30. und 31. Stopp: Im Rifgebirge – Taounate und Chefchaouen

Wir sind ziemlich kaputt vom frühen Aufstehen und dem vielen Laufen durch die Gassen von Fès (nicht vom Trubel, es war am frühen Vormittag kaum jemand unterwegs), als wir uns Richtung Rifgebirge aufmachen. Das Wetter ist seltsam: sehr windig und später dann recht diesig.

Schon früh kommen wir auf dem kleinen Zeltplatz nordwestlich von Taounate an und kochen Kaffee, machen ein Nachmittagsschläfchen, lesen, studieren die Landkarte, kochen und genießen die Aussicht.

Am nächsten Morgen sind wir fit und wieder voller Tatendrang. 180 Kilometer durchs Rifgebirge liegen vor uns. Am Abend wollen wir in Chefchaouen, einer der schönsten Städte Marokkos, sein.

Es ist noch immer diesig, als wir aufbrechen. Der Wind hat nachgelassen, das Thermometer zeigt 21 Grad. Wir sind am Rande der Berge auf rund 400 Meter Höhe.

An der ersten Tankstelle halten wir an und fragen nach Trinkwasser. „Klar, gern. Willkommen!“ Wir bekommen nicht nur das Wasser geschenkt sondern auch noch zwei Handvoll Erbsen, frisch vom Beet nebenan gepflückt, ein Büschel Koriander und ein kleines Fläschchen Olivenöl aus Eigenanbau. Den guten Ratschlag, auf der folgenden Strecke aufzupassen, werden wir beherzigen. „Die Leute dort wollen Euch Haschisch verkaufen!“

Zunächst einmal müssen wir auf die Schlaglöcher aufpassen. Hoffentlich bleibt das nicht so!

Bleibt es nicht. Die Straße ist zwar schmal und etwas holprig aber im Grunde ganz gut befahrbar. Im Laufe der Zeit windet sie sich auf über 1600 Meter hoch. Wir blicken hinunter ins Tal und sehen, dass hier Felder im Terrassenanbau bewirtschaftet und teils auch bewässert werden. Was dort wächst, erkennen wir nicht. Hier im Rifgebirge wird seit Alters her Hanf angebaut und seit den 60er Jahren zu Haschisch verarbeitet. Laut einem aktuellen Artikel in Capital waren es die Hippies, die den hiesigen Kleinbauern beibrachten, wie das geht. Der Hanfanbau ist in Marokko seit 1974 verboten, was aber, so lesen wir überall, nichts an der Tatsache ändert, dass nach wie vor viele Kleinst- und Kleinbauern ihren Lebensunterhalt damit verdienen.

Zu Mittag sind wir bei 12 Grad auf 1670 Metern, dem höchsten Punkt dieser Fahrt und machen uns ein Süppchen warm. Dann geht es völlig unbehelligt noch 100 Kilometer weiter, durch große Zedern-und Kiefernwälder bis wir am Nachmittag gegen vier Chefchaouen erreichen.

Die Atmosphäre hier ist freundlich, weltoffen, entspannt. Die blau getünchten Häuser sind eine Augenweide, beim Shopping geht es unaufdringlich zu, auf dem zentralen Platz in der Medina gibt es gegenüber von Kasbah und Moschee viele Cafés und Restaurants, in denen man gemütlich sitzen und dem Treiben zuschauen kann. Hier ist richtig viel los: Einheimische, die hier in der Altstadt leben, Touristen, vor allem viele junge Leute, Händler, Handwerker.

29. Stopp: Fes

In einem Garten voller blühender Kirschbäume beim Klappern von Störchen wach zu werden, ist etwas ganz Besonderes. Zum Frühstück platzieren wir Tisch und Stühle direkt unter dem Blütendach.

Dann gehen wir auf die Pirsch. Ein Spaziergang von einer Dreiviertelstunde durch den blühenden Mittleren Atlas voller Schmetterlingen, Spechten und Störchen bringt uns zu den Zedern im Nationalpark. Vielleicht haben wir heute wieder Glück und erspähen ein paar Berberaffen? Es gibt einen markierten Weg, dem wir folgen. Wo er wohl hinführt? Leise, ganz leise sind wir im Wald, um die scheuen Tiere nicht zu erschrecken. Können wir das eine oder andere entdecken? Traut sich eins in unsere Nähe? Hm, nein, nichts zu sehen weit und breit.

Dann queren wir einen breiteren Weg und plötzlich sehe ich ein Auto. Ein Auto? Im Nationalpark? „Schau, da ist ein Parkplatz!“, erkennt Achim. Und auf einmal sind auch die Affen da. Und Männer, die Erdnüsse als Affenfutter anbieten. Und Touristen. Und Männer, die ihre Pferde für einen kurzen Ausritt durch die Zedern anbieten. Jetzt kennen wir das Ziel des markierten Weges.

Scheue Berberäffchen? Hier jedenfalls nicht. Sie hocken und gucken und lausen sich und springen an Dir hoch, wenn Du eine Erdnuss in der Hand hast. Du kannst bis auf wenige Zentimeter an sie ran, ihr Fluchtinstinkt ist gleich Null. Menschen =  Fressen scheint ihre Gleichung geworden zu sein. Kein Wunder, dass wir im Wald keins der Tiere entdeckt haben. Das Affentheater findet hier statt. Dennoch freue ich mich, die Affen aus nächster Nähe beobachten und fotografieren zu können. Ein Video fürs Enkelkind daheim ist auch noch drin.

Am frühen Nachmittag geht es weiter nach Ifrane und das passt zur seltsamen Atmosphäre beim Affenparkplatz. Hier scheint man Afrika verlassen und Europa erreicht zu haben. Die Architektur ist komplett anders als wir sie im Rest des Landes erlebt haben. Keine Lehmhäuser mehr, stattdessen dominieren Steinhäuser und Satteldächer das Stadtbild. Am Stadtplatz gibt es große Cafés, alles ist modern und wirkt steril. Die Franzosen haben die Stadt während der Kolonialzeit aus dem Boden gestampft und als Luftkurort genossen. Heute sind es betuchte Marrokaner und Touristen, die es hierher zieht.

Mich zieht es weg und ich bin freue mich auf Fes. Zweimal war ich bereits hier und die größte Medina des Landes mit mehr als 9000 Gässchen hat nach wie vor eine große Anziehungskraft auf mich.

Aber zunächst einmal fahren wir 15 Kilometer lang durch das moderne Fes. Dreispurige Straßen führen ins Zentrum. Hier dominieren teurere moderne Autos den Verkehr, hohe Betonhäuser säumen wie in vielen anderen Großstädten der Welt den Weg. Wie wohl ein Marokkaner aus dem Hohen Atlas sich hier zurecht finden würde? Wir sind hier in vertrauter Umgebung, er wäre in einer anderen Welt.

Schließlich dürfen auch wir wieder in eine andere Welt eintauchen. Durch ein großes Tor treten wir ein und laufen die nächsten Stunden durch vielleicht ein paar hundert der insgesamt 9000 Gassen der größten Medina Marokkos. Ein Geschäft reiht sich ans andere. Aber es gibt auch die stattlichen Tore, kunstvoll gebaute Koranschulen, Moscheen, Brunnen und Privathäuser. Wir lassen uns treiben, zum Sonnenuntergang schließen die meisten, wir gehen essen und kommen am Morgen noch einmal wieder zum Frühstücken, Schlendern und Schauen. Leider machen die meisten Läden erst recht spät auf. Selbst gegen elf haben viele noch zu. Ob das mit dem Ramadan zu tun hat, finden wir nicht raus. Gegen Mittag verlassen wir die Stadt und fahren weiter nach Norden Richtung Rif-Gebirge.

28. Stopp: Azrou

Ich weiß nicht, ob ich jemals an einem Tag so viele Schafe gesehen habe wie heute. Wir sind etwa 160 Kilometer gefahren und haben auf dieser Strecke zig zig zig Herden gesehen. Rechts der Straße, links der Straße, auf der Straße. Immer gut bewacht.

An manchen Stellen unterwegs hätte man Steine ernten

oder Mohn pflücken können.

Bei diesem weißen Bodenbelag dachten wir zunächst an Salzkristalle. Erst aus der Nähe entdecke ich, dass es ein Blütenteppich auf Wasser ist! Plantnet weiß auch, was hier wächst: Wasserhahnenklee. Ich bin begeistert.

Bald erreichen wir Khenifra, finden eine Bäckerei mit leckeren marokkanischen Keksen und knackigem Baguette, das es später zum Mittagessen gibt, einen Supermarkt, der Kaffee und Käse für uns hat, einen Dattelhändler und natürlich Obst- und Gemüsestände. Als wir gerade in den Bus gestiegen sind, wird das Beifahrerfenster von fünf jungen Mädchen umringt. Ich lasse das Fenster herunter und sie schnattern auf Arabisch und Französisch los, gucken neugierig in den Bus, machen uns Komplimente und stieben lachend und nach Kusshändchen wieder auseinander, als ich mich nach ein paar Minuten von ihnen verabschiede.

Zum Mittagessen mit Baguette, Käse, Datteln und Oliven finden wir diesmal problemlos eine Nische am Rand der kaum befahrenen Straße bei bester Aussicht. Leben wie Gott in Marokko.

Kurz vor Les Sources de Oum er-Rbia, dem Quellgebiet des längsten Flusses des Landes sind die Felsen mit bunten Teppichen gesprenkelt. Waschtag und Vorbereitung auf die Saison. Was hier in der Hochsaison los sein muss, können wir erahnen, als wir uns zu einem kleinen Spaziergang zur Quelle aufmachen. Zwei riesige Parkplätze (auf denen wir allein stehen) sind schon fertig, ein weiterer ist im Bau. Aber vor allem: auf dem etwa viertelstündigen Weg zur Quelle reiht sich eine (derzeit leere) Verkaufsbude an die andere. Wand an Wand. Wir können es gar nicht fassen.

Unser nächstes Ziel sind die Zedernwälder bei Azrou. Dort leben die Berberaffen. Vor etwa zehn Jahren waren wir hier von den neugierigen und frechen Äffchen umringt, diesmal bleiben sie scheu im Wald und auf den 40 Kilometern, die wir auf wirklich nicht empfehlenswerter Strecke durch den Nationalpark fahren (mehr als zwei Stunden von einem Schlagloch zum nächsten) sehen wir zweimal kurz ein paar der Tiere. Dafür umso schönere Bäume.

Sehr überraschend auch die Temperaturwechsel des Tages: in Khenifra ist es heiß bei über 25 Grad, später beim Mittagessen sehr angenehm bei um die 20, wir können es ohne Schatten geradeso aushalten. In den Zedernwäldern geht die Temperatur dann auf kühle 12 Grad runter. Als ich am nächsten Morgen in unserem blühenden Kirschgarten auf dem Campingplatz Amazigh aufwache, hat es sechs Grad.

Achims Blogbeitrag findest du hier.

27. Stopp: Sidi Yahya ou Saad

Während ich diese Zeilen schreibe, gackert neben dem Bus ein Huhn, etwas weiter entfernt schreit ein Esel. Dem werde ich später noch mein in der Bordküche gesammeltes Futter bringen. Wir stehen neben dem Brunnen beim Weiler Sidi Yahya ou Saad an der RN 29.

Gefühlt treten wir von hier aus den Heimweg an, obwohl noch zehn Tage Marokko vor uns liegen. Aber nun ist die Planung gemacht für die verbleibende Zeit, nun verabschieden wir uns von unseren Freunden und vom Hohen Atlas und schwenken Richtung Nord-Osten.

Vom Lac Tizli haben wir uns nach einem grandiosen Sonnenaufgang (und einem späten Frühstück) verabschiedet, nicht ohne einmal mehr in die Bergeinsamkeit einzutauchen auf der Piste zum Nachbarsee Isli. Wir nehmen einen Mann mit, der am Straßenrand steht und um Mitnahme bittet. Ihm schenke ich die warmen Hosen und Jacken, die ich für Kinder im Hohen Atlas von zu Hause mitgebracht habe. Wir haben selbst gespürt, wie kalt es hier sogar im Frühling sein kann und die verstreut liegenden einfachen Lehmhäuser sprechen für sich.

Der See besticht durch sein intensives Blau und ich ziehe die Schuhe aus und wate hinein. Doch schon nach dem zweiten Schritt sinke ich bis zu den Knien im tiefschwarzen Matsch ein. Eine Reinigungsaktion am Bus und eine Orangenpause später fahren wir den nächsten Pass hoch, der mit einem von Graffiti übersäten Monument gekrönt ist.

In Serpentinen geht es auf sehr guter Straße wieder hinunter und hier gibt es dann nichts mehr außer Landschaft. Keine Menschen, keine Dörfer. Aber wir haben Hunger und finden zum Glück einen flachen Platz nahe der Straße für ein Picknick.

Bald erreichen wir eine neue, liebliche Landschaft, fruchtbar, leicht hügelig. Wir sind immer noch auf 1400 Meter und ich fühle mich ans Allgäu erinnert.

Campingplätze gibt es hier weit und breit nicht und wir machen uns auf die Suche nach einem Platz für die Nacht. Das ist nicht ganz einfach, denn die Straßen sind meist erhöht gebaut und haben eine tiefe Kante, die wir nicht runterfahren können. Geeignete Plätzchen zum Übernachten finden wir nicht. Schließlich stoßen wir auf eine Beschreibung in Park4Night, die uns gut gefällt: „Ein ebener Parkplatz in einem kleinen Weiler bei einem Trinkwasserbrunnen.“ Bingo.

Als wir gegen sechs hier ankommen, sitzen ein paar Männer (auf der einen) und ein paar Frauen (auf der anderen Seite) am Brunnen, der außerhalb der Ortschaft liegt. Ich grüße sie und frage, ob es in Ordnung ist, wenn wir für eine Nacht hier stehen bleiben. Sie nicken und mit ein paar Brocken Französisch und der lieb gewonnenen Geste Hand aufs Herz heißen sie uns willkommen.

Couscous und Gemüse werden zubereitet, später sitzen wir, bereits im Dunklen, zum Essen draußen. Ein paar Hunde, die Alain vorher gefüttert hat, hocken in ein paar Meter Abstand und schauen uns zu, die Menschen aus dem Dorf sind zum Essen nach Hause gegangen und dann fliegt die ISS über uns hinweg. Wieder mal ein besonderer Platz für die Nacht.

26. Stopp: Lac Tislit

Wir fahren nur wenige Kilometer, bis Schild und Schranke für eine mögliche Wintersperre auftauchen. Hier beginnt die Auffahrt zum Pass Tigherrhouzine, der auf fast 2700 m Höhe liegt. Die Straße ist gut und wir sind in Nullkommanichts oben. Allerdings sind wir in Tamatouchte, wo wir geschlafen haben, auch bei 1900 m gestartet.

Auf den nächsten etwa 40 Kilometern bis nach Imilchil bleiben wir auf einer Hochebene auf etwa 1800 Metern. Wie ein Luchs muss ich jetzt auf Schlaglöcher aufpassen. Ich fahre langsam, denn es gibt viel zu sehen und ab und zu laufen auch Schafe und Ziegen über die Fahrbahn. Achim kann aus der Nähe die schönen Bienenfresser fotografieren. Immer wieder kommen wir durch Dörfer und ich frage mich, ob es eine Form der Geschwindigkeitsbegrenzung ist, den Asphalt vor dem Ort enden und danach wieder beginnen zu lassen. Alle Häuser sind aus Lehm, Geschäfte sehen wir keine. Die Kinder spielen auf der Straße, winken uns zu, die Alten sitzen auf Mäuerchen, Steinen oder einfach auf dem Boden. Viele arbeiten auf den Feldern. Am Abend werden wir im Internet recherchieren, ob es in Marokko Reisfelder gibt (Ja, gibt es!), denn immer wieder kommen wir an Feldern mit grünen Setzlingen vorbei, die komplett unter Wasser stehen.

Schließlich erreichen wir Imichil, 1500 Einwohner, viele kleine Läden, in denen Lebensmittel, Teppiche und Allerlei für Haus und Hof verkauft wird. Wir stärken uns mit einem Kaffee und beim Bezahlen erfreue ich den Kellner mit einem freundlichen „Tanemirt“. Ich habe gelernt, dies heißt „Danke“ in der Sprache der Berber. Jedenfalls ernte ich jedesmal ein strahlendes Lächeln mit diesem kleinen Wort.

Bis zu unserem Tagesziel sind es nur noch sechs Kilometer. Der Bergsee Tislit liegt im Nationalpark Hoher Atlas auf 2100 m Höhe. Neueren Forschungen zufolge ist er (wie sein sieben Kilometer entfernter Nachbar Isli) durch einen Meteoriteneinschlag entstanden. In der Sprache der hier lebenden Berber bedeutet Tislit „See der Braut“ und Isli „See des Bräutigams“. Der Legende zufolge werden die beiden Seen aus den Tränen eines Paares gespeist, das wegen der Feindschaft zwischen ihren Familien nicht zusammenkommen konnte. Vielleicht wurde diese Geschichte aber auch durch die Tatsache angeregt, dass es in Ilmichil über Jahrzehnte hinweg im Herbst ein großes Fest gab, das zugleich als Heiratsmarkt diente.

Wir machen einen Spaziergang um den See herum, bewundern einmal mehr die ausgefallenen Bergformationen, spielen eine Runde Tavla und bewundern den Sonnenuntergang. In der Nacht lassen wir die Heizung auf kleinster Stufe laufen (bei weniger als drei Grad wird das Trinkwasser im Bus automatisch entleert). Wir messen am nächsten Morgen 4,6 Grad.

25. Stopp: Tamtatouchte

Wieder eine Überraschung am Morgen: „Ihr könnt die Dades-Schlucht ohne Vierradantrieb nur bis Tilmi fahren. Da hört der Asphalt auf und dann kommt Piste“, klärt uns unser Campingplatzbetreiber auf. „Wie? Und dann müssen wir die ganze Strecke von 60 Kilometern zurückfahren?“ So ist es wohl. Da aber der Weg das Ziel ist, nehmen wir nach dem Frühstück die zweite Hälfte der Dades-Schlucht unter die Räder und sind wieder rundum begeistert.

Gefaltete Felsen, fruchtbare Felder und immer wieder Dörfer, wo die Schlucht sich weitet und dafür Platz bietet.

Dann geht es in Kehren auf fast 3000 Meter hoch mit natürlich einzigartiger Aussicht.

Kurz vor Tilmi sehen wir ein Schild Vallée de Pommes (Apfeltal). Rechts und links der Straße gibt es jetzt Plantagen mit Apfelbäumen. Wir sind knapp unter 2000 Meter und noch blühen die Bäume hier nicht.

Wie alle Schulen in Marokko ist auch die in Tilmi bunt angemalt und wie überall schwirren die Kinder auf der Straße herum und winken uns zu. Auch „Stylo! Bonbon! Dirham“ hören wir immer wieder. Dann ist der Asphalt zu Ende, wir fahren zurück nach Msemrir, hocken uns in ein kleines Café und beratschlagen. Die normale Route führt durch die Dades-Schlucht zurück nach Boumalne im Süden, weiter Richtung Nordwesten nach Tinghir und dann nochmal durch die Todraschlucht Richtung Norden. Wir wollen nach Imilchil, weiter durch den Hohen Atlas mäandern. Ein Mann versteht wohl unsere Überlegungen in Sachen Route und fragt, warum wir nicht einfach davorn rechts abbiegen Richtung Tamtatouchte. “ Geht das denn mit unseren Autos?“, fragen wir zweifelnd. „Natürlich!“, behauptet er und zeigt uns ein Video, in dem seine gestrige Fahrt über die von ihm empfohlene Piste gezeigt wird. Freund Alain bleibt skeptisch, Achim findet es super. 38 Kilometer statt 130. Das bisschen Piste wird sich ja wohl fahren lassen. Während unsere Freund beschließen, die große Runde auf normaler Straße zu fahren, begleite ich Achim bei seinem kleinen Abenteuer. Die ersten acht Kilometer sind asphaltiert, dann wird es schottrig. Und rumpelig.

Die Landschaft mit ihren grün-rot schimmernden Bergen ist beeindruckend, die Strecke ebenso. Wir fahren hoch, wir fahren runter, es gibt tiefe Längs- und Querrinnen, wir fahren durch ein Flussbett (dem Fahrer bricht, glaube ich, der Schweiß aus. Die Beifahrerin ist längst verstummt.) Bloß kein Gegenverkehr, bitte! Felsbrocken müssen umkurvt werden, Schlaglöcher sowieso.

Geht es hier rechts oder links weiter? Achim läuft ein Stück hierhin, ein Stück dorthin, entscheidet sich für die linke Spur. Richtig gemacht!

Nach etwa 30 Kilometern atmen wir auf: hier wird die Trasse für eine neue Straße angelegt. Der Asphalt fehlt noch, aber erleichtert gleiten wir über den ebenen Untergrund. Aber, ach, bald schon ist der Spaß vorbei, wir werden von der neuen Trasse weggeleitet, müssen nebenan auf einem Feldweg weiterrumpeln.

Dann, die Nationalstraße ist fast schon in Sichtweite, die Krönung: locker aufgeschütteter Kies, ideal zum sliden. Aber Achim kommt nicht ins Rutschen, lenkt den Bus auch durch diese Hindernisstrecke sicher durch und eine Viertelstunde später checken wir auf dem winzigen Campingplatz Auberge Amazigh in Tamtatouchte ein.

Der Bus ist innen und außen mit rotem Staub bedeckt, wir machen ihn und uns ein bisschen sauber, trinken den leckeren Rosmarin-Beifußtee, den unser neuer Campingplatzbetreiber uns serviert und bestellen uns zum Abendessen leckere Putenspieße mit Pommes. Unsere Freunde treffen nach rund 150 Kilometern erst im Dunkeln ein. Auch ihnen wird zum Willkommen der gute Tee serviert.

Zu Achims Blogbeitrag kommt Ihr hier.

24. Stopp: Dades-Schlucht

Auch die Fahrt durch die 60 Kilometer lange Dades-Schlucht sorgt für viele Ahs und Ohs im Bus. Die Berge sind hier überwiegend rötlich und die Menschen haben ihre Bauten dem vielfach angepasst.

Wieder sorgt der Fluss für fruchtbares Land und jetzt im Frühling kontrastiert das intensive Grün fantastisch mit dem warmen Rot.

Während eines Spaziergangs durch die Oase entlang des Flusses entdecken wir zahlreiche Gerstenfelder, Pfirsich- und Quittenbäume und, so bisher noch nicht gesehen, viele Laubbäume wie Silberpappeln und Birken, aber auch große Flächen voller Oleander.

Eine besondere Attraktion des Dades-Tals sind die Affenpfotenfelsen, die mit ihrer außergewöhnlichen Form und Farbe bestechen.

Wir schaffen an diesem Tag nicht die komplette Strecke, weil wir uns auf unserem Campinplatz in der Todraschlucht am Vormittag viel Zeit gelassen, im Soukh von Thingir eingekauft, zweimal Kaffee mit Aussicht genossen und einen ausführlichen Spaziergang mit vielen Fotostopps gemacht haben. Gegen sechs erreichen wir einen kleinen Campingplatz in Ait Oudinar. Wir kochen mal wieder selbst, Spaghetti mit Thunfischsauce, Salat und sogar noch Schokoladeneis zum Nachtisch. Ich bin gespannt auf den weiteren Verlauf der Dades-Schlucht.

23. Stopp: Todra-Schlucht

Auch dieser Tag begann mit einem feinen Frühstück am Wadi. Dieses haben wir erst bei Tageslicht am Morgen entdeckt. Ebenso wie die Schraube im Reifen des Busses unserer Freunde. Achim hat die gute Idee, einen der recht häufig vorbeifahrenden Busse anzuhalten und nach der nächsten Autowerkstatt zu fragen. „In sieben Kilometern.“ Das sollte zu schaffen sein, denn der Reifen verliert nur ganz wenig Luft.

Eine dreiviertel Stunde später ist die viereinhalb Zentimeter lange Schraube entfernt, der Schlauch repariert und das Rad wieder montiert. Kostet 50 Dirham (5 Euro). Abermals sind wir erleichtert und sehr froh über die spontane Hilfe.

Jetzt steuern wir die Todraschlucht an, eine DER Sehenswürdigkeiten im Hohen Atlas. Ich war ja skeptisch, ob es die Fahrt wirklich wert ist, nachdem wir am Tag zuvor bereits durch die wunderschöne Schlucht bei Imiter gefahren sind. Doch zum einen ist es egal, welche Strecke im Hohen Atlas man fährt – jede ist ein Traum. Zum andern ist die Todraschlucht wirklich herrlich, obwohl es hier recht touristisch zugeht.

Wir fahren nochmals durch ein paar kleine Ortschaften, kommen an blühenden Obstgärten vorbei, beobachten die Bauern auf ihren saftig grünen Feldern, lernen Hasna kennen, die möchte, dass ich ein Foto von uns beiden mache. Dann wird es enger, aber es dauert noch 16 Kilometer, bis wir das Auto abstellen und die engste Stelle der Schlucht zu Fuß durchqueren.

Morgen wollen wir noch die benachbarte Dades- Schlucht anschauen, aber dann zieht es mich in die Einsamkeit der Berge.

22. Stopp: Tirga im Hohen Atlas

Was für ein Tag! Er beginnt mit einem prächtigen Frühstück, führt uns in eine Polizeistation und endet mit der Suche nach einem Stellplatz im Dunkeln. Doch der Reihe nach.

Meine lieben Mitreisenden lassen es sich nicht nehmen, mir einen wunderschönen Geburtstagstisch zum Frühstück aufzubauen: Tischdecke, Blümchen, Geschenke und alles, was die Bordküchen so hergeben an Schinken, Käse, Datteln, Oliven, Eier und Melonen. Ein Ständchen dazu und ich kann vergnügt ins neue Lebensjahr rutschen.

Zwei Stunden später fahren wir einen kleinen Pass hoch und bewundern die Schaffenskraft des Flusses Ziz, der kaum zu sehen ist aber für eine riesige Flussoase sorgt.

Bald danach lassen wir uns eine Bananenmilch und einen Eiskaffee (!) schmecken. Erstere vom Besitzer des Cafés La Vallée de Ziz gemixt, zweitere zur Hälfte ebenfalls von ihm, die leckere Einlage stammt aus Dorothees Bordküche bzw. dem Marjane-Supermarkt, dem sie vorher in Errachidia einen Besuch abgestattet hat. Wir klönen noch ein Stündchen mit zwei jungen Norwegern, die sich zu uns setzen, dann brechen wir auf und verlassen in Rich die Nationalstraße. Wir wollen auf einer kleinen Straße Richtung Berge.

Der Ort ist schnell durchquert, wir rollen gerade über die Ausfallstraße, als uns ein Polizeiwagen mit Blaulicht entgegenkommt und uns unmissverständlich zum Halten auffordert. Sofortige Gewissenserforschung: zu schnell gefahren? Stoppschild übersehen? Wir kurbeln die Fenster runter und ein freundlicher Polizist macht mich darauf aufmerksam, dass ich wohl meine Handtasche im Café habe liegen lassen. Was? Wo ist sie? Ich blicke mich im Bus um. Oh! Ja! Keine Handtasche! Er erklärt mir, dass wir mit ihm und seinem Kollegen zur Polizeistation in Rich fahren sollen, denn dorthin werde die Tasche gebracht. Wir folgen dem Polizeiauto, fahren die paar Kilometer zurück und sitzen bald darauf im Vorraum der Polizeistation von Rich. Sie sieht ähnlich aus wie die bei uns zuhause, die vier weiteren Polizisten und die eine junge Polizistin kümmern sich nicht weiter um uns. Vom Polizisten, der uns auf der Straße abgefangen hat, erfahren wir nun den Rest der Geschichte. Der Besitzer des Café-Restaurants La Vallée de Ziz (kurz hinter dem Tunnel Zaabal) hat meine Tasche entdeckt, die Polizei informiert und beschrieben, dass wir mit zwei Campervans, einem grauen und einem dunklen, unterwegs sind. Daraufhin ist ein Streifenwagen aus Rich zur Straße nach Midelt gefahren und der andere hat unsere R 706 nach Westen kontrolliert. Wie schön, dass er uns gefunden hat!

Dann kommt ein Mann von draußen rein, ich strahle ihn an, denn er hält meine Handtasche in der Hand. Ich werde von „unserem“ freundlichen Polizisten aufgefordert, den Inhalt zu kontrollieren. Der Pass, das allerwichtigste, steckt wohlbehalten in einer Innentasche, das Portemonnaie ist da und die Geldscheine, die ich gerade in Errachidia frisch hineingesteckt habe, sind auch da. Nach vielen „Shukran“ und „Merci“ (wie schön, dass ich noch eine Packung gleichen Namens im Bus hatte) verlassen wir beglückt die Polizeistation.

Wir haben gar nicht viel Zeit, bis es schon wieder aufregend wird. Erst führt der Weg uns über eine Hochebene, schöne Berge auch hier rechts und links. Marokko verwöhnt einen sehr.

Dann ziehen sich die Berge immer mehr zusammen, wachsen über sich selbst hinaus und bilden eine Schlucht wie es dramatischer nicht mehr geht. Dennoch läuft unten das schmale Palmenband, dass den Fluss begleitet, weiter und der Mensch hat dem Fels auch noch Platz für Häuser abgerungen. In unserer Landkarte ist hier kaum noch ein Ort eingezeichnet, doch alle paar Kilometer tauchen neue Dörfer auf, in denen die Alten uns nachblicken und die Kinder uns zuwinken. Einmal müssen wir wegen eines Rettungswagens stehenbleiben und die Kinder umringen den Bus und fordern Bonbons. Nein, nein, nein, gebe ich ihnen mit energischen Kopfschütteln zu verstehen und bin ganz froh, als wir weiterfahren können. Meistens aber sind die Kinder nur neugierig und aufgeregt.

Langsam wird es Abend und wir brauchen einen Platz für die zwei Busse. In der Schlucht ist kein Platz, in den Dörfern auch nicht, dann wird es dunkel. Es dauert nur noch ein Viertelstündchen, bis wir direkt neben der Straße einen großen, freien, ebenen Platz entdecken. Perfekt. Wir parken die Busse, ein Campari-Orange und viele leckere Snacks werden herbeigezaubert und der Geburtstag kann entspannt ausklingen.

Am nächsten Morgen sieht es hier so aus:

21. Stopp: Ziz-Tal

Auch an meinem zweiten Morgen in der Sandwüste lasse ich mir dieses Spektakel nicht entgehen und klettere kurz vor Sonnenaufgang um sechs aus dem Bett. Ich bin nicht die Einzige. Auf den Kämmen der Dünen stehen kleine Gruppen von Menschen oder Einzelne und schauen zu, wie die Sonne hinter einem spitzen Sandberg empor klettert und den Sand in warmes Licht taucht. Zum Glück hält sich die Zahl der motorisierten Wüstenfans zurzeit in Grenzen. Es hat angenehme 16 Grad, unter meinen nackten Füßen fühlt sich der Sand kalt an, was mir alles aber lieber ist als die 30 Grad tagsüber und kochendheißer Sand, den man barfuß gar nicht betreten kann.

Als die Sonne da ist, laufe ich noch ein Stück weiter zum Dromedar-Übernachtungsplatz. Hier wird gerade gefrühstückt.

Am Tag zuvor haben wir die Hãlfte des Tages beim Bus zugebracht und gelesen, geguckt und gelesen. Die andere Hälfte waren wir am Pool und haben gelesen und gedöst. Natürlich sind wir auch geschwommen. Zischsch hat’s gemacht, als wir ins kühle Wasser glitten.

Heute fahren wir weiter, denn wenn man nicht Quad fahren, Kamel reiten oder Dünen surfen möchte, kann man bei der Hitze tagsüber nicht viel unternehmen (die Einheimischen bezeichnen die 30 Grad natürlich nicht als „Hitze“).

Wir haben in unserer Landkarte einen Vermerk gefunden:  H. – J. Voth, Goldene Spirale, Stadt des Orion. Alle Einträge im Netz dazu, die ich finde, sind ein paar Jahre alt. So schrieb beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am 8. März 2018: „Aufsehen erregte der heute 78-Jährige mit selbst-finanzierten Großskulpturen auf der Marha-Ebene in Marokko: die „Stadt des Orion“ mit archaisch wirkenden Blöcken und Türmen; die „Goldene Spirale“, die sich wie ein Brunnen in den Sand schraubt; und eine „Himmelsleiter“, eine steile Rampe mit 52 Stufen ins Nirgendwo. Mitten in der Wüste und ganz ohne Ablenkung überwinterte und arbeitete Voth 25 Jahre lang, oft in den von ihm in traditioneller Lehmbauweise errichteten, mehrstöckigen Kunstgebäuden.“ Was man davon heute noch sehen kann und wie man dorthin kommt, wissen wir nicht. Wir machen uns auf die Suche.

Als erstes stoßen wir im Dorf Fezna auf Ali, der uns das Bewässerungssystem erläutert, das wir die ganze Zeit schon sehen. „Es wurde vor 1100 Jahren angelegt und bis vor 30 Jahren durchgängig benutzt“, erklärt er uns. Aber jetzt fließt hier kein Wasser mehr. Es ist der Moderne und dem Klimawandel zum Opfer gefallen. Über eine Strecke von 40 Kilometern wurde das Wasser in Kanälen, Foggaras, aus den Bergen hierher geleitet. Im Abstand von zehn Metern gibt es Schächte, sogenannte Khettara, durch die der Abraum beim Bau der Kanäle hochgezogen wurde.

Ali ist auch derjenige, der sofort Bescheid weiß, als ich ihn nach der Landart von Hannsjörg Voth frage. Er war noch ein Junge, als „Hans“ hier arbeitete und bietet uns an, ein Auto mit Vierradantrieb zu besorgen, um uns dorthin zu bringen. Es ist nur zehn Kilometer entfernt, aber er sagt, dass der Weg teils versandet und mit unserem Bus nicht erreichbar sei. Leider werden wir nicht handelseinig. Die 650 Dirham (65 Euro) hätten wir ja noch bezahlt, aber auf einmal tauchten nochmal 150 Dirham (15 Euro) pro Person auf, die wir vor Ort dem Wärter bezahlen müssten. Mein Einwand, dass auch intensive Internetrecherche keinerlei Hinweis auf ein solch geregeltes Einlasssystem geben würde, half nicht weiter. Wir cancelten deshalb die ganze Geschichte und schauten uns die Landart durchs Fernglas an. Sehr schade.

Dieses Foto der Stadt des Orion wurde von der Universität Siegen im Internet veröffentlicht