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Zum Euphrat

Schon vor dem Frühstück nutzen wir eine Regenlücke und machen uns auf in die Șuğul-Schlucht. Bald ist es mit dem schön angelegten Spazierweg vorbei und ein Naturweg bietet uns einen Mix aus Wandern, Balancieren und Kraxeln an. Das sind wir ja schon gewöhnt und bei den heiklen Stellen hilft Liebstachim mir.

An unserem Wendepunkt tropft es oben kräftig von den Felsen, so dass wir den Unterschied zum bald einsetzenden Regen fast nicht merken. Wir treffen zwei junge Männer aus Gaziantep, Brüder auf Wochenendtour. Sie erzählen begeistert, dass sie hier nicht nur Mauersegler, wie wir gestern Abend, sondern auch schon Adler und Geier gesehen haben.

Wir frühstücken, kaufen im nächsten Ort ein, werden dort im Laden zum Plausch und zum Kaffee eingeladen, holen Geld und wenden uns wieder dem Taurus-Gebirge zu. Heute fahren wir über kleinere Straßen als gestern. Auf gutem Teer fuhren sie uns, immer etwa auf 1700 Metern, schwungvoll durchs weite wilde Bergland.

Die erste Ortschaft nach etwa 80 Kilometern ist Kangal. Kangal? Kangal? Das sagt uns doch was? Als wir vor ein paar Jahren in Namibia waren, haben wir den Cheetah Conservation Fund, eine Art Waisenhaus für Geparde besucht. Die Mütter dieser Tiere waren zumeist von Farmern erschossen worden, weil sie ihre Nutztiere gerissen haben. „Es ist verständlich, dass die Bauern ihr Hab und Gut schützen wollen. Wenn es um eine bedrohte Art geht, ist es aber problematisch“, schrieb ich damals im Blog.

Und so kam die Gepardstiftung auf den türkischen Hütehund, den Kangal. Er wird hier trainiert, sich zwischen den angreifenden Gepard und die Ziegenherde zu stellen und sie so zu schützen. Farmer können sich einen solchen bereits trainierten Hund kaufen, um künftig keine Geparden mehr schießen zu müssen.

Hier in Kangal wurde dem Kangal ein Denkmal gesetzt, denn das Tier gilt als wertvolles Kulturgut. Die Region gilt seit dem 12. Jahrhundert als Hauptverbreitungsgebiet dieser Herdenschutzhunde, die hier gezielt zur Verteidigung von Schafherden gegen Raubtiere gezüchtet wurden. 

Es ist so schön, wenn man morgens losfahren kann, ohne zu wissen, wer oder was einem im Laufe des Tages begegnet. Sicher scheint nur zu sein, dass stets kleine oder große Entdeckungen auf uns warten.

Die nächste finden wir in weiteren 70 Kilometern: die Ulu-Moschee in Divriği ist Weltkulturerbe. Ein sehr beeindruckendes Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert.

Von außen ist sie sehr schön, von innen sensationell. Nur warmer Sandstein umgibt uns, von Architekten virtuos zusammengesetzt, von Steinmetzen meisterlich bearbeitet.

Auch die Akustik ist sehr besonders. Leise Stimmen werden verstärkt, ich singe ein paar Töne, die sogleich den gesamten Raum erfüllen.

Draußen erklärt uns ein Wärter, dass dies NICHT die Moschee sei, sondern das von der Ehefrau des Erbauers eingerichtete Krankenhaus. Ob wir die besondere Akustik wahrgenommen hätten. Hier hätte man damals bereits versucht, die Kranken mit Vogelgezwitscher, Wasserrauschen und Musik zu heilen.

Nun also zum linken Eingang, der Moschee. Auch sie betreten wir durch ein prächtiges Eingangstor. Der hilfreiche Wärter zeigt uns, dass man in der rechten Hälfte den Schattenwurf eines lesenden Menschen erkennen kann.

Innen ist auch sie sehr schön, aber mein Herz weilt noch im Krankenhaus, dem schönsten.

Noch 90 Bergkilometer sind es bis Kemaliye, dem Ort am Euphrat, zu dem wir heute noch wollen.

Wir blicken weit ins Gebirge hinein, die Berge präsentieren sich in den verschiedenen Schichten, Formen und Farben, nach jeder zweiten Kurve brechen wir in „Ahs“ und „Ohs“ aus. 

Plötzlich ist der Fluss unter uns. Es ist das erste Mal auf dieser Reise, dass wir den Euphrat sehen.

Das Auto klettert nochmal hoch auf 2000 Meter, dann geht es zügig bergab. Es ist schon dunkel, als wir die Busse oberhalb des Euphrat abstellen. Und wir wissen jetzt schon: Morgen wartet ein weiterer Höhepunkt auf uns: der schwarze Canyon.