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Richtung Polarkreis

Unseren täglichen Turm gib uns heute. Er hat nur 29 Stufen und gibt den Blick frei auf Enten und Blesshühner. Einen Geocache gibt es auch im zweiten Stock.

Unsere Nacht im kleinen Inselhafen war ruhig und über die Sonne heute Morgen freuen wir uns sehr. Es hat 18 Grad, sie fühlen sich wegen der leichten Brise kühler an als die Tage zuvor.

Heute verlassen wir die Ostsee und fahren durchs Landesinnere Richtung Polarkreis nach Rovaniemi. Das sind noch 314 Kilometer. Als Tagesetappe ist uns das zu viel, so dass wir wohl unterwegs irgendwo nochmal übernachten. Mal sehen, was alles so kommt.

Am Vormittag kommt nicht mehr viel: ein bisschen was einkaufen und mit der Fähre zurück aufs Festland schippern. Tanken (1,61 Euro).

Zu Mittag probieren wir eine finnische Spezialität: Leipäjuusto („Brotkäse“) ist ein Käse, der traditionell aus dem Kolostrum der Kuh hergestellt wird, also der Milch, die diese direkt nach dem Kalben gibt. Er wird gebacken, gegrillt oder flambiert. Die Finnen geben ihn manchmal in eine Tasse und übergießen ihn mit Kaffee. Hauptsächlich wird Leipäjuusto aber mit Moltebeeren oder Preiselbeeren kalt oder gebacken aus dem Ofen gegessen.

Wir erwärmen ihn leicht in der Pfanne, legen ihn auf eine Scheibe Brot und essen ein bisschen Mirabellenmarmelade von Freundin Angie dazu. Lecker. Den kaufen wir wieder.

Die Hauptstraße haben wir schon lange verlassen, jetzt rollen wir auf kleinen Nebenstraßen nach Norden. Es gibt kaum noch Dörfer, ab und zu lugt ein Mökki, ein Sommerhaus, zwischen Bäumen hervor, manchmal eine namenlose Ansiedelung. Die Autos, die uns entgegen kommen, kann ich an einer Hand abzählen.

Meist folgen wir dem Lauf eines Flusses, ab und an passieren wir einen See. Immer ist Wald aus Birken, Kiefern und Fichten rechts und links von uns.

Dann trottet ein Rentier mitten auf der Straße und lässt sich von den Autos nicht aus der Ruhe bringen.

Wir beschließen, doch bis Rovaniemi durchzufahren. Es fährt sich sehr entspannt hier und es sind nur noch hundert Kilometer. Polarkreis, wir kommen!

Um kurz vor sechs sind wir da. Natürlich machen wir erstmal ein ausführliches Fotoshooting.

Fundstücke auf dem Heimweg

Wenn man am nördlichsten Punkt einer Reise das Fahrzeug wendet, fährt man unweigerlich nach Süden. Das bedeutet für uns: langsam aber sicher machen wir uns auf den Heimweg. Allerdings haben wir da einige Stopps eingebaut. Der erste wird in Göteborg sein, wo meine Tante und mein Onkel zuhause sind. Bis dorthin sind es noch rund 2000 Kilometer. Die werden wir natürlich nicht schnellstmöglich zurücklegen, aber doch etwas schneller als auf dem Hinweg. Wir wollen in etwa einer Woche dort ankommen, das lässt Zeit, unterwegs noch etwas anzuschauen, wandern zu gehen und es auch mal langsam angehen zu lassen.

Das erste Fundstück auf unserem Heimweg entdecken wir gleich am Anfang der Rückfahrt in Alta, unweit unseres Refugiums nach der zweiten Mückenattacke.

Die Felsritzungen dort sind teils 7000 Jahre alt und wurden erst 1960 gefunden. Seit 1985 zählt die Felskunst in Alta zum Weltkulturerbe. Da hier mehr Felsenbilder zu finden sind als im restlichen Nordeuropa, gehen die Fachleute davon aus, dass Alta in der Steinzeit ein wichtiger Treffpunkt war für Reisende, Händler und Künstler.

Die Bilder erzählen vom Leben unter dem Polarhimmel und der Mittsommernacht. Sie zeigen die Menschen bei der Jagd auf Rentiere, Elche und Wale. An Land und in Booten.

Eine, wie ich finde, schöne Idee der Verantwortlichen für diese Freiluftausstellung ist, einen Teil der Felsritzungen zu kolorieren, damit man die Werke gut sehen kann, und die andere Hälfte so zu belassen wie sie vom Künstler geschaffen wurde. Da muss man dann zwar dreimal hingucken, um etwas zu erkennen, aber so ist es authentischer.

Fundstück Nummer zwei ist die Eismeer-Kathedrale in Tromsö. In ihrer Form soll sie an die Trockenfisch-Gestelle erinnern, die man überall hier im Norden findet. Aber auch Polarnacht, Mitternachtssonne und Nordlicht soll der futuristisch wirkende Bau symbolisieren.

Wir schlendern über die Brücke, die hier den Fjord überspannt und ins Zentrum führt. Ein Bummel an bunten Holzhäusern vorbei bringt uns in die Innenstadt, wo wir ein paar Mitbringsel für unsere Lieben daheim finden und dann wegen des Regens in ein Café flüchten.

Auf dem Weg nach Norden haben wir den Polarkreis auf dem Schiff zu den Lofoten überquert. Nun kommen wir über die Straße dorthin. Fundstück Nummer 3 ist das Polarkreiscenter.

Hier gibt es ein paar Touristen, viele Souvenirs, einige ausgestopfte Tiere und eine Polarbar.

Wir ziehen den heimischen Herd vor, der für heute Nacht auf dem Polarkreis steht, und bereiten zur Feier des Tages original skandinavische Hotdogs zu, begleitet von Mackbier aus der nördlichsten Brauerei der Welt.

Damit spüle ich die Wehmut hinunter, die ich hier spüre. Denn mit dem Überqueren des arktischen Zirkels von Nord nach Süd verlassen wir nun wirklich den Norden mit seinen Polartagen, seinem spezifischen Licht, seiner besonderen Landschaft.