Der „Arbeitstitel“ unserer Herbsttour in den Süden war Steiermarken. Letzte Woche in den Marken sind wir nun in der Steiermark angekommen.
Von Venedig aus haben wir einen 400 Kilometer Sprung nach Nordosten gemacht und sind am Abend in Stainz, einem kleinen Ort im Land des Schilcher angekommen. Diese Weinspezialität der Weststeiermark mussten wir gleich noch verkosten.
Am Morgen haben wir von unserem Stellplatz aus einen schönen Blick auf die Burg.
Nach dem Frühstück holen wir die Räder vom Bus und machen uns auf die „Schilchertour“. Dem E-Bike sei dank ist es für mich kein Problem, die 900 Höhenmeter mit teils 16 Prozent Steigung durch die Weinberge zu radeln. Für Achim, der nach wie vor sein eigener Motor ist, ist die Strecke anspruchsvoll. Mit fünf bis 50 kmh strampeln wir hoch bzw. sausen hinab. Um uns herum Weinberge, Äcker, von denen die Kürbisse abgeerntet sind, Buschenschanke, Bauernhöfe, in denen Kürbiskernöl, Kastanien, Honig, Sturm und Schilcher verkauft werden.
Gut, dass man die Reserven auffüllen kann.
Am Abend widmen wir uns dem Genussschilchern (eine Wortkreation des hiesigen Tourismusverbands). Wir radeln zum nächstgelegenen Buschenschank. Bald stehen die Brettljause und der Schilcher auf dem Tisch.
Zum krönenden Abschluss gibt es „Spagat-Krapfen“. 🤔
Wir sind noch knapp 90 Kilometer vor Venedig und es ist Biennale. Wir waren schon lange nicht mehr dort und während der Biennale noch nie. Jetzt freuen wir uns über die gute Gelegenheit.
Für unseren Bus haben wir einen Stellplatz in Punta Sabbioni, gegenüber vom Lido, ausfindig gemacht. Von hier aus können wir mit dem Vaporetto in die Stadt fahren.
Viele der internationalen Pavillons sind in den Giardini untergebracht, an denen wir mit dem Boot vorbeifahren.
Wir nähern uns dem Markusplatz und ich entdecke aufs Neue, wie schön es hier ist.
Zuerst wollen wir aber ein bisschen Kunst entdecken. Zur Biennale bitte rechtsrum.
Sie findet seit 1895 zweijährlich statt und ist damit die älteste Biennale und die älteste internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Der Hauptschauplatz sind die Giardini im Stadtteil Castello, wo sich 28 Länder in ihren nationalen Pavillons präsentieren.
Bis uns die Füße weh tun und wir auch nichts mehr aufnehmen können, laufen wir von Pavillon zu Pavillon.
Hier ein kleiner Ausschnitt:
Sapmi, das Land der Samen, ist offiziell kein anerkanntes Land bzw. Nation (was eigentlich Voraussetzung ist, um einen Pavillon bespielen zu dürfen). Diesmal haben die skandinavischen Länder (Schweden, Norwegen, Finnland) auf ihre Anwesenheit verzichtet und dafür ihren, leider immer noch unterdrückten Minderheiten, die Möglichkeit gegeben, der Welt ihre Kunst zu präsentieren.
Südkorea vermischt Mythos und Technik.
Österreich bietet ein surreales Highlight in 1970er-Jahre Ästhetik.
Und der deutsche Beitrag von Maria Eichhorn setzt sich mit der Entwicklung des deutschen Pavillons im Laufe seiner über 100jährigen Geschichte auseinander: Errichtet als Bayerischer Pavillon anno 1909, wurde er unter anderem in der Zeit des Nationalsozialismus signifikant umgebaut, um das Regime zu repräsentieren und wirkt heute als wuchtiger Klotz eher unangenehm. Die Künstlerin geht dieser Entwicklung wortwörtlich auf den Grund.
Am meisten überrascht hat mich der Pavillon der USA, in dem sich die KünstlerInnen mit der Kultur der people of colour auseinandersetzen.
Der russische Pavillon ist geschlossen. Nach Kriegsausbruch sagten die russischen KünstlerInnen ihre Teilnahme an der Biennale ab – und setzten damit ein Zeichen des Protests gegen die Regierung Putins, die sie hier in Venedig vertreten sollten.
Es ist mittlerweile fünf Uhr und wir wollen noch ein wenig die Stadt bei Tageslicht genießen. Also verabschieden wir uns von den Giardini, leider ohne alles gesehen zu haben und schlagen den umwegigsten mäandrierendsten Weg zum Markusplatz ein. Hier ein paar Impressionen:
Bald geht die Sonne unter, als wir mit dem Boot zurück zum Bus schippern ist es bereits dunkel. Bei Spaghetti carbonara und einer Flasche Rotwein nehmen wir uns vor, spätestens in zwei Jahren zur nächsten Biennale zurückzukommen.
Über unsere Radtour durchs Po-Delta hat Achim gestern geschrieben (und am Anfang einen kurzen Rückblick auf die letzten Tage gegeben).
Mein letzter Blog war überschrieben mit Wir haben die Marken erreicht und jetzt komme ich mit dem Po an? Der Fluß mündet doch südlich von Venedig in die Adria, also sind wir in Venetien. Was ist passiert? Nun, Eva war immer schneller am Schreiben (und ich ein bißchen faul). Hier komen nun die entsprechenden Links, […]
Der Tag heute fing nicht so gut an. Um halb acht werde ich wach. „Achim, wir haben den Sonnenaufgang verschlafen!“ Ich tapse nach vorn, um die Jalousien zu öffnen, und haue mir den Kopf an der Ablage über der Fahrerkabine an. Guten Morgen! Achim tröstet mich ein wenig und beschließt, dass auch 20 Minuten nach Sonnenaufgang noch gilt und fotografiert seinen persönlichen Sonnenaufgang.
Beim Frühstück ist alles wieder gut und wir freuen uns abermals an der tollen Aussicht.
Noch ein bisschen im Bus aufräumen, mal auskehren und dann weiter nach Ancona. Hier waren wir vor vielen Jahren bereits zweimal, haben aber die Altstadt immer rechts liegen lassen und sind mit den Moppeds direkt runter in den Hafen und auf die Fähre nach Izmir gerollt.
Heute schauen wir vom Dom oben auf den Hafen hinunter.
Ancona ist anstrengend zu besichtigen. Der Dom liegt auf der obersten Ebene, die Altstadt eine Etage tiefer und ganz unten der Hafen, die Uferpromenaden und der Stadtstrand. Einen zentralen Parkplatz, auf dem wir mit unserem etwas größeren Fahrzeug stehen können, gibt es nicht, so dass wir ein ziemliches Stück ins Centro storico laufen müssen.
Das tun wir aber bei angenehmen 21 Grad. Paläste, Gassen, Plätze, alles da, was eine Stadt verschönert.
Das für uns persönlich Allerschönste hatten wir allerdings gleich am Anfang unserer Besichtigungstour entdeckt. Wir waren vielleicht zehn Minuten gegangen, als wir ein Schild sehen, das uns auf einen Pfad zum Meer hinunter aufmerksam macht. Aller Wahrscheinlichkeit nach müssen wir ihn hinterher auch wieder hochlaufen, aber das nehmen wir in Kauf. Die Aussicht ist fantastisch und unten finden wir entlang des Wassers eine lange Reihe von Grotten, in denen die Einheimischen Strandmobiliar, Badeutensilien, ihre Sommerküchen und Boote deponiert haben. Ich male mir aus, was hier an lauen Sommerabenden oder am Wochenende los sein mag.
Für uns ist der Weg dann zu Ende. Ancona ruht auf Felsen und die Promenaden sind nicht durchgängig. Wir gehen denselben Weg zurück, wieder die 100 Stufen hoch und sind nass geschwitzt, als wir schließlich oben ankommen.
Um ins Podelta zu kommen, fahren wir die ersten hundert Kilometer auf der Autobahn. Schön, die Hinweisschilder auf Sehenswertes und Orte zu lesen, die wir kürzlich erst besucht haben: Grotte di Frasassi, Schlucht von Furla, Ferrara, San Marino, Comacchio.
Im Delta kommen wir gegen Abend an und lassen den Tag in Ruhe ausklingen. Schließlich war neben dem hier beschriebenen noch weiteres los.
Hinter den Kulissen:
* Neben unserem Parkplatz in Ancona gibt es einen Aufzug, der einen für 1 Euro zum Strand runterbringt. Fein, so was hat man nicht alle Tage. Machen wir. Äh, doch nicht. Tickets bezahlt, Aufzug aber gar nicht mehr in Betrieb.
* Fahrerin und Beifahrer kriegen sich beim Verlassen der Stadt fürchterlich in die Haare. Fast hätten beide das Auto verlassen und der Bus wäre allein auf der Kreuzung gestanden.
* Tücke der Technik: Automat an Mautstelle frisst Bankkarte. Operation mit Taschenmesser war erfolgreich.
Den allergrößten Genuss bietet uns die Natur. Die sibillinischen Berge geben einen Auftritt erster Güte: gerundet, gefältelt, geschichtet. Meist nackt, hier und da von Bäumen voll buntem Herbstlaub dekoriert. Den meisten Applaus bekommen sie dort, wo sie die Hochebene von Castelluccio säumen.
Mittendrin das Örtchen Castelluccio, ebenfalls sehr stark vom Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen. Am Sonntagvormittag tummeln sich hier Wanderer, Paraglider, Motorradfahrer und Ausflügler. Mehrere kleine Läden, die wie die Cafés als Ersatz für die zerstörten Gebäude errichtet wurden, bieten die Spezialität der Region an: Linsen, die auf der Hochebene angebaut werden. Wer will kann sich auch einen Teller Linsensuppe kaufen. Das ist für uns so kurz nach dem Frühstück noch zu früh. Wir haben gestern in Castelsantangelo eine Packung der Hülsenfrüchte gekauft und werden uns bald selbst eine Suppe damit kochen.
Genussvoll geht der Tag weiter. Ascoli Piceno liegt etwa 50 Kilometer östlich und jetzt haben wir auch Appetit. Hier gibt es ebenfalls eine Spezialität: Olive all’Ascolane, gefüllte und frittierte Oliven, die hier an jeder Ecke auf den Teller oder in die Tüte kommen.
Eine Institution ist das Caffè Meletti mit seinem Jugendstilinterieur. Zum Kaffee werden hier mit hausgemachtem Anislikör gewürzte Schokoladenbonbons gereicht.
Aber selbstverständlich sind wir nicht (nur) zum Schlemmen nach Ascoli Piceno gekommen. Wir genießen auch den Bummel über die Piazza del Popolo, die (mal wieder?) als einer der schönsten Plätze Italiens gilt. Weitläufig, mit Arkaden rechts und links, vielerlei eindrucksvollen Gebäuden und vor allem einem Bodenbelag aus dem heutzutage eher exklusiven Kalkstein Travertin. Sehr stimmungsvoll.
Nach der Genusstour durch die Berge erreichen wir am frühen Abend das Meer südlich von Ancona. Und schwelgen zum Abschluss dieses Tages in der herrlichen Aussicht aufs Meer.
„Macht heute Nacht ein Fenster auf, dann hört Ihr sie“, empfahl uns der Wirt vom Dal Navigatore gestern Abend. „Und wenn Ihr auf den Monte Pagliano geht, habt Ihr auch gute Chancen.“ Hier im Nationalpark Monte Sibillini gibt es nämlich Hirsche und die haben jetzt Brunftzeit.
Heute Nacht habe ich nur Achim gehört und während unserer Wanderung habe ich die ganze Zeit die Ohren gespitzt, leider keine röhrenden Hirsche gehört.
Aber dann, unmittelbar unter dem Gipfel, spitzt auf einmal ein Hirschgesicht über die Kante. Er schaut, wir schauen, dann ist er wieder weg. Leider kein Foto.
Dafür gibt es welche vom Aufstieg und von oben.
Super! Zwei davon haben mir die vierstündige Wanderung erleichtert. Hier geht’s hin: auf den Monte Pagliano. Immerhin 600 Höhenmeter. Nicht so steil wie gestern Beste Aussicht
Den Adler haben wir ganz zu Anfang der Tour gesehen. Er beäugte uns, wir schauten ihm durchs Fernglas zu und freuten uns sehr. Wir haben sehr, sehr lange keinen Adler mehr gesehen. Er war so hoch oben, dass es von ihm leider auch kein Foto gibt.
Ganz aus der Nähe lassen sich leider immer noch die Spuren des schweren Erdbebens von 2016 erkennen. Die Dörfer hier in der Gegend waren am meisten betroffen und immer wieder stößt man auf zerstörte und verlassene Häuser und ganze Dörfer.
Als wir heute Morgen in Castelsantangelo, wo wir übernachten, einkaufen gingen, kamen wir an den Siedlungen vorbei, die als Ersatz für die zerstörten Häuser gebaut wurden. Auf der Fahrt hierher waren uns ähnliche Bauten auch schon aufgefallen.
Die Menschen wohnen jetzt direkt unterhalb ihrer ruinierten Heimat.
Auch der Wirt, bei dem wir gestern Abend waren (und gleich wieder, heute ist Pizzaabend. Und der leckere Wein kostet immer noch 4 Euro. Der Liter), hat sein Lokal im alten Dorf verloren und vor ein paar Jahren ein neues aus Holz gebaut. Gleich neben unserem Stellplatz. Er gab uns noch einen Tipp, den wir auch gleich befolgt haben: die leckere Wurst, die er uns zum ersten Glas Wein probieren ließ, gibt es beim Metzger um die Ecke. Sie heißt Ciauscolo, ist eine streichfähige Mettwurst, die mit dem süß-herben Dessertwein vin cotto, Knoblauch, Salz und Pfeffer gewürzt ist. Wir haben gleich mal zwei davon gekauft. Man braucht ja etwas Vorrat.
„Lass uns doch mal zusammen in die Bärenhöhle fahren.“ Ich stimmte freudig zu. Nicht, weil ich unbedingt in diese Tropfsteinhöhle in der Schwäbischen Alp will sondern wegen der Aussicht auf eine weitere Verabredung mit diesem interessanten Mann, den ich vor gerade mal einer Stunde kennengelernt habe. 39 Jahre ist das jetzt her, in der Bärenhöhle waren wir noch nie, aber beim heutigen Besuch der Tropfsteinhöhle Grotte di Frasassi fiel uns die Geschichte wieder ein.
Die Grotte ist eine der größten Europas und wurde vor 50 Jahren von jungen Höhlenforschern aus Ancona entdeckt.
Wir können sie heute sehr bequem durch einen langen in den Berg gesprengten Tunnel betreten und sind erstmal baff aufgrund der Dimensionen dieser Höhle. Die Grotten sind unglaublich riesig, eine Führung dauert etwa 75 Minuten.
Manche Stalagmiten sind riesig wie dieser „Obelisk“. Manche sind zart und wirken durchscheinend. Es ist eine verzauberte Welt, die die Natur uns hier unter der Erde präsentiert.
Auch der Mensch kann manchmal zauberhafte Dinge schaffen, etwa dieses achteckige Kirchlein in einen Felsen unweit der Höhle. Ein steiler Weg führt entlang eines Kreuzweges hinauf.
Hinter der Kirche erstreckt sich wieder eine Höhle, in die man aber nur ein paar Meter hineingehen kann.
Nach den Stunden im Fels zieht es uns am Nachmittag nach oben auf den Fels. Über die römische Brücke im nahegelegenen Dorf San Vittore wandern wir auf den Monte Frasassi.
Ich muss ein bisschen jammern, ein wenig stöhnen. Ist der Weg so steil und/oder bin ich so schlecht in Form?
Aber nach knapp zwei Stunden ist auch das geschafft und wie immer wird man mit Aussicht und Brotzeit belohnt.
Der Abstieg ist rasch erledigt. Am Bus angekommen gibt es noch einen Kaffee und ein Stück Apfelkuchen (vorgestern Abend im Bus gebacken) .
60 Kilometer weiter südlich erreichen wir am frühen Abend den Nationalpark Monte Sibellini. Vor sechs Jahren gab es hier ein schlimmes Erdbeben, bei dem viele Häuser zerstört wurden.
In Castelsantangelo sul Nera, mitten im Park, wird ein Stellplatz angeboten. Hier wollen wir zwei Nächte verbringen und morgen ein wenig die Gegend zu Fuß erkunden. Den Abend lassen wir im benachbarten Restaurant Dal navigante ausklingen. Der Wirt lädt uns zu im Ort gefertigter Ciauscolo, eine Art Streichwurst, ein. Die Pasta und das Lamm sind lecker und der Hauswein aus den Marken kostet ganze 4 Euro. Der Liter.
Ob heute Einschreibung ist? Die Hauptstraße in Urbino quillt nahezu über von Studentinnen und Studenten. Zu den 15 000 EinwohnerInnen kommen hier 20 000 Studierende hinzu. Plus Tausende von Touristen in der Hauptsaison.
Die Renaissancestadt Urbino ist ein beliebtes Ziel in den Marken. Der Dom, die Piazza, hübsche Einkaufsstraßen und natürlich der Fürstenpalast, der zugleich die Nationalgalerie der Marken beherbergt.
Der Dom in UrbinoDer Palazzo Ducale
Wir lösen zwei Eintrittskarten und gewinnen interessante Einblicke
Ausblicke und
Überblicke.
Nach Café und Panini lockt uns wieder die Natur, konkret die Schlucht von Furla. Hier hat sich der Fluss Candigliano seinen Weg durch teils 1000 m hohe Felsen gefräst.
Kaiser Vespinian hat vor über 2000 Jahren mitgemacht oder wohl eher mitmachen lassen und an einer Stelle einen Tunnel hindurchgetrieben, der heute noch befahren bzw. begangen wird. wird.
Leider lässt man hier die Bäume in den Himmel wachsen, so dass es kaum einen Spot gibt, von dem aus man die eindrucksvolle Schlucht gut sehen kann. Schade. Der Spaziergang entlang des Flusses, für den extra ein Fußweg angelegt wurde (im Tunnel sogar mit Beleuchtung), wäre soviel eindrucksvoller.
Die Höhle Grotta di Frasassi, etwa 60 km weiter südlich, ist unser Tagesziel. Wir installieren uns auf dem von der Gemeinde angegebotenen Stellplatz gleich beim Ticketschalter. Von hier aus können wir morgen Früh mit dem angebotenen Shuttle-Bus zur Höhle fahren und sie besichtigen. Der riesige Parkplatz ist so gut wie leer. Nachsaison eben.
Unser erstes Etappenziel heute ist 18 Kilometer von San Marino entfernt und damit sind wir nun wirklich in den Marken angekommen.
Achim hatte das Bergdorf Monte Grimano gestern auf der Karte ausfindig gemacht. Sein ausgefallener Umriss war ihm aufgefallen.
Das historische Zentrum hat eine typisch mittelalterliche Spiralform, auf dem alten Platz steht die PfarrkircheSan Silvestro aus dem 18. Jahrhundert und ein Stadtturm als Überrest der alten Burg aus dem 15. Jahrhundert.
Dessen Tor steht offen und wir klettern nach oben. An den Wänden hängen Fotografien vom Dorf.
Wir schlendern durch die Gassen, treffen Ignazio, der gerade die Piazza mit Musik aus seinem Telefon beschallt und ein Foto von uns machen möchte.
Zum Abschluss gönnen wir uns vor dem einzigen Café einen Kaffee.
Auch die nächste Etappe ist nicht weit, auch so um die 15 Kilometer. Auf schmalen Sträßchen geht es hinauf und hinab durch Kehren und Kurven und ja, genauso hatten wir uns die Marken vorgestellt.
Bald erreichen wir den Weiler Pietrarubbia. Hier hat der italienische Bildhauer Arnaldo Pomodoro seine Spuren hinterlassen.
Obelisk für Cleopatra mit Wagen von Arnaldo Pomodoro
Er gründete in dem vom Verfall bedrohten Dorf eine Schule für junge KünstlerInnen, die hier mit den verschiedensten Metallen experimentieren konnten und schuf binnen weniger Jahre ein Mekka für zeitgenössische Kunst.
Oberhalb des Ortes liegt Pietrarubbia Castello. Hier gibt es den Palazzo Gentilizio, in dem das Museum für zeitgenössische Kunst mit Werken von Pomodoro und seinen SchülerInnen untergebracht ist.
Es ist an einem Mittwochmittag außerhalb der Saison leider geschlossen, aber wir haben das Glück, auf Raffaele zu stoßen, der uns bereitwillig alles zeigt.
Zuerst das Kirchlein San Silvestro, in dem Pomodoros Bronzesonne über dem marmornen Altar strahlt.
Dann das eigentliche Museum, das leider nur noch einige Werke des Künstlers beherbergt.
Raffaele de Feo betreibt gleich nebenan die L’Osteria dell’Arte, in der er und seine Freunde zum Essen Musik, Lesungen oder Ausstellungen servieren. Heute ist leider zu, aber immerhin gibt es einen Espresso.
Zum Mittagessen steuern wir den Dito del Diavolo, den Teufelsfinger, an.
Nach den Spiegeleiern machen wir einen Spaziergang zum monumentalen Felssporn namens Pietrafrangana, aus dem der im Volksmund „Teufelsfinger“ genannte Felsenfinger herausragt.
Der von mir ausgeguckte Stellplatz ist nur acht Kilometer entfernt. Wenn wir jetzt dorthin fahren, können wir noch gemütlich Kaffee trinken und den Rest des Tages genießen. Er soll eine schöne Aussicht bieten. Wunderbar. Hm. In Wirklichkeit gefällt es uns dort gar nicht, auch der nächste Platz ist nichts, aber bekanntlich sind aller guten Dinge drei oder so ähnlich.
Irgendwie haben wir bisher immer einen Bogen um diesen winzigen Stadtstaat in der Nähe von Rimini gemacht. Dieses Mal wollen wir ihm einen Besuch abstatten. Von Comacchio in die Marken kommt man hier unweigerlich vorbei. Schade, dass ich meinen Reisepass nicht dabei habe – in der Touristeninfo könnte man sich einen Stempel holen. Für 5 Euro ein nettes Souvenir.
Wir parken auf dem kostenlosen Stellplatz unterhalb der Seilbahn, die uns in wenigen Minuten zur Altstadt hinauf bringt. Hoch oben auf dem Kamm des 765 Meter hohen Monte Titano thront das Wahrzeichen San Marinos, die Burg Rocca Gualta aus dem 11. Jahrhundert.
Drumherum Gassen mit Souvenir-, Parfum und Waffengeschäften, Hamburger-, und Pizzaläden, ein paar Cafés und Trattorien.
Achim bringt mich auf die Idee, mal wegen Parfum zu gucken und ich erwische glatt ein Schnäppchen: mein geliebtes Roma von Laura Biagiotti für die Hälfte. Das lohnt sich.
Ob es das ausgeprägte kommerzielle Treiben ist oder die Tatsache, dass hier in der Altstadt kaum noch jemand wohnt, jedenfalls wirkt das UNESCO-Weltkulturerbe seltsam steril. Eher wie eine Filmkulisse.
Basilika di San Marino
Bleibt noch die Frage, wieso es hier in Italien diese Zwergrepublik, die immerhin vollwertiges Mitglied der Vereinten Nationen ist, überhaupt gibt.
Die Geschichte San Marinos geht auf das Jahr 301 zurück. Der Legende nach soll der Heilige Marinus (San Marino) vor den Christenverfolgungen auf den Berg Titano geflüchtet sein und dort mit Glaubensbrüdern und -schwestern eine erste christliche Gemeinschaft gegründet haben. Eine zum Christentum konvertierte Römerin schenkte Marinus den Berg, und nach dessen Tod im Jahr 366 gründeten seine Anhänger dort die Republik San Marino. Im Laufe der Jahrhunderte erweiterten die San-Marinesen ihr Territorium friedlich durch Landerwerb und verteidigten dank geschickter Diplomatie und der Unterstützung eines gut ausgebildeten Heeres erfolgreich ihre Souveränität.
Der Palazzo Publico auf der Piazza della Libertà
So blickt die Republik auf eine 1700jährige Geschichte zurück und gilt damit als die älteste der Welt.
Nach dem Stadtbummel machen wir es uns im Bus gemütlich und planen unsere Fahrt durch die Marken, an deren Grenze wir uns jetzt befinden.