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26. Stopp: Lac Tislit

Wir fahren nur wenige Kilometer, bis Schild und Schranke für eine mögliche Wintersperre auftauchen. Hier beginnt die Auffahrt zum Pass Tigherrhouzine, der auf fast 2700 m Höhe liegt. Die Straße ist gut und wir sind in Nullkommanichts oben. Allerdings sind wir in Tamatouchte, wo wir geschlafen haben, auch bei 1900 m gestartet.

Auf den nächsten etwa 40 Kilometern bis nach Imilchil bleiben wir auf einer Hochebene auf etwa 1800 Metern. Wie ein Luchs muss ich jetzt auf Schlaglöcher aufpassen. Ich fahre langsam, denn es gibt viel zu sehen und ab und zu laufen auch Schafe und Ziegen über die Fahrbahn. Achim kann aus der Nähe die schönen Bienenfresser fotografieren. Immer wieder kommen wir durch Dörfer und ich frage mich, ob es eine Form der Geschwindigkeitsbegrenzung ist, den Asphalt vor dem Ort enden und danach wieder beginnen zu lassen. Alle Häuser sind aus Lehm, Geschäfte sehen wir keine. Die Kinder spielen auf der Straße, winken uns zu, die Alten sitzen auf Mäuerchen, Steinen oder einfach auf dem Boden. Viele arbeiten auf den Feldern. Am Abend werden wir im Internet recherchieren, ob es in Marokko Reisfelder gibt (Ja, gibt es!), denn immer wieder kommen wir an Feldern mit grünen Setzlingen vorbei, die komplett unter Wasser stehen.

Schließlich erreichen wir Imichil, 1500 Einwohner, viele kleine Läden, in denen Lebensmittel, Teppiche und Allerlei für Haus und Hof verkauft wird. Wir stärken uns mit einem Kaffee und beim Bezahlen erfreue ich den Kellner mit einem freundlichen „Tanemirt“. Ich habe gelernt, dies heißt „Danke“ in der Sprache der Berber. Jedenfalls ernte ich jedesmal ein strahlendes Lächeln mit diesem kleinen Wort.

Bis zu unserem Tagesziel sind es nur noch sechs Kilometer. Der Bergsee Tislit liegt im Nationalpark Hoher Atlas auf 2100 m Höhe. Neueren Forschungen zufolge ist er (wie sein sieben Kilometer entfernter Nachbar Isli) durch einen Meteoriteneinschlag entstanden. In der Sprache der hier lebenden Berber bedeutet Tislit „See der Braut“ und Isli „See des Bräutigams“. Der Legende zufolge werden die beiden Seen aus den Tränen eines Paares gespeist, das wegen der Feindschaft zwischen ihren Familien nicht zusammenkommen konnte. Vielleicht wurde diese Geschichte aber auch durch die Tatsache angeregt, dass es in Ilmichil über Jahrzehnte hinweg im Herbst ein großes Fest gab, das zugleich als Heiratsmarkt diente.

Wir machen einen Spaziergang um den See herum, bewundern einmal mehr die ausgefallenen Bergformationen, spielen eine Runde Tavla und bewundern den Sonnenuntergang. In der Nacht lassen wir die Heizung auf kleinster Stufe laufen (bei weniger als drei Grad wird das Trinkwasser im Bus automatisch entleert). Wir messen am nächsten Morgen 4,6 Grad.

25. Stopp: Tamtatouchte

Wieder eine Überraschung am Morgen: „Ihr könnt die Dades-Schlucht ohne Vierradantrieb nur bis Tilmi fahren. Da hört der Asphalt auf und dann kommt Piste“, klärt uns unser Campingplatzbetreiber auf. „Wie? Und dann müssen wir die ganze Strecke von 60 Kilometern zurückfahren?“ So ist es wohl. Da aber der Weg das Ziel ist, nehmen wir nach dem Frühstück die zweite Hälfte der Dades-Schlucht unter die Räder und sind wieder rundum begeistert.

Gefaltete Felsen, fruchtbare Felder und immer wieder Dörfer, wo die Schlucht sich weitet und dafür Platz bietet.

Dann geht es in Kehren auf fast 3000 Meter hoch mit natürlich einzigartiger Aussicht.

Kurz vor Tilmi sehen wir ein Schild Vallée de Pommes (Apfeltal). Rechts und links der Straße gibt es jetzt Plantagen mit Apfelbäumen. Wir sind knapp unter 2000 Meter und noch blühen die Bäume hier nicht.

Wie alle Schulen in Marokko ist auch die in Tilmi bunt angemalt und wie überall schwirren die Kinder auf der Straße herum und winken uns zu. Auch „Stylo! Bonbon! Dirham“ hören wir immer wieder. Dann ist der Asphalt zu Ende, wir fahren zurück nach Msemrir, hocken uns in ein kleines Café und beratschlagen. Die normale Route führt durch die Dades-Schlucht zurück nach Boumalne im Süden, weiter Richtung Nordwesten nach Tinghir und dann nochmal durch die Todraschlucht Richtung Norden. Wir wollen nach Imilchil, weiter durch den Hohen Atlas mäandern. Ein Mann versteht wohl unsere Überlegungen in Sachen Route und fragt, warum wir nicht einfach davorn rechts abbiegen Richtung Tamtatouchte. “ Geht das denn mit unseren Autos?“, fragen wir zweifelnd. „Natürlich!“, behauptet er und zeigt uns ein Video, in dem seine gestrige Fahrt über die von ihm empfohlene Piste gezeigt wird. Freund Alain bleibt skeptisch, Achim findet es super. 38 Kilometer statt 130. Das bisschen Piste wird sich ja wohl fahren lassen. Während unsere Freund beschließen, die große Runde auf normaler Straße zu fahren, begleite ich Achim bei seinem kleinen Abenteuer. Die ersten acht Kilometer sind asphaltiert, dann wird es schottrig. Und rumpelig.

Die Landschaft mit ihren grün-rot schimmernden Bergen ist beeindruckend, die Strecke ebenso. Wir fahren hoch, wir fahren runter, es gibt tiefe Längs- und Querrinnen, wir fahren durch ein Flussbett (dem Fahrer bricht, glaube ich, der Schweiß aus. Die Beifahrerin ist längst verstummt.) Bloß kein Gegenverkehr, bitte! Felsbrocken müssen umkurvt werden, Schlaglöcher sowieso.

Geht es hier rechts oder links weiter? Achim läuft ein Stück hierhin, ein Stück dorthin, entscheidet sich für die linke Spur. Richtig gemacht!

Nach etwa 30 Kilometern atmen wir auf: hier wird die Trasse für eine neue Straße angelegt. Der Asphalt fehlt noch, aber erleichtert gleiten wir über den ebenen Untergrund. Aber, ach, bald schon ist der Spaß vorbei, wir werden von der neuen Trasse weggeleitet, müssen nebenan auf einem Feldweg weiterrumpeln.

Dann, die Nationalstraße ist fast schon in Sichtweite, die Krönung: locker aufgeschütteter Kies, ideal zum sliden. Aber Achim kommt nicht ins Rutschen, lenkt den Bus auch durch diese Hindernisstrecke sicher durch und eine Viertelstunde später checken wir auf dem winzigen Campingplatz Auberge Amazigh in Tamtatouchte ein.

Der Bus ist innen und außen mit rotem Staub bedeckt, wir machen ihn und uns ein bisschen sauber, trinken den leckeren Rosmarin-Beifußtee, den unser neuer Campingplatzbetreiber uns serviert und bestellen uns zum Abendessen leckere Putenspieße mit Pommes. Unsere Freunde treffen nach rund 150 Kilometern erst im Dunkeln ein. Auch ihnen wird zum Willkommen der gute Tee serviert.

Zu Achims Blogbeitrag kommt Ihr hier.

24. Stopp: Dades-Schlucht

Auch die Fahrt durch die 60 Kilometer lange Dades-Schlucht sorgt für viele Ahs und Ohs im Bus. Die Berge sind hier überwiegend rötlich und die Menschen haben ihre Bauten dem vielfach angepasst.

Wieder sorgt der Fluss für fruchtbares Land und jetzt im Frühling kontrastiert das intensive Grün fantastisch mit dem warmen Rot.

Während eines Spaziergangs durch die Oase entlang des Flusses entdecken wir zahlreiche Gerstenfelder, Pfirsich- und Quittenbäume und, so bisher noch nicht gesehen, viele Laubbäume wie Silberpappeln und Birken, aber auch große Flächen voller Oleander.

Eine besondere Attraktion des Dades-Tals sind die Affenpfotenfelsen, die mit ihrer außergewöhnlichen Form und Farbe bestechen.

Wir schaffen an diesem Tag nicht die komplette Strecke, weil wir uns auf unserem Campinplatz in der Todraschlucht am Vormittag viel Zeit gelassen, im Soukh von Thingir eingekauft, zweimal Kaffee mit Aussicht genossen und einen ausführlichen Spaziergang mit vielen Fotostopps gemacht haben. Gegen sechs erreichen wir einen kleinen Campingplatz in Ait Oudinar. Wir kochen mal wieder selbst, Spaghetti mit Thunfischsauce, Salat und sogar noch Schokoladeneis zum Nachtisch. Ich bin gespannt auf den weiteren Verlauf der Dades-Schlucht.

23. Stopp: Todra-Schlucht

Auch dieser Tag begann mit einem feinen Frühstück am Wadi. Dieses haben wir erst bei Tageslicht am Morgen entdeckt. Ebenso wie die Schraube im Reifen des Busses unserer Freunde. Achim hat die gute Idee, einen der recht häufig vorbeifahrenden Busse anzuhalten und nach der nächsten Autowerkstatt zu fragen. „In sieben Kilometern.“ Das sollte zu schaffen sein, denn der Reifen verliert nur ganz wenig Luft.

Eine dreiviertel Stunde später ist die viereinhalb Zentimeter lange Schraube entfernt, der Schlauch repariert und das Rad wieder montiert. Kostet 50 Dirham (5 Euro). Abermals sind wir erleichtert und sehr froh über die spontane Hilfe.

Jetzt steuern wir die Todraschlucht an, eine DER Sehenswürdigkeiten im Hohen Atlas. Ich war ja skeptisch, ob es die Fahrt wirklich wert ist, nachdem wir am Tag zuvor bereits durch die wunderschöne Schlucht bei Imiter gefahren sind. Doch zum einen ist es egal, welche Strecke im Hohen Atlas man fährt – jede ist ein Traum. Zum andern ist die Todraschlucht wirklich herrlich, obwohl es hier recht touristisch zugeht.

Wir fahren nochmals durch ein paar kleine Ortschaften, kommen an blühenden Obstgärten vorbei, beobachten die Bauern auf ihren saftig grünen Feldern, lernen Hasna kennen, die möchte, dass ich ein Foto von uns beiden mache. Dann wird es enger, aber es dauert noch 16 Kilometer, bis wir das Auto abstellen und die engste Stelle der Schlucht zu Fuß durchqueren.

Morgen wollen wir noch die benachbarte Dades- Schlucht anschauen, aber dann zieht es mich in die Einsamkeit der Berge.

21. Stopp: Ziz-Tal

Auch an meinem zweiten Morgen in der Sandwüste lasse ich mir dieses Spektakel nicht entgehen und klettere kurz vor Sonnenaufgang um sechs aus dem Bett. Ich bin nicht die Einzige. Auf den Kämmen der Dünen stehen kleine Gruppen von Menschen oder Einzelne und schauen zu, wie die Sonne hinter einem spitzen Sandberg empor klettert und den Sand in warmes Licht taucht. Zum Glück hält sich die Zahl der motorisierten Wüstenfans zurzeit in Grenzen. Es hat angenehme 16 Grad, unter meinen nackten Füßen fühlt sich der Sand kalt an, was mir alles aber lieber ist als die 30 Grad tagsüber und kochendheißer Sand, den man barfuß gar nicht betreten kann.

Als die Sonne da ist, laufe ich noch ein Stück weiter zum Dromedar-Übernachtungsplatz. Hier wird gerade gefrühstückt.

Am Tag zuvor haben wir die Hãlfte des Tages beim Bus zugebracht und gelesen, geguckt und gelesen. Die andere Hälfte waren wir am Pool und haben gelesen und gedöst. Natürlich sind wir auch geschwommen. Zischsch hat’s gemacht, als wir ins kühle Wasser glitten.

Heute fahren wir weiter, denn wenn man nicht Quad fahren, Kamel reiten oder Dünen surfen möchte, kann man bei der Hitze tagsüber nicht viel unternehmen (die Einheimischen bezeichnen die 30 Grad natürlich nicht als „Hitze“).

Wir haben in unserer Landkarte einen Vermerk gefunden:  H. – J. Voth, Goldene Spirale, Stadt des Orion. Alle Einträge im Netz dazu, die ich finde, sind ein paar Jahre alt. So schrieb beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am 8. März 2018: „Aufsehen erregte der heute 78-Jährige mit selbst-finanzierten Großskulpturen auf der Marha-Ebene in Marokko: die „Stadt des Orion“ mit archaisch wirkenden Blöcken und Türmen; die „Goldene Spirale“, die sich wie ein Brunnen in den Sand schraubt; und eine „Himmelsleiter“, eine steile Rampe mit 52 Stufen ins Nirgendwo. Mitten in der Wüste und ganz ohne Ablenkung überwinterte und arbeitete Voth 25 Jahre lang, oft in den von ihm in traditioneller Lehmbauweise errichteten, mehrstöckigen Kunstgebäuden.“ Was man davon heute noch sehen kann und wie man dorthin kommt, wissen wir nicht. Wir machen uns auf die Suche.

Als erstes stoßen wir im Dorf Fezna auf Ali, der uns das Bewässerungssystem erläutert, das wir die ganze Zeit schon sehen. „Es wurde vor 1100 Jahren angelegt und bis vor 30 Jahren durchgängig benutzt“, erklärt er uns. Aber jetzt fließt hier kein Wasser mehr. Es ist der Moderne und dem Klimawandel zum Opfer gefallen. Über eine Strecke von 40 Kilometern wurde das Wasser in Kanälen, Foggaras, aus den Bergen hierher geleitet. Im Abstand von zehn Metern gibt es Schächte, sogenannte Khettara, durch die der Abraum beim Bau der Kanäle hochgezogen wurde.

Ali ist auch derjenige, der sofort Bescheid weiß, als ich ihn nach der Landart von Hannsjörg Voth frage. Er war noch ein Junge, als „Hans“ hier arbeitete und bietet uns an, ein Auto mit Vierradantrieb zu besorgen, um uns dorthin zu bringen. Es ist nur zehn Kilometer entfernt, aber er sagt, dass der Weg teils versandet und mit unserem Bus nicht erreichbar sei. Leider werden wir nicht handelseinig. Die 650 Dirham (65 Euro) hätten wir ja noch bezahlt, aber auf einmal tauchten nochmal 150 Dirham (15 Euro) pro Person auf, die wir vor Ort dem Wärter bezahlen müssten. Mein Einwand, dass auch intensive Internetrecherche keinerlei Hinweis auf ein solch geregeltes Einlasssystem geben würde, half nicht weiter. Wir cancelten deshalb die ganze Geschichte und schauten uns die Landart durchs Fernglas an. Sehr schade.

Dieses Foto der Stadt des Orion wurde von der Universität Siegen im Internet veröffentlicht