar zerstört wurde und erst wieder repariert werden müsse. Wie schade!

Wir hocken uns vors Wasserhaus, vertilgen unser mitgebrachtes Frühstück und stöbern ein wenig im Internet. Bei Marokko erfahren lesen wir, was wir uns leider aktuell nicht anschauen können: In einem Pavillon sitzt der Wasserwärter und passt auf die Wasseruhr auf. In einer mit einer Glocke geschlossenen und einer Decke abgedeckten Schüssel schwimmt der Tanast, eine Kupferschale mit einem kleinen Loch unten, durch welches das Wasser langsam eintritt. Nach 45 Minuten ist die Schüssel voll und gleitet dadurch mit einem leichten Scheppern zum Boden des Behälters. Der Wächter macht in ein an der Abdeck-Glocke hängendes Seil einen Knoten und fixiert damit den Ablauf einer Zeiteinheit.“ Man muss sich bekanntlich immer etwas fürs nächste Mal aufheben. Vielleicht ist die Wasseruhr bis dahin repariert.

Auf dem Rückweg nach Tata kommen wir an einem großen Wasserreservoir, dem Neubau einer Moschee und einer hübsch angemalten Schule vorbei.

Den Rest des Tages verbringen wir am und im Bus, Lesen, auf den Fluss gucken, Schlafen, Apfelkuchen backen (und essen natürlich).

Erst gegen Abend ziehen wir nochmal los, um das Wadi zu erkunden. Auf der gegenüber liegenden Seite des Flusses ist ein Lehmdorf auf einen Fels gebaut. Wir laufen ein bisschen das Flussbett hinunter auf der Suche nach einem Damm oder einer Furt. Gibt es aber nicht. Zum außen rum laufen sind wir heute zu faul. Wir verschieben also auch diese Exkursion auf nächstes Mal.

Nicht auf nächstes Mal verschiebe ich die Zubereitung des Berber-Omelettes. Sieht prima aus und schmeckt auch so. Da ich keine Tajine habe, habe ich es in unserer beschichteten Pfanne gebacken. Einwandfrei.

14. Stopp: Tata

Genau im richtigen Moment mache ich die Bustür auf. Die Sonne geht auf. In der Nacht habe ich die Sterne durchs Oberlicht gesehen. Es war absolut still. Mein Schlaf war leicht wie oft, wenn wir ganz allein irgendwo stehen, aber ich bin dennoch entspannt und frisch, als ich um sieben wach werde. Das Thermometer zeigt 11 Grad und ich stelle die Heizung an. So wird das Frühstück gemütlicher.

Gegen zehn sind wir startklar und freuen uns auf die Weiterfahrt Richtung Wüste. Doch über die nächsten 100 Kilometer haben uns die Berge des Anti-Atlas noch fest im Griff. Die Straße ist überwiegend gut, nur an wenigen Stellen fehlt der Asphalt.

„Gott, Vaterland, König“, die Schrift auf dem Berg ist der Wahlspruch Marokkos. Für die nächsten zwei Stunden fahren wir durch eine traumhafte Landschaft. Erst auf unserer kleinen Nebenstraße, dann auf der R 109, die uns nach Tata bringen soll. Die Berge haben hier die unterschiedlichsten Formen und Farben. Wir können uns gar nicht satt sehen und halten alle paar Kilometer an, um zu fotografieren. Immer wieder entdecken wir eine noch nicht gesehene Formation, die unbedingt geknipst werden muss.

Vorsicht! Esel, Ziegen, Dromedare! Offenbar nähern wir uns der Wüste. Esel und Ziegen haben wir schon viele auf dieser Reise gesehen, Dromedare bislang nicht. Ich freu mich schon drauf.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Tata und checken auf dem Campingplatz Hyatt ein. Hier ist erstaunlich wenig los. Drei französische Wohnmobile und wir. So können wir direkt am Rande des Wadi stehen und im Laufe des Nachmittags den Jungs beim Baden zugucken. Eine schöne Abkühlung bei 30 Grad.

Nach dem Kaffee und einem Mittagsschlaf gehen wir in den Ort. Schön gestaltete Häuser, Arkadengänge, unzählige kleine Geschäfte, Werkstätten und ein großer Platz. Viele Menschen gehen ihren Besorgungen nach, sitzen im Kaffeehaus, kaufen ein. Schön anzuschauen die Frauen in der hiesigen blauen Tracht mit schwarzem Tuch.

Wir kaufen Obst, Gemüse, Eier, Milch und Brot ein. Suchen vergeblich frischen Käse und leckere Kekse, finden stattdessen Merguez, Würste aus Lamm- und Rinderhackfleisch mit Kreuzkümmel und Harissa gewürzt, die Achim am Abend grillt. Ich mache einen Salat dazu und die Frösche am Fluss geben ein großes Konzert.

13. Stopp: Irgendwo zwischen Titeki und Talbourte

Das erste Berber-Omelette meines Lebens esse ich in der Schlucht von Ait Mansour, 20 Kilometer südlich von Tafraoute. So so gut! Zwiebeln in der Tajine anschmoren und gewürfelte Tomaten dazugeben. Mit Kreuzkümmel, Salz und frischem Koriander würzen. Zehn Minuten bei geschlossenem Deckel schmoren lassen. Währenddessen die Eier (drei pro Person!) luftig aufschlagen und zu der Tomatenmasse geben. Zehn Minuten stocken lassen (der Deckel ist wieder drauf). Zum Schluss eine Handvoll Oliven und nochmal etwas frischen Koriander drübergeben. Frisches Brot dazu reichen und direkt aus der Tajine essen. Messaoud, der Besitzer des kleinen Restaurants, auf dessen Dachterrasse wir sitzen, verrät uns das Rezept und ganz sicher werde ich es bald nachkochen.

Wir bleiben auf dem Parkplatz neben seinem Lokal stehen und laufen ein kleines Stündchen durch die Schlucht. Es ist eine schmale Straße, aber es gibt kaum Autos, so dass man hier sehr entspannt gehen kann. Ein paar Hunde lassen sich gern streicheln und begleiten uns ein Stück des Weges.

Die Gorges d’Ait Mansour ist das Bett eines Wildbachs. Gesäumt wird es über eine Länge von 10 Kilometern von nackten roten Felsen und üppigen Palmen. Hin und wieder stoßen wir bei unserer Wanderung auf ein kleines Straßencafé, queren ein Dorf mit Moschee und Schule.

Die starken Regenfälle im Februar haben auch hier für Schäden gesorgt. Die Häuser und die Straße wurden zum Glück nicht geschädigt, wohl aber wurden etliche Palmen von der Wucht des aus dem Bett getretenen Wassers umgeworfen.

Eine schöne Bergstraße führt uns zurück nach Tafraoute.

Nordöstlich erstreckt sich das Ammelntal, in dem man immer wieder Bergdörfer an den Felshängen in mehr oder weniger luftiger Höhe entdeckt.

Wir folgen ihm über die R105, um über einen Schlenker in nördlicher Richtungen (via Igherm) auf gut ausgebauter Straße ins südlich gelegene Tata am Rande der Sahara zu gelangen. Auf einmal sehen wir ein Schild: nach Tata rechts rum. Wir halten, studieren unsere digitalen und papiernen Landkarten, fragen beim Ladenbesitzer nach („Oui, Tata, à droite. Ja, nach Tata rechts rum.“ Das ist vielversprechend. Wenn mit dieser Route alles klar geht, sparen wir uns schätzungsweise rund 100 Kilometer.

Wir biegen also ab und tauchen ein in eine noch einsamer Bergwelt. „Unglaublich!“, ist das Wort des Abends.

Die Straße ist schmal, aber es gibt so gut wie keinen Gegenverkehr. Wir sind umgeben von nahezu kahlen welligen Bergen, ganz selten wächst hier mal ein Baum. Nach fast 30 Kilometern Natur pur wird es Zeit, einen Schlafplatz zu finden. Es geht auf halb acht zu, bald wird es dunkel. Stell- oder Campingplätze sucht man hier vergeblich. Wir beäugen das Terrain und halten Ausschau nach einer abgeflachten Straßenkante (die überragt hier das Bankett gern mal um 20 cm) und einem ebenen Platz neben der Straße. Bald werden wir fündig. Die Sonne geht gerade unter, als wir uns inmitten der Berge positionieren. Als wir nach dem Abendessen nochmal nach draußen schauen, umgibt uns tiefstes Dunkel. Und Millionen von Sternen.

12. Stopp: Tafraoute

Wir liegen noch im Bett, als ich höre, dass sich jemand am Wohnmobil zu schaffen macht. Auf der Beifahrerseite. Lächelnd drehe ich mich noch einmal um und döse weiter vor mich hin, denn ich weiß, es ist kein Einbrecher und auch keine Ziege sondern der Bäcker, der uns wie verabredet Baguette, Fladenbrot und Croissants ans Auto hängt. Was für ein toller Service!

Es ist nicht der einzige Service, den die Einheimischen den Touristen hier zukommen lassen. Bei den Massen von WoMos, die hier aufkreuzen, sicherlich eine gute Einnahmequelle.

Immer wieder taucht jemand auf und bietet eine Ware oder eine Dienstleistung an: zwei Jungen verkaufen Eier und frische Pfannkuchen von der Oma. Das Frischwasser für den Bus wird bis an den Einfüllstutzen geliefert. Ein Künstler präsentiert seine Bilder, ein anderer bietet an, sie auf die Wohnmobile zu malen – wie wir unterwegs an einigen Bussen gesehen haben, funktioniert diese Geschäftsidee außerordentlich gut. Kamele, Palmen und Dünen schmücken so manches WoMo (wir zögern noch). Ein Mann bietet professionelle Autowäsche an, eine Frau fragt, ob sie uns am Abend Harira, marrokanische Linsensuppe, und eine große Tajine vorbeibringen kann. Wir willigen freudig ein. Dann packen wir die Rucksäcke und wandern los. Unser Ziel in etwa sechs Kilometern Entfernung sind die Rochers Peints, die bunten Steine von Tafraoute. Aber nicht nur die bunten sondern alle Felsformationen hier sind sehenswert. Hier gilt wirklich “ Der Weg ist das Ziel“ bei so viel Schönem, das wir unterwegs sehen. Obwohl, ich finde es nicht nur schön. Vielmehr leide ich schon bald leise (bis halblaut murrend) vor mich hin.

Es ist Mittag, die Sonne knallt, es ist heiß (30 Grad, schätze ich) und es gibt keinen Schatten. Meine Füße kochen in den Bergschuhen, ich fühle mich schlapp und überhitzt. Falsche Uhrzeit für eine solche Tour.

Ich zwinge mich, die Landschaft und die Architektur, alt wie neu sehenswert, zu genießen. Der Duft des weißen Ginsters ist durchdringend, Arganbäume und Palmen stehen dekorativ in der ansonsten leeren Landschaft, die von den Felsen dominiert wird.

Nach einem Fußmarsch von gut zwei Stunden sind wir endlich da. Der belgische Künstler Jean Verame hat hier 1984 Felsbrocken in allen Größen bunt angemalt. Sie bilden einen interessanten Kontrast zu den rötlich-braunen Natursteinen drumherum.

Das Projekt war durchaus umstritten. Uns gefällt es gut, ebenso wie einigen Einheimischen, die selbst zu Pinsel und Farbe griffen, als die Originalfarben zu verblassen drohten. Merci, Shukran, Danke auch dafür.