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Kleeblattfahrt Nummer Eins: An die Oder

2.10.2023 – Eigentlich. Was für ein gefährliches Wort. Es signalisiert, dass sich ursprüngliche Einschätzungen oder Pläne geändert haben. Stimmt leider. Eigentlich hätte dieser Blog in den kommenden zwei Monaten Bilder und Erzählungen aus Finnland enthalten sollen. Leider mussten wir diese Pläne über den Haufen werfen. Achims Mama hatte kürzlich einen Herzinfarkt und wir wechseln uns nun mit seinen Schwestern bei der Betreuung seiner Mutter ab. In unseren Pausen werden wir von Göttingen aus kleeblattförmige Touren unternehmen. Die erste führte uns nach Nordosten an die Oder.

Auf dem Weg dorthin haben wir am Ruppiner See geschlafen. Nach einem frühen Bad am Morgen haben wir auf dem Steg gefrühstückt – und uns überlegt: „Hier sieht es eigentlich aus wie in Finnland. Oder?“

Am Nachmittag erreichen wir unseren Stellplatz in Mescherin an der Oder, etwa 30 Kilometer südlich von Stettin. Hier darf man im kleinen Hafen direkt am Fluss stehen.

Wir entrichten beim Hafenmeister, einem rund 80 Jahre alten Herrn mit rosiger Haut und sonniger Laune, unseren Obulus von fünf Euro.

„Dahinten links geht es auf den Stettiner Berg. Ich sag immer: Wer da nicht hoch gestiegen ist, darf nicht sagen, dass er in Mescherin war.“

Das wollen wir uns natürlich nicht nachsagen lassen und machen uns nach dem Kaffee auf den Weg. Ein paar Minuten geht es über steile Treppen nach oben, dann haben wir einen tollen Ausblick. Die Auenlandschaft ist dem ursprünglich verästelten Lauf des Flusses zu verdanken. Die Oder ist hier zweigeteilt: es gibt die West- und die Ostoder, dazwischen die Auen.

Weiter geht es mit den Rädern nach Osten. In fünf Minuten ist die Brücke erreicht und auf der anderen Flussseite liegt Polen.

Unter der Brücke über die Ostoder bei Gryfino suchen wir einen Geocache, finden ihn aber nicht. Schade, aber wir bleiben ja noch ein paar Tage hier im Grenzgebiet, so dass Achim noch Chancen auf seinen ersten polnischen Cache hat.

Wir radeln zurück nach Deutschland, direkt hinter der Grenzbrücke steht ein Aussichtsturm. Bei Einbruch der Dämmerung macht sich eine erwartungsvolle Stimmung unter der Handvoll Vogelgucker breit. „Wenn es gerade dunkel wird, kommen sie und landen dort zum Übernachten“, erklärt mir die Frau neben uns. „So nah?“, frage ich erstaunt. Sie nickt. Es dauert noch eine kleine Stunde, währen der wir Silberreiher, Bachstelze, Fledermaus und Massen von Staren beobachten, bis die Stars des Abends kommen. Mit ihrem typischen Gru Gru fliegen sie ein, die Kraniche, zu Hunderten, und landen genau dort, wo meine Nachbarin es vorhergesagt hatte. Wie wir uns freuen.

Dann ist es dunkel, bis zum Stellplatz sind es nur fünf Minuten und es ist noch warm genug, den Gin, ein Tavla und sogar das Abendessen draußen zu genießen.

Ab und zu hören wir es im Wasser platschen, zirpen oder tschirpen. Keine Ahnung, was da im Dunkeln im und auf dem Fluss los ist, jedenfalls eine ganze Menge. Besser als Radio.

Ein Stück nach Süden, ein Stück nach Norden, dazwischen immer wieder Kraniche

4.10.2023 – Wieder stehe ich auf dem Aussichtsturm und warte auf den Einflug der Kraniche. Bis sie kommen, habe ich Zeit zu bloggen.

Gestern sind wir nach dem gemütlichen Frühstück am Fluss 30 Kilometer nach Süden geradelt.

Links von uns fließt meistens der Strom, manchmal weicht der Radweg von ihm ab und große Schilffelder, Birkenwälder, Gräben oder Teiche liegen zwischen uns und dem Wasser. Der Flussname Oder, so haben wir erfahren, stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Die Wandelbare“. Hier, nahe dem Delta, mäanderte der Fluss früher in vielfältigen Formen.

Der Gegenwind macht uns auf dem Hinweg etwas zu schaffen, wir belohnen uns im kleinen Städtchen Schwedt mit Kaffee und Kuchen. Auf dem Weg zurück fliegen wir fast und müssen ordentlich bremsen, als wir sieben Kilometer vor dem Ziel durch Gartz kommen. Um vier hören wir uns im Gasthof Stadtmühle einen Vortrag der Nationalpark-Ranger über Kraniche an. Hier ist nämlich gerade Kranichwoche mit allerlei Programm. Das Untere Odertal ist einer der bedeutendsten Binnenrastplätze, lernen wir. Aktuell sind etwa 8000 Vögel des Glücks da.

Und: Der Nationalpark Unteres Odertal, der im Zweistromland zwischen Ost und Westoder liegt, ist der einzige Nationalpark, der eine Flussauenlandschaft schützt. „Bisher“, denken sich die Gäste aus Freising. Denn wir wissen, dass es Bestrebungen gibt, auch Teile der Isarauen zum Nationalpark zu machen.

Nach dem Vortrag laufen wir gemeinsam zum Deich, um den abendlichen Umzug der Kraniche von ihren Futter- zu ihren Schlafplätzen zu beobachten. Gemeinsam mit den Vögeln schieben sich Regenwolken über uns und es wird rasch ziemlich nass.

Kaum sind wir zuhause, haben uns umgezogen und das erste Getränk auf dem Tisch, als das nächste Spektakel folgt. Riesige Scheinwerfer bewegen sich auf uns zu. Wie vom Hafenmeister gestern angekündigt, läuft das 80 Meter lange Fluss-Kreuzfahrtschiff Mona Lisa in unseren Hafen ein. Wir sehen nichts mehr von der Oder, aber haben einen ausgezeichneten Blick in den Salon, in dem zumeist ältere Passagiere ihren Nachttrunk zu sich nehmen und eine heiße Sohle aufs Parkett legen. Ohne die Musik zu hören, sieht das gespenstisch aus. Als wir genug geschaut haben, ziehen wir die Rollos runter.

Heute früh um sechs wirft die Mona Lisa ihren Motor an, wir drehen uns um und schlafen noch zwei Stündchen weiter.

Der Oder-Radweg bleibt in Deutschland und verlässt deshalb kurz hinter Mescherin den Fluss, der ab hier auf polnischem Gebiet fließt. Achim sucht und findet bei Komoot eine Runde, die auf der Westseite der Oder bis kurz vor Stettin führt und dann auf der östlichen Seite zurück.

Der Hinweg macht viel Spaß. Mal fahren wir durch den Wald, mal entlang (viel zu) großer Felder, mal entlang des Flusses.

An einer Stelle bewundern wir die öffentlichen Grillplätze. Zehn davon gibt es, außerdem überdachte Picknickplätze.

Als wir die Außenbezirke von Stettin erreichen, wechseln wir die Flussseite. Heute haben wir keine Lust auf Großstadt. Die sehr sehenswerte Altstadt haben wir uns vor Jahren angeschaut, als wir mit den Motorrädern nach Estland gefahren sind.

Der Rückweg ist leider ein Hindernisparcours und hat so ziemlich alles zu bieten, was man sich so vorstellt: viel befahrene Straßen ohne Radweg, Kopfsteinpflaster, Matschwege, Sandwege. Und über Bahngleise durften wir unsere Räder auch noch heben.

Ein Café gibt es nicht auf der Strecke, so dass wir uns notgedrungen zwei Becher Kaffee in einer Tankstelle kaufen.

Dann erreichen wir wieder die deutsche Grenze – erneut nur durch ein Schild markiert. Dafür liebe ich Europa.

Und jetzt muss ich Schluss machen. Die Kraniche kommen.

Am Stettiner Haff und in der pommerschen Serengeti

6.10.2023 – Die Oder fließt nördlich von Stettin durchs Haff Richtung Ostsee, wir bleiben erstmal im Süden des Stettiner Haffs bei Ueckermünde.

Wir bummeln durch die kleine Altstadt und kaufen zum Abendessen Knacker ein, die wir daheim immer recht vermissen.

Der Stellplatz beim Hafen von Mönkebude ist nicht so spektakulär wie der in Mescherin, aber bis zum Sandstrand ist es nur ein Katzensprung.

Bei frischen 18 Grad bummeln wir am Hafen lang und über den Deichweg. Mittlerweile scheint wieder die Sonne, mittags hat es gegossen. Das Stettiner Haff ist durch eine schmale Landzunge, auf der bekannte Orte wie Usedom auf deutscher und Swinemünde auf polnischer Seite liegen, von der Ostsee getrennt.

In einem nahegelegenen Wald gibt es eine sorgsam ausgearbeitete Geocache-Strecke. 12 davon spüren wir hinter, an und auf Bäumen, liebevoll in Quietscheentchen, Plastikschweinchen oder im Super Mario versteckt, auf. Dann wird es langsam dunkel und rasch kalt.

13 Kilometer südwestlich liegt der Anklamer Stadtbruch, eine weite Moorlandschaft im Übergang zwischen Land und Meer. Das rund 2.000 Hektar große Wildnisgebiet ist Heimat für zahlreiche seltene Arten wie Seeadler, Fischotter und Moorfrosch. Heute gehen wir zur Abwechslung mal nicht auf Kranich- sondern auf Seeadlerpirsch. Auf dem Aussichtsturm bei Mescherin hatten wir am letzten Abend einen Naturfotografen aus Freising (!), Joe Häckl, getroffen. Von ihm stammt der Tipp.

Bereits um zehn sitzen wir auf den Rädern, um die 13 Kilometer bis Bugewitz zu fahren. Hier geht der 10 Kilometer lange Rundweg durch die Wildnis los.

Wir stellen die Räder beim Dorfgasthof ab und machen uns, bald schon in Regensachen, auf den Weg.

Eine Sturmflut ließ 1995 den Deich zum Haff brechen. Seither ist die Moorlandschaft weitestgehend sich selbst überlassen. 

Den Tieren gefällt das: Mittlerweile gibt es hier die höchste Seeadlerbrutdichte Europas. Wir sind kaum losgelaufen, als wir den ersten hoch oben in einem Baumwipfel erspähen. „Schau, da hinten rechts sitzt noch einer!“ Dann entdecken wir einen in der Luft. Seeadler gehören zu den größten Greifvögeln Mitteleuropas mit einer Spannweite von über zwei Metern. Majestätisch schwebt er hoch über uns.

Von dem im Baumwipfel gibt es hier ein „Beweisfoto“, wie Achim sagt.

Wir laufen auf dem schmalen Pfad, dem einzigen, der für Menschen erlaubt ist, immer tiefer in das Schutzgebiet hinein und kommen an eine Stelle, die im Volksmund „pommersche Serengeti“ genannt wird.

Auf dem früheren Torfabbaugebiet wachsen jetzt diese rötlich scheinenden Gräser.

An anderer Stelle wiederum steht das Wasser auf großer Fläche, nur ein paar Grasinselchen unterbrechen die glatte Fläche.

Nach etwa vier Stunden sind wir wieder bei den Rädern und treten den Rückweg an. Plötzlich bremst Achim und deutet nach links: Kraniche, die dem Bauern die frische Wintersaat klauen und sich erstaunlicherweise dabei durch uns nicht stören lassen.

Auf dem Weg in die italienischen Marken

Man muss ja nicht immer den direkten Weg nehmen. Hier und da bietet sich ein lohnender Umweg an. Direkt hieße bei uns: erste Etappe über den Brenner zum Gardasee, zweite Etappe über Bologna nach San Marino. Und dann wären wir quasi ja schon in den Marken. Wir haben einen Umweg gewählt. Über die Garmischer Autobahn […]

Auf dem Weg in die italienischen Marken

Ich brauch‘ Tapetenwechsel…

Jetzt hat es auch uns erwischt: Corona. Sechs Tage haben wir brav das Haus gehütet. Nun zeigt der Test nur noch einen Balken an und Symptome haben wir auch seit drei Tagen nicht mehr. Unser Gesundheitsamt empfiehlt, sich dennoch weitere fünf Tage von anderen Menschen fernzuhalten. Das kriegen wir hin: Im Bus geht das ganz hervorragend und Tapetenwechsel ist nach der Quarantäne eh was Feines.

In Rekordzeit werfen wir ein paar Lebensmittel und Klamotten in den Bus und zwei Stunden später stehen wir bereits auf dem kleinen Stellplatz beim Limeseum nahe Dinkelsbühl. Achim kennt ihn von einer Reise, die er vor zwei Jahren unternommen hat, als ich in Nepal war. Jetzt wollen wir einfach ein wenig andere Luft schnuppern und da das Wetter Besserung verspricht, ein paar kleine Radtouren machen.

Wir verbummeln den Abend und den Vormittag gemütlich mit leckerem Essen und Spielen. In der Nacht regnet und windet es nochmal heftig, doch als wir uns gegen Mittag auf die Räder schwingen, bleibt es trocken und später wird dann sogar die Sonne rauskommen.

Entlang der Wörnitz fahren wir durch Felder, Dörfer und Hügel ins 17 km entfernte Dinkelsbühl.

Hinter dem Stadttor empfängt uns das mittelalterliche Städtchen mit zeitgenössischer Kunst im Garten des „Museum 3. Dimension“: rechts im Bild sieht man zum Beispiel eine Nachbildung der Escher-Treppe,  die zweidimensionale Darstellung einer dreidimensionalen Treppe mit geschlossenem Innenraum, die in sich selbst zurückläuft, so dass eine Illusion erzeugt wird, dass sie unendlich hinauf bzw. hinunter führt.

Die Doppelhelix ganz links im Bild lässt sich durch einen Telefonanruf in Schwingung versetzen! Funktioniert. Ich hab’s ausprobiert.

Der Ortskern von Dinkelsbühl ist in bestem Zustand. Gut, dass das Wetter heute nicht zum Besuch der Straßencafés einlädt, denn wir sollen uns ja nicht zu anderen gesellen. Aber Kuchen kaufen, um ihn später vorm Bus zu genießen, geht.

Am späten Nachmittag machen wir noch einen Spaziergang zum (montags geschlossenen) Museum, das von den Römern und ihrem berühmten Grenzwall erzählt. Damals gab es hier ein Fort, von dem aus der hiesige Limesabschnitt bewacht wurde. Ein Miniaturnachbau veranschaulicht das Ganze.

Um kurz nach sieben geht bereits die Sonne unter. Einem weiteren gemütlichen Abend im Bus steht nichts im Wege.

Einfach nur noch Land gewinnen

Sognefjord, Geirangerfjord, Trollstiegen – diese Namen lassen die Herzen von Norwegenliebhabern höher schlagen. Auch unsere. Denn dies ist die Gegend der Superlative: Eine Bootsfahrt über den Fjord gehört zu den Top-Highlights nicht nur Norwegens sondern ganz Europas. Eine Fahrt mit der Flambahn, vom Sognefjord hinauf zur Hochebene Hardangervidda, zählt zu den größten Sehenswürdigkeiten des Landes und der Trollstiegen ist eine der extremsten Gebirgsstraßen Europas. Es gibt hier außerdem noch die Traumstraße Laerdalsvegen, den Jostedalsbreen-Nationalpark mit 30 Gletschern und jährlich 600 000 Touristen sowie eine der schönsten Sehenswürdigkeiten der Welt, den Geirangerfjord.

Wir lassen sie alle links liegen und entscheiden uns für einen ganz anderen Superlativ: den Laerdaltunnel, der mit seinen 24 Kilometern der längste Straßentunnel der Welt ist. „Und wie ist es, hier durch zu fahren?“, frage ich Achim. „Langweilig“.

Egal. Wir wollen nur noch eins: möglichst schnell Land gewinnen.

Wenn es stundenlang regnet, wenn der Wetterbericht auch für die nächsten zwei Tage keine Besserung verspricht, wenn die Sicht so schlecht ist, dass man Himmel, Berge und Meer nicht auseinanderhalten kann, dann machen weder eine Schiff-, noch eine Zug-, noch eine Autofahrt Spaß.

Dabei sah die Welt vorgestern und gestern noch ganz rosig aus. Bergen, die „Königin der Fjorde“, gilt als schönste Metropole des Landes (es nimmt kein Ende mit den Superlativen) und auch wir genießen den Bummel entlang des Hafenbeckens und der bunten Holzhäuser des ehemaligen Hanseviertels.

Doch dann zieht es uns wieder aufs Land und wir fahren zu einer schmalen der Stadt vorgelagerten Insel, auf der es einen kleinen, sehr idyllischen Campingplatz gibt. Mal wieder duschen und große Wäsche machen ist der Plan.

Da ist uns der Wettergott noch freundlich gesinnt. Zwischen vereinzelten Schauern ist es auch mal trocken und wir können sogar einen Spaziergang machen und am Nachmittag draußen Kaffee trinken.

Heute Morgen fängt es aber schon bald nach dem Frühstück wieder an zu regnen. Unser heutiges Ziel ist ein weiterer kleiner Campingplatz, diesmal am Naeroyfjord, der uns als Ausgangspunkt für den Rimstigen dienen soll. Der steht für morgen auf unserem Programm. Es ist ein steil an der Fjordwand ansteigender ehemaliger Viehweg, der von oben ein atemberaubendes Panorama hinunter in den Fjord bietet.

Wir fahren im Regen los und erreichen unseren ersten Zwischenstop, das Hotel Stalheim, gegen Mittag im Regen. Auch Leute, die keine Hotelgäste sind, dürfen in den hinterm Haus gelegenen Garten. Von hier bietet sich eine sehr schöne Aussicht in den 550 m tiefen Abgrund, auf den zuckerhutähnlichen Jordalsknut und das Naeroytal, das sich zum Fjord öffnet.

Wir machen hier Mittagspause und beratschlagen. Wandern morgen? Kannst Du vergessen. Mit dem Boot durch den Fjord fahren? Nicht bei dieser Sicht (nebenbei sei auch noch erwähnt, dass die Tickets rund 100 Euro für uns zwei kosten). Wir studieren die Landkarte. Einfach mal so Land gewinnen, mal eben ein paar hundert Kilometer durch den Regen nach Norden düsen, ist von hier aus nicht gut möglich. Mit dem Auto in Norwegen zu düsen, ist eh nicht möglich. Ich schrieb schon davon. Aber wir haben uns inzwischen auch von allen großen Straßen entfernt und sind von Fjorden, Bergen und Hochebenen umgeben. Es regnet weiter, wir beraten weiter, wissen nicht richtig, was wir tun sollen und entscheiden uns für die Flucht Richtung Norden. Bis zur nächsten großen Straße sind es 200 Kilometer. Also los.

Ein kurzer Blick auf den Fjord in Gudvangen, wo es so eng ist, dass man hier selbst im Sommer erst ab etwa 12 Uhr die Sonne sieht.

Nochmal anhalten in Flam, von wo aus man die Fjordfahrten unternehmen kann und wo auch gern mal die Kreuzfahrtschiffe anlegen.

Und dann ab in den Laerdaltunnel, um nach etwa 150 Kilometern auf die E 6 Richtung Norden zu stoßen.

Trotzdem freuen wir uns über unverhofft auf unserer Strecke auftauchende Überraschungen: Die Stabkirche von Borgund aus dem Jahre 1180, die – Achtung, Superlative! – nicht nur als das besterhaltene Beispiel norwegischer Holzbaukunst, sondern auch als der älteste Holzbau Europas gilt. Ihre Schindeldächer sind gestaffelt und die Firstenden mit Drachenköpfen verziert, so dass sie eher wie eine Pagode aussieht als eine Kirche.

Wenige Kilometer später dann die ersten Rentiere auf dieser Reise, Eltern mit einem Jungen. Kurz nur können wir sie beobachten, dann trollen sie sich außer Sichtweite. So schön!

Schließlich finden wir auch noch einen Stellplatz neben einem Fjord. Außer uns ist noch ein kleiner Camper aus Belgien da. Aber auch unsere Nachbarn haben sich vor dem Regen nach drinnen verzogen. Achim bereitet das Abendessen zu, ich blogge und morgen fahren wir so lange Richtung Norden, bis es aufhört zu regnen.

Sicher ist: wir kommen auf der Rückfahrt wieder hier vorbei und holen dann nach, was wir jetzt ausfallen lassen. Das ist ein festes Versprechen an uns selbst.

Raus aus der Komfortzone, rauf zum Gletscher

Unser Nachtplatz liegt auf 389 Metern. Damit sind wir quasi in der Poleposition für die Wanderung zum Gletscher. Wir sehen den Buarbreen vom Bett aus. Sogar das bläulich schimmernde Eis können wir von unten erkennen.

In der Früh um kurz nach sieben rumpele ich bereits so laut im Bus herum, dass auch Achim wach wird und aufsteht. Frühstücken, Brotzeit herrichten, Rucksäcke packen. Um 9 Uhr sind wir startklar.

Die größte Überraschung: Die Sonne scheint! Welche Freude! Und – Achtung, Spoiler! – wir werden die ganze Wanderung im Trockenen machen. Das hatten wir nicht zu hoffen gewagt.

Uns erwarten 450 Höhenmeter und ein Anstieg von etwa zwei Stunden. Der Weg schlängelt sich durch den Wald moderat nach oben, begleitet vom stetigen Rauschen des Gletscherflusses linkerhand. Nach einer Wegbiegung steigt der Adrenalinpegel das erste Mal: zwei Rindviecher, äh, schottische Hochlandrinder, haben es sich auf unserem Weg gemütĺich gemacht. Ihre Hörner und ihre Statur sind beeindruckend und wir sehen ein, dass sie hier die Stärkeren sind. Wir suchen uns einen vermeintlich sicheren Platz auf einem Felsen und versuchen, die beiden mit Klatschen, Rufen und sogar Stöckchen werfen dazu zu bewegen, sich ein wenig zur Seite zu bewegen. Doch wir interessieren sie nicht die Bohne. Da wir ihnen aber auch weiterhin nicht über den Weg trauen, schlagen wir uns ins Gebüsch und umrunden sie großräumig.

Der nächste Abschnitt könnte bei 10 Grad mehr als Spa bezeichnet werden. Beim ersten schmalen Steg über Wildwasser aus dem Gletscher klopft mein Herz vor Aufregung, doch dann laufe ich mich ein und überquere mir nichts dir nichts x von diesen Dingern. Einmal fehlt ein Steg. Ein findiger Wanderer hat eine Bohle auf zwei Steine gelegt, ich traue dem Konstrukt nicht, balanciere über die Steine im Wasser und hole mir natürlich prompt nasse Füße. Spaß macht das Queren über eine Hängebrücke – vertrautes Terrain für mich.

Abschnitt Nummer drei ist was für Klettermaxe. Nun verlasse ich endgültig meine Komfortzone. Wenn wir in die Berge fahren, was ja von uns zuhause aus kein großes Ding ist, gehen wir WANDERN nicht KLETTERN. Mich akrobatisch an einem Seil eine Felsplatte hochzuziehen, bin ich nicht gewohnt.

Vor einer besonders fiesen Stelle spielen wir kurz mit dem Gedanken, den Gletscher Gletscher sein zu lassen, aber dann packt uns doch der Ehrgeiz. Wir kraxeln hoch und höher, hangeln uns noch an einem Schneefeld lang, und dann sind wir oben. Oben heißt in dem Fall: Hier geht es nicht weiter. Es sei denn, man hätte sich einer geführten Gletschertour angeschlossen.

Wir freuen uns einfach, dass wir es bis hier geschafft haben und dass wir dem Gletscher so nahe gekommen sind. Imposant thront er über uns, zugleich ist deutlich zu erkennen, wie sehr er bereits geschmolzen ist. Während wir den Anblick genießen und unsere Brote essen, ist mir aber auch ein bisschen mulmig wegen des bevorstehenden Abstiegs.

Doch es ist weniger rutschig als befürchtet und die Akrobatik und die Wasserspiele kriegen wir auch hin, so dass wir um zwei wieder heil und auch ein wenig stolz am Bus ankommen.

Dass der Tag mit einem weiteren Highlight endet, wissen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Wir fahren am Sørfjord entlang und stoßen nach 50 Kilometern auf den Hardangerfjord. Wir parken für die Nacht nahe der Brücke, die ihn majestätisch überspannt und laufen vor dem Abendessen noch durch einen in Regenbogenfarben erleuchteten Fußgängertunnel, der uns auf die Brücke über den Fjord führt. Warum nur können nicht alle Fußgängertunnel so schön sein?

Touristenwege

Da hatten die Norweger eine gute Idee: schon vor Jahren haben sie 18 „Turistveger“ quer durch ihr Land konzipiert. Diese Routen führen zu vielen Naturschönheiten, an Küsten, Fjorden, Bergen, Gletschern oder Wasserfällen entlang. Sie liegen abseits der Hauptverkehrsstraßen, gleichzeitig soll die Fahrt ein besonderes Erlebnis bieten.

Wir haben gleich mal den südlichsten ausprobiert. Jaeren genannt, nach der Landschaft, die ihn umgibt. Die Route verläuft in unmittelbarer Nähe zur Nordsee zwischen Flekkefjord und Stavanger. Zwischen Felsen und Meer während der ersten, zwischen Wiesen und Strand während der zweiten Hälfte der Strecke.

Im kleinen Flekkefjord bummeln wir durch zwei, drei Altstadtstraßen, holen ein bisschen Bargeld und erfahren von einer perfekt Deutsch sprechenden Verkäuferin im Spar, dass es in Norwegen keine H-Milch gibt. Interessant. Wir sind gespannt, ob es wirklich so ist, oder ob wir uns missverstanden haben.

Wir fahren weiter durch eine von großen Felsen dominierte Landschaft, die sich uns in stets neuen Formationen präsentieren.

„Helleren“ steht auf einem Straßenschild und lockt uns zu einer Sehenswürdigkeit in der Nähe. Keine Ahnung, worum es geht, aber wir gucken mal. Der „Helleren“ ist ein 60 Meter langer und zehn Meter tiefer Felsvorsprung, den die Menschen schon vor 200 Jahren als natürlichen Schutz nutzten. Sie bauten ihre Häuser darunter und konnten auf richtige Dächer verzichten, denn der Fels beschützt sie – heute wie damals. Die letzten Bewohner, so erfahren wir, haben den Helleren erst um 1920 verlassen.

Im Dorf Sogndalstrand wollen wir ein wenig am Strand spazieren gehen – es gibt ihn allerdings nur im Ortsnamen, nicht aber am Wasser. Dafür stoßen wir auf einen malerischen kleinen Ort mit hübschen Häusern und kleinen Gärten.

Die Felsen treten nach und nach in den Hintergrund und machen Wiesen und sanften Hügeln, Kühen und Schafen Platz.

Am Meer tauchen nun doch die ersten Sandstrände auf. Gut so, schließlich heißt es, dass sich hier in Jæren die längsten Sandstrände Norwegens befinden. Ganze 70 km mit Sanddünen sollen es sein.

Am nächsten Vormittag kommen wir in Borestranda also doch noch zu unserem Strandspaziergang. Es hat 17 Grad, der Wind ist frisch, an Schwimmen ist noch nicht zu denken. Aber ich stecke wenigstens die Füße mal ins Wasser. Eisig!

Am frühen Nachmittag erreichen wir Stavanger, das Ziel unserer ersten norwegischen Touristenroute. Neues und Altes wechseln sich ab, kleine Restaurants und Bars säumen die Hafenkante. Wir schlendern durch die Altstadt, in der es noch etliche Straßen mit alten weißen Holzhäusern gibt. Stavanger ist außerdem bekannt für seine Streetart und rühmt sich, eine der Streetart-Kapitalen Europas zu sein.

Frühstück am Fjord

Heute früh hat mich das neue Land erst einmal überrollt. Bilder vor meinen Augen, die mein Hirn zunächst nicht sortieren konnte: so viele Hügel, über die wir unser großes Fahrzeug auf schmalen Straßen steuern mussten, für mich ganz unerwartet. Hohe Felswände, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Etliche kleine Seen. Dann auf einmal eine Vielzahl kleiner felsiger Inselchen, bunte Häuser, rot angemalte Bootsschuppen, das Meer. Atemberaubend schön dieses kleine Fleckchen Erde, nur ein paar Kilometer von unserem Übernachtungsplatz entfernt. Wir suchen hier einen Ort, an dem wir frühstücken können. Vergeblich. Hier ist alles so eng, dass wir noch nicht einmal zum Fotografieren anhalten können. Wenn es irgendwo einen freien Platz gibt, steht ein „Privatgrund“-Schild dort.

Wir fahren zurück zur Hauptstraße, biegen wieder ab Richtung Wasser – und finden schließlich eine kleinen Hafen mit öffentlichem Parkplatz. Hier bleiben wir zum Frühstück. Und entspannen.

Danach ist es nicht mehr weit bis zum südlichsten Punkt des norwegischen Festlands, dem Lindesnes Fyr, dem Leuchtturm von Lindesnes. Ein beliebter Touristenort. Hier sind wir nicht alleine.

Zwei Rentnertickets kosten zehn Euro und bei grauem Himmel, grauem Meer und Nieselregen erkunden wir den Spot.

Der Leuchtturm ist der älteste des Landes und tut seit 1656 seine Dienste. Ich lerne, dass wir auf derselben Höhe sind wie der nördlichste Zipfel Schottlands, es aber noch 2518 km bis zum Nordkap sind. Wo wir hinfahren können, aber nicht müssen. Das warten wir mal ab.

Heute drängt uns jedenfalls nichts zum weiterfahren. Erstmal ankommen, heißt die Devise. Und so schauen wir uns in Ruhe die beiden Ausstellungen an, die gerade hier gezeigt werden. In einem ehemaligen Bunker werden Fotos von Leuchttürmen an der südlichen Nordseeküste gezeigt.

Im früheren Stall, in dem der Leuchtturmwärter seine Kuh, sein Pferd und sein Schwein halten konnte, werden „Portraits von Überlebenden“ der norwegischen Fotografin Elin Hoyland gezeigt. Ob Soldat oder ehemalige Gulaginsassin, die Bilder zeigen die Menschen Jahrzehnte nach ihrem traumatischen Erlebnis. Eindringliche Bilder von Menschen mit Geschichte(n).

Das Kap mit seiner wilden zerklüfteten Küste lädt zu einem Spaziergang ein. Unser Bus zum Ausruhen und es sich einfach gemütlich machen.