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Verliebt, verlobt, verheiratet – Weserradweg, Tag 4

Vom Kanuclub Rinteln bis zur Porta Westfalica sind es 32 Flusskilometer. Wir lassen keine Windung aus. Und derer gibt es viele.

Hier thront das monumentale Kaiser-Wilhelm-Denkmal über der Weser und markiert den Übergang vom Weserbergland in die norddeutsche Tiefebene.

Hier im Freilichttheater haben wir uns vor 42 Jahren verlobt. Schön, wieder da zu sein und schön feststellen zu dürfen: Das haben wir richtig gemacht!

Wenig später kommen wir in Minden zum größten doppelten Wasserstraßenkreuz der Welt, das mit Schiffen befahren werden kann.


Der Mittellandkanal wird hier in fast 400 Meter langen Trogbrücken über die Weser geführt. Sie  befinden sich ca.13 Meter über der Weser. Die alte Kanalbrücke wurde zwischen 1911 bis 1914 gebaut, im Jahr 1998 kam noch eine zweite für die größeren Frachtschiff hinzu.

Mithilfe der Weserschleuse können sich die Schiffe von der Weser in den Kanal hieven lassen.

Weiter geht es über die Westfälische Mühlenstraße durch die nun ganz ebene Flusslandschaft.

Leider nur noch knappe 50 Kilometer, denn unser Zeltplatz in Stolzenau markiert zugleich unseren Endpunkt auf dem Weserradweg. Morgen biegen wir ab Richtung Südosten, um etwa 60 Kilometer nach Hannover zu fahren. Von dort aus geht es mit dem Zug nach Hause.

Fazit: von uns bekommt der Weserradweg eine 1 mit ****.  Sehr gut ausgeschildert führt er großenteils am Wasser entlang durch reizvolle Landschaft und interessante Ortschaften. Die Infrastruktur für Radreisende, egal ob sie zelten oder in Pensionen oder Hotels übernachten, ist perfekt. Ganz große Empfehlung! Zumindest für die 300 Kilometer, die wir gefahren sind.

Lügengeschichten und andere Legenden – Weserradweg, Tag 3

Münchhausen reitet auf einer Kanonenkugel über eine belagerte Stadt, inspiziert die feindlichen Stellungen und steigt kurzerhand auf eine in die Gegenrichtung fliegende Kugel um.

Münchhausen zieht sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Münchhausen holt sein in den Schnee gefallenes Messer mittels eines gefrorenen Harnstrahls zu sich herauf.

Wir sind in Bodenwerder. Hier wurde Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen 1720 geboren.

Die dem Baron zugeschriebenen Erzählungen gehören in die Tradition der Lügengeschichten, die weit in die Literatur des klassischen Altertums und in das frühe orientalische Erzählgut zurückreicht.

Die Stadt ehrt ihren berühmten Sohn durch viele Brunnen, Denkmäler und Namensgebungen.

In der hübschen Fachwerkstadt kommt keiner an Münchhausen vorbei, egal ob er einen Kaffee trinkt oder in die Apotheke geht.

Wenige Kilometer weiter wird uns die Geschichte der diebischen Treidelschiffer aufgetischt, die dem Wirt den Sonntagsbraten stahlen, woraufhin er ihnen beim nächsten Mal seinen alten Kater, geschlachtet, unterjubelte. Der Hajener Bildhauer Jan D. Ehlers hat die Erzählung in Szene gesetzt.

In den Bereich der Lügengeschichten fällt auch die Legende vom sauberen und billigen Atomstrom, an die das Industriedenkmal bei Grohnde erinnert.

Unser Tageskilometerzähler zeigt 40 an, als wir die Stadt Hameln erreichen. Auf dem Weg hierher bläst uns der Nordwind ins Gesicht, aber in einem der zahlreichen Cafés in der Altstadt können wir uns erholen und an die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln, eine der bekanntesten deutschen Sagen, denken. Sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es wird geschätzt, dass mehr als eine Milliarde Menschen sie kennen. Selbst in fernen Ländern gehört sie häufig zum Schulunterrichtsstoff; besonders in Japan und in den USA ist sie sehr beliebt.

Seit 2014 gehört sie sogar zum immateriellen Kulturerbe. Dabei ist die Sage ja wirklich gruselig: Der von der Stadt um seinen Lohn betrogene Rattenfänger rächt sich, indem er alle Kinder der Stadt mit seinem Flötenspiel aus der Stadt lockt und sie spurlos verschwinden lässt. Sie kehren niemals zurück.

Mir machen in Hameln nicht die Ratten oder deren Fänger sondern die Wespen zu schaffen. Eine von ihnen sticht mir in die Lippe. Zum Glück bin ich nur gegen wortbrüchige Stadtväter, nicht gegen Bienengift allergisch.

Am Abend sind wir beim Kanuclub Rinteln zu Gast. Heute sind wir nicht allein, vier Zelte stehen hier, direkt am Wasser mit Blick auf die Rintelner Kirchtürme.

Wolkig bis heiter – Weserradweg, Tag 2

Der Wetterbericht hatte uns schon vorgewarnt, dass es heute Vormittag regnen würde. Um kurz nach Vier wurde ich das erste Mal wach, als der Wind durch die Baumwipfel tobte und der Regen aufs Zeltdach trommelte. Ich hörte noch das Halbfünf-Läuten, der Regen nieselte nur noch leicht und schläferte mich wieder ein.

Um kurz vor Sieben bin ich wieder wach. Ich habe gut geschlafen, kein Wunder bei der riesigen Luftmatratze, die ich durch die Gegend fahre. Einziges Problem ist die Unterlage für den Kopf, denn zusammengelegte Kleidung ersetzt doch kein vernünftiges Kissen. Aber diese Reise dient ja auch dazu, meine Komfortzone mal für ein paar Tage zu verlassen.

Gerade will ich aufstehen, da fängt es wieder an zu regnen. Na gut, dann bleibe ich noch liegen und lese.

Bei der nächsten Regenpause schäle ich mich aus dem Zelt. Wir sind allein auf dem Platz und dürfen, so der alte Herr, der uns gestern Abend empfangen hat, gern die überdachte Terrasse eines der abwesenden Dauercampers für ein Frühstück im Trockenen benutzen.

Um kurz vor Zehn brechen wir auf. Das Zelt kommt nass in die Packtaschen, das muss heute Nachmittag trocknen. Es regnet gerade nicht, aber vorsichtshalber packe ich mich regenfest ein.

Erster Stopp nach wenigen Kilometern ist die Klosterkirche in Lippoldsberg, ein Muss, wie Freund Michael sagt. Das harmonische, komplett erhaltene romanische Ensemble, in dem über 500 Jahre Benediktinerinnen lebten, beeindruckt auch uns.

Bad Karlshafen, Flusskilometer 45, ist  im Stil des Weserbarock  mit symmetrisch angelegten Straßenzügen in weiten Teilen eindrucksvoll erhalten. Als Hauptbau macht sich, direkt am historischen Hafenbecken gelegen, das ehemalige Pack- und Lagerhaus (heute Rathaus) mit mächtigem Walmdach und zentralem Dachreiter bemerkbar; es wurde 1715 bis 1718 erbaut und diente dem Landgrafen bei Besuchen als repräsentative Unterkunft.

Dann kommt die Sonne raus und es gibt Kaffee und Kuchen bei strahlendem Sonnenschein.

Wir radeln 20 Kilometer weiter bis Höxter, eine weitere farbenfrohe Fachwerkstadt am Fluss.

Jetzt ist es nicht mehr weit zu einem UNESCO-Kulturerbe: Corvey, ein berühmtes Kloster aus dem 9. Jahrhundert mit einem Barockschloss mit großer Bibliothek.

Auch die letzten 27 Kilometer des Tages führen direkt an der Weser entlang, die sich gemütlich durch die Lande schlängelt, gesäumt von Hügeln, Feldern, Wiesen, Pappeln und Weiden, besucht von Kühen, Schafen, Störchen, Reihern und Radfahrenden. Es gibt auch Apfelbäume und Brombeerhecken, wo wir uns ein bisschen mit Vitaminen fürs morgige Frühstück eindecken.

Um zum Zeltplatz zu kommen, müssen wir in Grave die Flussseite wechseln. Eine solarbetriebene Fähre holt uns über.

Und wieder haben wir eine Zeltwiese direkt am Fluss für uns alleine.

Fürs Abendessen und danach gibt es eine Bank mit Tisch. Einen kleinen Plausch mit dem Juniorchef und ein Bierchen. Das haben wir uns nach 78 Kilometern auch verdient, vor allem Achim, der immer noch ohne Unterstützung fährt.

Wo Werra sich und Fulda küssen – Weserradweg, Tag 1

„Wo Werra sich und Fulda küssen,

sie ihren Namen büßen müssen,

und hier entsteht durch diesen Kuss,

deutsch bis zum Meer, der Weserfluss.“

So steht es, leicht nationalbewusst, geschrieben auf dem Weserstein in Hannoversch-Münden (Landkreis Göttingen). Seit 1899 liegt er auf der Flussinsel Tanzwerder und wir tun das, was man hier so macht als Auftakt zu unserer fünftägigen Radtour entlang der Weser.

In fünf Tagen werden wir es nicht bis zur Mündung des Flusses in die Nordsee schaffen, aber mehr Zeit haben wir gerade leider nicht.

Wie zuletzt vor zwei Jahren sind wir wieder mit dem Zelt unterwegs. „So lange wir es schaffen, wollen wir das noch machen“, haben wir damals gesagt.

Erste Station ist natürlich Hannoversch-Münden selbst, die Drei-Flüsse-Stadt mit den vielen Fachwerkhäusern, von der der große Forscher und Reisende Alexander von Humboldt gesagt haben soll, sie zähle zu den sieben schönst gelegenen Städten der Welt. Schriftlich überliefert ist dieses Zitat allerdings nicht.

Der 506 Kilometer lange Weser-Radweg zählt zu den beliebtesten Radwegen Deutschlands und hat es in der ADFC-Radreiseanalyse 2022 auf Platz 1 des Rankings geschafft. Die Route folgt der Weser vom Weserbergland bis an die Nordsee und kommt ohne größere Steigungen aus, weshalb das Radeln ohne Anstrengungen möglich ist. Auf insgesamt acht Etappen führt der Weser-Radweg an Weserauen entlang über sanfte Bergkuppen und durch üppige Täler. Dazwischen locken hübsche Städtchen, alte Schlösser und Klöster zum Bummeln ein.

Auf unserer Anreise von Göttingen nach Hannoversch-Münden (SEHR hügelig) sehen wir noch nichts vom Fluss, aber dann!

Umgeben von den Hügeln des Weserberglandes bleiben wir meist am Wasser, ab und zu verlässt der Radweg aber den Fluss und wir müssen irgendwelche kleinen Hügel erklimmen.

Wir machen eine kurze Pause, um die romanische Kirche der alten Klosteranlage Bursfelde zu besichtigen.

Kaffee und Kuchen gibt es hier heute leider nicht (meine Schwiegereltern waren hier früher öfters zum Sonntagskaffee). Wir müssen noch ein paar Kilometer weiter radeln, bis wir dieses Juwel finden.

Es gibt leckere Waffeln mit Zimteis und Pflaumenkompott, dann nehmen wir die letzten sechs Kilometer in Angriff. Wir landen auf der Campingwiese von Familie Dietrich in Oedelsheim.

Der Weser-Radweg führt direkt am Grundstück vorbei und wir setzen uns auf eine Bank, schauen aufs Wasser und freuen uns, dass es den ganzen Tag endlich mal nicht geregnet hat und es abends um Sieben sogar noch 22 Grad hat.