Als Tochter aus betuchtem Hause hätte sie ihr Geld für modischen Schnickschnack, für Schmuck oder Reisen ausgeben können. Nichts dergleichen interessierte die Deutsch-Holländerin Helene Kröller-Müller. Ihr Augenmerk galt einzig und allein der Kunst.
Foto aus Wikipedia
Ihr Museum in Otterlo liegt 150 Kilometer südwestlich von uns. Auf dem Weg dorthin fahren wir wieder einmal über ein gewaltiges Straßenbauwerk, den 26 Kilometer langen Houtribdeich, der das Ijsselmeer und das Markermeer voneinander trennt.
Das Kröller-Müller-Museum ist gut besucht, vor allem die Van Gogh-Sammlung zieht viele Besucherinnen und Besucher an. Es ist die zweitgrößte Van Gogh-Sammlung der Welt mit 90 Gemälden und rund 180 Zeichnungen. Der junge Maler und die Kunstsammlerin lebten in der gleichen Epoche und van Gogh war für Helene der bedeutendste Vertreter der modernen Kunst.
Doch auch Exponate anderer moderner Meister wie Seurat, Monet, Picasso und Mondrian sind Teil ihrer Sammlung. Sie kaufte vor allem Kunstwerke, die während ihres eigenen Lebens entstanden und damals noch nicht die allgemeine Anerkennung fanden oder aber von der Kunstkritik negativ beurteilt wurden.
Zwischen 1907 und 1939, ihrem Todesjahr, erwarb Helene Kröller-Müller 11 500 Kunstobjekte. Immer war es ihr Wunsch, die Werke in einem Museum zeigen zu können. Sie vermachte dem niederländischen Staat mit dieser Auflage ihre Sammlung. Neuerwerbungen halten sie lebendig.
Faszinierend sind auch die Außenanlagen des Museums. Auf 25 Hektar, mitten im Naturpark Veluwe gelegen, finden wir einen der größten Skulpturenparks Europas.
Verteilt über den Garten sind über 160 Skulpturen aufgestellt. Von Marta Pan und Tom Claassen…
… bis zu Auguste Rodin und vielen anderen.
„Ihr müsst viel Zeit mitbringen“, schrieb uns eine Freundin, die kürzlich hier war. Ach, hätten wir nur noch viel mehr gehabt!
Es war vor allem der Name, der mich gereizt hat, als unser Nachbar neulich von der Blauen Stadt hier in Holland erzählte. Waren wir doch im Frühjahr erst in der Blauen Stadt in Marokko, in Chefchaouen.
Hier in Holland ist nicht wie in Marokko die Farbe der Häuser sondern das Blau des Wassers namensgebend für die Stadt.
Die hiesige Touristeninformation bezeichnet das Projekt als unkonventionelle Lösung gegen die Arbeitslosigkeit: „Was macht man, wenn der Reichtum aus dem Getreideanbau verflogen ist und die Arbeitslosigkeit in der Region zum zunehmenden Problem wird? Man gräbt ein großes Loch und füllt es mit Wasser. Rings um den See baut man Häuser für wohlhabende Leute. Auf diese unkonventionelle Art entstand das Dorf Blauwestad.“
Ein Wohndorf an einem neu angelegten See, das reichere Menschen in die Region locken, dem Bevölkerungsschwund entgegenwirken und die Gegend aufblühen lassen sollte.
Gesagt, getan: Es wurde ein 800 Hektar großes Loch ausgehoben; 2005 drehte Königin Beatrix den Hahn auf, worauf rund 14 Millionen Kubikmeter Wasser das neue Oldambtmeer fluteten, das heute den Anwohnern und Touristen als Freizeitgelände dient.
Wir radeln bei bestem Wetter durch die Gegend und denken uns, dass man wirklich schlechter wohnen kann als hier. Und was es nicht alles gibt.
Doch damit noch nicht genug. Um die Bewohner des neuen Wohngebietes vernünftig an den Hauptort Winschoten anzubinden, wurde eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke gebaut. Es ist die größte Europas geworden.
Sie ist 800 Meter lang, besteht aus vier Brückenteilen und überquert ein Naturschutzgebiet, eine Autobahn und einen Fluss. Eingeweiht wurde sie im Jahr 2021.
Nach so viel Informationen brauchen wir erstmal eine Pause angereichert mit holländischen Spezialitäten Frikandel speciaal mit Fritten. Lekker, wie man hier sagt.
Die hangende Keukens, die hängenden Küchen von Appingedam, stehen am Nachmittag auf unserem Besichtigungsprogramm. Auch hier war es vor allem der Name, der mich getriggert hat, denn letztes Jahr haben wir in Spanien die hängenden Häuser in Cuenca bestaunt.
Diese Häuser hier in Appingedam hatten ursprünglich zur Wasserseite hin Ladeluken und wurden früher als sogenannte „Packhäuser“ zum Be- und Entladen von Schiffen genutzt.
In Wikipedia finde ich: „Nachdem Appingedam seine Bedeutung als Seehafen verloren hatte und die ursprüngliche Nutzung der Packhäuser aufgegeben worden war, erfolgte ein Umbau der Gebäude zu Wohnhäusern. Aufgrund der vorgegebenen Größe und Zuschnitte der Gebäude war jedoch der nachträgliche Einbau von Küchen nicht möglich. Die Architekten lösten die Aufgabe, indem sie die Küchen als Anbauten außen an die Häuser anfügten. Die neuen Küchenräume schweben frei einige Meter über dem Wasser.“ Gern hätte ich mir so eine Küche von innen angeschaut. Noch lieber würde ich in so einer Küche mal kochen, vielleicht eine holländische Spezialität wie die Eierbalen, die ich heute Nachmittag in Appingedam gesehen habe. Da muss ich wohl bis zuhause warten.
Uns zieht es jetzt wieder ans Meer. Wellen und Schafe gucken.
Wir sind zu spät! Wie geplant radeln wir nach dem Frühstück zur Zeehondenkijkwand, fahren hierhin, fahren dorthin und finden sie nicht. Das nahe gelegene Dollart – Besucherzentrum hat auch noch geschlossen, aber wir haben Glück: gerade kommt die zuständige Frau und schließt auf. „Die Seehunde?“, sie schüttelt bedauernd den Kopf. „Die sind nur im Sommer hier. Juni, Juli, August, September“, zählt sie auf. Sie fühlt sich im Englischen sichtlich nicht wohl, auf Deutsch und Holländisch können wir leider nicht miteinander reden, also spare ich mir die Frage nach dem Warum und befrage stattdessen das Netz. „Zu Winterzeiten verlassen die meisten ihre Region und ziehen in tiefere Gefilde derNordsee, wo sie der Nahrung nach Fischen folgen“, erfahren wir da. Wie schade!
Wir gehen also nur ein bisschen spazieren und radeln dann zum Bus zurück. Unser Nachbar auf dem Stellplatz hat uns gestern einen Tipp gegeben: nur 20 Kilometer südlich von hier ist die Blaue Stadt. Die wollen wir uns anschauen. Morgen geht’s dann weiter nach Groningen ins Museum.
Wir sind vielleicht eine viertel Stunde gefahren: „Ist heute Sonntag?“, frage ich meinen Liebsten. „Oh je, dann ist morgen Montag und vielleicht hat das Museum zu?!“ Hat es, bestätigt das Internet. Da heißt es spontan sein. Groningen, wir kommen!
Das 100 Jahre alte Groninger Museum bekam 1994 ein neues Zuhause. Konzipiert wurde es vom italienischen Designer Alessandro Mendini und gilt als Ikone der Postmoderne des 20. Jahrhunderts. Ins Haus und in die Dauerausstellung kommt man kostenfrei.
Vor allem Künstler aus Groningen werden hier ausgestellt. Dass noch keine Künstlerinnen vertreten sind, ist ein Manko, dass den Verantwortlichen bewusst ist, wie sie schreiben und sie versprechen: „Wir arbeiten dran“.
Als erstes stoßen wir auf die Bilder des Fotojournalisten Erwin Olaf, dem mit seiner ersten Ausstellung im Groninger Museum 1987 der internationale Durchbruch gelang. Aktuell wird von ihm eine von den Skulpturen Auguste Rodins inspirierte Fotoserie gezeigt, die er eigens für das Groninger Museum gefertigt hat.
Der Expressionismus spielt eine große Rolle in der Arbeit der 1918 in Groningen gegründeten Künstlergruppe „De Ploeg“ (der Pflug). Der Name ist mit Bedacht gewählt: Das Kunstklima in Groningen empfanden sie als brachliegendes Feld, das es umzupflügen galt.
Dass sich daran einiges geändert hat, davon zeugt nicht nur dieses beachtliche Museum sondern ein weiteres geniales Gebäude, das wir nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt entdecken.
Das Forum Groningen beherbergt verschiedene Einrichtungen, die täglich öffentlich und zum Teil kostenlos zugänglich sind, darunter die städtische Bibliothek, die Touristeninformation, und die Dachterrasse, die einen Ausblick über die ganze Stadt bietet. Als kulturelles Zentrum hält es außerdem Kinosäle, Veranstaltungs- und Ausstellungsräume, Cafés und ein Restaurant vor.
An diesem Sonntagnachmittag sind viele Besucherinnen und Besucher da, viele von ihnen junge Leute, die hier an ihren Laptops zu arbeiten scheinen.
Von der Dachterrasse in 45 Metern Höhe hat man einen tollen Blick auf die Stadt.
Am Abend fahren wir raus aus der Stadt und bringen uns schon mal in die Pole Position für die morgigen Highlights.
Nach dem Frühstück fahren wir 20 Kilometer nach Westen in die kleine Gemeinde Havixbeck. Hier haben wir die Möglichkeit, unser Clo zu leeren (ist nicht ekeliger als Windeln wechseln oder Popo abwischen), Abwasser zu entsorgen und Frischwasser zu tanken. In unseren Tank passen 100 Liter, damit kommen wir ein paar Tage aus.
Nochmal 50 Kilometer weiter westlich beziehen wir unser neues Quartier für die nächsten zwei Nächte auf dem Hof von Bauer Trockel. Auf seiner Wiese bietet er Stellplätze für drei Wohnmobile an. Außer uns ist aber keiner da.
Hier ist unser Startpunkt für den Westkurs der 100-SCHLÖSSER-ROUTE. Je nach Wetter und Lust wollen wir sie in den nächsten Tagen erkunden. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war das Münsterland in kleine Herrschaftsgebiete zersplittert. Daher die große Dichte an Schlössern und Burgen in der Gegend.
Das erste Schloss finden wir gleich in unserem Ort. In der Nähe des Dorfes Lembeck wurde im Mittelalter ein festes Haus errichtet. Zwischen 1670 und 1692 wurde es zu dem heute noch gut erhaltenen Wasserschloss umgebaut, welches zu den größten des Münsterlandes gehört.
Das Foto ist leider ohne Wasser. Für ein Foto mit Wasser müssen wir nochmal mit der Drohne herkommen – wird nachgereicht. Versprochen.
Der Radweg führt durch Felder, Wälder, Alleen und kleine Ortschaften. Wir müssen am Bauernhofcafé in Haltern eine Zwangspause machen, um unsere Akkus aufzuladen.
Über Haltern am See, das mich mit seinen Backsteinbauten und der quirligen Fußgängerzone an meine Heimatstadt Kempen am Niederrhein erinnert, kommen wir zum Wasserschloss Sythen.
Im Internet und auf Informationstafeln im weitläufigen Gelände kann man die bewegte Geschichte vom Ritter Dietrich bis zum Caritasverband Recklinghausen nachlesen, der – heutzutage völlig unverständlich – das Herrenhaus und das Wirtschaftsgebäude 1971 abreißen ließ.
Viele Jahre später konnten die Überreste des inzwischen fast verfallenen Anwesens von der Stadt Haltern erworben und von einem Förderverein, der den Kosenamen „Rentnerband“ trägt, gerettet werden. Mindestens zehn Rentner sind auf dem Gelände unterwegs, als wir uns dort umschauen. Überall wird gewerkelt, alles winterfest gemacht. So beeindruckend dieses bürgerschaftliche Engagement!
Auf dem Rückweg radeln wir quer durch den Wald des Naturparks Hohe Mark und stehen auf einmal sehr überrascht vor einem riesigen Turm. Er wird „Himmelsleiter“ genannt, ist aber im Gegensatz zum Kunstwerk in Münster praktischer Natur: es ist ein 39 Meter hoher Feuerwachturm. Wir klettern quasi an den Baumstämmen entlang in die Höhe, erklimmen die Baumwipfel und können dann in schwindelerregender Höhe unseren Blick über den Wald bis zum Horizont schweifen lassen. Der Sonnenuntergang ist nicht mehr weit, also nichts wie zurück zum Bus.
Was für ein Tag! Er beginnt mit einem prächtigen Frühstück, führt uns in eine Polizeistation und endet mit der Suche nach einem Stellplatz im Dunkeln. Doch der Reihe nach.
Meine lieben Mitreisenden lassen es sich nicht nehmen, mir einen wunderschönen Geburtstagstisch zum Frühstück aufzubauen: Tischdecke, Blümchen, Geschenke und alles, was die Bordküchen so hergeben an Schinken, Käse, Datteln, Oliven, Eier und Melonen. Ein Ständchen dazu und ich kann vergnügt ins neue Lebensjahr rutschen.
Zwei Stunden später fahren wir einen kleinen Pass hoch und bewundern die Schaffenskraft des Flusses Ziz, der kaum zu sehen ist aber für eine riesige Flussoase sorgt.
Bald danach lassen wir uns eine Bananenmilch und einen Eiskaffee (!) schmecken. Erstere vom Besitzer des Cafés La Vallée de Ziz gemixt, zweitere zur Hälfte ebenfalls von ihm, die leckere Einlage stammt aus Dorothees Bordküche bzw. dem Marjane-Supermarkt, dem sie vorher in Errachidia einen Besuch abgestattet hat. Wir klönen noch ein Stündchen mit zwei jungen Norwegern, die sich zu uns setzen, dann brechen wir auf und verlassen in Rich die Nationalstraße. Wir wollen auf einer kleinen Straße Richtung Berge.
Der Ort ist schnell durchquert, wir rollen gerade über die Ausfallstraße, als uns ein Polizeiwagen mit Blaulicht entgegenkommt und uns unmissverständlich zum Halten auffordert. Sofortige Gewissenserforschung: zu schnell gefahren? Stoppschild übersehen? Wir kurbeln die Fenster runter und ein freundlicher Polizist macht mich darauf aufmerksam, dass ich wohl meine Handtasche im Café habe liegen lassen. Was? Wo ist sie? Ich blicke mich im Bus um. Oh! Ja! Keine Handtasche! Er erklärt mir, dass wir mit ihm und seinem Kollegen zur Polizeistation in Rich fahren sollen, denn dorthin werde die Tasche gebracht. Wir folgen dem Polizeiauto, fahren die paar Kilometer zurück und sitzen bald darauf im Vorraum der Polizeistation von Rich. Sie sieht ähnlich aus wie die bei uns zuhause, die vier weiteren Polizisten und die eine junge Polizistin kümmern sich nicht weiter um uns. Vom Polizisten, der uns auf der Straße abgefangen hat, erfahren wir nun den Rest der Geschichte. Der Besitzer des Café-Restaurants La Vallée de Ziz (kurz hinter dem Tunnel Zaabal) hat meine Tasche entdeckt, die Polizei informiert und beschrieben, dass wir mit zwei Campervans, einem grauen und einem dunklen, unterwegs sind. Daraufhin ist ein Streifenwagen aus Rich zur Straße nach Midelt gefahren und der andere hat unsere R 706 nach Westen kontrolliert. Wie schön, dass er uns gefunden hat!
Dann kommt ein Mann von draußen rein, ich strahle ihn an, denn er hält meine Handtasche in der Hand. Ich werde von „unserem“ freundlichen Polizisten aufgefordert, den Inhalt zu kontrollieren. Der Pass, das allerwichtigste, steckt wohlbehalten in einer Innentasche, das Portemonnaie ist da und die Geldscheine, die ich gerade in Errachidia frisch hineingesteckt habe, sind auch da. Nach vielen „Shukran“ und „Merci“ (wie schön, dass ich noch eine Packung gleichen Namens im Bus hatte) verlassen wir beglückt die Polizeistation.
Wir haben gar nicht viel Zeit, bis es schon wieder aufregend wird. Erst führt der Weg uns über eine Hochebene, schöne Berge auch hier rechts und links. Marokko verwöhnt einen sehr.
Dann ziehen sich die Berge immer mehr zusammen, wachsen über sich selbst hinaus und bilden eine Schlucht wie es dramatischer nicht mehr geht. Dennoch läuft unten das schmale Palmenband, dass den Fluss begleitet, weiter und der Mensch hat dem Fels auch noch Platz für Häuser abgerungen. In unserer Landkarte ist hier kaum noch ein Ort eingezeichnet, doch alle paar Kilometer tauchen neue Dörfer auf, in denen die Alten uns nachblicken und die Kinder uns zuwinken. Einmal müssen wir wegen eines Rettungswagens stehenbleiben und die Kinder umringen den Bus und fordern Bonbons. Nein, nein, nein, gebe ich ihnen mit energischen Kopfschütteln zu verstehen und bin ganz froh, als wir weiterfahren können. Meistens aber sind die Kinder nur neugierig und aufgeregt.
Langsam wird es Abend und wir brauchen einen Platz für die zwei Busse. In der Schlucht ist kein Platz, in den Dörfern auch nicht, dann wird es dunkel. Es dauert nur noch ein Viertelstündchen, bis wir direkt neben der Straße einen großen, freien, ebenen Platz entdecken. Perfekt. Wir parken die Busse, ein Campari-Orange und viele leckere Snacks werden herbeigezaubert und der Geburtstag kann entspannt ausklingen.
Nach unserer Wanderung am frühen Morgen gibt es in der Hütte bei unserem Schlafplatz noch ein gutes Frühstück mit Omelette, Olivenöl, Orangen und frisch gebackenem Brot. Dann fahren wir bei sengender Hitze und zwei Kaffeehausstopps in einem Rutsch 160 Kilometer weiter Richtung Osten bis zur Casa Bouaid, 30 Kilometer vor Rissani. Hier bietet die Berberfamilie Bouaid Campern an, auf ihrem Grundstück zu nächtigen. Wieviel man dafür bezahlen möchte, ist Ermessenssache. Erst seit Anfang des Jahres gibt es dieses Angebot und der älteste Sohn Abdelali kümmert sich um die Gästebetreuung. Er bewirtet einen mit Tee, zeigt den riesigen Obst- und Gemüsegarten und unterhält sich interessant und angeregt in sehr gutem Französisch mit uns. Von ihm erfahre ich, dass seine Großeltern noch Nomaden waren und seine Eltern die ersten aus der Familie, die Land gekauft haben und sesshaft geworden sind. Im Schlepptau hat er seine jüngeren Brüder Hamsa und Raschid, die ihm am nächsten Morgen helfen, uns mit frisch gebackenen Pfannkuchen und Minztee zu verwöhnen. Wir lassen uns Zeit, denn unser nächstes Ziel, Merzouga, liegt nur 80 Kilometer entfernt.
Auf dem Weg liegt Rissani, eine Stadt mit großer aber trauriger Geschichte: sie gilt als älteste Stadt Marokkos, wurde aber zweimal zerstört, zuletzt 1818. Das prächtige Hassantor empfängt die Besucher, gleich daneben liegt das Ministerium für Jugend und Erziehung, ebenfalls in einem stattlichen Gebäude. Auf den Straßen ist viel los, Jugendliche radeln von der Schule heim, Händler bieten ihre Waren auf der Straße und im überdachten Markt an.
Nach dem Einkaufen fahren wir weiter nach Süden und die Landschaft versandet zusehends. Und dann sehen wir sie: die berühmten Dünen von Erg Chebbi, 40 Kilometer lang, sieben breit, die höchsten bis zu 200 Metern aufragend. Seit zuhause freue ich mich hierauf und nun sind wir tatsächlich hier. In der Sandwüste.
Wir fahren auf den Campingplatz Haven la Chance und können tatsächlich bis an den Sand heranfahren. Vom Bus aus blicken wir in die Wüste, auf den fast goldfarbenen Sand, die gewellten Dünen. Erfrischung gibt es zwischendurch im Pool, dann gleich wieder zurück, Sand gucken. Als die Hitze gegen halb sechs etwas nachlässt, machen wir einen ersten Spaziergang in die Wüste hinein, hocken uns auf den Kamm einer Düne und schauen. Das Programm für morgen sieht nicht viel anders aus. So viel Wüstenatmosphäre wie möglich aufsaugen – und wenn es zu heiß wird, in den Pool springen. Ich freu mich drauf.
Es war auf dem Campingplatz in Tamnougalt, dass der einzige andere Camper, ein Franzose, uns Fotos von Bab n’Ali zeigte und uns die dringende Empfehlung gab, einen Abstecher dorthin zu machen. Man könne wunderbar in der Gite Pitons essen und anschließend dort übernachten. Das klingt gut und ich google mal „Wandern in Bab n‘ Ali“ und tatsächlich: Ich finde den Track für eine Rundtour von 10 Kilometern bei 250 Höhenmetern, der direkt neben der Gite losgeht. Gesagt, getan. Von Nekob aus sind es nur 25 Kilometer nach Norden und sofort tauchen wir ein in die einsame Bergwelt.
Bei der Hütte angekommen machen wir alles klar: jetzt fahren wir erst noch hoch auf den Pass, dann kommen wir zum Abendessen zurück und können mit den Bussen gegenüber auf dem Parkplatz übernachten.
Die Fahrt bietet einmal mehr atemberaubende Ausblicke.
Zum Abendessen erwartet uns ein dreigängiges Menu: Linsensuppe, Spieße mit Putenfleisch, Oliven, ein wunderbarer Salat mit eingelegtem Kürbis, Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Paprika und hart gekochten Eiern, allerliebst mit einem Zackenrand dekoriert. Als Nachspeise werden uns Orangen und kleine Bananen, reif und aromatisch, serviert.
Wir gehen früh ins Bett. Denn um halb sieben klingelt der Wecker. Wieder soll es 30 Grad geben und wir wollen die Frische des Morgens für die Wanderung nutzen.
Die besonderen Bergformationen, deren Abbilder im französischen Handy uns hierher gelockt hatten, haben wir schon am Vorabend gesehen, doch erst das Sonnenlicht des frühen Morgens lässt sie in ihrer vollen Schönheit erglänzen. Wir laufen einmal um den linken Zacken herum, sind vier Stunden unterwegs (drei in Bewegung, eine in Ruhe, also fotografierend, stehend staunend, rastend).
Rein in die Wüste, raus aus der Wüste, zurück in die Berge – so könnte man die Route der beiden vergangenen Tage in Kurzform beschreiben. Von den Dünen bei Tinfou sind wir noch 70 km näher an die Sahara herangefahren. In zwei Stufen haben wir uns vorgearbeitet. Hoch auf 1000 Meter, eine leere Hochebene gequert, wieder runter, wieder hoch und schließlich runter nach Mhamid, ein kleiner Ort am Rande der Sahara.
Hier werden an jeder Ecke die „Sahara Services“ angeboten: Dromedarritt in die Wüste, 4×4-Fahrten mit und ohne Übernachtung im Berberbiwak, Sandsurfen. Ansonsten gibt es kleine Hotels, ein paar Campingplätze, winzige Läden, Hitze und Staub.
Uns hält es hier nur für einen Spaziergang und ein kleines Mittagessen, dann fahren wir dieselbe Strecke wieder zurück. Die Straße ist gut, die Landschaft nur scheinbar eintönig, wir haben genug zum Gucken und ein Stündchen später sitzen wir wieder in Zagora beim gleichen Joghurtverkäufer wie am Tag zuvor. Seine Frau wirft mir aus der Küche sogar eine Kusshand zu.
Dann lenken wir den Bus nach Norden, um das Draatal zu besuchen. Der Fluss hat es geschafft, hier eine grüne Schneise zu schlagen und der Mensch hat sich nicht nur in Häusern in dieser Region niedergelassen sondern viele Kasbahs, Wohnburgen, errichtet.
Die älteste ist die in Tamnougalt, wo wir uns am Abend auf einen kleinen Campingplatz in einem idyllischen Garten stellen. Sogar ein Pfau wohnt hier.
Die Kasbah besichtigen wir am nächsten Morgen. Wir werden mit dem zweiten Mann, der sich als Führer anbietet, handelseinig. Für 50 Dirham schließt er uns die Tür zu einer Kasbah in der früheren Mellah, dem Viertel der Juden, auf. Er zeigt uns ein sehr schön gearbeitetes Fenster, die Überreste der Synagoge und die Dachterrasse, auf der man angenehm kühl schlafen konnte. Bis Ende der 50er Jahre war diese Mellah bewohnt, erzählt er.
Die Kasbah, die er uns dann zeigt, sei im Besitz seiner Familie gewesen. 13 Menschen hätten hier zusammen gewohnt. Heute leben im gesamten Ksar, dem alten Dorf, noch 20 Personen, bis vor ein paar Jahrzehnten waren es etwa 150. Vieles ist inzwischen unbewohnbar, sieht aber mit seinen beeindruckenden Lehmbauten immer noch sehr eindrucksvoll aus. Renovierungsarbeiten seien im Gange und würden mit Hilfe der Gelder, die die Touristen für die Besichtigung zahlen, finanziert. Inshallah.
Auf der Nebenstraße fahren wir weiter Richtung Osten und sehen noch viele weitere Ksars und Kasbahs und die üppigen vom Draa geschaffenen Palmenbänder. Wir passieren lebendige Dörfer, kaufen Wasser, Kaffee und Kekse ein und bestaunen die neuen Bauten, die sich im Stil an die alte Architektur anpasst.
Etwa 30 km vor Nekob erreichen wir eine größere Straße und die Landschaft ändert sich wieder komplett. Wir haben das Flusstal verlassen und queren nun eine Hochebene, eine Steinwüste flankiert von Tafelbergen.
Nekob wird als Stadt der 45 Kasbahs bezeichnet und liegt auf 1000 Meter Höhe. Es ist ruhig hier, denn heute ist der erste Tag des Ramadan und Einheimische sitzen jetzt natürlich nicht im Café.
Wir schlendern durch den Ort, sehen uns gefühlt ein Viertel aller Kasbahs an und fallen erschöpft auf den Kaffeehausstuhl und ruhen uns aus.
Danach geht es weiter Richtung Berge. Morgen wird wieder mal gewandert.
Der Sand ist kalt und feucht, als ich bei Sonnenaufgang auf den Scheitel der Düne hochstapfe. Die Sonne hat es noch nicht über den Bergkamm geschafft, meine Reisegefährten und die meisten Beduinen unten in ihren Zelten schlafen noch. Einige Vögel zwitschern schon, in der Ferne höre ich einen LKW, ein Dromedar schreit. Feine Spuren von Nebeltrinkerkäfern (PS: ein paar Tage später durch Beobachtung gelernt) durchziehen die Oberfläche der Düne.
Als wir am Nachmittag zuvor hier ankamen, war es heiß (auch für diesen Tag sind über 30 Grad angesagt), bei den Beduinenzelten war einiges los. Männer pflockten ihre Dromedare an, brachten ihnen Futter, luden die vorbeikommende Touristin auf einen Tee ein und fotografierten sie mit ihrem Lieblingskamel. Die Dame wurde mir vorgestellt, doch ich habe ihren Namen leider vergessen.
Die Dünen von Tinfou sind nur klein, aber ich bin hingerissen von den vielen Dromedaren, die ich hier aus nächster Nähe anschauen und auch streicheln darf. „Ein Dromedar mag es nicht besonders, wenn man es am Hals krault“, erklärt mir sein Besitzer. „Aber die Nase streicheln, das lieben sie.“
Unser letzter Stopp war Foum Zguid. Von dort aus sind wir 150 Kilometer hierher gefahren. Hohe Tafelberge im Hintergrund, karger Boden, vor allem mit Steinen durchsetzt, immer wieder etwas Sand dazwischen, säumen die gut ausgebaute N12. In dieser Ödnis ist es den Menschen gelungen, Felder anzulegen und Gemüse zu ziehen. Sogar Melonen werden hier angebaut. Noch ist ihre Erntezeit aber nicht gekommen.
Die erste Stadt auf unserem Weg ist Zagora. Entlang der Hauptstraße stehen prächtige Gebäude, Verwaltung und Militär, der Soukh, Geschäfte, Cafés. In den Seitengassen sind die Werkstätten, weitere Läden und einfachere Häuser zu finden. Wir kaufen Melonen (leider noch nicht von hier sondern aus Agadir) und probieren Joghurt mit Granatapfelsirup. Sehr fein.
Unser nächster Halt ist das Töpferdorf Tamegroute. Männer heizen mit getrockneten Palmwedeln die Öfen ein und bringen sie auf 1000 Grad. Wer diese harte Arbeit macht, darf am nächsten Tag bei leichterer Arbeit ausruhen, wird uns erzählt. Die Kooperative hat das so geregelt. Wir streichen durch die Gassen unterhalb der Töpfereien, fragen uns, wie es sein muss, hier zu leben. Durch eine geöffnete Tür schaue ich in eine Küche. Eine gut gekleidete junge Frau kommt mir aus einer dunklen Sackgasse freundlich grüßend entgegen.
Wieder im Tageslicht kaufen wir eine schöne Schale ein, trinken Kaffee und essen einen kleinen frisch gegrillten Spieß mit Rindfleischstückchen.
Dann fahren wir die letzten sechs Kilometer bis zum Hotel SaharaSky bei den Dünen von Tinfou. Hier haben wir am Abend eine Verabredung mit Patrick zum Sternegucken. Fritz Koring hat hier vor über zehn Jahren die einzige private Sternwarte Nordafrikas eröffnet. Auf der Dachterrasse seines Hotels sind hochwertige Teleskope installiert. Patrick, aus Belgien, ist der Haus- und Hofastronom und entführt uns in der Nacht zu den Sternen unserer Milchstraße und weiterer Galaxien. Milliarden von Sternen funkeln am schwarzen Nachthimmel, ich werde ganz schwindelig, wenn ich durchs Fernglas schaue. Eine Sternschnuppe bekomme ich zuguterletzt auch noch geschenkt.
Und noch ein Tag durch die Steinwüste. Wieder sind wir „nur“ ca. 150 Kilometer gefahren. Gucken und Staunen und Fotografieren. Und mal wieder einen Geocache suchen. Der ist in einem nahen Höhlengebiet versteckt. Eine Tropfsteinhöhle. Die Stalagtiten sehen aus als würden sie aus Schlamm gebildet sein. Hmm, da muss mir mal ein Geologe helfen. Geocache […]