685 Stufen rauf und 685 Stufen runter, macht 1370 Stufen. Gleich nach dem Frühstück. Uff. Doppel Uff für den tapferen Achim.
Wir erklimmen die Freitreppe zur 605 Meter hoch gelegenen Wallfahrtskirche Santuario de Nossa Senhora dos Remédios im kleinen Städtchen Lamego.
Der prächtige Bau wurde bereits im 18. Jahrhundert begonnen, doch erst 1905 fertiggestellt. Die vielen Stufen sind in 14 Terrassen unterteilt, jede geschmückt mit einem Bild aus Kacheln mit biblischen Motiven.
Wir haben den Bus unten im Ort auf dem großen Parkplatz vor der Mehrzweckhalle abgestellt. Hier wie auch auf einem der Balkone um die Ecke wird Solidarität mit der Ukraine gezeigt.
Die Straße Richtung Westen ist dieselbe wie am Vortag, die N222. Entlang des Douro fahren wir aber nicht wie gestern auf der Achterbahn sondern in Schlangenlinien Richtung Meer. Eine Kurve nach der anderen.
Mittags probieren wir die Spezialitäten, die wir in Lamego gekauft haben: Bolo di Lamego, eine Art Pasteten, mit Bacalhau (Stockfisch) bzw. Schinken gefüllt und zum Nachtisch Pasteis de Nata, die leckeren portugiesischen Blätterteigtörtchen.
Die steilen Hänge auf beiden Seiten des Douro sind nahezu durchgängig mit kleinen Häusern bebaut, vielfach stehen sie einzeln zwischen hohen Nadelbäumen, in den Gärten leuchtet es Orange und Gelb, die Orangen, Mandarinen und Zitronen sind reif. Nun sind wir wirklich im Süden angekommen.
Magnolien, Mimosen und Hibiskus blühen und geben ein buntes Bild ab. Der Weinanbau ist hier nicht mehr so vertreten. Hierfür reichen entweder die Sonneneinstrahlung oder der Platz nicht.
Je näher der Fluss dem Meer kommt, um so breiter wird er – als ob er sich nochmal in seiner ganzen Pracht präsentieren wolle, ehe er sich mit dem Meer vereint. Jetzt sieht man auch immer öfter kleine Häfen. Einmal erspäht Achim sogar ein großes Passagierschiff auf dem Wasser.
Bis nach sechs brauchen wir, bis wir am Ziel ankommen. Ein kleiner Campingplatz, neun Kilometer südlich von Porto. Am Atlantik. Von hier aus können wir am Meer entlang morgen nach Porto radeln (bei trockenem Wetter) oder mit dem Bus fahren (bei Regen). Als erstes aber werden wir die Stelle suchen, an der der Douro in den Atlantik mündet, und uns von unserem Wegbegleiter während der letzten beiden Wochen gebührend verabschieden.
Grau und kalt und nass ist es am Morgen auf dem Campingplatz von Miranda do Douro. Und das ersehnte Päckchen mit dem bestellten Adapter ist ja auch nicht angekommen. Eine eMail von Amazon hilft uns aber, eine Entscheidung zu treffen. Sollen wir noch 3 Tage auf das Päckchen warten? Wir packen zusammen, tanken noch Frischwasser […]
In der Früh tröpfelt es auf den Bus und ich drehe mich im Bett nochmal um. Wir haben es nicht eilig, denn wir müssen auf das Päckchen von Amazon mit unserem Gasflaschenadapter warten.
Derweil erkunden wir die Gegend, stoßen auf ein Aquädukt aus dem 16. Jahrhundert, verfallene Häuser, blühende Bäume und eine komplette Geocache-Strecke. Sie führt entlang des GR 36, einem portugiesischen Weitwanderweg.
Aquädukt aus dem 16. JahrhundertBeim Spazierengehen unweit des CampingplatzesGeocache gefunden
Eigentlich haben wir Lust auf einen etwas längeren Spaziergang mit weiteren Geocaches, doch wir werden jäh von einer Horde böse kläffender, frei herumlaufender Hütehunde gestoppt. Weit und breit ist kein Hundebesitzer zu sehen oder zu hören und wir trauen uns nicht weiterzugehen.
Es waren bestimmt fünf oder sechs böse Kläffer, die uns den Weg versperrten.
Wir gehen zurück in den Ort. Achim hat ja noch ein Versprechen einzulösen.
Vor der Touristeninfo in Miranda do Douro
Nämlich zur Touristeninfo gehen. Zu klären ist erstens, was es mit der Kopfbedeckung der Figur auf sich hat, die Achim auf dem Hauptplatz fotografiert hat. Und zweitens, warum die Orgel in der Kathedrale mit einer Fratze verziert ist.
Da wir noch weniger Portugiesisch als Spanisch können, sehe ich dem Ausgang dieser Recherche skeptisch entgegen. Doch der junge Mann in der Info versteht unser auf Englisch vorgetragenes Anliegen sofort und wir erfahren, dass es sich um eine typisch mirandesische Kopfbeckung, die Capa de Honra handelt, von Hand gefertigt aus Schafwolle. Ihren Ursprung haben diese Kappen im 9. oder 10. Jahrhundert. Auch heute noch werden sie zu besonderen Anlässen getragen.
Der Mann trägt die typische mirandesische Kopfbeckung „Capa de Honra“
Die Fratze auf der Orgel soll gemeinsam mit der Macht des kraftvollen Orgelklanges Böses abwehren, erfahren wir zu unserer zweiten Frage.
Orgelmusik und Fratze dienen der Abwehr böser Kräfte.
Die Touristeninfo liegt interessanterweise nicht im historischen Zentrum sondern im modernen Teil der Stadt. Fast alle Geschäftsleute hier haben Ausdrucke der ukrainischen Flagge als Zeichen ihrer Solidarität in die Schaufenster geklebt.
Solidarität mit der Ukraine in fast jedem Schaufenster
Wir wollen jetzt mehr erfahren über die mirandesische Kultur. Das Museum hat auf, doch leider sind alle Erklärungen auf Portugiesisch und Mirandés.
Das Heimatmuseum zeigt das Leben in früheren Zeiten, über die mirandesische Kultur lernen wir leider trotzdem nichts.
Hier können wir nichts über die mirandesische Kultur in Erfahrung bringen. Im Internet erfahren wir später zumindest, dass das Mirandés zu den romanischen Sprachen gehört, im Nordosten Portugals noch von rund 15 000 Menschen gesprochen und seit einiger Zeit hier auch wieder an den Schulen gelehrt wird. Die Sprache, kein Dialekt, gibt es seit Mitte des 12. Jahrhunderts. Das portugiesische Parlament genehmigte 1998 den Gebrauch des Mirandés in den örtlichen Verwaltungen. Und: Drei Bände von Asterix sind auf Mirandés erschienen.
Hier lassen sich die feinen Unterschiede der beiden Sprachen studieren.
Amazon hat übrigens noch nicht geliefert. Wir haben inzwischen aber eine Nachricht bekommen, dass unser Päckchen bis 20 Uhr geliefert wird. Somit ist klar, wir bleiben noch eine Nacht hier.
Auf der Herfahrt gestern hatten wir entdeckt, dass fünf Minuten vom Campingplatz entfernt das städtische Schwimmbad liegt. Ich packe mein Badezeug und bald schon heißt es: Sechs Bahnen, drei Bademeister und ich. Wunderbar. Fast wäre das Projekt gescheitert, denn kaum habe ich das leere Schwimmbad betreten, klopft einer der drei Bademeister von innen gegen die Scheibe des Bademeisterkabuffs und deutet auf seinen Kopf: Badehaube!? Achselzucken, Kopfschütteln: Hab ich nicht. Erhobener Zeigefinger: Moment! Und schon steht er vor mir und drückt mir eine knallorangene Badekappe in die Hand. Obrigada, danke!
Die Autos müssen den MitarbeiterInnen gehören. Ich war die einzige Schwimmerin.
Die Badekappe ist übrigens nicht das einzige Geschenk auf dieser Reise. Als wir vorgestern an einer spanischen Tankstelle die Gasflasche für den Bus samt Inhalt kaufen wollten, sagte uns der Tankwart, er könne uns keine Leihflasche geben (die man dann normalerweise an irgendeiner Tankstelle der gleichen Kette zurückgibt). Aber er wollte uns unbedingt weiterhelfen, so dass er sich entschied, dass wir zwar für den Inhalt, aber nicht für die Flasche selbst zahlen mussten. „The bottle? That’s a memory from Spain for you“, sagte er, als er das 11 Kilo- Teil vor unserem Bus absetzte.
Apropos Gas. Da war doch noch was. Amazon ist heute Abend nicht wie angekündigt aufgetaucht. Wir kürzen jetzt unsere Fahrt durch den (kalten) Norden Portugals etwas ab, fahren morgen weiter den Douro entlang Richtung Porto und Nazaré und wenden uns dann wärmeren und touristischeren spanischen Gegenden zu. Entweder wir können dort dann einen Adapter kaufen oder unser Gas hält eh, weil wir nicht mehr jede Nacht heizen müssen.
Es sind nur 60 Kilometer. Die Landschaft ändert sich langsam, die Plätze in den Dörfern nicht. Kurz vor der portugiesischen Grenze. Kleine Weinfelder, Platanen vor Rathaus Doch dann ist es soweit. Sehr kurvig führt die Straße zum Rio Duero runter, wir überqueren ihn über die Staumauer eines Elektrizitätswerks und dann rollen wir am schon länger […]