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Weiter auf der Via Karelia

Die Via Karelia ist eine touristische Route im Osten Finnlands, tausend Kilometer lang, von Sápmi bis runter zum finnischen Meerbusen. Wir folgen ihr seit vorgestern. Auch auf unserer gestrigen Radtour sind wir kurz auf sie gestoßen.

Heute wollen wir ein Stück weiter Richtung Süden fahren.

Am Ortsausgang von Suomussalmi, wo wir gestern Kaffee trinken waren, stoßen wir auf das vom finnischen Architekten Alvar Aalto entworfene Flammenmonument. Es ist eine der vielen Gedenkstätten für die Winterkriegsschlachten (1939-40) in dieser Gegend.

Damals griff die sowjetische Rote Armee Finnland mit Bombern von Estland aus an und  auf der gesamten Grenzlinie im Osten drangen Soldaten ins Land. Die Finnen leisteten erbitterten Widerstand und konnten den Angriff zunächst stoppen. Erst nach umfassenden Umgruppierungen und Verstärkungen konnte die Rote Armee im Februar 1940 eine entscheidende Offensive beginnen und die finnischen Stellungen durchbrechen. Am 13. März 1940 beendeten die Parteien den Krieg mit dem Friedensvertrag von Moskau. Finnland konnte seine Unabhängigkeit wahren, musste aber erhebliche territoriale Zugeständnisse machen, insbesondere große Teile Kareliens abtreten (Quelle: Wikipedia).

Wenige Kilometer weiter stoßen wir auf ein weiteres Denkmal: Die Steine auf dem Feld symbolisieren die finnischen und russischen gefallenen Soldaten.

Die Skulptur in der Mitte breitet schützend ihre Arme über das Steinfeld aus. Oben hãngen 105 Glöckchen, für jeden Kriegstag eins, die im Wind leise bimmelnd zum Frieden mahnen.

Aus der Luft ist zu erkennen, dass die Felder so angelegt sind, dass sich zwei ineinandergreifende Kreise ergeben. Wohl ein weiteres Symbol für Frieden.

Hundert Kilometer weiter südlich liegt ein Finnisch-Russischer Freundschaftspark unter dem Motto „Natur kennt keine Grenzen“. Nach sechs Kilometern holpriger Piste erreichen wir den Lentua-See im Zentrum dieses Naturparks, der sich über beide Länder erstreckt.

Hier wartet noch eine kleine Mutprobe auf mich: entlang der Stromschnellen, die der See hier bildet, führt ein schmaler Bohlenweg. Natürlich gehen wir den auch.

Dann steuern wir das erste Mal auf dieser Reise einen Campingplatz an. Wir müssen mal waschen und in den Orten der letzten Woche gab es keine Waschsalons. Der Campingplatz bei Kuhmo, unweit der Stromschnellen, soll eine Waschmaschine haben.

Hat er und ruckzuck ist unsere Wäsche drin. Dann bleibt uns Zeit zum Nichtstun, Route planen und auf den See gucken.

In diesem kleinen Häuschen ist von 18 bis 19 Uhr Damensauna angesagt. Ich bin dabei. Im Badeanzug, wie es sich hier gehört. Wir sind zu zweit, meine Saunapartnerin sorgt für reichlich Aufguss und zum Abkühlen geht’s natürlich in den See. Wie herrlich ist das denn!

Achim geht derweil fotografieren. Genauso schön.

(Kurz vorm Steg: das bin ich im Wasser.)

Radeln in Karelien

Um halb sieben werde ich von einem Schwan geweckt, der auf dem See ein Solo singt. Zu früh, mein Freund! Ich drehe mich nochmal um und schlafe weiter.

Um neun krabbele ich aus dem Bett. So spät bin ich noch kein einziges Mal während dieser Reise aufgestanden. An den Polarlichtern lag es nicht, denn es war bald klar, dass es in der Nacht leider wieder keine geben würde.

Aber wir sind gerade etwas planlos. Wenn wir weiter nach Süden fahren, fahren wir der Ruska davon. Jetzt ist schon zu merken, dass die Herbstfärbung der Blätter hier noch nicht so weit fortgeschritten ist wie weiter nördlich. Andererseits wollen wir neue Gegenden entdecken. Nach Osten geht nichts, da kommt gleich die russische Grenze. Nach Westen? Vielleicht. Oder einen Tag hier bleiben? Der Platz, an dem wir stehen, wäre dazu prima geeignet. Gestern Abend konnten wir keine Entscheidung treffen. Nach dem Frühstück sehen wir weiter.

Jetzt aber erstmal raus aus den Federn zu einer kleinen Runde Frühgymnastik mit Seeblick. Schon lange nicht mehr gemacht.

Später gibt es Frűhstück, ein Geburtstagsfrühstück. Mit Ham and Eggs und Video von daheim: unser wunderbarer Enkel wird heute sechs Jahre alt!

Mittags holen wir endlich mal die Räder vom Träger und brechen auf zu einer kleinen Geocache-Kaffeehaus-Runde. Dick eingemummelt, denn diesmal fühlen sich die 14 Grad ziemlich frisch an.

Wir fahren nur zwei Kilometer auf der nur mäßig befahrenen E5 und biegen dann auf eine Landstraße ab, auf der kaum noch ein Auto unterwegs ist. Rechts und links wie üblich Birken, Kiefern und ab und zu ein See.

Der erste Cache ist nach zehn Kilometern rasch gefunden, allerdings hole ich mir gleich mal einen nassen Fuß beim Stapfen durchs moorige Unterholz. Egal, trocknet wieder. Erstaunlich: den Cache hat heute Vormittag schon jemand gefunden. Achim hat seine Finnischkenntnisse erweitert und trägt, wie man das hier so macht, ins Logbuch ein: „Kiitos kätköstä!“ („Danke für den Cache!“ ).

Es werden insgesamt fünf Caches und 30 Kilometer, bis wir im Café am See ein paar der hiesigen Köstlichkeiten probieren können. Bisher gab es in unserer Bordküche stets die hiesigen Korvapuusti, sehr leckere Zimtschnecken.

Wie die heutigen Törtchen heißen, weiß ich leider nicht. Aber hier liest ja mindestens eine Finnin mit. Vielleicht kann sie es uns verraten?

Das stille Volk

Am frühen Abend kommen wir an und die tiefstehende Sonne taucht das Ensemble in ein rötliches Licht.

Tausend lebensgroße Figuren mit Köpfen aus Grassoden und in Kleider gewandet stehen auf einer Wiese neben der Straße: Das Stille Volk heißt diese Installation des finnischen Künstlers Reijo Keila.

Der 1952 hier in der Nähe geborene Tänzer und Choreograf ist für seine raumgreifenden Tanzperformances bekannt. Er tanzt auf Mooren, in Wäldern, auf Straßen und Bühnen, seine kürzeste Performance ist nicht mal zwei Sekunden lang, die längste dagegen 164 Stunden.

Das Stille Volk begleitete den Künstler zu verschiedenen Performances. Seit 1994 hat es seinen festen Platz auf der Wiese neben der Europastraße 5 in der Nähe von Suomussalmi. „Jeder kann selbst interpretieren, was das fast tausendköpfige Stille Volk bedeutet“, steht auf einem Schild. „Eine fertige Antwort gibt es nicht.“

Der Wind fährt leicht in die Kleider. Bewegen sich die Figuren? Ich zupfe hier ein Hemd zurecht, richte dort eine Bluse. Einer Figur ist gar der Kopf heruntergefallen. Er liegt gleich zu ihren Füßen und ich stecke ihn ihr wieder auf. Zweimal im Jahr wird das Stille Volk von Anwohnern angezogen. Schön warm für den Winter, luftig für den Sommer.

Auf dem Weg hierher haben wir uns die tiefste Schlucht Finnlands angeschaut, die Julma Ölkky. Der See ist drei Kilometer lang und an seiner schmalsten Stelle ragen die Felswände rechts und links 50 Meter hoch. Entstanden ist der Canyonsee aus einem Riss in der Erde während der Entstehung der Erdoberfläche vor mehr als 2 Milliarden Jahren.

Es gibt einen Rundwanderweg vom Wanderparkplatz bis zur Schlucht. Auf einer 2017 gebauten Hängebrücke kann man den Canyon überqueren und dann auf der anderen Seite des Sees zurücklaufen. Aber ach! Gleich zu Beginn der Wanderung steht das Schild: Hängebrücke wegen Renovierung gesperrt. Wie schade ist das denn!

Trotzdem laufen wir los. Dass wir hin und zurück denselben Weg nehmen müssen, ist nicht so schlimm. Wir unterhalten uns unterwegs zudem sehr nett mit einem finnischen Paar, Rentner wie wir. Nur der Blick von der Brücke in den Canyon hinein und ein bisschen Bibbern auf der wackelnden Brücke entgehen uns leider.

Für die Nacht finden wir wieder ein traumhaftes Plätzchen. Mal sehen, ob wir hier zum Schlafen kommen. Es ist wolkenfrei und die Vorhersage für Polarlichter ist sehr gut.

Schatzsuche. Erfolgreich

Vorgestern hätten wir Gold waschen können, doch der Lotteriepreis war uns zu hoch. Heute wollen wir Edelsteine finden und in der Amethystmine, die wir heute Vormittag besuchen, ist ein Gewinn im Eintrittspreis bereits enthalten: Jeder darf einen selbst geschürften Edelstein, der in die eigene Faust passt, behalten.

Also nichts wie los! Wir schließen uns der ersten Führung um Elf an. Drei junge Frauen aus USA komplettieren unsere kleine Gruppe.

Kristiaan, unser Führer, erzählt uns sehr unterhaltsam eine halbe Stunde lang Vieles über diese Miene hier:

Europas einzige aktive Amethystmine befindet sich mitten im Nationalpark Pyhä-Luosto in Sápmi. Bereits vor 2.000 Millionen Jahren entstanden die Amethyste tief im Inneren der Berge. Die Mine wurde erst vor etwa 40 Jahren gegründet, seither wird hier in sehr kleinem Maßstab nach den Edelsteinen, die vor allem für Schmuck verwendet werden, geschürft. 14 Frauen und Männer arbeiten hier, die alles machen: Tickets verkaufen, Donuts backen („Daran verdienen wir am meisten“), das Café betreiben, die Führungen, die Schmuckherstellung und das Schürfen.

Dann dürfen auch wir ran. Jeder bekommt einen kleinen Pickel und ein Sieb sowie den Rat, im lockeren Erdreich zu buddeln, ohne dabei auf den Fels zu hauen. Ausschau halten sollen wir nach allem, was glänzt und wie Glas ausschaut.

Mit Feuereifer wühlen wir in der lockeren Erde. Alle werden fündig. Mein bester Stein ist recht klein, aber von tieflila Farbe und durchscheinend. Ein Glücksstein, sagt Kristiaan. Für noch mehr Glück erstehe ich im Laden noch ein Paar Amethystohrringe. Sicher ist sicher.

Schon auf der Herfahrt sind uns die nackten halbrunden Monolithen aufgefallen.

Diese tunturi gehören zu den ältesten der Erdgeschichte und galten lange Zeit als heilige Berge der Samen. Auf einen führt heutzutage eine Seilbahn hoch und diesen Luxus wollen wir uns heute gönnen. Einfache Fahrt, runter laufen wir.

Aber dann fängt es an zu regnen. Die Sicht wird von Minute zu Minute schlechter und wir sind uns einig: diesen Ausflug lassen wir ausfallen.

Stattdessen suchen wir uns einen gemütlichen Platz zum Mittagessen im Van.

Am Nachmittag queren wir den Polarkreis und verlassen damit nach neun Tagen Sápmi.

Wir rollen langsam auf der Via Karelia gen Süden, spannende weitere finnische Regionen liegen vor uns und für morgen ist wieder Sonne angesagt. Mit einer Rentierfamilie am Straßenrand und unserem idyllischen Übernachtungsplatz an einem kleinen Hafen, den wir uns mit einem finnischen Paar teilen, gleiten wir in einen ruhigen Abend.

Schatzsuche. Verschoben.

Eigentlich wollte ich heute auf Schatzsuche gehen. Edelsteine, nicht Gold, hatte ich im Visier. Doch dann haben wir die Zeit vertrödelt und so müssen wir die Schatzsuche auf morgen verschieben. Stay tuned!

Stattdessen haben wir heute ein paar andere Schätze abseits der Straße entdeckt.

Am schönsten: das Moor bei Sodankylä.

Auf einem vier Kilometer langen Rundweg, meist mit Bohlen ausgelegt, können wir tief in dieses Aapa-Moor eindringen. Soweit ich das verstehe, sind Aapa-Moore ein Moortyp, der nur hier im hohen Norden auf dem sog. Baltischen Schild, vorkommt. Es ist ein Natura 2000 Gebiet und besonders schützenswert.

Unterwegs bediene ich mich an den kulinarischen Schätzen, die in großen Mengen am Wegesrand zu finden sind.

Der größte Schatz im Städtchen Sodankylä ist die alte samische Holzkirche. Sie ist 350 Jahre alt und damit eine der ältesten Holzkirche in Finnland. Die Sámi hingen lange Naturreligionen und schamanistischen Praktiken an, so dass christliche Kirchen hier oben grundsätzlich nicht sehr alt sind.

Ein letztes Fundstück für heute ist eine kleine Schlucht, die der Fluss Kitinen bei Porttikoski in den Fels gegraben hat.

Und das war es dann mit der Schatzsuche für heute auch schon. Wir bringen uns am frühen Abend schon mal in die Pole Position für unser morgiges Abenteuer.

Herbstfroh

In der Früh hat es im Bus zehn Grad, draußen sieben. Wir machen schnell die Heizung an und gehen kurz raus, um ein paar Fotos zu machen. Immerhin scheint schon die Sonne.

Gestern Nacht war hier richtig was los auf unserem Hügel. Ein kleiner Reisebus und etliche PKW kamen mitten in der Nacht, die Fahrgäste begierig auf Nordlichter – wie wir. Aber die Ausbeute war trotz Rundumblick, trotz guter Werte, trotz der kurzen Wolkenauflockerung mager. Es gab einige Schlieren, die sehr schnell über den Himmel huschten, kaum Form und Farbe zu erkennen. Wir schlüpften irgendwann ins Bett, die meisten anderen Polarlichtjäger mussten wieder heimfahren. Heute Morgen habe ich 15 WoMos gezählt, die hier übernachtet haben.

Die Gegend hier scheint einige touristische Hotspots zu haben. Gleich im nächsten Ort ist einiges geboten.

Und im übernächsten auch. Hier kann man sich Iglus aus Glas mieten, um nachts ganz bequem vom Bett aus die Polarlichter zu genießen.

Wir fahren jetzt durch den Urho Kekkonen- Nationalpark. Im Goldgräberdorf Tankavaara halten wir an, nicht zum Goldschürfen, sondern für eine Wanderung durch den goldenen Herbst. Wenn auch ohne Sonne heute. Pünktlich zum Start fängt es an zu nieseln.

Heute wollen wir nur eine kleine Runde drehen, sechs Kilometer auf dem Kuukkeli-Trail. Ein hübsches Wort auf Finnisch für diesen Vogel, der auf Deutsch viel weniger schön Unglückshäher heißt. Am Freitag, den 13. auf dem Unglückshäherpfad wandern? Ob das gut geht?

Für uns ja, soviel sei schon verraten. Aber wie mag es den Menschen vor 80 Jahren ergangen sein, die hier am großen Schutzwall arbeiten mussten? Mit ihm sollten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs die Verbindungswege nach Norwegen gesichert werden. Im Sommer 1944 begannen 3000 deutsche Soldaten, Kriegsgefangene und Zivilisten hier in Tankavaara mit dem Bau von Bunkern und Feuerstellungen. Auf dem drei Kilometer langen Tankavaara War History Trail, der Teil unseres Unglückshähertrails ist, sind noch etliche davon zu sehen. Auf zahlreichen Informationstafeln finden wir Erklärungen und Erinnerungen an diesen Teil der deutsch-finnischen Geschichte.

Nachdenklich laufen wir weiter durch den Wald. 80 lange Jahre ist das jetzt her, doch durch den Ukraine-Krieg und auch durch die Erfolge der Rechtsradikalen in Deutschland und anderen Europäischen Staaten rückt die Bedrohung auf einmal sehr nah.

Unser Reiseführer hatte den guten Tipp, dass es auf unserem Kuukkeli-Trail eine Hütte samt Feuerstelle gebe und empfiehlt, Würstchen zum Grillen in den Rucksack zu packen. Wird gemacht.

Neugierig nähern wir uns der Hütte. Ob schon wer anders drin ist? Ob Feuerholz da ist?

Alles bestens. Ein kleines Feuer ist schnell entzündet, die Würstchen liegen bald auf dem Rost. Später gesellt sich noch ein junges finnisches Paar zu uns, das übers Wochenende hoch nach Sápmi gefahren ist.

Das Feuer tut gut, weil wir mittlerweile doch ziemlich nass sind. Als wir am Bus ankommen, machen wir wieder die Heizung an, hängen alles zum Trocknen auf und kochen uns noch einen heißen Kaffee.

Danach gehen wir noch rüber ins frühere Goldgräberdorf, wo es heute ein Museum, ein paar Blockhütten und eine Anlage gibt, in der man für 12 Euro selbst eine Runde Gold waschen darf.

Dieser Lotteriepreis ist uns zu hoch und wir fahren weiter an einen schönen See, an dem wir den Rest des Tages verbringen wollen.

Rundumblick

Der Höhepunkt des Tages ist ohne Zweifel unser Übernachtungsplatz in luftiger Höhe von (nur) 440 m. Wir sind also in etwa so hoch wie zuhause, aber es fühlt sich an, als seien wir auf irgendeinem Plateau in den Alpen.

Der Wind pfeift, wir haben einen Rundumblick vom feinsten, das Thermometer ist von 20 Grad in der Ebene auf 14 gefallen.

Die Erhebung heißt Kaunispää und liegt etwa 30 Kilometer südlich von Ivalo. Im Winter tummeln sich hier die Skifahrer, im Sommer die Mountainbiker. Jetzt im Herbst gibt es ein paar Touristen, die wie wir die Aussicht genießen.

Vergangene Nacht haben wir zwar neben der Straße aber trotzdem ganz idyllisch übernachtet. Irgendwo im Nirgendwo. „Nördlicher kommen wir auf dieser Reise nicht mehr“, stellt Achim fest und lässt nochmal die Drohne steigen.

Dann fahren wir zurück nach Inari, nochmal am See entlang in östlicher Richtung und folgen der Straße Richtung Süden. Aber nicht weit. Bald kommt der kleine Ort Ivalo und wir entdecken gleich hinterm Ortseingang einen breiten Sandstrand am gleichnamigen Fluss. Guter Platz für einen kleinen Spaziergang und unsere Mittagspause.

Wir halten noch ein paar Mal an, um die Herbstfarben einzufangen.

Und schwingen uns dann auf gut ausgebauter Straße in luftige Höhe zu unserem sehr besonderen Übernachtungsplatz.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass mit den Wolken dasselbe passiert wie gestern Nacht und sie sich auflösen. Dann könnten wir hier oben einen super Blick auf die Polarlichter haben.

Der Sonnenuntergang ist schon mal vielversprechend.

Im Herzen Sápmis

Um kurz nach Mitternacht abermals ein Weckruf: „Eva, komm, es gibt was zu sehen!“ Und ja! Diesmal sehe ich auch mit bloßem Auge Farbe am Himmel. Türkisfarbene Wolkenbänder wabern über den Himmel! Ich halte die Luft an und staune. Immer wieder ãndern die Polarlichter ihre Form, mal sehen sie aus wie ein Trichter, mal wie Tanzbänder, die durch die Luft gleiten. Über all dem Millionen von Sternen und Planeten. Ich erkenne unsere Milchstraße, den großen Wagen, die Plejaden, den Schwan, die Cassiopeia (Achim war ein guter Lehrer).

Achim fotografiert und fotografiert. Dass die Fotos so farbenprächtiger, so viel formenreicher sind als das, was man mit bloßem Auge sieht, stimmt mich fast ein wenig traurig. Außerdem trägt die Vielzahl der Fotos und Videos von Polarlichtern, die ich schon gesehen habe, zu einer Erwartungshaltung bei, die die Realität scheinbar nicht erfüllen kann. Es ist, wie wenn Du das erste Mal in Deinem Leben ein echtes Zebra siehst, aber ohne Streifen.

Aber wer weiß? Vielleicht werden wir in einer der nächsten Nächte auch einmal bunte Lichter mit bloßem Auge sehen können?

Um halb zwei krabbeln wir in die Betten und schlafen, trotz allem, beglückt ein.

Inari ist das Herz Sápmis. Die Rolle der samischen Kultur ist hier sehr groß: 30 Prozent der Einwohner sind Samen. Es ist Sitz des finnischen Sametings, der parlamentarischen Vertretung der Samen, hat eine samische Kirche mit dem Altarbild „Die Offenbarung Jesu Christi an das samische Volk‘ und es gibt das Samenmuseum, das wir gleich nach dem Frühstück besichtigen.

In der Ausstellung erfahren wir Vieles über die Sámi, das einzige indigene Volk in der EU. Ihr Leben zwischen Tradition und Moderne.

Wieder stoßen wir auf deutsche Geschichte: die Wehrmacht vertrieb gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die einheimischen Sámi und zerstörte sämtliche Dörfer, um den vorrückenden Russen nur ja nichts zu hinterlassen, was sie vielleicht brauchen könnten.

An Bord eines Katamaran schippern wir am Nachmittag zwei Stunden über den Inarisee mit seinen 3000 Inseln und Inselchen.

Und stellen fest: an Bord unseres Busses fühlen wir uns wesentlich wohler als an Bord eines Bootes. Das schaukelt so.

Eigentlich wollen wir, wie angeboten, etwas früher aussteigen, um zu einer Wildernis Church zu wandern. Wegen Wind und Wellen kann der Kapitän dort nicht anlanden. Also keine Wanderung, sondern Kaffee und eine Runde Geocaching.

Nicht vorenthalten will ich Euch den Schnappschuss des Nachmittags: Rentiere im Vorgarten.

Nordlichter!?

Die Flasche Sekt habe ich heute Morgen in den Kühlschrank gestellt. Falls wir heute Nacht die ersten Polarlichter unseres Lebens sehen sollten, wird sie geköpft (danke, Michael und Iftah!).

Gestern Nacht gegen eins flüstert Achim mir zu: „Eva, komm! Es gibt Lichter!“ Obwohl ich beim Insbettgehen noch gedacht hatte, dass ich niiiie mehr aufstehen könnte, springe ich aus dem Bett und bin im Nu draußen.

Leichte graue Schleier tanzen am sternklaren Himmel. Mehr ist mit bloßem Auge nicht zu entdecken. Achim hat seine Kamera aufs Stativ gestellt und auf den Bildern ist es schon farbiger.

Für kommende Nacht sind noch bessere Werte vorhergesagt. Wenn es sich nicht bewölkt, stehen unsere Chancen nicht schlecht, das Himmelsschauspiel auch ohne technisches Hilfsmittel zu bewundern.

Erstmal aber fahren wir nach dem Frühstück in das kleine Dorf Njurgulahti, unweit von unserem Wanderparkplatz. Wir versuchen, eine Bootstour auf dem Lemmenjoki zu ergattern. Ein Traum wäre eine Fahrt zum Canyon und den Wasserfällen, mal sehen, ob jetzt zum Ende der Saison noch jemand zu einem erschwinglichen Preis fährt.

Die Gegend hier ist auch berühmt für ihre Goldvorkommen. Am Lemmenjoki wird seit 1945 nach Gold geschürft, als Kriegsheimkehrer hierherkamen, um ihr Glück zu finden. Im Gebiet leben immer noch Goldwäscher, von denen ab und zu auch jemand fündig wird.

Boote sind zwar da, aber kein Käptn in Sicht.

Dann also weiter nach Inari, zum zweitgrößten See in Finnland. Kurz halten wir nochmal an Stromschnellen an, dann erreichen wir den Ort.

Gleich links fällt ein großes modernes Gebäude auf: es ist das Sajos, das Kulturzentrum der Samen. Es beherbergt das finnische Parlament der Samen, ein Archiv und eine Bücherei, einen großen Veranstaltungsraum mit über 400 Plätzen, Shop und Café.

Ein paar Schritte weiter, am aufwändig gestalteten und preisgekrönten Sápmi-Museum Siida, das wir morgen besuchen werden, erhaschen wir einen ersten Blick auf den Inari-See. Für uns ist er der nördlichste Punkt unserer Reise. Hier wollten wir her, um die Ruska, den finnischen Indian Summer, von Nord nach Süd zu begleiten und um die Nordlichter zu sehen.

Wir bummeln ein wenig am See entlang. Der Ort ist ganz klein. Hier wohnen 500 Menschen, es gibt eine Tankstelle, ein Hotel, ein Restaurant, zwei Supermärkte, leider kein Café. Mit zwei Coffee to go und drei Teilchen aus dem Supermarkt setzen wir uns auf eine Bank am See und genießen die Aussicht.

Einen Übernachtungsplatz am Wasser finden wir zehn Kilometer südlich des Ortes. Hier lassen wir uns heute Nacht überraschen. Polarlichter? Daumen drűcken, bitte!

(Fast) in der Wildnis

Eine kleine Holperstraße führt uns noch tiefer hinein in den Lemmenjoki-Nationalpark. Wir lenken unseren Bus auf den Wanderparkplatz in Lemmenjoki und sind erstmal baff: er ist voll! Es sind fast alles PKW mit finnischen Kennzeichen. Nicht zu fassen. Eine neunköpfige Frauengruppe mit großen Rucksäcken startet gemeinsam mit uns, biegt aber gleich rechts ab. Ein finnisches Paar überholt uns. Sie wollen fünf Tage unterwegs sein.

Wir haben einen 16 Kilometer Rundweg vor uns. Erneut tauchen wir in Wald und Moor ein und sind endlich allein. Unser heutiges Ziel birgt etwas Neues. Heute geht es hinauf aufs Fjell, wie hier die Höhenrücken genannt werden. Unserer heißt Joenkielinen und ist 530 Meter hoch.

Nach ein paar Kilometern erreichen wir diesen spektakulären Pausenplatz. In der Korta, vor der ich hier stehe, gibt es eine Feuerstelle, Holzpritschen zum Übernachten, Baumstämme zum Draufsitzen.

In einem Nebengebäude ist genügend gehacktes Holz für die Wanderer vorrätig. Was für ein Service!

Eine halbe Stunde später sehen wir unseren Hügel. Obwohl es nicht besonders hoch hinauf geht, fühlt es sich jetzt alpin an. Die 300 Höhenmeter müssen auch gegangen werden, wir sind jetzt oberhalb der Baumgrenze, der Weg ist steinig und der Wind pfeift ordentlich hier oben.

Deshalb genießen wir oben den 360 Grad-Blick nur kurz, machen ein Gipfelfoto und setzen unsere Runde mit dem Abstieg fort.

Etwas weiter unten machen wir Brotzeit und die letzten Kilometer schwächele ich ganz schön. Die Schultern tun mir weh (dabei trägt Achim schon eine ganze Weile auch meinen Rucksack), die Füße auch, ach, wann sind wir denn endlich da?

Nach sieben Stunden sind wir wieder am Bus und ich lege mich erstmal aufs Bett. Und was macht Achim? Abendbrot. Lecker.