
Wir fahren nur wenige Kilometer, bis Schild und Schranke für eine mögliche Wintersperre auftauchen. Hier beginnt die Auffahrt zum Pass Tigherrhouzine, der auf fast 2700 m Höhe liegt. Die Straße ist gut und wir sind in Nullkommanichts oben. Allerdings sind wir in Tamatouchte, wo wir geschlafen haben, auch bei 1900 m gestartet.


Auf den nächsten etwa 40 Kilometern bis nach Imilchil bleiben wir auf einer Hochebene auf etwa 1800 Metern. Wie ein Luchs muss ich jetzt auf Schlaglöcher aufpassen. Ich fahre langsam, denn es gibt viel zu sehen und ab und zu laufen auch Schafe und Ziegen über die Fahrbahn. Achim kann aus der Nähe die schönen Bienenfresser fotografieren. Immer wieder kommen wir durch Dörfer und ich frage mich, ob es eine Form der Geschwindigkeitsbegrenzung ist, den Asphalt vor dem Ort enden und danach wieder beginnen zu lassen. Alle Häuser sind aus Lehm, Geschäfte sehen wir keine. Die Kinder spielen auf der Straße, winken uns zu, die Alten sitzen auf Mäuerchen, Steinen oder einfach auf dem Boden. Viele arbeiten auf den Feldern. Am Abend werden wir im Internet recherchieren, ob es in Marokko Reisfelder gibt (Ja, gibt es!), denn immer wieder kommen wir an Feldern mit grünen Setzlingen vorbei, die komplett unter Wasser stehen.
Schließlich erreichen wir Imichil, 1500 Einwohner, viele kleine Läden, in denen Lebensmittel, Teppiche und Allerlei für Haus und Hof verkauft wird. Wir stärken uns mit einem Kaffee und beim Bezahlen erfreue ich den Kellner mit einem freundlichen „Tanemirt“. Ich habe gelernt, dies heißt „Danke“ in der Sprache der Berber. Jedenfalls ernte ich jedesmal ein strahlendes Lächeln mit diesem kleinen Wort.



Bis zu unserem Tagesziel sind es nur noch sechs Kilometer. Der Bergsee Tislit liegt im Nationalpark Hoher Atlas auf 2100 m Höhe. Neueren Forschungen zufolge ist er (wie sein sieben Kilometer entfernter Nachbar Isli) durch einen Meteoriteneinschlag entstanden. In der Sprache der hier lebenden Berber bedeutet Tislit „See der Braut“ und Isli „See des Bräutigams“. Der Legende zufolge werden die beiden Seen aus den Tränen eines Paares gespeist, das wegen der Feindschaft zwischen ihren Familien nicht zusammenkommen konnte. Vielleicht wurde diese Geschichte aber auch durch die Tatsache angeregt, dass es in Ilmichil über Jahrzehnte hinweg im Herbst ein großes Fest gab, das zugleich als Heiratsmarkt diente.


Wir machen einen Spaziergang um den See herum, bewundern einmal mehr die ausgefallenen Bergformationen, spielen eine Runde Tavla und bewundern den Sonnenuntergang. In der Nacht lassen wir die Heizung auf kleinster Stufe laufen (bei weniger als drei Grad wird das Trinkwasser im Bus automatisch entleert). Wir messen am nächsten Morgen 4,6 Grad.

























































