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Genüsslich durch die Berge

Den allergrößten Genuss bietet uns die Natur. Die sibillinischen Berge geben einen Auftritt erster Güte: gerundet, gefältelt, geschichtet. Meist nackt, hier und da von Bäumen voll buntem Herbstlaub dekoriert. Den meisten Applaus bekommen sie dort, wo sie die Hochebene von Castelluccio säumen.

Mittendrin das Örtchen Castelluccio, ebenfalls sehr stark vom Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen. Am Sonntagvormittag tummeln sich hier Wanderer, Paraglider, Motorradfahrer und Ausflügler. Mehrere kleine Läden, die wie die Cafés als Ersatz für die zerstörten Gebäude errichtet wurden, bieten die Spezialität der Region an: Linsen, die auf der Hochebene angebaut werden. Wer will kann sich auch einen Teller Linsensuppe kaufen. Das ist für uns so kurz nach dem Frühstück noch zu früh. Wir haben gestern in Castelsantangelo eine Packung der Hülsenfrüchte gekauft und werden uns bald selbst eine Suppe damit kochen.

Genussvoll geht der Tag weiter. Ascoli Piceno liegt etwa 50 Kilometer östlich und jetzt haben wir auch Appetit. Hier gibt es ebenfalls eine Spezialität: Olive all’Ascolane, gefüllte und frittierte Oliven, die hier an jeder Ecke auf den Teller oder in die Tüte kommen.

Eine Institution ist das Caffè Meletti mit seinem Jugendstilinterieur. Zum Kaffee werden hier mit hausgemachtem Anislikör gewürzte Schokoladenbonbons gereicht.

Aber selbstverständlich sind wir nicht (nur) zum Schlemmen nach Ascoli Piceno gekommen. Wir genießen auch den Bummel über die Piazza del Popolo, die (mal wieder?) als einer der schönsten Plätze Italiens gilt. Weitläufig, mit Arkaden rechts und links, vielerlei eindrucksvollen Gebäuden und vor allem einem Bodenbelag aus dem heutzutage eher exklusiven Kalkstein Travertin. Sehr stimmungsvoll.

Nach der Genusstour durch die Berge erreichen wir am frühen Abend das Meer südlich von Ancona. Und schwelgen zum Abschluss dieses Tages in der herrlichen Aussicht aufs Meer.

In den sibillinischen Bergen: ein Adler, ein Hirsch, null Foto

„Macht heute Nacht ein Fenster auf, dann hört Ihr sie“, empfahl uns der Wirt vom Dal Navigatore gestern Abend. „Und wenn Ihr auf den Monte Pagliano geht, habt Ihr auch gute Chancen.“ Hier im Nationalpark Monte Sibillini gibt es nämlich Hirsche und die haben jetzt Brunftzeit.

Heute Nacht habe ich nur Achim gehört und während unserer Wanderung habe ich die ganze Zeit die Ohren gespitzt, leider keine röhrenden Hirsche gehört.

Aber dann, unmittelbar unter dem Gipfel, spitzt auf einmal ein Hirschgesicht über die Kante. Er schaut, wir schauen, dann ist er wieder weg. Leider kein Foto.

Dafür gibt es welche vom Aufstieg und von oben.

Super! Zwei davon haben mir die vierstündige Wanderung erleichtert.
Hier geht’s hin: auf den Monte Pagliano. Immerhin 600 Höhenmeter.
Nicht so steil wie gestern
Beste Aussicht

Den Adler haben wir ganz zu Anfang der Tour gesehen. Er beäugte uns, wir schauten ihm durchs Fernglas zu und freuten uns sehr. Wir haben sehr, sehr lange keinen Adler mehr gesehen. Er war so hoch oben, dass es von ihm leider auch kein Foto gibt.

Ganz aus der Nähe lassen sich leider immer noch die Spuren des schweren Erdbebens von 2016 erkennen. Die Dörfer hier in der Gegend waren am meisten betroffen und immer wieder stößt man auf zerstörte und verlassene Häuser und ganze Dörfer.

Als wir heute Morgen in Castelsantangelo, wo wir übernachten, einkaufen gingen, kamen wir an den Siedlungen vorbei, die als Ersatz für die zerstörten Häuser gebaut wurden. Auf der Fahrt hierher waren uns ähnliche Bauten auch schon aufgefallen.

Die Menschen wohnen jetzt direkt unterhalb ihrer ruinierten Heimat.

Auch der Wirt, bei dem wir gestern Abend waren (und gleich wieder, heute ist Pizzaabend. Und der leckere Wein kostet immer noch 4 Euro. Der Liter), hat sein Lokal im alten Dorf verloren und vor ein paar Jahren ein neues aus Holz gebaut. Gleich neben unserem Stellplatz. Er gab uns noch einen Tipp, den wir auch gleich befolgt haben: die leckere Wurst, die er uns zum ersten Glas Wein probieren ließ, gibt es beim Metzger um die Ecke. Sie heißt Ciauscolo, ist eine streichfähige Mettwurst, die mit dem süß-herben Dessertwein vin cotto, Knoblauch, Salz und Pfeffer gewürzt ist. Wir haben gleich mal zwei davon gekauft. Man braucht ja etwas Vorrat.

Unterm Fels und überm Fels

„Lass uns doch mal zusammen in die Bärenhöhle fahren.“ Ich stimmte freudig zu. Nicht, weil ich unbedingt in diese Tropfsteinhöhle in der Schwäbischen Alp will sondern wegen der Aussicht auf eine weitere Verabredung mit diesem interessanten Mann, den ich vor gerade mal einer Stunde kennengelernt habe. 39 Jahre ist das jetzt her, in der Bärenhöhle waren wir noch nie, aber beim heutigen Besuch der Tropfsteinhöhle Grotte di Frasassi fiel uns die Geschichte wieder ein.

Die Grotte ist eine der größten Europas und wurde vor 50 Jahren von jungen Höhlenforschern aus Ancona entdeckt.

Wir können sie heute sehr bequem durch einen langen in den Berg gesprengten Tunnel betreten und sind erstmal baff aufgrund der Dimensionen dieser Höhle. Die Grotten sind unglaublich riesig, eine Führung dauert etwa 75 Minuten.

Manche Stalagmiten sind riesig wie dieser „Obelisk“. Manche sind zart und wirken durchscheinend. Es ist eine verzauberte Welt, die die Natur uns hier unter der Erde präsentiert.

Auch der Mensch kann manchmal zauberhafte Dinge schaffen, etwa dieses achteckige Kirchlein in einen Felsen unweit der Höhle. Ein steiler Weg führt entlang eines Kreuzweges hinauf.

Hinter der Kirche erstreckt sich wieder eine Höhle, in die man aber nur ein paar Meter hineingehen kann.

Nach den Stunden im Fels zieht es uns am Nachmittag nach oben auf den Fels. Über die römische Brücke im nahegelegenen Dorf San Vittore wandern wir auf den Monte Frasassi.

Ich muss ein bisschen jammern, ein wenig stöhnen. Ist der Weg so steil und/oder bin ich so schlecht in Form?

Aber nach knapp zwei Stunden ist auch das geschafft und wie immer wird man mit Aussicht und Brotzeit belohnt.

Der Abstieg ist rasch erledigt. Am Bus angekommen gibt es noch einen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen (vorgestern Abend im Bus gebacken) .

60 Kilometer weiter südlich erreichen wir am frühen Abend den Nationalpark Monte Sibellini. Vor sechs Jahren gab es hier ein schlimmes Erdbeben, bei dem viele Häuser zerstört wurden.

In Castelsantangelo sul Nera, mitten im Park, wird ein Stellplatz angeboten. Hier wollen wir zwei Nächte verbringen und morgen ein wenig die Gegend zu Fuß erkunden. Den Abend lassen wir im benachbarten Restaurant Dal navigante ausklingen. Der Wirt lädt uns zu im Ort gefertigter Ciauscolo, eine Art Streichwurst, ein. Die Pasta und das Lamm sind lecker und der Hauswein aus den Marken kostet ganze 4 Euro. Der Liter.